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Experimente für die Freiheit von Frauen und Männern

Von Cornelia Roth

Vor kurzem folgten in München zwei Veranstaltungen aufeinander, die mich so begeistert haben, dass ich davon berichten möchte.

Diane Torr: Man for a day

Diane Torr im Workshop. Foto: Salzgerber Medien

Diane Torr im Workshop. Foto: Salzgerber Medien

Das erste war ein Film über einen Workshop der feministischen Performancekünstlerin Diane Torr. Diane Torr sorgt seit den 1970er  Jahren immer wieder für Furore durch ihr Spiel mit den Geschlechterrollen, Drag-Queen-Performances und ihren Experimenten. Der Film „Man for a day“ zeigt einen mehrtätigen Workshop mit ihr 2011 in Berlin. Etwa acht Teilnehmerinnen bereiteten sich darauf vor, für einen Tag als Mann durch die Stadt zu gehen, indem sie zuvor Verhalten von Männern auf der Straße beobachteten, einen bestimmten Typus für sich aussuchten, dessen Verhalten ausprobierten und unter gegenseitiger Beratung einstudierten. Zum Schluss verpassten sie sich noch einige künstliche biologische Merkmale und gingen dann für einen Tag los.

Es war frappierend, wie „echt“ und typisch nach nur wenigen Tagen Ausprobieren der Rolle die meisten Frauen als Männer wirkten. Dazu trug natürlich auch die jahrzehntelange Erfahrung bei, die Diane Torr gesammelt hatte.

Für mich wurde in diesem Film vorgeführt: es ist ganz egal, ob Geschlechterverhalten angeboren ist oder wir es erst erlernen – es ist auf jeden Fall erlernbar. Und das bedeutet eine sehr große Freiheit, eine Freiheit für jeden Augenblick. Und eine Freiheit für Frauen, für Männer und für alle, die sich in dieser Zuschreibung nicht wiederfinden.

Manche der Teilnehmerinnen erzählten in dem Film von Gewalterfahrungen, die sie mit Männern gemacht hatten. Sie erlebten in der Männerrolle für sich Stärke und Widerstandskraft. Aber Diane Torrs Experiment ging sichtbar weit darüber hinaus. Die Teilnehmerinnen wurden am Schluss ermutigt, vor allem zu versuchen, in jedem Moment sie selbst zu sein; also entsprechend ihren eigenen Bedürfnissen und Sehnsüchten etwas aus dem ganzen Spektrum ihrer Möglichkeiten zu gewinnen.

Ein Ausschnitt aus einer von Diane Torrs Performances zeigte ihren Versuch, in der Rolle eines Mannes mit sexuellen Ausdrucksweisen zu spielen, die nicht dem Klischee männlichen Verhaltens entsprechen – hochinteressant! Besonders hat mich ihr Ausspruch gegen Ende des Films berührt: Sie empfinde eigentlich gar nicht Heimat an verschiedenen Orten der Welt. Ihr Körper sei ihre Heimat. Dies war wirklich eine ganz wesentliche Entdeckung der Frauenbewegung der 70er Jahre, die Dianne Torr konsequent weiterentwickelt hat, wo sie andernorts ein wenig verloren gegangen ist.

In der Diskussion im Anschluss an den Film gab es von manchen der zahlreich anwesenden Frauen eine Schlussfolgerung, die ich seit Jahren aus Teilen der Frauenbewegung kenne: Wenn eine Frau oder Frauen beruflich weiterkommen wollten, müssten sie sich eben die Verhaltensmuster der vorherrschenden männlichen Kultur aneignen und einsetzen. Frauen seien nämlich viel zu…. – und dann wurden typische Verhaltensweisen vieler Frauen als defizitär genannt.

