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„STAY-AT-HOME-MOM“ – ein (weiblicher) Lebensentwurf

Von Leslie Barnett

Leslie Barnett ist 29 Jahre alt und lebt mit ihrer Familie in Texas. In wenigen Tagen erwartet sie ihr drittes Kind. Sie hat sich entschieden,  “Vollzeit-Mutter” und Hausfrau und daher zunächst nicht erwerbstätig zu sein. Das ist ein Lebensentwurf,  für den sich junge Frauen heutzutage häufig rechtfertigen müssen. In diesem Beitrag berichtet Leslie, wie es dazu kam und warum sie diese Entscheidung für richtig hält.

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Die Entscheidung “Vollzeit”-Mutter zu werden, fällt nicht jeder Frau leicht. Für mich jedoch war klar, dass ich mit meinen Kindern zu Hause bleiben möchte. Mein Mann und ich haben im Juni 2008 geheiratet und da er Soldat in der US-Armee ist, dauerte es auch nicht lange bis der Marschbefehl vorlag und wir nach Fort Benning, Georgia berufen wurden. Für mich bedeutete das, mein Studium (Lehramt für die Haupt- und Realschule in Frankfurt) abzubrechen, meinen Nebenjob aufzugeben und mich von Freunden und Familie in Deutschland zu verabschieden.

In Georgia angekommen, begann ich – nach Erhalt der Greencard  -, mich nach einem Job umzusehen. Ich konnte natürlich keinerlei Referenzen und Erfahrungen in den USA vorweisen und blieb daher mit meiner Suche erfolglos. Im Dezember kam dann die große Nachricht:  “Wir erwarten unser erstes Baby”. Von diesem Zeitpunkt an war für mich klar: “Ich bleibe zu Hause!” 2009  wurde mein Mann nach  Missouri versetzt.  Dort überlegte ich, wieder zu studieren, dieses Mal aber Online von zu Hause aus, um bei meinem Sohn bleiben zu können. Kaum hatte ich den Entschluss gefasst, war aber schon Baby Nummer zwei unterwegs und ich bekam kalte Füße. Im Januar 2012 wechselten wir erneut den Standort: Auf nach Texas! Ich hatte den Plan zu studieren noch längst nicht aufgegeben, aber da ein Studium in den USA auch sehr teuer ist, musste ich mich auch mit der Finanzierung auseinandersetzen.  Im Mai 2013 erfuhren wir, dass mein Mann beruflich für 9 Monate weg muss und zeitgleich, dass Baby Nummer drei auf dem Weg ist. Dieses Mal nahm ich mir fest vor meine Studienwünsche nicht hinten anzustellen und endlich anzufangen. Im selben Jahr noch begann ich mit meinem Onlinestudium (Bachelor im Health Services Management). Falls es mal dazu kommt, dass ich arbeiten gehen müsste oder auch möchte, muss ich dann nicht zu einem Mindeststundenlohn von ca $7 arbeiten.

Für mich als Ehefrau eines Soldaten wäre es undenkbar, einen Vollzeitjob anzunehmen, da ich von meinem Mann nicht viel Unterstützung im Haushalt und bei der Kinderbetreuung erwarten kann, weil er, wenn er nicht gerade weg ist, bis zu 15h am Tag arbeitet. Der ständige Wechsel von Wohnorten würde es mir schwer machen, Fuss zu fassen in einem Job. Abgesehen davon, bin ich für meine Kinder die einzige Stabilität in ihrem Leben, da mein Mann (wie auch momentan) öfter für Monate weg muss und ich in diesem Fall nicht nur Mama, sondern auch Papa bin! Kindergartenplätze sind hier in den USA sehr teuer, so würde uns für ein Kind der Ganztagsplatz circa zwischen $400 und $500 kosten, die Betreuung des zweiten Kindes wäre dann günstiger. Dennoch stellt sich die Frage: Wie hoch müsste mein Gehalt sein, damit sich eine Erwerbsarbeit wirklich lohnt? Auf Unterstützung durch die Familie können wir im Alltag nicht zählen, da meine Schwiegerfamilie ca. 24 Autostunden von uns entfernt wohnt.

