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WOZU NOCH FEMINISMUS? Ein Themenabend im KUSS 41

Von Jutta Pivecka

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„Sexistische Kackscheiße“ – der Aufkleber mit diesem Aufdruck kam am Themenabend im KUSS 41 am besten an. Den nahmen sich einige aus der großen Auswahl an Postkarten und Aufklebern, die auf dem Tisch lagen und von denen sich jede einen aussuchen sollte, der für sie ausdrückt, was sie mit Feminismus verbindet. Es waren etwa ein Dutzend Frauen zwischen 16 und Mitte 20, die am 4. Dezember 2013 im KUSS 41, dem „Jugendzentrum mit den Themenschwerpunkten sexuelle Orientierungen und Geschlechteridentitäten“ an der Konstablerwache in Frankfurt am Main, zusammen gekommen waren, um über das Thema „Feminismus“ zu diskutieren.

Ich war sehr gespannt auf diesen Abend, auf die Begegnung mit den jungen Frauen und deren Auffassung von Feminismus. Judith Eisert-Luginger, die im Jugendzentrum arbeitet, hatte zu diesem Thema eingeladen, an einem „Shane´s Mittwoch“, der im Wechsel im Jugendzentrum als ein reiner Frauen- beziehungsweise Männerabend veranstaltet wird. Die jungen Frauen waren gekommen, um mit der Referentin Linda Kagerbauer vom Frauenreferat der Stadt Frankfurt und mir über Feminismus zu sprechen. Schnell wurde klar: Die These, dass das Thema erledigt sei, die Geschlechtergerechtigkeit schon  erreicht, vertrat hier keine. Im Gegenteil: „Sexistische Kackscheiße“ kannte jede zu Genüge.

Linda Kagerbauer hielt ein kämpferisches Impulsreferat, dass den jungen Frauen vermittelte, mit welchen gesellschaftlichen Normen und Wertvorstellungen sich die zweite deutsche Frauenbewegung in den 70er und 80er Jahren noch auseinandersetzen musste: Geschlechterrollenstereotype, Gesetze, die es einer Frau nicht erlaubten, ohne die Zustimmung ihres Ehemannes berufstätig zu werden (erst 1977 geändert) oder die Vergewaltigung in der Ehe, die sogar erst 1997 (!) zur Straftat wurde.  Manches davon schien den jungen Frauen unglaublich: „Und das ist noch gar nicht so lange her.“ Linda Kagerbauer, Mitte dreißig, und ich, Ende vierzig, wirkten in dieser Runde wie Veteraninnen. Das haben wir alles noch erlebt. Ist es also doch besser geworden?

Die Probleme haben sich verlagert.  Die rechtliche Gleichstellung, die in einigen Bereichen erreicht wurde, hat keineswegs in allen gesellschaftlichen Bereichen zu einer tatsächlichen Gleichstellung geführt. Sexistische Anmache ist für beinahe jede Frau immer noch Alltagserfahrung. Überall turnen heterosexuelle Männer herum, die ihre Übergriffe und ihre dummen Sprüche für Komplimente zu halten vorgeben, obwohl sie genau wissen, dass es in Wahrheit um Macht und Bemächtigung geht. In der Schule, am Arbeitsplatz, auf der Straße.  Viel bedeutsamer, so ließen die Beiträge in der Runde vermuten, als noch vor Jahren ist die Wirkung von Medien auf den Umgang mit dem eigenen Körper geworden: Die Vielfalt weiblicher Körper kommt in den Medien nicht vor, stattdessen wird ein irrealer Barbie-Körper zur Norm gefotoshopt, der jeder das Gefühl vermittelt, falsch und ungenügend zu sein. Das Thema Ernährungstörungen spielte eine große Rolle an diesem Abend. „Aber davon sind zunehmend auch Jungs betroffen.“, sagte eine der Anwesenden.

Trotzdem hat der „Feminismus“ unter diesen jungen Frau ein ambivalentes Image. Es scheint vor allem eine Stilfrage zu sein. Der Verdacht einer Verbissenheit der „alten Frauen“, der Verdacht einer einseitigen Ausrichtung auf einen Kampf „gegen Männer“ und auch das Bedürfnis, die unterschiedlichen Formen der Diskriminierung nicht auf die Geschlechterzuordnung zu reduzieren, wurden an diesem Abend deutlich. Vielen kommt es darauf an, die Wahrnehmung für die Verschiedenheit der Frauen zu schärfen: Lesbische Frauen sind mit anderen Problemen konfrontiert als heterosexuelle, schwarze mit anderen als weiße, reiche mit anderen als arme, um nur die die eindeutigsten Differenzen anzudeuten. Wichtiger als früher ist offenbar auch: Die Orientierung an der Gleichstellung mit männlichen Lebensentwürfen und patriarchalen Wertvorstellungen (z.B. Erwerbstätigkeit im Zentrum der Identität) ist endgültig passé.

