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Feminismus und „Masse“

Von Katrin Wagner

Katrin Wagner arbeitet im „BündnisFrauenkampftag2014“ mit, das am 8. März möglichst viele Frauen auf die Straße bringen will. Aus diesem Anlass machte sie sich Gedanken über die politischen Aspekte des Begriffs der „Masse“.

stilllovinfeminismDie Masse ist weiblich. Diese Aussage trifft auf vieles zu. Menschen in unterbezahlten Jobs, Abtreibungen in bestimmten Ländern, Altersarmut und auch viele andere nicht so schöne bis katastrophale Lebensumstände sind, in der Masse betrachtet, erschreckend oft weiblich.

Diskutiert habe ich diese Aussage allerdings in einem ganz anderen Zusammenhang. Sie fiel in einem Text, der eigentlich eher langweilige Abhandlungen über Stadtentwicklung und Stadtmauern beinhaltete und den Begriff „Masse“ erläuterte, weil diese wohl ein Phänomen der Städte ist. Groß und ungezähmt lauert sie da zwischen den Gebäuden und beansprucht Platz, einfach so aus sich heraus. Die Masse ist primitiv und ungebildet, nicht so wie der Einzelne, der logisch denken kann, und sie ist auch nicht so schön neutral wie das Individuum. Die Masse ist weiblich, und damit sie nicht zur Gefahr wird, muss sie kontrolliert und vor sich selbst geschützt werden.

Ich finde dieses Bild der „Masse“ gleichzeitig beängstigend und verlockend. Beängstigend, weil die Masse diskriminieren oder sogar töten kann, oder weil sie wegschaut, wenn diskriminiert und getötet wird. Verlockend, weil sie wohl der einzige Weg ist, das System, das sie selbst ja trägt, auch zu verändern. Eine entschlossene Masse bedeutet Macht, und jede_r kann in ihr aufgehen und dieses Gefühl teilen.

Darum ist die Masse gerade für diejenigen gefährlich, die auch ohne Masse Macht haben. Als Feministin habe ich natürlich meine ganz eigenen Vorstellungen von diesen Einzelnen und den Strukturen, die sie ermächtigen. Doch wenn ich auf die letzten hundert Jahre Feminismus zurückschaue, so muss ich auch zugeben, dass die Masse bisher noch keine Feministin geworden ist.

Nicht einmal die Masse der Frauen ist feministisch, obwohl sie von den Errungenschaften der Feministinnen profitiert. Ich muss mich immer wieder daran erinnern, dass die Suffragetten damals auch gegen Frauen argumentieren mussten, die sich selbst auf Grund ihres Geschlechtes für „nichtwahltauglich“ hielten. Das ist mein Mantra, wenn ich mich dabei ertappe, diese feministischen  Vorgängerinnen darum zu beneiden, dass sie noch große, leicht verständliche Ziele hatten, wie eben das Wahlrecht für Frauen und, bis in die 1980er Jahre hinein, eindeutig diskriminierende Gesetzestexte, die es zu verändern galt. Ich wage zu behaupten, dass die Masse dem damals hart Erkämpften heute weitestgehend zustimmt.

Ich dagegen musste letztens leider als Gleichstellungsbeauftragte ein Gespräch mit einem 19-Jährigen, betrunkenen Geschichtsstudenten führen, der noch genau einen Satz formulieren konnte, den dafür aber ständig wiederholte: „Aber DER EINZELNE MANN wird doch durch diese Regelung diskriminiert!“ [Es ging darum, bei gleicher Qualifizierung und geringem Frauenanteil Frauen bevorzugt einzustellen.] Wenn der Mann genommen würde, dann wäre das „halt so“. Leider war er zu betrunken, um zu verstehen, wie beispielhaft er gerade etwas praktizierte, das sich „hegemonialer Machtanspruch“ nennt.

Wenn ich mir jetzt aber eine Schärpe mit „Nieder mit hegemonialen Machtansprüchen“ besticke, dann wird das erstens eine lange Schärpe, und außerdem wird die Masse nicht wissen, was damit gemeint ist.