Abgesehen vom wirtschaftlichen Aspekt  ist die Erziehung meiner Kinder die größte Herausforderung meines Lebens und ich möchte nicht, dass diese von jemand anderen übernommen wird. Jeder Mensch erzieht seine Kinder anders und jeder Mensch nimmt Kinder anders wahr. Wie oft hört man kinderlose Menschen sagen:  “Also, wenn ich mal Kinder habe, dann…” oder “Meine Kinder würden so etwas nie machen…” oder wie oft muss man anderen Erwachsenen auch erklären, dass Kindern für viele Dinge das Verständnis noch nicht haben. Ich würde mir von der Gesellschaft mehr Verständnis gegenüber Kindern wünschen und auch gleichzeitig mehr Anerkennung für die Mamas, die sich dafür entscheiden, daheim zu bleiben, denn das Zuhausebleiben mit den Kindern ist nicht immer Sommer, Sonne, Sonnenschein.

Autorin: Leslie Barnett
Redakteurin: Jutta Pivecka
Eingestellt am: 21.01.2014
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Liebe Leslie Barnett,
    vielen Dank für diesen Beitrag. Freilich muss jede Frau ihr Leben so leben wie sie es für richtig hält, aber ich bin auch bei meinen Kindern zu Hause geblieben und heute, da meine Ehe nach 30 Jahren gescheitert ist und ich große Angst habe vor dem Alter(obwohl ich schon 60 bin) sage ich wenn ich an mein Leben denke: Das beste waren und sind meine Kinder und ich bin so froh das ich jedes Lachen, jeden ersten Schritt und jeden Kummer erlebt und mitgetragen habe. Meine drei Söhne sind nun 28, 26 und 22 Jahre alt und ich bin stolz auf sie und glücklich das ich sie habe. Sie waren jedes Opfer wert.

  • wildgans sagt:

    Liebe Leslie, Ihre Entscheidung verdient jeden Respekt!
    Anders ist es bei mir gelaufen und im Rückblick sage ich, es war gut! Bin im Alter meiner Vorkommentatorin, habe drei erwachsene Kinder und war immer als Lehrerin tätig. Wir hatten Au-pairs oder Kinderfrauen, so lange es nötig war. Meist klappte es, bis auf einmal, wo ein Mädchen aus Finnland zu viel Heimweh hatte. Immer war es für alle eine Bereicherung, denn die Kinder lernten von jeder was Anderes, wurden von Anbeginn für die Welt offen, sage ich mal so. Die Tochter lebt nun in Georgia, wollte das von Kind an, die Söhne leben hier in der Nähe, wollten das ebenfalls von Kind an.
    Die Tochter erzählt mir, wie schwierig es in den Staaten sei, vor allem, wie ungemein teuer, dass man dort richtig gut für seine Kinder sorgen kann!
    Insofern finde ich es prima, wie Sie es tun!

  • birgit sagt:

    kicher hier kommentiert die generation der 60jährigen
    hej. du machst das ganz prima
    lass dir von niemand ein schlechtes gewissen einreden
    und bleib bei deinen kindern so lang das nur irgendwie geht
    ich hatte eine mutter zu hause aber fand es unwürdig wie sie um jeden pfennig bitten musste
    deshalb wollte ich arbeiten gehen
    dann musste ich weil mein mann arbeitslos blieb
    aber rückblickend habe ich eine menge versäumt
    mit allen guten wünschen
    lg birgit

  • claudia l. sagt:

    Hallo liebe leslie,gut,dass du weißt,was dein momentanes begehren ist und nicht dem trend „super frau“ anhängst.Ich habe zwei kinder und war krankenschwester ,habe immer irgendwie gearbeitet ,mal vollzeit mal teilzeit,stress ohne ende .Jetzt bin ich „in rente“ und nach der rentenreform habe ich 600 euro. Wenn ich nicht verheiratet wäre könnte ich nur schwer auskommen.Mittlerweile leide ich unter arthrosen,durch die ewige körperliche überanstengung im nacht und schichtdienst,denn das war familienverträglich.Erst jetzt bei meinen enkelkindern sehe ich ,wie sehr man kinder auch geniessen kann.

