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Rubrik denken

Liebe, Souveränität, Handeln

Von Antje Schrupp

Herz und Mund: Deko im Workshopraum "Liebesgeschichten". Foto: Antje Schrupp

Herz und Mund: Deko im Workshopraum „Liebesgeschichten“. Foto: Antje Schrupp

Die Gespräche in dem von mir bei der Denkumenta-Konferenz im Sommer angebotenen Workshop „Liebesgeschichten“ drehten sich um ähnliche Prozesse, wie ich sie bereits kürzlich in einem Beitrag geschildert habe.

Ausgehend von der literarischen Erzählung einer „Liebes-Obsession“, die Katrin Heinau vorgestellt hatte, diskutierten wir über die Frage, wie leidenschaftliches Lieben mit gesellschaftlichen Konventionen zusammen passt, und wie mit einem Begehren umzugehen ist, das zu verfolgen uns selbst möglicherweise schadet (im klassischen Plot: Das Nicht-Loskommen der Frau von einem „bösen“ Mann).

Ich nenne das schon länger das „Beauvoir-Phänomen“. Mir ist nämlich aufgefallen, dass es heute fast schon einen Zwang für „emanzipierte“ Frauen gibt, sofern sie heterosexuell orientiert sind, sich einen Mann als Liebespartner zu wählen, der quasi emanzipativ vorzeigbar ist. In Hollywood-Erzählungen ist zum Beispiel klar, dass eine Frau ihren Mann verlassen muss, wenn der mal mit einer anderen im Bett war.

Aber warum eigentlich? Geht es bei weiblicher Souveränität nicht gerade darum, sich zwischen verschiedenen Optionen zu entscheiden und bei Bedarf auch einen Preis dafür zu zahlen? Welcher andere Mann hätte denn Beauvoirs Hunger nach philosophischen Diskussionen ebenso gut befriedigen können wie Sartre – und war es das nicht vielleicht den Preis wert, seine anderen Fehler, darunter seine Frauengeschichten und seine Arroganz, hinzunehmen?

Ist, allgemein gesprochen, das eigene Begehren nicht ein besserer Indikator für das, was liebenswert ist, als die gesellschaftlichen Konventionen? (und natürlich muss das Objekt des obsessiven Liebens keineswegs ein Mann sein, es kann sich auch um eine Frau, ein Projekt, eine Idee etc. handeln).

Als Zwischenergebnis hatte ich während des Liebesgeschichten-Workshops notiert: „Nicht das Begehren verlassen, sondern den Weg, der sich als ungangbar erwiesen hat.“

Denn natürlich ist es wichtig, realistisch zu bleiben und sich nicht in Phantasien hineinzusteigern, was grade im Stadium der Verliebtheit leicht geschieht. Wichtig ist aber auch: Wenn ich eine Entscheidung getroffen habe, dann sollte ich hinterher nicht über den Preis jammern.

Das „Jammern“ über angeblich nicht vorhandene Handlungsspielräume als verbreitetes politisches Phänomen war dabei nicht nur in den Workshops, sondern auch in mehreren Pausen-Tischgesprächen, bei denen ich dabei war, Thema. Jammern und Fordern – so als ob wir erst dann handlungsfähig werden könnten, wenn die Verhältnisse sich geändert haben. Dabei ist es doch genau anders herum: Wenn nicht durch unser Handeln, wieso sonst sollten sich denn die Verhältnisse in unserem Sinn ändern?

Autorin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 22.11.2013
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Sabrina Bowitz sagt:

