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„Mehr Stolz, ihr Frauen!“

Von Jutta Pivecka

18 Jahre war Imke Meyer Frauenbeauftragte der Stadt Hanau. Welche Erfahrungen möchte sie weitergeben? Welche Erfolge konnte sie verbuchen, welche Rückschläge musste sie hinnehmen? Was sind aus ihrer Sicht die wichtigen frauenpolitischen Themen in Gegenwart und Zukunft? Ein Gespräch.

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Nach mehr als anderthalb Jahrzehnten als Frauenbeauftragte der Stadt Hanau wird Imke Meyer am 29. Januar 2014 im Rahmen einer Veranstaltung unter dem Titel „Frauenpolitik – von heute in die Zukunft gedacht“ verabschiedet. Im Dezember 2013 führte ich mit ihr ein Interview über ihre Arbeit und die Perspektiven des Feminismus aus ihrer Sicht.

Imke Meyer hat Politikwissenschaften studiert. Wie viele ihrer Generation war sie zunächst überzeugt, dass „eine Frau, wenn sie es will, alles hinkriegen kann“. Die Gleichberechtigung schien in vielen Lebensbereichen verwirklicht. Schon im Studium, mehr noch aber später in der Arbeitswelt fiel ihr jedoch auf, wie Beiträge von Frauen nicht aufgegriffen wurden, wie die Geschichte der Frauen auch in linken politischen Gruppierungen aus dem kollektiven Gedächtnis gestrichen wurde und ihr Beitrag zum Beispiel zum antifaschistischen Widerstand unerforscht blieb. Später, als Geschäftsführerin des Ausländerbeirates, begegnete sie diesem Verhalten bei männlichen Politiker immer wieder. Imke Meyer betont, dass es aus ihrer Sicht hierbei kaum einen Unterschied zwischen den verschiedenen Nationalitäten gibt: Überall werden immer wieder und bis heute Beiträge von Frauen ignoriert oder als weniger bedeutsam abgetan.

Als daher 1995 die Stelle einer Frauenbeauftragten der Stadt Hanau ausgeschrieben wurde, bewarb sie sich sofort: „Das hatte etwas mit mir zu tun.“ Hessische Städte sind nach der HGO seit 1990 verpflichtet, Frauenbeauftragte zu beschäftigen und seit 1993 nach dem Hessischen Gleichberechtigungsgesetz zusätzlich für die Verwaltung eine interne Frauenbeauftragte einzustellen. Imke Meyer erinnert sich: „Niemand in der Verwaltung wollte die Frauenbeauftragten.“ Es sei am Anfang sehr schwierig gewesen, die Beteiligungs- und Mitspracherechte in der Realität einzufordern. Die Widerstände in den Verwaltungen seien damals groß gewesen. Die Ängste der bis dahin dominierenden Seilschaften waren dabei auch keineswegs unbegründet, denn eine aktive und selbstbewusste Frauenbeauftragte wie Imke Meyer pfuscht deren Planungen immer wieder „gehörig ins Zeug“. Sie erzählt, dass sie  lernen musste, Anfeindungen nicht auf ihre Person zu beziehen, sondern auf ihre Aufgabe. Das sei ihr gerade am Anfang nicht leicht gefallen. Das Mitspracherecht der Frauenbeauftragten bei Einstellungs- und Beförderungsverfahren rüttelte am Selbstverständnis vieler männlicher Vorgesetzter. Damals sei es noch üblich gewesen, Frauen herunter zu gruppieren, wenn sie Kinder bekamen und nach der Familienarbeit auf eine Teilzeitstelle gingen. Eine Frauenbeauftragte, die es sich zur Aufgabe machte, die Karrierechancen von Frauen mit und ohne Kinder zu befördern, stellte eben auch das Lebenskonzept von männlichen Führungskräften, die in einer „Hausfrauenehe“ leben, in Frage.

Ein wichtiges Projekt in Imke Meyers Amtszeit war das „Come Back-Programm“, das sie für die Verwaltung der Stadt Hanau auf den Weg brachte. Sie passte ein ähnliches Konzept, das sie von der Commerzbank kannte, auf die Hanauer Verhältnisse an. Frauen erhielten so ein  Mitspracherecht, falls sie nach ihrer Rückkehr aus der Familienphase versetzt werden sollten. Sie bekamen die Möglichkeit und das Recht auch während dieser Zeit an Qualifikationsmaßnahmen teilzunehmen. Das Programm wurde ergänzt und erweitert durch ein „Audit: Beruf und Familie.“ Für Frauen, berufstätig und/oder mit Care-Arbeit belastet, sei Zeit das größte Problem, stellt Imke Meyer fest. Alternierende Telearbeit und flexiblere Formen der Teilzeitarbeit wurden eingeführt. Wichtig war Imke Meyer dabei immer, dass die Flexibilisierung der Arbeitszeit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mehr Zeitsouveränität bringt. Keineswegs dürfe es allein darum gehen, die Arbeitskräfte nur noch flexibler den betrieblichen Abläufen anzupassen.