Was bedeutet dies für einen zukünftigen Feminismus? Diese jungen Frauen wirkten kämpferisch und tatendurstig. Sie wollen frei entscheiden können, wie sie ihre Rolle als Frau definieren oder ob sie überhaupt ihre Identität wesentlich über das Frausein definieren wollen. Der Abend war zu kurz, um die Differenzen, die auch am Tisch im Jugendzentrum an der Konstablerwache aufeinander trafen, genauer bestimmen zu können. Was ist mit Freiheit gemeint? Eine Idee der Unabhängigkeit, die an die aufklärerischen Emanzipationsbewegungen anknüpft oder eine Vorstellung von „Freiheit in Beziehung“, wie sie die Diotima-Philosophinnen entwickelt haben? Welche Bedeutung wird der Kategorie „Frau“ in diesem Kampf (noch) zukommen? Geht es darum, diese Zuschreibung zu überwinden oder sie in ihren Möglichkeiten erst einmal sichtbar zu machen, jenseits der traditionellen Bedeutungen, die durch eine heterosexuell/ männlich/weiß/europäisch geprägte Vorstellungswelt gesetzt wurden?

Es war ein Gespräch zwischen Frauen, jungen und alten, queer-feministischen und differenzfeministischen, heterosexuellen und lesbischen, das weitergehen muss – im Jugendzentrum in Frankfurt und anderswo.

Kontaktdaten:

KUSS41 – LesBiSchwules Jugendzentrum
Kurt-Schumacher-Straße 41
60311 Frankfurt am Main

E-Mail:
info@kuss41.de (allgemeine Anfragen)
maedels@kuss41.de (Erstkontakt für Mädels)
jungs@kuss41.de (Erstkontakt für Jungs)

Telefon: 
069 – 29723656
069 – 29723657

Autorin: Jutta Pivecka
Redakteurin: Jutta Pivecka
Eingestellt am: 03.01.2014
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Sabrina Bowitz sagt:

    Liebe Jutta Piveckova, danke für deinen tollen Bericht! Jetzt habe ich direkt Interesse bekommen an einem solchen Abend auch einmal teilzunehmen. Es klingt unheimlich spannend, auch dass die Differenzen diskutiert wurden, die zwischen den Anforderungen an den Feminismus durch arm/reich, andere Herkunft generell (obwohl das ja kein Thema darstellen sollte…) etc gestellt werden und wie diese umgesetzt werden könnten.
    Ich bin mir auch immer bewusst, dass die Sicht, die hier
    auf den Bzw Seiten vertreten oder diskutiert wird, zwar schon sehr breitgefächert ist, aber viele, die es bitter nötig hätten, gar nicht erreicht.
    Oder Ansichten, die bitter nötig eine Besprechung bräuchten, nicht veröffentlicht werden können.
    Dennoch: ich hoffe eine Stimme mehr einzubringen und
    vielleicht auch ein Augenmerk darauf richten zu können,
    wie viel in der Gesellschaft für die Frauen noch
    getan werden muss und wie viel quer liegt.
    Ich bin froh, dass es solche engagierten Frauen gibt!
    Und dankbar, dass es Angebote wie das Kuss gibt und
    Menschen wie dich und Linda Kagerbauer!
    Vielen Dank für das Engagement!
    Wirklich, von Herzen!

  • Karina Starosczyk sagt:

    Ich brauche unbedingt Urlaub, kann aber allen Verlockungen nicht aus dem Wege gehen:

    „Linda Kagerbauer hielt ein kämpferisches Impulsreferat, dass den jungen Frauen vermittelte, mit welchen gesellschaftlichen Normen und Wertvorstellungen sich die zweite deutsche Frauenbewegung in den 70er und 80er Jahren noch auseinandersetzen musste: Geschlechterrollenstereotype, Gesetze, die es einer Frau nicht erlaubten, ohne die Zustimmung ihres Ehemannes berufstätig zu werden…“

    Und heute werden viele Frauen (auch) von ihren Ehemännern zur Arbeit getrieben! Sie bekommen nicht selten einen Zuhälter an die Seite – damit sie sich sicher fühlen!