Wenn ich in Gesprächen versuche, zu erklären: Dass vieles nicht einfach nur ist, sondern geschaffen wurde. Dass es viele Strukturen gibt, die einige ermächtigen und andere unterdrücken, Strukturen, die keine Chancengleichheit bieten, sondern daran interessiert sind, die Masse möglichst homogen, also ähnlich, zu halten, um sie berechenbarer und profitabler zu machen. Dass viele das gar nicht merken, weil diese Strukturen schon von Geburt an greifen, wenn die ersten Privilegien verteilt werden und die unterbezahlte Hebamme in den meisten Fällen ein rosa oder ein blaues Schild an das Babybettchen hängt.

Wenn ich versuche, all das zu erklären, dann schau ich viel zu oft in verständnislose Augen, und ich weiß, das war grade zu abstrakt. Vor allem Menschen, die kein Problem haben, ihren Platz in der Mehrheitsgesellschaft zu finden, wollen mir viellleicht auch nicht glauben, denn „wer sich nicht bewegt, spürt auch die Ketten nicht“.

Einfacher ist da meist, sie an die Grenzen der Ketten zu führen und zum Beispiel bei der Hebamme anzufangen. Über die Wichtigkeit und den hohen Anspruch zu informieren, den dieser Beruf mit sich bringt, und die im Gegensatz dazu niedrige Bezahlung und staatlichen Erschwerungen durch die neuen Versicherungsregelungen, ist meist der erste Schritt. Das dann in Verbindung zu bringen mit extrem unterbezahlter Fürsorgearbeit und dem Hinweis, dass diese nach wie vor zum stark überwiegenden Teilen (zum Beispiel in Pflegeheimen 2011 ca. 88 Prozent, in privater Pflege mehr) von Frauen geleistet wird, ist der zweite.

Während die Feministinnen im vergangenem Jahrhundert noch Erfolge damit erzielen konnten, die Ketten zu verlängern und mehr Bewegungsspielraum zu erkämpfen, so müssen wir heute wohl die mühsame Aufgabe in Angriff nehmen, die stillstehende Masse in Bewegung zubringen. Mehr Menschen zu sensibilisieren und zu mobilisieren.

Solch einen Versuch startet das „BündnisFrauenkampftag2014“, in dem ich mitarbeite. Der Plan ist es, am 8. März 2014 möglichst viele Menschen auf die Straßen zu bringen. Viele feministische Aktionen und Kundgebungen zu haben und bei einer Großdemo in Berlin zu zeigen, dass eine Masse nicht nur weiblich, sondern auch feministisch sein kann.

Hier zum vorläufigen Aufruf: http://www.frauenkampftag2014.de/

Autorin: Katrin Wagner
Eingestellt am: 12.01.2014

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Danke für den Beitrag! Am Schluß hadere ich aber doch etwas mit d(ein)er Wortwahl.
    Denn eine Masse kann sehr wohl gegen etwas oder für etwas demonstrieren; aber eine Masse kann doch nicht feministisch sein, selbst wenn es lauter Feministinnen sein sollten, oder?

  • Karina Starosczyk sagt:

    Die Masse hat kein eigenes Gehirn und Gesicht. Es sind viele Menschen in einem vereinenden energetischen Zustand begriffen. Die Masse mag primitiv und nicht unbedingt „feministisch“ sein. Und das neutrale Individuum ist bloß eine Frace! Wenn aber eine selbst-bewusste Person aus der Masse das eigene Gehirn und Herz „einschaltet“, kann die Masse bewusst in eine bestimmte Richtung bewegt werden. Ich will hier nicht an die Hitler-Verbrechen erinnern, aber die Masse muss ernst genommen werden.

  • margarete normann sagt:

    Ich kenne keine „wissenschaftlichen“ Erläuterungen des Begriffs Masse und sehe die einzelnen sich darin bewegenden Menschen nicht als bloße Dumpfbacken. Ich kann einen Traum meiner Fräundin zitieren „Ich sitze in bunten Kleidern (gelb) mit einer grauen Männer-Masse im Bahnhof-Raum. Sie stehen dann von der schmalen Bank auf und ziehen weiter. Ich bleibe da. Ich drücke einem dieser Männer ein Stück Brot in die Hand. Die Masse verschwindet.“

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Oh Karina, du düsterst ja wieder vor dich hin…
    Mein Nachfragen aber entspringt dem Wunsch nach klarer und heller sehen
    (und d.h. letztlich auch gesehen werden; denn auch ich habe ein „gelbes Kleid“ an).

