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QUOTENGEQUASSEL???

Von Heike Tiersch

Frauen verdienen in Deutschland im Durchschnitt zwanzig Prozent weniger als Männer. Die Gründe dafür sind vielfältiger Natur: Weniger Aufstiegsmöglichkeiten, Unvereinbarkeit einer Führungsposition mit  Familie und der gewählte Schwerpunkt der fachlichen Ausbildung. Das ist alles sattsam bekannt und hat bisher für wenig Aufruhr gesorgt. Allerdings rauschte der Blätterwald beim Nennen des Ziels  „30% Frauen in die Chefetagen!“ Politik und Wirtschaft schmetterten dieses Anliegen souverän ab. In der Realität ist unsere Gesellschaft noch meilenweit von dieser Marge entfernt.[1] Nicht nur, weil sogar von Frauen laut geäußert wird, damit würde der Leistungsgedanke arg beschädigt werden und „wir“ (die Frauen) hätten das nicht nötig.

Wenn ich das höre, kann ich mich nicht des Gedankens erwehren, diese Frauen haben sehr brav die Lektion unseres Wirtschaftssystems verinnerlicht: Aus  „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ wird „Von der fähigen, allzeit einsatzbereiten Frau zur Chefin“. Soweit ich weiß, gibt es mehr Tellerwäscher als Millionäre… Und irgendwie scheinen Seilschaften, Vitamin B und eine gemeinsame (stammesgeschichtliche) Sprache und Auftreten keine Rolle zu spielen. Erstaunlich. Noch einmal zur Erinnerung: Wer in den Chefetagen angekommen ist, ist ja nicht per se der Beste, Intelligenteste und Geschickteste für das Unternehmen. Es dürften jeder und jedem von uns ein paar Namen einfallen, die diese Prämisse unterstreichen.  Und noch einmal zur Beruhigung: Durch eine Quote werden auch nicht weniger qualifizierte Frauen nach oben gespült, wie von Kritikern der Quote befürchtet wird. Dazu gibt es inzwischen einen zu großen Pool an gut geschulten Frauen.

Mich beschäftigt bei der Quotenfrage eine ganz andere Sache: Oft wird mit dem Punkt der Chancengleichheit auch die Hoffnung verbunden, dass durch mehr Frauen quasi über Nacht das Wirtschaftssystem ein menschlicheres Antlitz bekäme.

Ich befürchte, es wird einen sehr, sehr langen gesamtgesellschaftlichen Prozess brauchen, um sogenannte weibliche Qualitäten auch in den Chefetagen zeigen zu können. Wir Menschen brauchen ein anderes Denken, um einer zunehmend krank machenden Welt Einhalt zu gebieten. Vielleicht haben Frauen tatsächlich einen in der Evolution und dank kultureller Prägung erworbenen kleinen Vorsprung, was die Akzeptanz flacher Hierarchien, Zusammenarbeit und Unterstützung anderer anbelangt. Diese Eigenschaften haben (einige/viele) Männer auch, nur sind diese Fähigkeiten auf dem Weg nach oben (bisher) nicht sehr hilfreich. Um ganz nach oben zu kommen, braucht es ein starkes Ego, das die eigenen Interessen im Fokus hat.  Und es lohnt sich, seine Mitmenschen dahingehend zu betrachten, ob und wie sie für einen nützlich sein können. Das muss man mögen. Für Frauen, für die Beziehungen ganz oben auf der Liste der Prioritäten stehen, ist dieses „oben“ oft  keine verlockende Perspektive. Wer von uns Frauen findet es wirklich erstrebenswert, sich sogar auf Stehpartys darüber zu unterhalten, wie viele Milliarden mein letzter Deal gebracht hat, um meinen Gesprächspartner zu übertrumpfen und ihm zu zeigen, dass ich zu den ganz Großen gehöre? (Selbst)Bewusstsein sieht anders aus. Dieses Verhalten wirkt wie aus der Zeit gefallen, hoffnungslos veraltet. Mit dieser Haltung können die dringendsten Fragen unserer Zeit nicht gelöst werden: Umweltverschmutzung, Arbeitslosigkeit, Klimawandel, Gewalt – die Liste läßt sich beliebig verlängern.

„30% Frauen in die Chefetagen!“ wird diese Probleme nicht lösen. Es ist eine Haltungs-und Bewusstseinsfrage. Und: Wen interessiert das eigentlich wirklich? Für wie viel Prozent der Frauen stellt sich überhaupt  die Frage, beim Rattenrennen mitzulaufen? Hier hat es meines Erachtens ein Thema in die Medien geschafft und wird mit einem Hype belegt, als ginge es hier wirklich um eine emanzipatorische Frage. Ja, gut, okay – irgendwie schon. Wenn einige Frauen das gleiche Leben haben müssen wollen, wie die Herren in den Vorstandsetagen, so  sei es Ihnen gegönnt. Gerne auch mit Quote, weil sonst tatsächlich nichts passiert – wie die Vergangenheit gezeigt hat.