    Wozu noch Feminismus?

    „Die Probleme haben sich verlagert. Die rechtliche Gleichstellung, die in einigen Bereichen erreicht wurde, hat keineswegs in allen gesellschaftlichen Bereichen zu einer tatsächlichen Gleichstellung geführt. Sexistische Anmache ist für beinahe jede Frau immer noch Alltagserfahrung. Überall turnen heterosexuelle Männer herum, die ihre Übergriffe und ihre dummen Sprüche für Komplimente zu halten vorgeben, obwohl sie genau wissen, dass es in Wahrheit um Macht und Bemächtigung geht. In der Schule, am Arbeitsplatz, auf der Straße.“

    Uf! – danke:

    „Die Orientierung an der Gleichstellung mit männlichen Lebensentwürfen und patriarchalen Wertvorstellungen (z.B. Erwerbstätigkeit im Zentrum der Identität) ist endgültig passé.“

  • Hannah sagt:

    Vielen Dank für den Bericht. Eine kleine Anmerkung hätte ich.
    Im Artikel steht: „Überall turnen heterosexuelle Männer herum, die ihre Übergriffe und ihre dummen Sprüche für Komplimente zu halten vorgeben, obwohl sie genau wissen, dass es in Wahrheit um Macht und Bemächtigung geht“
    Ich weiß nicht ob es passt, da einzugrenzen und von heterosexuellen Männern zu sprechen. Da es ja gerade nicht um Sexualität geht bei Sexismus. Aus eigener Erfahrung kann ich hier nur berichten, dass ich auch schon von schwulen Männern sexistisch beleidigt und angegrapscht wurde, mit der wundervollen Rechtfertigung, dass sie, weil schwul, per se nicht sexistisch sein könnten. Auch wenn schwule Männer weniger priviligiert sind als Heten, sind sie doch in der Hierarchie höher als jede Frau ihres Milieus.

  • Jutta Piveckova sagt:

    @Hannah Das stimmt natürlich. Es war halt an dem Abend mehr von heterosexuellen Männern und deren Übergriffen, vor allem auch am Arbeitsplatz die Rede. Die Unterscheidung, auf die du hinweist, ist aber wichtig und wird im Text nicht genügend deutlich: zwischen sexistischen Sprüchen und sexuellen Übergriffen. Darauf hätte ich achten sollen.
    @Sabrina Die Zeit, sich über die Differenzen auseinanderzusetzen, war an diesem Abend viel zu knapp. Für mich zum Beispiel ist die Zielsetzung, die einige Teilnehmerinnen formulierten, dass die (Selbst-)Bezeichnung „Frau“ gar keine Rolle mehr spielen solle, dass sie überwunden werden solle zugunsten einer umfassenden Akzeptanz aller „Menschen“, eine, die ich nicht mittragen kann. Vielleicht ist das auch ein Generationsproblem? Denn ich wittere dann sofort ein abermaliges Unsichtbarmachen von „Frauen“. Für mich war es ja gerade die Entdeckung, dass ich eine Frau bin und dass dies eine große Bedeutung (für mich) hat, die mich mit dem Feminismus in Verbindung gebracht hat. Es war ja gerade die Einsicht darein, dass überall, wo vom „Menschen“ die Rede war, der Mann gemeint war und dass es sich lohnte, das Andere zu entdecken, das durch diese Rede verdeckt/unentdeckt blieb. Daher habe ich die Idee, „Frau zu sein“ und mich als Frau zu definieren viel mehr als Befreiung erlebt, denn als Einschränkung (Denn es ging ja nicht um die Stereotype, sondern um eine eigene Definition dessen, was „Frau“ sein kann.) Aber ich erlebe auch: Die Stereotype sind im öffentlichen Raum heute präsenter, drängender, bedrohlicher als in meiner Jugend. Eine eigenartige Entwicklung, über ich die ich – auch das hat mich dieser Abend gelehrt – noch mehr und neu nachdenken möchte.