  • Katrin sagt:

    @Fidi: der Gedanke ist auch noch nicht ganz zuende gedacht (wie einiges in dem Text, aber ich sehe den auch eher als Anfang). Ich überlege eigentlich eher, wie eine „feministische Masse“ aussehen könnte, also ob lauter Feminist_innen dann auch Massendynamiken verändern würden- die Idee find ich spannend.

  • margarete normann sagt:

    „…also ob lauter Feminist_innen dann auch Massendynamiken verändern würden- die Idee find ich spannend.“

    Und ob! Nähre z. B. eine Menschen-Masse mit 3 Stück Brot und sehe dann, was passiert. Wenn Du Pech hast, gründen irgendwelche Fricks anschließend eine neue monotheistische Religion. Und was haben wir „FeministInnen“dann davon?

  • Katarina Klein sagt:

    „Ich drücke einem dieser Männer ein Stück Brot in die Hand. Die Masse verschwindet…“

  • Sabrina Bowitz sagt:

    Liebe Katrin, nur ganz kurz: Ich finde das eine sehr spannende Idee und freue mich auch über einen Bericht, wie es mit dem Projekt weiterging! Mehr Aufmerksamkeit auf das, was nicht in Ordnung ist in unserer Gesellschaft kann nie schaden!
    Schön wärs wenn es das noch in anderen Städten geben würde!
    Vielleicht lässt sich bald auch noch was für Frankfurt organisieren? Das wäre großartig!

  • Jennifer Schuto sagt:

    Liebe Katrin,
    ich muss dich mal wieder bewundern für deine Leidenschaft für dein Konzept von Gerechtigkeit die du so klug in Worte fasst… Ich wünschte es gäbe mehr wie dich, die die Zeit und Kraft die sie haben in Engagement investieren statt sich in die Masse zu fügen und diese somit zu verstärken. So ist es schließlich, jede Person die sich nicht mit der (Un)gerechtigkeit in unserer Gesellschaft auseinandersetzt und stattdessen unhinterfragt die eigenen Einschränkungen in Kauf nimmt, füttert die Mentalität der sie selbst unbewusst zum Opfer gefallen ist. Nicht jede(r) fühlt sich als Opfer, aber auf uns alle wirken Kräfte ein – Meinungen, Erwartungen, Reaktionen, Urteile – die uns auf unfaire Weise unfrei machen. Das gilt für Männer, Frauen und alle weiteren. Gerade deshalb bedaure ich zutiefst, wie von vielen FeministInnen(auch von dir) nicht der letzte (gedankliche) Schritt hin zu völliger Gleichberechtigung (dem Ausdruck völliger Gleichwertigkeit) beider bzw aller Geschlechter gegangen wird.
    Feminismus ist (wie dir bewusst ist) NICHT dasselbe wie das Streben nach völliger Gleichheit sondern allenfalls ein Element dessen. Es ist die Konzentration auf die Frauen, ihre Rechte, ihre Anerkennung. Allerdings ist schon die sprachliche Aufteilung „Feminismus“ und „Maskulinismus“ (und wir wissen ja alle was sich unter DEM Begriff alles tummelt) völlig kontaproduktiv. Viele sagen, der Feminismus ist überholt, früher war er wichtig, heut ist alles erreicht. Das ist Blödsinn, denn krass ausgedrückt war dieser Ausdruck mit seinen Implikationen nie angemessen. Frauen und Männer waren beide schon immer gefangen in ihren Rollen. Quantitativ hatten die Männer mehr Freiheiten, qualitativ muss man das an jeder Lebensgeschichte einzeln festmachen wer stärker diskriminiert war.
    Viele sehen nur die Frau die im Haushalt schuften musste, die für dumm gehalten wurde, die gebären musste. Was ist mit dem Mann der in den Krieg ziehen musste, hart sein und töten musste? Der stark und kühl sein musste, der hart arbeiten ging und die Kindheit seiner Kleinen verpasste? Der mit Prügeln erzogen wurde um kein Weichling zu werden und der erzogen wurde selber die zu schlagen die er liebt? Du weißt was ich meine.
    Auch heute, wenn du dir die Spielzeugabteilungen und Kleiderläden ansiehst: Nicht nur haben Mädchen offenbar nicht frech und wild zu sein, kein Sport und Technik und Autos und blau und braun zu mögen, nein, auch ein Junge hat keine süßen Tiere und Blumen zu mögen, nicht hübsch zu sein und sozial, hat auch keine Babypuppe zu füttern. Wer ein Kind zur Hand hat möge es gerne ausprobieren was mehr Entsetzen (keine Überteibung) hervorruft, ein Mädchen in blau oder schwarz mit Hosenträgern oder ein Junge in rosa, womöglich mit Rock und Glitzer.
    Das ist nur der Anfang. Die Formung, die Diskriminierung zieht sich durchs ganze Leben, im schlimmsten Fall sehr unglücklich, völlig gleich welches Geschlecht.
    Was ist Sexismus? Sexismus bedeutet auch, diese Tatsache zu ignorieren. Sexismus ist die Ungleichbehandlung, das Herabwürdigen oder Benachteiligung von Menschen aufgrund ihres Geschlechts. Frauen die nur für Frauen kämpfen sind so sexistisch wie Männer die nur für Männer kämpfen.

