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Demenz in der Literatur

Von Juliane Brumberg

Demenz-in-der-LiteraturDemenz – ein Thema, um das viele gern einen Bogen machen. Fast alle hoffen, nie damit zu tun zu bekommen, sei es als Angehörige, sei es als Betroffene. Ein Zugang zu dem Thema, der Distanz ermöglicht und trotzdem viel Wissenswertes vermittelt, ist der über die Literatur. Ich meine damit nicht die Sach- und Fachbücher, ich meine Bücher, in denen Erfahrungen mit Demenz literarisch verarbeitet sind. Manchmal als reine Fiction, manchmal als literarische Erfahrungsberichte. Erstaunlich: Je mehr ich erzählte, dass ich mich mit Demenz in der Literatur beschäftige, desto mehr Lesetipps bekam ich.

Gemeinsam ist allen Büchern, die ich gelesen habe, dass es in ihnen nicht nur um Demenz geht, sondern dass sie eine, manchmal sogar mehrere, Meta-Ebenen haben. Die Autorinnen und Autoren wollten immer auch noch etwas Anderes vermitteln.

HighlandsZum Beispiel Margret Forster in ihrem Roman „Ich glaube, ich fahre in die Highlands“, den sie schon Anfang der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts geschrieben hat. Mit viel Humor analysiert sie das Rollenverhalten der Geschlechter: Auf der einen Seite die Söhne und Enkel, die das Problem mit der verwirrten Grandma pragmatisch wegorganisieren wollen und dabei ausblenden, dass das nicht funktioniert; auf der anderen Seite Tochter, Schwiegertochter und Enkelin, die sich mit viel Gefühl in Grandma hineinversetzen, sie umsorgen und dabei oft verzweifeln. Schmunzeln musste ich bei der anschaulichen Beschreibung der „Tricks“ der Enkelin, mit denen sie Grandma dazu bringt, das zu tun, was diese eigentlich gerade verweigert. Als sie für den Arztbesuch nicht aus dem Auto aussteigen möchte, lässt Hannah gezielt eine Münze auf die Straße vor der Autotür fallen, und hopplahopp, schwingt Grandma ihre Beine aus dem Auto, um, sparsam, wie sie immer war, die Münze aufzuheben.
Auch das habe ich bei meiner Demenz-Lektüre gelernt: Humor ist hilfreich und wird sowohl von den Pflegenden als auch den Betroffenen gerne angewandt, um peinliche Situationen des Nicht-Wissens oder Vergessen-Habens zu überspielen. Der Humor trägt einerseits dazu bei, die Beziehungsebene aufrecht zu erhalten und ist andererseits manchmal auch ein Ventil für den Stress, den die Demenz bei allen Beteiligten verursacht.

Jens_T_Demenz_97539_kkAuch bei Tilman Jens, der in seinem Buch „Abschied vom Vater“ beschreibt, wie der demente Vater die Familie und insbesondere seine Frau Inge an die Grenzen ihrer Kräfte bringt, gibt es eine Meta-Ebene. Tilman Jens nutzt das Thema „Demenz“ eher als Vehikel, um ein ganz anderen Thema aufzuarbeiten: das Verdrängen und Vergessen-Wollen der Parteimitgliedschaft in der NSDAP von Walter Jens. Der Sohn zeigt auf, wie die Demenz kurz nach Bekanntwerden der Parteimitgliedschaft beginnt. Es sieht so aus, als ob der prominente Kulturkritiker unbewusst vergessen – dement werden – will.
Eindrucksvoll darüber hinaus das Schlusskapitel, in dem Tilman Jens erzählt, wie sein Vater am Ende seines Lebens, als die Familie mit der Pflege hoffnungslos überfordert ist, wieder zum Kind wird und ein durchaus zufriedenes Leben jenseits aller Intellektualität führt: Hauptbezugsperson ist für ihn nun eine Pflegerin, die mit ihm knetet und das macht, was man normalerweise im Kindergarten mit kleinen Kindern macht. Dabei gewinnt er eine ganz andere Art von Lebensfreude; er wird allerdings auch zu einem ganz Anderen, als der, der er war.