Warum denn? Nur, weil der Teilbereich von „Wirtschaft“ und „Politik“ , der öffentlich ist von überkommenen männlichen Verhaltensritualen und Denkweisen beherrscht wird? Das liefe auf nichts als Anpassung hinaus, und es war interessant, dass gerade eine besonders junge Teilnehmerin in der Diskussion widersprach. Die Möglichkeiten, die die Arbeit und das Spiel von Diane Torr eröffnen, sind andere: die der Ergänzung, der Freiheit und des Ergreifens von Spielräumen, für Frauen und letztlich auch für Männer.

Der Film ist hier auf Youtube zu sehen.

Diane Torr wird im Oktober dieses Jahres ihren Workshop bei „Frauenstudien München“ durchführen.

Christian Seidel: Die Frau in mir

die-frau-in-mir-coverAuf der zweiten Veranstaltung stellte der Autor, Schauspieler und Medienmanager Christian Seidel sein Buch mit einem Experiment vor. Knapp zwei Jahre lang bewegte er sich mit allen klischeehaften äußerlichen Merkmalen und dem Verhalten einer Frau in der Öffentlichkeit und blieb zugleich durch seine Gesichtszüge und seinen Körperbau als Mann erkennbar. Christian Seidel begriff sich dabei nicht als Dragqueen. Nicht ein Unwohlsein in seinem männlichen Körper sei der Ausgangspunkt für sein Experiment gewesen, sondern die eng gesetzten Rollen für Männer. Zunehmend interessierte er sich dafür, welche Lösungen und Möglichkeiten Frauen für sich bereit halten.

Dabei stellte er sehr klar, dass er als Mann nicht wirklich erfahren könne, wie es sei, eine Frau zu sein. Ihm ging es darum, sich Facetten und Möglichkeiten weiblichen Lebens und weiblicher Lebenskultur anzunähern bzw. nachzuempfinden. Um in dies überhaupt hineinzukommen, kleidete er sich sehr klischeehaft weiblich und tat Dinge, die sehr klischeehaft Frauen zugesprochen werden, auch nannte er sich in diesen Momenten „Christiane“.

Was er erlebte, war einerseits eine enorme Ausweitung seiner Möglichkeiten, angefangen von Kleidungsmöglichkeiten für bestimmte Situationen (Strumpfhosen!) über Möglichkeiten sinnlicher Erfahrung (Nagelbettmassage…) bis hin zu den Themen, über die gesprochen werden kann (sehr persönliche Themen im Kreis von Freundinnen) – alles Dinge, die er als unter Männern unmöglich und tabuisiert kennt. Andererseits erlebte er starke Anfeindungen von Männern. Nicht die Art von Sexismus, die Frauen immer wieder erleben, denn er war als Mann erkennbar, sondern Abwertung und Ablehnung, nicht als „richtiger Mann“ herumzulaufen und in diesem Zusammenhang sowohl Übergriffe wie auch den Verlust von Freundschaften.

Für mich kam bei Bekanntwerden des Buches und dieser Veranstaltung ein „Endlich!“ auf: Endlich interessiert sich ein Mann dafür, wie Frauen leben, denken, empfinden – und dies nicht nur bei der eigenen Partnerin – indem er versucht, sich Ausschnitten ihrer Lebensweise und ihrer Erfahrungen anzunähern und indem er mit ihnen spricht. Es ist wie ein Signal für das, was ich mir so sehr wünsche: das breitere und wirkliche Interesse von Männern am Eigensein und den ganz eigenen Lebensäußerungen von Frauen in all ihrer Unterschiedlichkeit.

Ein Lerneffekt war für mich, wie eng für viele Männer der Spielraum an Lebens- und Verhaltensmöglichkeiten ist – begrenzt durch die strikten Vorgaben dessen, was ein „richtiger Mann“ ist. Die Konkurrenz in diesem Zusammenhang, der Gesichtsverlust, die Abwertung und der Ausschluss bei nur einem Zentimeter Übertretung scheinen enorme Angst hervorzurufen. Seidel sagte dazu, dass die männliche Normidentität auf der Abgrenzung vom Weiblichen geradezu beruhe (und seiner Abwertung, füge ich noch hinzu).