    Gegenargument: Die Männer haben ja schon die Macht. Also nun die Frauen.

    Das ist aber leider nicht ganz richtig, denn es gibt nicht DIE Männer und DIE Frauen. Es gibt die Verhältnisse, soziale Normen, starre Konzepte von Geschlechterrollen die über Jahrhunderte nicht nur von Männern gemacht und getragen wurden sondern auch von Frauen, das hast du selber richtig erkannt. Und das wichtigste: Sie wurden nicht von den HEUTE lebenden Männern gemacht, denn diese sind ebenso Opfer und Täter wie die heutigen Frauen. Die Hinterfragenden, Gechlechtergrenzen überschreitend Denkenden und Mitfühlenden, Mutigen, Selbstbestimmten, Gerechten verändern diese Gesellschaft. Die Verurteilenden, Verbohrten, Eingeschüchterten, die opportunistischen Feiglinge und ZynikerInnen, die lassen sie still stehen. Was hier schon schlimm ist und woanders die Hölle.

    Mein Fazit : Wir gegen die Masse… Das funktioniert nur wenn „Wir“ nicht Frauen sind und Frauenunterstützer, sondern wenn auch das „Wir“ frei ist von Geschlechtszugehörigkeit (und von Verweisen darauf, angefangen beim FEMinismus, ganz zu schweigen von FRAUENkampftag). Denn es geht nicht um die Vergangenheit, um Vergeltung, es geht um die Zukunft. Nur die wenigsten Frauen haben sich ausgesucht dies zu sein, keine Frau hat sich ausgesucht wen sie liebt, kaum eine Frau hat sich ausgesucht welches Geschlecht ihr Kind haben wird. Geschlecht ist Willkür, eine 50%-Chance, eine Laune der Natur. Es ist zum Spielen da, zum Verändern, zum Behalten, zum Benutzen, NICHT um uns zu definieren, zu beengen oder andere auszugrenzen.

  • Angela Melkfeld sagt:

    Bevor ich mit einem Mann schlaffen würde, müsste ich mit ihm mindst. reden können. Es ist leider nicht immer so, dass Frau mit Mann im Patriarchat reden können. Nachahmung und Täuschung sind überall vorhanden – wie ich hier in diesem Blog erfuhr.

  • ehemalige Studentin des Matriarchats sagt:

    „Frauen und Männer waren beide schon immer gefangen in ihren Rollen.“

    Und das Formulieren dieser Rollen kommt von der männlichen Feder. Im Grunde genommen haben bestimmte männliche Personen während des Aufblühens des Patriarchats vor Tausenden von Jahren die uns heute bekannten „göttlichen“ Verhaltens-Regeln für Frauen und Männer entworfen. Wie lange noch wollen wir dem Gotte des Krieges Halleluja zurufen?