Small world_kIn dem Buch Small World, seinem allerersten, das 1997 erschien, als Martin Suter noch nicht der bekannte Erfolgsautor war, ist die Meta-Ebene eine Andere. Martin Suter möchte eine Geschichte erzählen, einen Krimi. Aber nicht irgendeinen Krimi, sondern einen, der durch Demenz-Phänomene zur Aufklärung kommt. Mehr sei zum Inhalt nicht verraten. Suter hat sich dafür akribisch in die Alzheimer-Problematik eingearbeitet, die die Leserin dadurch in ihren vielen Facetten fast spielerisch kennenlernt. Sie bibbert mit der Hauptfigur Konrad Lang. Und es gibt sogar ein happy end, denn in dem Buch erfinden die Ärzte ein Heilmittel, mit dem durch Alzheimer zerstörte Gehirnareale sich regenerieren. Außerdem wird hier ein Zusammenhang zwischen der Demenz und frühkindlichen Erlebnissen geschildert, um den zu wissen sehr hilfreich sein kann.

Elegie für Iris_kErst im Laufe meiner Beschäftigung mit den Demenzbüchern empfohlen wurde mir „Elegie für Iris“ von John Bayley als ein ganz besonderes Buch, in dem ein Mann seine Frau nicht nur pflegt, sondern außerordentlich einfühlsam und liebevoll über ihre Demenzerkrankung schreibt. Nun, das stimmt. Aber – natürlich – auch hier eine oder sogar zwei Meta-Ebenen. Der Autor ist Literaturwissenschaftler in England, seine Frau die berühmte Roman-Schriftstellerin Iris Murdoch. In dem wirklich wunderbaren Buch beschreibt er die Liebes- und Ehegeschichte mit seiner Frau aus seiner Sicht und setzt sie in Beziehung zu den Krankheitsphasen und –Symptomen. Außerdem aber, sozusagen auf der Meta-Ebene, gibt er so ganz nebenbei eine kleine Kommentierung oder Würdigung fast aller von seiner Frau geschriebenen Romane (und aller möglichen anderer englischen Bücher von mehr oder weniger bekannten Autoren und Autorinnen). Das ist manchmal etwas anstrengend, aber für diejenigen, die sich ein bißchen in englischer Literatur auskennen, mag das ganz amüsant sein. John Bayley also wollte seiner geliebten Frau als Schriftstellerin ein Denkmal setzen. Außerdem schimmerte für mich durch, dass der Autor seine berühmte und beeindruckende Frau nie ganz für sich hatte. Es gab parallel zur Ehe lang andauernde Affären mit anderen Männern. Erst als sie ein Pflegefall war, hatte er Iris ganz für sich allein. Ein hoher Preis, denn die Pflege der Alzheimer-Patientin verlangt unglaublich viel Zeit und Aufmerksamkeit. Mit viel Humor hangeln die Beiden sich durch den Alltag.

Vatertage_kVatertage von Katja Timm hat den Untertitel „Eine deutsche Geschichte“ – und dass ist auch die Meta-Ebene: die sehr außergewöhnliche und irgendwo für die damalige Zeit auch nicht außergewöhnliche Lebensgeschichte ihres Vaters, der als 13jähriger die Flucht aus Ostpreußen managt, dabei Schlimmes durchmacht – aber auch viel Glück hat, nach dem Krieg in der DDR lebt, in Westberlin studiert und dann aber doch mit dem Regime in Konflikt gerät und sechs Jahre in der DDR im Gefängnis sitzt. Nach seiner Entlassung geht es für ihn aufwärts, er durchläuft eine sehr erfolgreiche Beamtenkarriere im Gesundheitsministerium in Bonn. Er geniert sich, seinen Kindern von seiner Vergangenheit als „Knasti“ zu erzählen und es gelingt seiner Tochter, der Journalistin Katja Timm, erst im Alter, als der Vater schon mit schweren Demenz-Symptomen zu kämpfen hat, die ganze Geschichte zu erfahren und zu verstehen. Sie setzt seine Kindheits- und Jugenderlebnisse in Beziehung zu seinem Verhalten in der Krankheit. Ständig beschäftigt sie aber auch die Frage: Was können wir dafür tun, dass der Vater, trotz der Betreuung, die er in der Demenz braucht, seine Würde und seine Selbständigkeit behält. Das ist nämlich das, was ihm selber sehr wichtig ist – auch wenn diese Selbständigkeit de facto nicht mehr möglich ist.