Der Autor erlebte viel Zuspruch und positive Resonanz von Frauen während seiner Zeit des „Frauspielens“, die ja in Wirklichkeit das Spiel eines Mannes mit für Männer tabuisierten Verhaltensweisen war. In einem Kreis von Freundinnen, der entstand, fragte er, wie sie sich denn Männer wünschten. Die Antworten waren durch die Bank widersprüchlich – so was wie: „sensibel, aber auch stark“ und ähnliches. Nun schließt das eine das andere nicht aus und überhaupt geht es nicht darum, dass Männer so sein sollen wie Frauen sie sich wünschen. Aber die Antworten deuten auf eine Herausforderung, die sich Frauen und der Frauenbewegung stellt, wo Männer zunehmend aus ihrem engen Rahmen ausbrechen: nämlich die Frage nach dem wirklichen Interesse von Frauen am Eigensein und den ganz eigenen Lebensäußerungen von Männern in all ihrer Unterschiedlichkeit jenseits alter Erfahrungswerte.

Mir gab das Kennenlernen der Experimente von Diane Torr wie auch von Christian Seidel weitere Anstöße für die Frage, die mich schon einige Zeit umtreibt: wenn nicht mehr Gleichberechtigung von Frauen und Männern das Hauptproblem ist, sondern Interesse und Wertschätzung – wo gibt es dafür Öffnungen und Bewegungsmöglichkeiten?

Das Experiment von Christian Seidel wurde für ein Jahr filmisch begleitet. Der Film heißt „Christian und Christiane“ und wird am Freitag, dem 31.01.14 um 22.40 Uhr auf ARTE gezeigt.

Autorin: Cornelia Roth
Eingestellt am: 30.01.2014
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Elfriede Harth sagt:

    Zu Christian Seidel brachte hr Info verschiedene Beitraege, die alle auf der Webseite von hrInfo.de yu finden sind, z.B. Wie unterschiedlich sind wir denn? http://www.hr-online.de/website/suche/home/mediaplayer.jsp?mkey=50688543&type=a&xtmc=Christian%20seidel&xtcr=1

  • Else Shamel sagt:

    Diesen Christian Seidel habe ich in einer Talk-Show bei Frank Elstner gesehen. Er hat vernünftige, freie, respektable Ansichten.Es ist erstaunlich, dass er dieses erstaunliche Experiment wagte.
    Else Shamel

  • gudrun sagt:

    „….deuten auf eine Herausforderung, die sich Frauen und der Frauenbewegung stellt…..nämlich die Frage nach dem wirklichen Interesse von Frauen am Eigensein und den ganz eigenen Lebensäußerungen von Männern in all ihrer Unterschiedlichkeit jenseits alter Erfahrungswerte.“
    Mit gefällt das Kreative und Ausprobierende, das neue Spielräume erfahrbar macht. Trotzdem sind die Analysen und Beurteilungen der gesellschaftlichen Ordnung, in der wir leben, ja nicht vergessen. Aber es entstehen Möglichkeiten neuer Wahrnehmung, Einfühlung und Verständigung – auf beiden Seiten. Ich sehe es als Herausforderung und als Chance.

  • Sabrina Bowitz sagt:

    Hier gibt es den Film dazu:
    Christian und Christiane:
    http://www.arte.tv/guide/de/049246-000/christian-christiane?autoplay=1

    Es ist spannend mit den Klischees und einengenden Rollen zu experimentieren, damit wir alle mehr Freiheit haben und entdecken, was noch alles möglich ist. Ich hoffe immer, dass dann – sollte die Welt bis dahin nicht zerbombt oder gleich mit Atombomben zerstört worden sein – irgenwann Mädchen, Jungen und alle die sich nicht zuordnen können und wollen (die Grenzen sind ja eh strittig) freier aufwachsen können.

  • Elisabeth von Grafen sagt:

    Ich habe nichts dagegen, dass ein Mann sich große Kunst-Brüste aufsetzt. Es mag jedem und jeder überlassen werden, wie sie mit ihrer Lebens-Zeit umgehen – bitte jedoch mir nicht zu sagen, was ich tun soll. Die markierten Grenzen der Verletzlichkeit des Gegenübers zeigen mir die Umgangs-Grenzen, die in dem vorgefundenen kulturellen Raum im menschlichen Leben zur Geltung kommen.