Dieses Audit Beruf und Familie entstand aus der Diskussion „Zeiten der Stadt“. Diese Idee hatte Imke Meyer aus Italien übernommen und ins Frauenplenum eingebracht.  Eine frauengerechte Stadt müsse eine Stadt sein, die zeitbewusst geplant werde. Daraus entstand der Titel des Projektes: „Hanau – zeitbewusste Stadt“. In einer breit angelegten Untersuchung wurden Hanauerinnen  befragt, wie sie ihre Zeit in der Stadt verbringen, welche Wege sie zurücklegen, welche Verkehrsmittel sie benutzen, welche Verbesserungsvorschläge sie haben. Es wurden ausschließlich Frauen befragt, da ihre Mobilität wesentlich komplexer ist als die der Männer. Dafür, dass Frauen unter mehr „Zeitstress“ leiden als Männer, gibt es viele verschiedene Gründe: Frauen sind häufiger als Männer auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen, häufiger als Männer betreuen sie Kinder und ältere Angehörige. Aus der Befragung entstanden verschiedene Initiativen: Es ging um eine bessere Abstimmung des  öffentlichen Nahverkehrs, um die Bereitstellung von Haltestellen auf Zuruf, um Sammeltaxen, um flexiblere Öffnungszeiten in der Verwaltung, den  Kindertagesstätten, aber auch von Handwerkern_innen und Arztpraxen, um die Gestaltung der Arbeitszeiten in Hanauer Betrieben, um die Organisation von „Zeitbrücken“ durch Ehrenamtliche nach 17.00 Uhr, die kurzfristig die Betreuung von Kindern übernehmen konnten. Aus dem Projekt ging das „Bündnis für Familien“ in Hanau hervor. Ein „Familienfreundlicher Wegweiser für Hanau“ entstand. Imke Meyer betont: „Es ging mir nicht um Zeitmanagement, sondern um die Gestaltung von Zeit.“

Die Unterschiedlichkeit von Frauen in verschiedenen Lebenssituationen,  verschiedenen Alters und verschiedener kultureller Prägung in der Stadt sichtbar zu machen und  ihre Anliegen in politisches Handeln zu übersetzen, begriff Imke Meyer über all die Jahre als ihre Aufgabe. Seit 1995 gibt es das Frauenplenum in Hanau, in dem Frauen aus vielen gesellschaftlichen Gruppierungen und Initiativen sich austauschen und gemeinsame Projekte planen. Hanau ist eine Stadt mit einem hohen Anteil von Migrantinnen und Migranten. Imke Meyer war die Beteiligung dieser Frauen wichtig am Frauenplenum immer besonders wichtig. Ein psychosozialer Ratgeber für Migrationen wurde gedruckt. Vehement setzt sich Imke Meyer auch dafür ein, junge Frauen mit Kopftuch am Arbeits- und Ausbildungsmarkt nicht zu benachteiligen.  Dadurch, dass Unternehmen sich nicht scheuen, Frauen, die ein Kopftuch tragen, als Reinigungskräfte einzustellen, aber nicht die gut ausgebildeten auf qualifizierte Arbeitsplätze, seien sie mitverantwortlich für das Vorurteil gegenüber Kopftuch tragenden Frauen als „bildungsunfähige“ Gruppe.

Das Gespräch mit Imke Meyer macht mir zweierlei klar: Wie viel erreicht werden kann, wenn Frauen sich engagiert und selbstbewusst für ihre Anliegen einsetzen, aber auch, dass jeder Fortschritt verteidigt werden muss, dass keine Errungenschaft als selbstverständlich angesehen werden kann. Denn davon erzählt Imke Meyer auch immer wieder: Wie mühsam es ist, das einmal Erreichte zu verteidigen, wie schnell Verabredungen in Vergessenheit geraten oder Initiativen einschlafen können, wenn sich keine mehr darum kümmert. Während es viele Verbesserungen bei der rechtlichen Gleichstellung von Männern und Frauen gibt, braucht der Mentalitätswandel viel Zeit. Noch immer beobachtet Imke Meyer, dass die Last der Familienarbeit, der Pflege und Betreuung kranker Angehöriger weitgehend auf den Schultern der Frauen ruht. „Männer verspüren kaum einen Leidensdruck“, sagt sie, um gesellschaftliche Strukturen zu verändern und andere Bilder von Männlichkeit zu entwickeln. Deshalb gelte nach wie vor: „Frauen brauchen eine eigene Existenzsicherung.“ Da sie häufig nur geringfügig oder lückenhaft erwerbstätig seien, komme auf viele Frauen die Altersarmut zu.