  • Sabrina Bowitz sagt:

    Hallo Jutta, ja, das ist mir auch aufgefallen.
    Wenn ich Frauen aus der Frauenbewegung noch zuhöre (wenn man Bewegung sagen kann, aber eben ältere Frauen, die sich damals dafür eingesetzt haben, dass Frauen überhaupt die gleiche Stellung haben wie Männer), dann merke ich, dass einiges sich gewandelt hat. Als ob das Schlechte immer wieder in anderer Gestalt wiederkommt. Ich sehe überall dieses pinke Spielzeug. Ich seh auch und höre, wie Frauen nicht ernst genommen werden. Und letztens hat mir wirklich eine Freundin erzählt, wie eine Freundin von ihr nicht ernst genommen wurde (obwohl Bankkauffrau und alles was man an Prestige so haben kann da war) und gehört hat bei Finanzangelegenheiten: „Könnte ich mit Ihrem Mann reden?“
    Als ob Frauen davon nichts verstehen.
    Irgendwie denken alle, dass heute sowas nicht mehr existiert, aber ich spüre auch, dass es zum Beispiel als Frau schwieriger ist eine Wohnung allein zu finden oder sich am Telefon durchsetzen zu können. Und das liegt auch oft an unbewussten Vorannahmen, die aber gefährlich sind. Ich hatte da auch mal Cordelia Fine, Die Geschlechterlüge gelesen und dann ist mir erst bewusst geworden wie viel bei uns in Kategorien eingeordnet wird, Frau-Mann und wie wichtig das ist für die Erziehung, obwohl wir das angeblich alle nicht wollen. Und dann auch dass es in Studien nie wirkliche Unterschiede gab, die sich gezeigt haben, sondern dass sehr viel durch Sozialisation und Erziehung geschieht.
    Und das finde ich dann schade.
    Es wurde sogar nachgewiesen, dass Frauen oft mehr unter Druck stehen und deshalb in Mathematiktest etc schlechter abschneiden, weil sie so Angst davor haben, schlechter zu sein als die Männer, dass sie sich nicht darauf konzentrieren, einfach nur gut zu sein und ihr Bestes
    zu geben. Umgekehrt war es bei Männern auch so, hat man ihnen gesagt, dass sie auf Empathiefähigkeit getestet werden und es sich herausgestellt habe, dass es bei Frauen und Männern gleich wäre, waren diese auch besser.
    Spannend war wohl auch, dass Frauen und Männer jeweils
    besser abschnitten als die Fragen und der Fragebogen allein
    genderneutral eingerichtet wurde (da wurde beispielsweise gesagt, dass sich verschiedene Städte messen werden ect.).
    Ich finde es immer so schade und es macht mich so wütend,
    wie wir eingeschränkt werden. Wie schlimm das ist, dass
    Frauen immer noch Angst haben müssen, nachts raus zu
    gehen, aber selbst tagsüber immer begrapscht werden könnten etc. Und dass Männer in dieser Rolle feststecken.
    Ich finde es oft so traurig, wenn ich Freundinnen sagen
    höre: „Männer sind eben anders“. Ich glaube nicht daran
    oder sagen wirs so: Wir sind alle anders und natürlich
    gibt es den Unterschied: Frau-Mann, aber es ist die Frage, was man daraus macht. „Meine Seele kennt kein Geschlecht“
    sag ich da nur und der Intellekt auch nicht, die Vertrauenswürdigkeit und Empathiefähigkeit auch nicht.
    Und ich glaube viele Männer lernen die ganze Zeit, dass
    Frauen das ja so wollen, was absoluter Unsinn ist.
    Es macht mich jedes Mal dermaßen wütend, wie Frauen behandelt werden, wie rücksichtslos, dass ich denke:
    in welcher Welt leben wir hier eigentlich?

  • margarete normann sagt:

    „Und dann auch dass es in Studien nie wirkliche Unterschiede gab, die sich gezeigt haben, sondern dass sehr viel durch Sozialisation und Erziehung geschieht. Und das finde ich dann schade.“

    Und mir gibt es Hoffnung, dass die Sozialisation so gravierend ist. Ja, wenn das gegenwärtige System endlich gegen die Wand gefahren ist, wird „im Kleinen“ Neues entstehen. Ich erinnere an die Zeit nach dem Krieg und die „Ruinen-Frauen“. Die Frauen dieser Zeit (mit Hilfe eines Haufens von Männern) haben buchstäblich die Gesellschaft wieder auf die Beine gestellt. Sie haben Kinder erzogen, Haushalt geführt, kriegs-verwundete Männer gepflegt und nachts schick angezogen für die Hoffnung getanzt.

    Wenn ich mir kritisch ansehe, wie ein Haufen von Patriarchen mit ihrer Zerstörungs-Macht unter diesen damaligen Kindern heute durch die Räume hüftet, wird mir schlecht. Wenn der letzte patriarchalische Feind Adieu gesagt hat, ist mein „Auftrag“ erfüllt!