  • claudia l. sagt:

    nachtrag :Ich denke wir müssen uns heute andere familienkonzepte ausdenken,wenn wir mit kinder leben und auch arbeiten wollen.liebe grüße

  • … wenn das nicht ein Paradebeispiel für den Wahnsinn des, derzeit präferierten, patriarchalen Lebenskonzept ist!
    Die von ihrer Herkunft abgehängte Frau und ihre Kinder folgen dem Mann, wohin ihn auch immer das System schickt… es ist inzwischen eine so was von unhinterfragte und dabei abstruse und nicht artgerechte Art den eigenen Nachwuchs aufzuziehen.

    Und wie schreibt diese junge Mutter noch: „Ich würde mir von der Gesellschaft mehr Verständnis gegenüber Kindern wünschen“…

    Also ich würde mir lieber eine andere Gesellschaft wünschen, in der es zum Selbstverständnis gehört, dass Mütter und ihre Kinder den Anschluss an die Geborgenheit ihrer mütterlichen Herkunftsbindung nicht mehr verlieren…

  • margarete normann sagt:

    Ich habe mich anders entschieden als die hier zitierte junge Frau. Vorab: Ich finde es richtig und wichtig, dass nicht nur Frauen ihre Lebens-Entwürfe in die Praxis umsetzten (versuchen). Von der Vielfalt – wie in diesem Film begreiflich gemacht wurde: http://youtu.be/UwUDfivBwFU – lebt die Welt.

    Mit einem Kind und einer Mutter, die mir Hilfe leistete, entschloss ich mich, mein Frau-Sein anders zu gestalten als diese Frau hier. Ich habe kurz nach der Entbindung mit dem Lernen angefangen. Ich sah mir u.a. das „universitäre Zoo“ von der inneren Perspektive an – grässlich! Ich studierte mit Kleinkind und habe keine gute Mutter-Rolle abgeliefert. Und es war auch richtig so.

    Aus dem zitierten Buch: „Die Forscherinnen stellen die These auf, dass der Fortbestand männlicher und weiblicher Stereotype Menschen zu der Annahme verleitet, finanzielle Mittel sollten asymmetrisch zugeteilt werden. Das bedeutet, dass Frauen unangemessen anspruchsvoll wirken können, wenn sie mehr Geld für sich herauszuschlagen versuchen. So geraten Frauen in einen Teufelskreis, in dem es ihnen nicht zu verhandeln gelingt, und sie fallen statusmäßig zurück.“

    Meine Mutter hat sich in ihrem Leben entschieden, ihren weiblichen und männlichen Kindern die gleichen Lebens-Chancen mit geschlechts-undifferenzierten Ansprüchen ihrerseits anzubieten. – Danke Mama.

  • Jutta Piveckova sagt:

    Den Artikel von Leslie habe ich redaktionell betreut. Ich finde und fand ihn wichtig, weil ihre Entscheidung quer steht zu dem, was heutzutage als „Leitbild“ für junge Frauen gilt: berufstätig sein, möglichst eine „kleine“ Karriere machen, Kinder nicht vor 30 etc.pp. Ich habe auf Facebook mitbekommen, wie sie sich für diesen Lebensentwurf vor Gleichaltrigen rechtfertigen muss und auch, wie wenig Verständnis für die Alltagssorgen von jungen Müttern manchmal die gleichaltrigen jungen Frauen aufbringen, die in deren Tätigkeit keine „Leistung“ sehen und sich voll mit der „Leistungsgesellschaft“ identifizieren.