„30% Frauen in die Chefetagen!“ Von mir aus. Holt euch die Macht, das höhere Einkommen, die Depressionen, die spannenden Herausforderungen, die Schlafprobleme, das Glücksgefühl wichtige Entscheidungen zu treffen, die schicken Autos, das tolle Haus – zahlt den Preis, ohne mit der Wimper zu zucken. Aber fangen wir bitte endlich an, eine andere Debatte zu führen.

Eine, die wirklich wichtig ist. Eine, die nicht tradiertes männliches Verhalten kopiert und das als weibliche Befreiung verkauft, sondern die dahin schaut, wo Frauen arbeiten und seltsamerweise auch arbeiten wollen (!) und die nur dadurch schlechter gestellt sind, weil dort hauptsächlich Frauen sind.

30% mehr Lohn für die sogenannten Frauenberufe! Das wäre eine Debatte um Gleichberechtigung, die wirklich ihren Namen verdiente! Bis jetzt hat mir noch niemand erklären können, warum Berufe, die den menschlichen Faktor im Fokus haben, so schlecht bezahlt werden und so wenig anerkannt sind. Fast alle sozialen Berufe sind typische Frauenberufe. Warum erhalten Erzieherinnen, Krankenschwestern und Hebammen so einen Hungerlohn? Wer selbst Kinder zur Welt gebracht hat, weiß, welch ein Segen eine gute Hebamme ist – und wie schlecht sie für diesen verantwortungsvollen Beruf bezahlt wird. Darüber lohnt es sich zu streiten und Forderungen zu stellen.

Geld hat auch etwas mit Respekt und Anerkennung zu tun. Warum  verdient ein Mensch in einem Beruf, der etwas mit Technik zu tun hat, mehr als jemand, der dafür sorgt, dass unsere Gesellschaft (menschlich) nicht vor die Hunde geht? Inwiefern leistet ein Mechatroniker wertvollere Arbeit als eine Erzieherin? Ich glaube, die Debatte, die wir führen müssen, geht weit über den Punkt Chancengleichheit hinaus: Wir befinden uns als Gesellschaft (vielleicht sogar als Weltgemeinschaft) an einem Scheideweg: Wollen wir nur dem Respekt und Achtung zollen, was unserem technischen Kontrollbedürfnis nahe kommt und sich an den Themen Leistung, Effizienz und Steigerung des Bruttosozialproduktes orientiert oder vertrauen wir ein Stück wieder mehr der Natur und dem menschlichen Miteinander. Darum geht es und nicht darum, ob ein paar Frauen jetzt dasselbe wie ein paar Männer machen dürfen sollen.

Ich denke, es ist an der Zeit, einen Paradigmenwechsel zu fordern – selbstbewusst und ohne die Furcht, damit auf den Mief der 50iger Jahre hereinzufallen. Wir brauchen wieder mehr Mitgefühl und Verbindung in unserem Leben und wir müssen diesen Wert wieder groß machen und uns nicht wegducken angesichts der herrschenden Werte von Status, Besitz und Berühmtheit.

In meine Praxis kommen Frauen, die sich beruflich verändern oder die sich Klarheit über ihren weiteren Weg mit ihrem Partner verschaffen wollen. Es berührt mich sehr, wie beim Suchen nach dem eigenen Ziel, die anderen mitgedacht werden: Wie kann ich meine Potenziale ausschöpfen und gleichzeitig dafür sorgen, dass meine Lieben nicht den Preis dafür zahlen? Frauen machen sich die Entscheidung nicht leicht: Bewerbe ich mich auf die Führungsposition oder nicht? Was hätte das für Auswirkungen auf meine Familie? Kann mein Partner das mittragen? Unterstützt er mich nicht nur ideell, sondern auch zeitlich und tatkräftig?