  • Karina Starosczyk sagt:

    An die ehemalige Studentin des Matriarchats: Dem Dieter Bolen werden lt. Fernseh-Sendung auch diese Zurufe „Halleluja“ zugemutet! Und die Kandidaten kommen in die Sendung (angeblich) „freiwillig“ dahin! Aber Spass bei Seite: „Meines Erachtens ist es an der Zeit, die übertriebenen Weiblichkeit, die den Frauen dieser Generation als Ideal vermittelt wird, in Frage zu stellen. Das muss einerseits durch eine Kritik am Wiederaufleben des biologischen Determinismus geschehen, , der uns einredet, Gene und Hormone legten uns unausweichlich auf die traditionellen Geschlechterrollen fest…“

  • ehemalige Studentin des Matriarchats sagt:

    Während des Studiums bei Alma Mater war es sehr wichtig zu begreifen, dass Hexen-Verfolgungen systemimmanente Werkzeuge waren, um Frau unter den Schuh der patriarchalisch überzeugten Männer zu kriegen. Es ist wichtig, das Selbst-Bewusstsein der Frau zu stärken, um das Patriarchat schnell wie möglich endgültig zum Ende zu bringen.

  • ehemalige Studentin des Matriarchats sagt:

    Wie lange noch: http://www.youtube.com/watch?v=KjmVSNrcRT0?

  • Karina Starosczyk sagt:

    Die Presse, die Tag für Tag Geld den Herausgebern bringen muss, verbreitet Thesen und Anti-Thesen zu bestimmten Themen, die den Herausgebern und seinen Abnehmern passen müssen. Natasha Walter formuliert im Bezug auf Melissa Hirnes: „In den Medien herrscht derzeit der Trend, Geschlechtsunterschiede als biologisch determiniert zu sehen .. Die Art, in der das geschieht, flößt mir Unbehagen ein, denn wir Wissenschaftler schaffen es im Grunde nicht, ein ehrliches und korrektes Gespräch mit den Leuten zu führen. Zeitungen und Zeitschriften versuchen, nur einen Standpunkt zu verkaufen.“ – So meine ich es, wenn ich wut-entbrannt um mich herum posaune: „Alles dreht sich hier im Grunde nur um Geld und es ist nicht gut für den Menschen! Da mischt sich auch Trauer ein. Patriarchat lebt schließlich von Kriegen um knappenRessourcen.“

    Die „wissenschaftlichen“ Thesen, die besagen, dass Frauen sich für Mathe nicht eignen, bezeichnet die Autorin einfach als absurde Voreingenommenheit. Sie liefert eine ganze Menge von Studien an, die andere Meinung vertreten als der biologische Determinismus. Sie hinterfragt diese deterministische Auffassung und äußert ihre Bedenken diesbezüglich, dass alle Frauen und Männer direkt nach der Geburt über einen Kamm geschert werden. Die Theorie der angeborenen Unterschiede zwischen Männern und Frauen nimmt an, dass der Unterschied zwischen den Geschlechtern in Verhalten und Denken – wohlgemerkt: in Verhalten und Denken – schon am ersten Tag der Existenz des Babys auf der Welt feststellbar ist. Ist es nicht absurd? Auf jeden Fall kriegen die Kinder im Sinne des biologischen Determinismus je nach Geschlecht „blaue oder rosige“ Kleidchen.

    Wenn die menschlichen Wesen sofort nach der Geburt in blaue oder rosige Kerker eingesperrt werden, können sie sich nicht frei entwickeln. Klar, dass wir Frauen uns von den Männern biologisch unterscheiden. Dazu brauchen wir nicht großartige Studien zu finanzieren, um dies als Bewiese geliefert zu bekommen. Wir unterscheiden uns voneinander natürlich innerhalb der Gesellschaft, wo wir zur Welt als Jungs oder Mädchen kommen. Es erwarten uns auch unterschiedliche ERWARTUNGEN der Angehörigen dieser Gesellschaften. Nicht alle Menschen haben die gleichen Eltern mit gleichen Erwartungen.

    Die Lebens-Bedingungen der weiblichen und männlichen Menschen sind im Patriarchat sind auf jeden Fall unterschiedlich: Mindestes kriegen Frauen nach der Geburt den Rosa-Kerker und Männer kriegen den Blau-Kerker zugewiesen. Wie schön und sinnvoll wäre das Farben-Spiel in anderen Zusammenhängen. Was mich bei diesen gegebenen Absurditäten positiv einstimmen lässt, ist folgendes: Innerhalb des großen Durcheinanders um die Geschlechter-Unterschiede gibt es halt eine große Vielfalt an Variationen.