    Selbst habe ich mich anders als Leslie entschieden: Mir war es immer wichtig „mein eigenes Geld“ zu verdienen. Auch habe ich, muss ich zugeben, niemals genügend persönliche Befriedigung und Anerkennung aus der Hausarbeit ziehen können (in der ich auch nicht besonders „gut“ bin). Auch im Rückblick glaube ich, dass meine Entscheidung, immer (z.T. Teilzeit) berufstätig zu sein, für mich richtig war. Ich wäre als „Vollzeit-Hausfrau“ nicht glücklich gewesen. Andererseits habe ich auch einen Preis bezahlt: An die Jahre, als meine Kinder klein waren, erinnere ich mich vor allem als stressig und überlastet. Ich habe das Zusammensein mit den Kindern nur selten richtig genießen können, Muße gar nicht mehr gekannt.

    ich glaube nicht, dass es unter den gegenwärtigen Bedingungen einen „Königinnenweg“ gibt, wenn eine Frau sich für Kinder entscheidet: Weder die Kombination aus „Teilzeit“-Erwerbstätigkeit und „Teilzeit-Mutter“, noch die klassische „Hausfrauen-Ehe“, noch die „Vollzeit-Karriere-Erwerbstätigkeit“ + eingekaufte Dienstleistungen stellen ein rundum befriedigendes Modell dar. Frauen können aber nicht warten bis Verhältnisse eintreten, die ideal sind, wenn sie Kinder wollen.

    @Stephanie Ich teile den Wunsch nach einer „anderen Gesellschaft“, aber ich glaube nicht an eine „artgerechte“ Kinderbetreuung. Es wird immer Ergebnis einer gesellschaftlichen und einer individuellen Verhandlung zwischen den betroffenen Menschen sein, wie die Aufgabe der Kinderversorgung und -betreuung gelöst wird. Ich persönlich wünsche mir dabei auch aktive Väter.

    Antje Schrupp hat vor einiger Zeit hier einen Text über „Liebe, Souveränität und Handeln“ veröffentlicht, in dem es auch darum ging, dass jede Liebe „einen Preis“ hat. Ich denke, dass für Leslie der Verlust „der Geborgenheit ihrer mütterlichen Herkunfstbindung“, wie Du schreibst, sehr spürbar ist und sie sich dessen durchaus bewusst ist (Sie hat hier auch nicht ihre ganze Familiengeschichte dargestellt, die ja auch privat ist.). Es ist ein Preis, den sie sich entschieden hat, zu zahlen, weil sie diesen Mann liebt und mit ihm eine Familie gründen wollte.

    Sicher kommt es häufiger vor, dass Frauen ihre Herkunftsfamilien aufgeben als Männer, wenn sich heterosexuelle Paare finden und Familien gründen. Das hat gesellschaftliche Ursachen, über die wir nachdenken müssen und die wir ändern können. Andererseits: Es gibt immer einen individuellen Spielraum, den wir uns und den anderen zubilligen sollten. Auch wenn sich eine Frau gegen das Leben mit einem Mann, den sie liebt, entscheidet, zahlt sie einen hohen Preis.

    Freiheit besteht eben nicht daran, einfach „zu machen, was ich will“, sondern unter den Abhängigkeiten und Beziehungen zu wählen, die ich eingehen kann. Da gibt es, denke ich, kein „Richtig“ oder „Falsch“ und auch kein „artgerecht“.

  • ehemalige Studentin des Matriarchats sagt:

    Es gab und gibt Gemeinschaften, die anders lebten und leben als wir hier im Patriarchat. In matriarchalen Gemeinschaften wird die biologische Herkunfts-Linie seitens der Mutter verfolgt, um Familien-Wurzeln aufzuspüren. Falls Frauen ihre mütterliche Familie verlassen, können sie immer wieder zurückkommen. Die Regelungen der Gemeinschaft in diesen Gruppen verantwortet die älteste darin lebende Mutter.

  • Karina Starosczyk sagt:

    „Andererseits: Es gibt immer einen individuellen Spielraum, den wir uns und den anderen zubilligen sollten.“

    Ich kriege jedes Mal die Krise, wenn mir die Anderen sagen, was ich machen „soll“. Ich sehe die gesellschaftlichen Normen, die das Zusammen-Sein der Menschen gestalten versuchen als Grenz-Markierungen des Verhaltens und nicht als Soll-Ansagen!