Dieses Buch ließ in mir eine Vermutung wachsen, auf die schon die anderen Demenz-Bücher hinweisen: Kann es sein, dass ein Leben, in dem viel verdrängt wurde oder verdrängt werden musste, um überhaupt zu überleben, die Entwicklung oder den Ausbruch einer Demenz fördert?
Grandma verdrängte ihre Kindheit in großer Armut, Walter Jens seine Mitgliedschaft in der NSDAP, Konrad bei Martin Suter Verwirrungen, die er in der Kindheit erlebt hat, Horst Timm seine schlimmen Erlebnisse auf der Flucht und im Gefängnis. Bei dem Buch über Iris Murdoch tue ich mich am schwersten mit dieser These. Sie hat ein vergleichsweise gutes Leben in viel Harmonie geführt. Bis auf ihre außerehelichen Affären halt. Obwohl sie diese offen gelebt hat und es eine Freiheit war, die sie von ihrem Mann einforderte, war es vielleicht doch nicht so ganz einfach, dieses Leben in mehreren Ebenen zu führen?

Niemandsland_kDann kam mir „Niemandsland“ von der dänischen Autorin Kirsten Thorup in die Hände, das Härteste, was ich zum Thema Demenz gelesen habe. Sehr überrascht war ich, dass auch in diesem Roman ein sehr einschneidendes verdrängtes Erlebnis eine Rolle spielt: In jungen Jahren hatten der jetzt 94jährige, schwer demente Carl und seine von ihm geliebte Frau Marta zunächst keine eigenen Kinder bekommen. Carl hat damals die deutlich jüngere Schwester seiner Frau, die ihn anhimmelte und verehrte, verführt. Diese bekam daraufhin ein Mädchen, das stillschweigend von seiner Ehefrau und ihm als eigene Tochter aufgezogen wurde – während die Schwester und leibliche Mutter das Heimatdorf verlassen musste.
Die Handlung des Romans bewegt sich in den Tagträumen des 94Jährigen, der nach dem Tod seiner Ehefrau immer verwirrter wird und von seinem Sohn während dessen Urlaub in ein Pflegeheim gebracht wird. Während er mit der Situation im Pflegeheim hadert und aggressiv darauf reagiert, steigen die Erinnerungen an seine arbeitsreiche und schwere Kindheit und Jugend auf: Die Mutter früh gestorben, die Stiefmutter grob zu Carl und seinen Geschwistern, der Vater überfordert. Der Hunger  groß und das Leben bitter, der Krieg, in den der junge Carl dann musste auch. In diesem Buch gibt es, keine Meta-Ebene, es sei denn die Beschreibung des Lebens der einfachen Menschen auf dem Land in Dänemark zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Einmal mehr hat Kirsten Thorup in diesem Roman über existenzielle Grenzerfahrungen von Menschen am Rande der Gesellschaft geschrieben. In „Niemandsland“ habe ich mich keine Minute wohl gefühlt, nichts wurde beschönigt und ich musste mich dazu zwingen, es zu Ende zu lesen. Trotzdem ist es, in all seiner Härte, literarisch anspruchsvoll und ich würde sagen, ein „gutes Buch“.