    Möglicherweise versucht im Falle des Determinismus ein als Kind nicht ernst genommener Wissenschaftler – normal in unserer Gesellschaft – sein eigenes vermurkstes Ego aufzubauen, indem er mittels blauer und rosiger Kerker die natürliche Welt einzuengen versucht. Nun, es gibt auch Wissenschaftler, die andere Thesen vertreten. Dass die Presse und die so und nicht anders eingetrimmte Wissenschafts-Gemeinschaft oft die zahlreichen anderen Thesen nicht mal zu thematisieren bereit ist, ist für eine Feministin im Patriarchat nachvollziehbar. Eine nach blau und rosa aufgeteilte Welt des Patriarchats bleibt allerdings nicht ewig lebensfähig – sehe: http://youtu.be/UwUDfivBwFU

  • ehemalige Studentin des Matriarchats sagt:

    Ja Karina. Und diese „Gene und Hormone“ funktionieren nach den Annahmen des biologischen Determinismus im Sinne der einfluss-reichen Männer im Patriarchat. Per Geschlecht, das die Frauen als Haushalts-Hähne prädestiniert und Männer als erfolgreiche Denker begreift – sollen diese „Hähne“ ihr Bestes geben und sich „natürlich“ ausnutzen lassen. Merkst Du wie viel Wut in mir steckt?

  • margarete normann sagt:

    Ich lese auch in diesem Buch: „Hand in Hand mit der Theorie, die Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen Verhalten seien hormonell bedingt, geht eine weitere biologisch orientierte Theorie. Dieser zufolge liegt der Beweis dafür, dass uns so unterschiedliche Rollen vorbestimmt sind, in physischen Unterschieden zwischen weiblichem und männlichem GEHIRN liegt.“

  • ursula Knecht sagt:

    Ich erzähle euch, was meiner Freundin Zita widerfuhr, einer Feministin mit Herz, Hirn und Hand, die auch in der Aidshilfe Schweiz engagiert ist:
    1984 tagte die „Zürcher Handelskammer“, Wirtschaftskapitäne, im Nadelstreifenanzug, in der Tonhalle Zürich, einer der besten Adressen am Ort. Als Gastredner war Franz Josef Strauss (Gott hab‘ ihn selig oder auch nicht) eingeladen. Kurz zuvor hatte Strauss verlauten lassen, HIV-Infizierte sollten tätowiert und interniert werden. Nun wissen wir, dass exakt diese Nadelstreifenmänner zur Verbreitung von Aids beitragen. Die AktivistInnen in Zürich beschlossen, diese Männer aufzuklären, auch im Interesse ihrer Ehefrauen. Die ursprüngliche Idee, ihnen beim Eingang zur Tonhalle Präservative zu verteilen, wurde von den Männern in der Aidshilfe-Gruppe als zu heftig verworfen. Also wurden Flugblätter gedruckt. Die Tonhalle war weiträumig abgeriegelt und von Polizisten in Vollmontur gesichert. Zita, darauf bedacht, keine Eskalation zu bewirken, ging langsam und freundlich mit Flugblättern in den Händen auf den Einsatzleiter zu. Der brüllte: „Lösen Sie sich auf, lösen Sie sich sofort auf!“ Zita schaut sich verwundert um, wer sich denn da auflösen solle. Der Einsatzleiter doppelte nach: „Ab 5 sind Sie eine Masse!“ Es war ein Grüppchen von insgesamt 8 AktivistInnen, je 4 an den beiden Eingängen zur Tonhalle, die Flugblätter verteilten.
    Seither wissen wir, dass wir (fast) immer an Massen-Veranstaltungen und Massen-Demos teilhaben.
    Liebe Berliner Aktivistinnen vom BündnisFrauenkampftag2014 seid unbesorgt, ihr werdet eine Masse sein! Mit frohen Grüsse aus Zürich von Ursula

  • Antje Schrupp sagt:

    @Ursula – Was für eine tolle Geschichte. Bei dem Befehl „Lösen Sie sich auf“ hätte ich auch nicht sofort verstanden, was ich tun soll 🙂

  • Fidi Bogdahn sagt:

    @Antje, nicht auszudenken, wenn du nicht verstehend gehandelt hättest und dich aufgelöst hättest… du würdest mir hier massiv fehlen!

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