  • margarete normann sagt:

    „Falls Frauen ihre mütterliche Familie verlassen, können sie immer wieder zurückkommen. Die Regelungen der Gemeinschaft in diesen Gruppen verantwortet die älteste darin lebende Mutter.“

    Hier und da im Patriarchat zählt das Portmonee des Vaters und seine guten bzw. schlechten Beziehungen. Ja, ich las bei Claudia von Werlhof auch über den Ursprung des Patriarchats: Patriarchat bedeutet wort-wörtlich „am Anfang der Vater“, „Vater-Ursprung“ bzw. „Vater-ebärmutter“. Denn das Wort arché, das in Patriarchat und Matriarchat enthalten ist, heißt in einer ältesten Bedeutung „Anfang, Ursprung, Gebärmutter“ – und eben nicht, wie erst viel später in patriarchaler Zeit, „Herrschaft“

  • margarete normann sagt:

    An Elisabeth von Grafen: Ich könnte gut darüber lachen, wenn ich nicht ernst im Patriarchat ständig sehen und erfahren müsste, dass die patriarchalische Voreingenommenheit an meiner Lebens-Kraft zerrt!

    Natasha Walter resümiert in ihrem Buch zur „freien Entscheidung“: „Wenn uns solche reflexartigen Verweise auf Entscheidungsfreiheit begegnen, müssen wir bedenken, aus welchen Lebensumständen heraus diese Entscheidungen getroffen werden. Angesichts unserer ungerechten Gesellschaft ist die Annahme verfrüht, die heutzutage betroffenen Entscheidungen seinen frei. Zwar kann man das Ungleichgewicht zwischen Familiearbeit und Erwerbsarbeit auf freie Entscheidungen zurückführen, doch die Betroffenen werden bei diesen Entscheidungen von gesellschaftlichen Erwartungen und Beziehungen beeinflusst.“

  • Bari sagt:

    Ja danke für den Beitrag. Jede Frau muss abwägen, wie sie leben will.
    Doch mir wird deutlich wie schwer es Frauen im Patriarchat immer noch haben und dass es immer ihnen selbst überlassen bleibt, mit welchen Einschränkungen sie leben müssen.
    In einem mir gerade nicht präsenten Beitrag las ich einmal, dass das Patriarchat begonnen hat, als die Liebe einer Frau zu ihrem Mann größer war,als die Solidarität mit ihren Mitschwestern, Müttern, Töchtern, sprich mit den Frauen. Das herausgerissenwerden aus diesen Beziehungen und die Konzentration auf die Beziehung zum Mann macht das Leben mit Kindern und die Fürsorge für sie zur schwerbewältigenden persönlichen Angelegenheit der Gebärenden.