Das Buch der letzten Jahre zum Thema Demenz ist „Der alte König in seinem Exil“ von Arno Geiger. Sehr liebevoll beschreibt der Autor, wie erst die Demenz es überhaupt ermöglicht, dass er sich seinem Vater emotional nähert und wie sie dazu beiträgt, den Vater zu verstehen und eine Beziehung zu ihm aufzubauen. Die Meta-Ebene dieses Buches ist die Vater-Sohn-Beziehung. Als die Demenz-Erkrankung deutlich erkennbar ist, wird dem Sohn klar, dass viele zurückgezogene und eigenbrötlerische Verhaltensweisen seines Vaters damit zu tun hatten, dass er schon lange heimatlos in seinem Körper und seinem Alltagsleben geworden war. Das Buch erzählt dann die Lebensgeschichte von August Geiger, 1926 geboren, der außer während des Krieges immer in Wolfurt, einem kleinen Ort im Bregenzer Wald oberhalb des Bodensees gelebt hat. Die Erfahrungen als ganz junger Soldat in der Fremde, im Krieg, waren so schrecklich, dass er danach nie wieder weg wollte. Und das sind auch die Dinge, über die er kaum gesprochen, die er verdrängt hat.
Geiger_23634_MR1.inddFür August Geiger bedeutet die Alzheimer-Erkrankung, dass er wegen des Vergessens sich in seinem Alltag nicht mehr heimisch fühlt und deshalb immer nach Hause will, obwohl er zu Hause ist. Gleichzeitig möchte er nichts falsch und bleibt, wie viel von Alzheimer Betroffene, in seinen Antworten so indifferent, dass sie ganz passend und normal erscheinen. August Geiger muss zum Schluss in ein Pflegeheim, und – Überraschung – er fühlt sich wohl dort unter den anderen Dementen, die in einer ähnlichen Welt leben wie er und nichts von ihm erwarten.

Literatur zum Thema Demenz kann uns nichts von der mühsamen Versorgungsarbeit abnehmen, aber sie kann dazu beitragen, ein bisschen was von der Krankheit zu verstehen und einen Weg zu finden mit dementen Menschen auf ihrer Ebene in Beziehung zu bleiben.

Zum weiterlesen:

Margaret Forster, Ich glaube, ich fahre in die Highlands, Fischer TB, 400 S., 9,95 €.

Tilman Jens, Demenz, Abschied von meinem Vater, Gütersloher Verlagshaus 2009, Goldmann Taschenbuch 160 S., 8,95 €.

Martin Suter, Small World, Diogenes Verlag Zürich 1999, 336 S., 10,90 €.

John Bayley, Elegie für Iris, C. H. Beck Verlag 2000, 259 S., 19,50 € dtv-TB 9,50 €.

Katja Thimm, Vatertage, Eine deutsche Geschichte, Fischer TB, 2011, 288 S., 9,99 €.

Kirsten Thorup, Niemandsland, Roman, Suhrkamp Verlag 2007, 210 S., 9,95 €.

Arno Geiger, Der alte König im Exil, Hanser Verlag 2011, TB, 188 S., 9,90 €.

 

Autorin: Juliane Brumberg
Redakteurin: Juliane Brumberg
Eingestellt am: 13.12.2013
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Barbara Weinkauf sagt:

    diese aufgeführte einschlägige Literatur über die Absonderlichkeiten von alten Menschen bestätigt, was ich schon seit Jahrzehnten bemerkte, wenn ich mit alten Menschen sprach. Ich konnte es nur nicht so gut in Worte kleiden.
    In meinem letzten Berufsleben als geronto-psychiatrische Altenpflegerin habe ich ca. 10 Jahre lang autentische Geschichten dieser Menschen aufgeschrieben,so wie ihnen der Schnabel gewachsen war.
    Sollte jemand interessiert an ihnen sein, möchte ich sie ihm gerne zukommen lassen.
    Freundliche Grüße von Barbara Weinkauf

  • anne-claire mulder sagt:

    Liebe Julianne,
    Und dann hst du noch nicht das Buch Hirngespinste von dem Niederländische Schriftsteller Bernlef genannt (oder gelesen???) Er hat das Buch schon in 1989 in der Niederlände veröffentlicht.
    liebe grüsse,
    Anne-Claire Mulder

  • Karin sagt:

    Danke für diese sehr schöne und aufschlussreiche Zusammenstellung der vorgestellten Bücher.
    Das ist wie ein roter Faden, der sich in der Krankheit zeigt.
    So bin ich mit meiner Vermutung nicht alleine.

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