In der öffentlichen Wahrnehmung scheint es aber so zu sein, als würden alle Frauen nur darauf aus sein, „Karriere“ zu machen. Meine Erfahrung ist anders: Viele Frauen möchten einen interessanten Beruf und sie möchten Zeit für ihre Kinder haben. Selbst in Frankreich, dem Land in dem Frauen bisher ihre Kinder sehr viel früher als in Deutschland in die „Crèche“ oder den Kindergarten bringen, formiert sich Widerstand. Eine zunehmend größer werdende Gruppe von Frauen ist es  leid, permanent „tüchtig“ zu sein und sich in einem Schraubstock von Terminen einklemmen zu lassen  und dabei die tägliche Jonglage zwischen Vollzeitberuf, Hausfrau und Mutter hinzubekommen. Glücklich diejenigen, die mit Männern zusammen sind, die schon begriffen haben, wie viel erfüllender und menschlich bereichernder es ist, wenn sie ihren Teil des Familienlebens übernehmen.

Es ist meines Erachtens nicht so wichtig, ob wir Frauen unser stärker fürsorgliches Verhalten genetisch in unserem Programm haben oder ob es eine sozio-kulturelle Prägung ist – darüber darf gerne weiter endlos gestritten werden. (Ähnliche Dispute kennen wir auch aus den verschiedenen Religionen mit einem ähnlichen Ergebnis.)

Lasst uns einfach darauf stolz sein, dass wir gelernt haben (oder es epigenetisch an uns weitergegeben wurde) im System zu denken und zu fühlen und lasst uns unsere Umgebung damit infizieren. Piero Ferucci – übrigens ein Mann – hat das Buch geschrieben: „Nur die Freundlichen überleben“. Lasst uns die Freundlichkeit, Gefühligkeit und Herzenswärme weitergeben. Die Welt und unsere Mitmenschen brauchen sie. Und wir auch. Jede von uns hat etwas zu bieten, was unsere immer mehr technisierte, kontrollierende und sozial kälter werdende Welt braucht. Warum sollten wir dieser Welt auf den Leim gehen und unseren Wert daraus ableiten, ob wir viel Geld verdienen und einen hohen Status  haben? Ist es nicht langsam an der Zeit, Selbstachtung und Stolz für uns selbst zu empfinden, weil jede von uns etwas Besonderes in die Welt bringt? Und: Wir dürfen, nein, wir müssen auch das äußern, was wir brauchen bzw. was sich ändern soll. Einer meiner klugen Ausbilder und Lehrer, Stephen Gilligan, hat einmal gesagt: „Die ersten 40 Jahre gehören wir den anderen, die zweiten 40 Jahre gehören wir uns selbst.“ Ich habe einige Zeit gebraucht, bis ich die Tragweite dieses Satzes verstanden habe. In der sogenannten Mitte des Lebens, manchen glücklichen Menschen gelingt es schon etwas eher, fragen wir uns, was wir wirklich wollen. Bis dahin haben wir vielleicht nur die Wünsche anderer, die der Eltern, der Gesellschaft oder des Partners erfüllt. Danach kommt die Zeit, wo man beginnt, sich von Erwartungen frei zu machen und eigene Schwerpunkte zu setzen – auch wenn man dafür (erst einmal) nur Kopfschütteln und Unverständnis erntet.

Lasst uns den Mut haben, die Dinge frei zu äußern, die wir bedeutsam finden und damit ein Nachdenken bewirken! Das wünsche ich Ihnen – und mir.

 


[1] DIE ZEIT, 24.10.2013; 11,3 % aller Ingenieure mit Führungs-und Aufsichtsfunktionen sind weiblich. (Im Vergleich Portugal: 27,1 %)

Autorin: Heike Tiersch
Redakteurin: Jutta Pivecka
Eingestellt am: 19.11.2013
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • sula5156 sagt:

    Als ich die Überschrift las, dachte ich ach nee nicht schon wieder das Thema… aber naja ich schau mal und mit jeder Zeile genoss ich den Artikel mehr und mehr… und ein Frieden überkam mich, weil ich mich nicht allein fühle…
    DANKE! für den Artikel!!!

  • Guten Morgen Frau Tiersch,
    danke, dass Sie sich die Mühe machten, diesen Artikel zu schreiben. Die Inhalte entsprechen weitgehend meinen eigenen Erfahrungen im Beruf- und Privatleben.
    Mit freundlichen Grüßen aus Aachen,
    Luitgard Gasser

  • Bruni K sagt:

    Danke für den Beitrag – ist mir voll aus dem Herzen gesprochen:
    Frauen in den Chefetagen ist ein so völlig UNWICHTIGES Thema, wenn es um die tatsächliche Gleichberechtigung von Mann und Frau geht:
    1. Die Existenzprobleme von Frauen an der Basis (SICHERHEIT bezüglich Einkommen ist die VORAUSSETZUNG, um Kinder bekommen zu können, diese ist nach wie vor nicht gegeben!)sind zahlreicher und für die Gesellschaft wesentlich wichtiger.
    2. Kann ich nur bestätigen: der DRANG, das BEDÜRFNIS von Frauen, in Chefetagen mitzumischen ist wesentlich geringer als der von Männern.
    3. Ich glaube nicht daran, dass die Gesellschaft „menschlicher“ wird, wenn mehr Frauen in Chefetagen sitzen – falls ja, dauert dieser Weg einfach ZU LANGE, ehe er wirksam wird. Dafür müssen es ganz andere Maßnahmen realisiert werden. Es ist auch nicht OK, wenn man Männern einfach unterstellt, sie wären nicht menschlich genug. Vielleicht sollten Männer erst mal darüber nachdenken, was mit „menschlich“ sein gemeint ist.
    4. Quoten: werden Kriege menschlicher, wenn mehr Frauen Soldaten werden?
    5. Quoten zu fordern, kostet nichts. Ist wirklich nicht mehr als Gequassel. Das ist das richtige Wort dafür!

  • Sabrina Bowitz sagt:

    Liebe Frau Tiersch, ein schöner Artikel!
    Der Satz hat mich besonders animiert:
    „Und: Wir dürfen, nein, wir müssen auch das äußern, was wir brauchen bzw. was sich ändern soll“.
    Das ist wahr. Warum nicht einmal eine Debatte darüber, wieso welche Berufe anders bewertet werden als andere. Wieso eine bestimmte Arbeit für uns mehr wert ist als die andere.
    Ein guter Vorschlag!

  • Ute Plass sagt:

    Herzlichen Dank Heike Tiersch für diese schöne „Streitschrift“. Ich unterstreiche darin die Aussage:
    „Ich glaube, die Debatte, die wir führen müssen, geht weit über den Punkt Chancengleichheit hinaus: Wir befinden uns als Gesellschaft (vielleicht sogar als Weltgemeinschaft) an einem Scheideweg:…“
    Ja und daher hoffe ich auf eine „Care-Revolution“:

    http://www.feministisches-institut.de/aktionskonferenz/

  • elfriede harth sagt:

    Was habt Ihr denn nur alle gegen Frauen in Chefetagen. Na klar braucht es dort welche….. dort muss doch auch geputzt werden….. :-)!! – Quatsch beiseite! Der Artikel bringt es auf den Punkt! Mir gefaellt die Forderung besonders gut: 30% mehr Einkommen fuer „typische Frauenarbeit“!

  • Martina Tadli sagt:

    Gut gemacht. 30% mehr Lohn für die sogenannten Frauenberufe! Ja, das ist richtig.

    Interessanter Link zum Thema:
    Otto Scharmer & Katrin Kaufer „Leading from the Emerging Future“: From Ego-System to Eco-System Economies“.

  • Karina Starosczyk sagt:

    „Aber fangen wir bitte endlich an, eine andere Debatte zu führen. Eine, die wirklich wichtig ist. Eine, die nicht tradiertes männliches Verhalten kopiert und das als weibliche Befreiung verkauft, sondern die dahin schaut, wo Frauen arbeiten und seltsamerweise auch arbeiten wollen (!) .. Das wäre eine Debatte um Gleichberechtigung, die wirklich ihren Namen verdiente! Bis jetzt hat mir noch niemand erklären können, warum Berufe, die den menschlichen Faktor im Fokus haben, so schlecht bezahlt werden und so wenig anerkannt sind. Fast alle sozialen Berufe sind typische Frauenberufe. Warum erhalten Erzieherinnen, Krankenschwestern und Hebammen so einen Hungerlohn?“

    Um mein Leid deutlich zum Ausdruck zu bringen, sage ich dazu eins: Du kannst machen, was du willst – aber nicht mit mir!

  • Karina Starosczyk sagt:

    Ps. Warum ist die Arbeit innerhalb des Zuhauses wertlos?

  • Elisabeth von Grafen sagt:

    „Warum ist die Arbeit innerhalb des Zuhauses wertlos?“

    Meine Arbeit zuhause ist nicht wertlos. Sie wird einfach nicht immer gesehen oder geschätzt. Und, für die Würdigung dieses Tuns muss ich im Patriarchat persönlich sorgen, d. h. Konsequenzen ziehen, wenn sie nicht gesehen wird!

  • Karina Starosczyk sagt:

    Als Frau werde ich das System und ihre Diener hier in diesem Blog nicht loswerden. Wir Frauen müssen in erster Linie für uns selbst sorgen, damit unsere Kinder eine Zukunft haben. Das müssen wir einfach beherzigen und aus dem Rad des Patriarchats nach eigenen Möglichkeiten austreten! Und der Tag kommt…

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