    Zu den Stereotypen: Ich habe seit meiner frühen Kindheit in aktiver Erfahrung mit meinen großen Brüdern gelernt, dass ich mich als Mädchen zu schützen habe. Sie haben lustvoll Ärger in mir hervorgekitzelt und genossen meine Schläge. Es waren „Kriege“, die ich eigentlich nie gewinnen konnte, weil es sie real nicht gegebem hat. Meine Brüder haben diese Feindschaften mir gegenüber vorgetäuscht, um mich zu ärgern und so zum Angriff zu provozieren. Ich schoss wut-erfüllt los! Es gibt jedoch etwas in dieser geschichtlichen Erfahrung, was gar nicht so lustig sondern kontraproduktiv für mich war: Seit dem verwende ich in etwa 80% meiner Lebens-Energie, um mich zu schützen. So rechnerisch gesehen, habe ich nur ein bisschen Lebens-Energie übrig, um meine Lebens-Ziele zu verwirklichen. Zum Schminken komme ich nich – nicht nur wegen den knappen Zeit-Ressourcen meines Lebens.

  • Sabrina Bowitz sagt:

    Hallo, ich finde auch immer, dass die Rollen sehr übertrieben dargestellt werden, aber daran lässt sich merken, was als „normal“ gilt und was in den Köpfen der Menschen wirklich
    steckt.
    Das fand ich dann spannend an dem Versuch, wie er das Frau-sein gesehen hat, weil das sicher noch in anderen Köpfen so drin steckt und umgekehrt was er für Probleme bei Männern sieht. Für mich war es wichtig, dass überhaupt mal jemand fragt: Wie wäre es, eine Frau zu sein? Auch wenn er das
    natürlich überhaupt nicht fassen kann. Ich merke auch immer
    wieder, wie ungleich alles verteilt ist und wie grausam
    im Grunde, wie unmenschlich auch. Ich bin sowieso der
    Meinung, dass wir nicht in einer Zivilisation leben, denn
    davon spüre ich sehr wenig.
    Ich hatte gehofft, dass solche Versuche zeigen, wie willkürlich das alles im Grunde ist und wie schädigend.
    Auch durch die Art der Versuche dann. Ich finde es
    schon traurig, dass das Frau- und Mann-Sein so definiert
    ist, dass es durch Äußerlichkeiten am meisten betont
    wird. Dabei geht es um viel mehr, wenn ein Mensch
    versucht einen anderen zu verstehen, nämlich Gefühle,
    Gedanken, Erlebnisse.
    Es ist für mich eher ein Zeichen, was bei uns wirklich
    los ist, dass niemand auf die Idee kommt, dass die
    bei Frauen und Männern und Menschen die sich weder
    zuordnen können noch wollen (absolut verständlich!)
    ähnlich sind. Und dass es sich lohnt, diese ekelhaften
    Verhältnisse unter denen viele aufwachsen, auch die
    Aggressionen und Entwertungen jeglicher Art, zu
    hinterfragen und nicht als „Norm“ anzusehen.

    Ich habe auch immer nur gelernt, dass Frauen sich schützen müssen, jeden Tag und das ist ja das Ekelhafte an der gesellschaftlichen Situation. Nirgendwo ist eine Frau sicher, so kommt es mir vor und das wiederum lässt auf
    die Situation schließen in der Männer aufwachsen. In der wir nämlich alle erniedrigt werden und zwar wirklich alle.
    Und für mich ist Schminken Blödsinn, weil es die wirkliche
    Schönheit, nämlich den Charakter und die Gefühle, von
    Menschen versteckt und weil es auch, meiner Meinung nach,
    Menschen entzweit – Frau- Mann usw und ich mags selbst
    auch nicht.
    Muss auch niemand.

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