Es gibt genug zu tun für die Nachfolgerinnen. Noch immer ist es keineswegs eine Selbstverständlichkeit, dass die Anliegen von Frauen, ihre Verdienste und Probleme in Öffentlichkeit und Politik angemessen wahrgenommen werden. Imke Meyer kann viele Anekdoten darüber erzählen, wie häufig sie in ihrer Arbeit auf eine unglaubliche Ignoranz und Unkenntnis stieß, wenn sie sich dafür einsetzte, Frauen sichtbar zu machen. Für ein Neubauviertel in Hanau, das auf dem Areal einer ehemaligen US-amerikanischen Kaserne entsteht, kam die Idee auf, alle Straßennamen nach Migrantinnen zu benennen, die aus Deutschland nach den USA ausgewandert sind oder nach Frauen, die Verdienste um die Demokratie in Deutschland haben. In der Diskussion hierzu  in einem städtischen Ausschuss taten sich Abgründe auf: Einem Mitglied der SPD sagte der Name Elisabeth Selbert nichts, andere kannten Hannah Arendt nicht. Die eigene Unkenntnis galt dann, wie immer wieder, wenn es um die historischen Verdienste von Frauen geht, als Beweis, dass es halt keine hinreichend bedeutenden Frauen gibt, nach denen sich Straßen benennen ließen. Den Vogel allerdings, berichtet Imke Meyer, schoss eine Abgeordnete der FDP ab. „Da versündigen wir uns doch an der nachfolgenden Generation junger Männer“, behauptete die. Und außerdem sei es unzumutbar, wenn zukünftige Bewohnerinnen und Bewohner des Viertels sich nachsagen lassen müssten, sie wohnten im „Frauenviertel“

Am Ende unseres Gespräches will ich wissen, was Imke Meyer nach all den Jahren am Wichtigsten ist. Sie überlegt kurz. Vor allem, sagt sie, habe sie gar keine Lust mehr auf die ideologischen Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Richtungen im Feminismus. Sie wünscht sich mehr Solidarität unter den Frauen und zitiert Hedwig Dohm: „Mehr Stolz, ihr Frauen!“

 

 

Autorin: Jutta Pivecka
Redakteurin: Jutta Pivecka
Eingestellt am: 28.01.2014
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Ute Plass sagt:

    Großes Danke an Imke Meyer für ihr großartiges Tun.

    Ich werde „Mehr Stolz, ihr Frauen!“ sogleich an meine Töchter, Söhne, Freundinnen, Bekannten……weitergeben.

  • Elfriede Harth sagt:

    Danke fuer diesen Bericht. Sehr ermutigend zu sehen, dass es sich lohnt, sich einzusetzen. Ein Beispiel muessen wir uns an ihr nehmen!

  • Sabrina Bowitz sagt:

    Liebe Frau Meyer, auch von mir ein großes Danke für Ihren Einsatz! Das hat mich direkt überzeugt auch mehr in die Richtung Frauenförderung zu gehen.
    „Deshalb gelte nach wie vor: „Frauen brauchen eine eigene Existenzsicherung.“ Da sie häufig nur geringfügig oder lückenhaft erwerbstätig seien, komme auf viele Frauen die Altersarmut zu“
    Das sehe ich auch immer wieder, dass die finanzielle Grundlage für jeden Menschen wichtig ist, insbesondere aber für Frauen.
    „Noch immer ist es keineswegs eine Selbstverständlichkeit, dass die Anliegen von Frauen, ihre Verdienste und Probleme in Öffentlichkeit und Politik angemessen wahrgenommen werden“ Das hier ärgert mich bis heute! Wenn Seiten wie fembio.org und andere zeigen, wie viele Frauen es gegeben hat, die etwas geändert haben und sich einsetzten, was einem alles nie erzählt wird, dann ist das unglaublich.
    Auch ein Buch wie 1000 Frauen hat mir das klar gemacht.
    Ich bin dann oft sehr wütend, dass alles nur einseitig
    erzählt wird, gerade im Geschichtsunterricht. Frauen
    stehen immer als die ewigen Außenstehenden da und
    Opfer und das finde ich schade.
    Ich hoffe, dass sich das ändern wird!
    Denn es gab immer und gibt engagierte und politisch wirkende Frauen, sowohl im Privaten wie in der Öffentlichkeit!
    Ich glaube, dass in diesem Nicht- Wahrgenommen werden und Nicht-Ernstgenommen werden eine Chance liegt nämlich die, dass Frauen außerhalb der „Gesellschaft“ auffällt, was in dieser Gesellschaft passiert, was die Normen sind. Und Frauen können ihr ständiges Sich-selbst-hinterfragen, was ich von vielen kenne, für sich nutzen! Daraus eine Stärke entwickeln, auch aus diesem Außerhalb-Stehen, in dem dadurch eigene Positionen, Sichtweisen, Finanzierungsmöglichkeiten und ein eigenes Leben entsteht.
    Wenn das nichts ist?
    Ich wünsche mir, dass das mehr Mädchen und jungen Frauen
    vermittelt wird, dass sie dadurch eine riesige Chance
    haben und dass sie das Leben für sich besser gestalten
    können! Dass es wichtig und nötige ist, sich einzusetzen
    für die Rechte der Frauen, damit sich die Welt verändern
    kann und es die nächsten Mädchen und Frauen leichter
    haben!

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