    Liebe Antje, das empfinde ich als sehr wichtig, sich selbst zu fragen, ob der Weg, der gerade eingeschlagen wurde oder schon länger, der richtige für mich selbst ist. „Wenn nicht durch unser Handeln, wieso sonst sollten sich denn die Verhältnisse in unserem Sinn ändern?“
    Ich bemerke bei mir selbst und anderen auch oft die Tendenz über schwierige Situationen zu jammern, aber keinen Ausweg zu suchen- dabei gibt es den oft, sogar einige und wenn keine Kraft da ist den selbst zu suchen, helfen oft auch andere.
    Wenn Menschen den Preis nicht mehr zahlen wollen,
    dann ist es wichtig zu sagen: Nein.
    Es ist auch wichtig sich bewusst zu machen,
    dass eingeschlagene Wege nicht zu Ende gegangen werden
    müssen. „Wer A sagt muss nicht B sagen. Sie oder er kann auch erkennen, dass A falsch war“.
    Ich vermute, dass ganz viele Frauen erst einmal erkennen müssen, dass ihre Lebensqualität im Vordergrund ihrer Entscheidungen stehen sollte und nicht die der Freunde oder PartnerInnen oder Kinder und auch nicht die der ArbeitgeberInnen. Sondern zuerst:meine. Denn dann ist es einem erst möglich auch gegenüber anderen nachgiebig zu sein und wirklich mit dem Herzen dabei zu sein, wenn andere sich freuen. So paradox das klingen mag: Diese Sorge für sich selbst an erster Stelle stehen zu haben ist auch die Grundlage dafür, dass Leistungsfähigkeit und Durchhaltevermögen in der Arbeit/im Beruf überhaupt da
    sein können.
    Ich bemerke bei ganz vielen Frauen, dass sich viele im Engagement völlig aufopfern, obwohl sie selbst Hilfe
    brauchen und selbst auch ihre Baustellen haben. Es ist wie im Flugzeug: erst müssen sich dort die Eltern um ihre Luftmaske kümmern, bevor die Kinder gerettet werden können.
    Genauso ist es auch bei der Arbeit oder im Freundeskreis
    oder in einer Familie. Zuerst muss es uns gut gehen, dann
    können wir auch helfen, wenn es nötig ist.
    Bei Männern habe ich eher beobachtet, dass sie nur dann
    helfen, wenn sie auch die Energie dafür haben und das erscheint erst einmal ungewohnt, aber es ist in dem Sinne lebensnotwendig. Trotzdem gibt es dann natürlich auch viele Probleme, wie der Druck in der Arbeit und weiteres. Doch bei den ganzen Problemen hilft immer, sich um sich selbst zu kümmern.
    Die Souveränität und das Handeln in der Liebe, im Beruf, in Freundeskreisen, nicht zu verlieren und die Situation so ändern zu können, dass sie gut tut, ist für mich das Kernstück in einem Leben, das dann lebenswert ist. Es ist für mich immer wichtig, dass ich weiß: Ich geh hier meinen Weg. Es ist nicht der einfachste und nicht der unbeschwerlichste, aber ich bin so zufrieden mit mir.
    Ein bisschen wie Hannah Arendt es meint, wenn sie von
    Platons stillem Dialog mit sich selbst gesprochen hat (hier in Fragen der „Moral“, aber ich meine das allumfassend, bei allen Entscheidungen, die wir so treffen). Sich zu fragen, ob es gut wäre, mit so einem Menschen zusammenzuleben, wenn wir uns so entscheiden. Ob wir also, wenn wir uns für eine Sache entscheiden, uns dann noch mögen können.

  • Sabrina Bowitz sagt:

    Ist doch etwas lang geworden, tschuldigung:). Ich bin so ins Schreiben gekommen:)

  • Ute Plass sagt:

    „Das „Jammern“ über angeblich nicht vorhandene Handlungsspielräume als verbreitetes politisches Phänomen war dabei nicht nur in den Workshops, sondern auch in mehreren Pausen-Tischgesprächen, bei denen ich dabei war, Thema. Jammern und Fordern – so als ob wir erst dann handlungsfähig werden könnten, wenn die Verhältnisse sich geändert haben. Dabei ist es doch genau anders herum: Wenn nicht durch unser Handeln, wieso sonst sollten sich denn die Verhältnisse in unserem Sinn ändern?“
    Ganz schön verzwickt, wie ich finde, ist oft die Lage derjenigen, die für Kinder und pflegebedürftige Angehörige Sorge tragen und gleichzeitig die Existenz mit einem Erwerbsjob absichern müssen. Diese Menschen bewegen sich im berühmten Hamsterrad und entschuldigen sich auch damit, dass ihnen zu anderem Tun die Zeit und Kraft fehlt. Das Verrückte dabei ist ja, dass nicht wenige die Zustände unter denen sie leiden, selber weiter mit verfestigen, u.a. durch die Anspruchshaltung, die mannfrau meint
    individuell und gesellschaftlich erfüllen zu müssen. Da wollen z.B. Eltern verständlicherweise ihren Kindern eine schöne wie behütete, von materieller Not freie Kindheit schaffen und übersehen, dass die ökonomischen Strukturen und Machtverhältnisse uns alle mehr oder weniger zu deren Erfüllungsgehilf_innen macht, was auch bedeutet, dass bereits Kinder schon sehr früh in ein System der Konkurrenz und Profitlogik eingebunden werden. Wenn wir diesen Teufelskreis aufbrechen wollen, dann geht das nicht mit
    Gleichstellungspolitik, die zur Gleichschaltung ans Vorhandene stagniert ist. Eingedenk des Slogans der Frauenbewegung in den 1970ern: „Wir wollen nicht die Hälfte vom Kuchen, wir wollen einen anderen Kuchen“, ist es höchste Zeit, dass Frauen und Männer diesen ‚anderen Kuchen‘ gemeinsam backen und der könnte „Care-Revolution“
    heißen.:-)

  • Ute Plass sagt:

    „Geht es bei weiblicher Souveränität nicht gerade darum, sich zwischen verschiedenen Optionen zu entscheiden und bei Bedarf auch einen Preis dafür zu zahlen? Welcher andere Mann hätte denn Beauvoirs Hunger nach philosophischen Diskussionen ebenso gut befriedigen können wie Sartre – und war es das nicht vielleicht den Preis wert, seine anderen Fehler, darunter seine Frauengeschichten und seine Arroganz, hinzunehmen?“
    Das mit dem Hinnehmen der „Fehler“ der geliebt-geschätzten Person und welchen Preis Frau bereit ist für ihr Begehren zu zahlen, das scheint mir der neuralgische Punkt in fast allen Liebesbeziehungen. Das Bild von der ‚betrogenen (Ehe)Frau‘ scheint mir immer noch sehr einem Opferbild verhaftet,
    von dem Frau sich ja frei machen will. Mir stellt sich dabei die Frage: Ist es vor allem dieses Bild, oder ist es der reale Mensch, von dem es sich zu trennen gilt?

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