  • Sieh an, es ist also zum Kichern, wenn sich über 60 Jährige zu Wort melden? Auch bin bereits 66, Mutter von vier Kindern und die Älteste meiner 12 Enkelkinder ist bereits 18 Jahre alt. Das nur nebenbei, falls meine Kompetenz sich zu diesem Thema zu äußern, ebenfalls in Frage gestellt wird.
    Eine Jede hat ihre persönliche Biografie und alle zusammen stecken wir in der Patriarchose fest. Und so ist es imho nicht verwunderlich, dass sich niemand über diesen Brief ernsthaft zu wundern scheint, den eine Frau und Mutter aus der Notwendigkeit heraus, ihre Kinder im Rahmen ihrer Möglichkeiten aufzuziehen, schreibt. Und hier beginnt das Problem – die reichlich isolierte Mutter stellt nicht etwa die uns als normal bekannten, aber unzulänglichen Lebensumstände in Frage, sondern sie bemüht sich nach Kräften im Alleingang eine Lösung zu finden.
    Sie fordert nicht die Gesellschaft auf, ihr verdammt noch mal, bei ihrer einsamen Mutterarbeit behilflich zu sein, sondern wünscht sich lediglich Verständnis. Leslie – eine isolierte Menschenfrau irgendwo auf der Welt – macht das Beste im Sinne ihrer Kinder, daraus. Und es wird auch von ihr erwartet, dass sie sich an ihr Umfeld in der Gesellschaft anpasst, aber nicht, dass sie das Mangelkonstrukt „Kleinfamilie“ in Frage stellt?
    Warum wird überhaupt so selten „die Familie“ als Lebenskonzept hinterfragt? (von seiner Entstehung und Bezeichnung her ist ‚Familie‘ – nach der römischen ‚familia‘ – Hausgemeinschaft – der Herrschaftsbereich eines privilegierten Manne)
    Von der heutigen Frau und Mutter wird erwartet, dass sie alle ihre Probleme, in dem etablierten Spielraum des Familienverständnisses, also dem typischen patriarchalen Lebensentwurf, löst – allein oder an der Seite eines Mannes und zwar unabhängig davon ob er im Alltag anwesend ist oder nicht.
    Und wenn ich mir tatsächlich eine andere Gesellschaft wünschen könnte, dann wünsche ich mir nicht mehr „aktive Väter“, sondern ein Besinnen auf die menschlich-artgerechten Ursprüngen. Ich wünschte mir Mütter, Großmütter, Schwester und auch Brüder, die ihre konsanguine Zugehörigkeit ernst nehmen und an die ursprüngliche, generationsübergreifende Fürsorgegemeinschaft anknüpfen (und wenn erst einmal nur gedanklich).
    Und hier ein Link zu einem meiner Blogbeiträge, der die angerissenen Themen auch im Sinne von beziehungsweise weiterdenken kommentiert – http://stephanieursula.blogspot.de/2013/11/wiederholungen.html

    @ Bari – das Patriarchat fing vor allem gewaltsam an und nicht durch die Liebe einer Frau… und manchmal frage ich mich 😉 wieviel von der (romantischen) Liebe ein Teil des kollektiven Stockholmsyndroms ist…

  • Ute Plass sagt:

    @Stephanie -Danke für diesen Beitrag, der es auf den Punkt bringt: ‚Das Private ist politisch‘. Das scheint in Vergessenheit geraten zu sein, denn sonst würde Frau nicht all ihre Kraft dazu aufwenden ihr Lebensglück in falschen Gesellschaftsstrukturen richtig einzurichten.

    Nicht die Tatsache, dass sich Leslie Barnett dafür entschieden hat Vollzeit-Mutter und Hausfrau zu sein betrachte ich als Problem. Im Gegenteil, es ist ja das, was
    die junge Frau auch so will und das finde ich gut so (gehe natürlich davon aus, dass sich das Paar im Falle einer Trennung über entsprechende Versorgungsleistungen verständigt hat).
    Was mich jedoch erstaunt bis verärgert ist, dass die “Berufstätigkeit” des Ehemanns und Vaters, der das Familienbrot in einem der gewaltsamsten Institutionen, wie dem Militär, verdient von der jungen Frau nicht problematisiert wird (außer, dass dies zu mehreren Wohnortwechseln zwingt). Wenn es stimmt, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt (und umgekehrt), dann hoffe und wünsche ich, dass dieses Sein über den eigenen Tellerrand hinausschauen lernt.

  • Helga Laurinat sagt:

    25.01.2014
    Hallo,
    jede Frau und Mutter soll frei wählen können, wie sie ihre Frauen- und Mutterrolle leben und gestalten möchte.
    Wichtig ist jedoch zu klären und zu bedenken:

    – ihre eigene finanzielle Absicherung bei fehlendem eigenen Erwerb und eintretenden einschneidenden Veränderungen wie z.B. Scheidung, Tod des Ehemannes
    – ihre Zufriedenheit in der gewählten Lebensgestaltung
    – die soziale Entwicklungsgestaltung ihrer Kinder

    Helga Laurinat

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