    Tja, wie war es mit den größten Feinden? Der größte Feind, dem der einzelne Mensch auf Augen-Höhe begegnen kann, steckt in ihm selbst – dumm gelaufen…

  • Gudrun Bosse sagt:

    Manchmal kommt es mir vor, als hätten wir älteren tatsächlich nur verzögert mitbekommen, was junge Frauen heute „am eigenen Leibe“ erfahren haben bzw. erfahren, nämlich eine Rückkehr alter Rollenstereotypien in sehr aggressiver, aber „aufgepeppter“ Form, die uns als sexuelle Befreiung verkauft wird.
    Plötzlich sind wir, durch diese extreme Vereinnahmung beider Geschlechter durch ganz reduzierte und sexuell aufgeladene Bilder von Weiblichkeit/Männlichkeit, mit der Frage konfrontiert, wie wir uns „Menschsein“ vorstellen, dem sich Frauen wie Männer, auf je eigene Art, aber doch mit „Verschränkungen“ nähern können. Ich glaube, dass sich dadurch tatsächlich der Blickwinkel von einer Würdigung der eigenen Weiblichkeit erweitert, erweitern muss, auch wenn dieses Thema natürlich weiterhin relevant ist. Aber in Gesprächen mit jungen Männern erfahre ich, dass diejenigen, die sich dem Mainstream nicht unreflektiert anpassen, ebenfalls irritiert und verunsichert sind.
    Ich habe kürzlich das Buch „Living Dolls“ ( 2010 in Großbritannien/2011 in Deutschland erschienen) von Natasha Walter, einer Publizistin und Feministin aus Großbritannien, entdeckt und finde, dass sie das Thema beeindruckend klar und lebendig behandelt. Mir hat es einen neuen Zugang eröffnet. Sehr plastisch, anhand vieler Interviews (auch mit Frauen und Männern, die in der Sexindustrie tätig sind), beschreibt sie, wie die Propagierung der Kleidergröße „Null“ ( Sollen wir am besten gar keinen persönlichen Raum mehr einnehmen?), der Sterilität von Barbie und die Hyper-Sexualisierung unserer Kultur die Wahlmöglichkeiten, wie wir unsere Menschlichkeit/Weiblichkeit leben wollen, aufs Äußerste beschränkt und wie dies, in subtiler Form, allmählich sogar unsere Phantasie und unsere Träume zu ersticken droht. Sie konstatiert, dass heute Spielzeug wieder streng nach Jungen und Mädchen getrennt produziert und verkauft wird und Mädchen frühzeitig in eine „rosa Prinzessinnen-Welt“ getaucht werden. Entsprechend sollen Jungen wieder die alten „Männerstereotypien“ übernehmen. Sie gibt das Gespräch mit einer Mutter wieder, die fürchtet und erlebt, dass ihr kleiner Sohn, mit seinen sensiblen Seiten, einen schweren Stand hat.
    Die „freie Entscheidung“ für die propagierten Rollenbilder, die gerne und überall als Argument gebraucht wird, hält Natasha Walter für eine Farce. Viele mächtige Kräfte – Werbung, Pornoindustrie, Internet, der Inhalt von Computerspielen – nehmen auf unser Inneres, im Sinne dieser Rollenbilder, Einfluss.
    Was mich auch noch beeindruckt hat: Sie führt Äußerungen junger Menschen an, die sich mit dieser
    Vereinnahmung allein gelassen gefühlt haben/fühlen. Selbst in der Schule werde nicht darüber diskutiert. Ich glaube, dass es hier tatsächlich einen Nachholbedarf gibt und danke Jutta, dass sie dieses Thema angesprochen hat.

  • Sabrina Bowitz sagt:

    „Die „freie Entscheidung“ für die propagierten Rollenbilder, die gerne und überall als Argument gebraucht wird, hält Natasha Walter für eine Farce. Viele mächtige Kräfte – Werbung, Pornoindustrie, Internet, der Inhalt von Computerspielen – nehmen auf unser Inneres, im Sinne dieser Rollenbilder, Einfluss“
    Danke Gudrun Bosse für diesen Hinweis und die Buchempfehlung, Cordelia Fine führt das in dem Buch Die Geschlechterlüge auch sehr gut aus. Da habe ich auch nochmal ein ganz anderes Verständnis für die subtilen Zwänge und Überzeugungsarbeiten, denen wir ausgesetzt sind, bekommen.

  • margarete normann sagt:

    „Manchmal kommt es mir vor, als hätten wir älteren tatsächlich nur verzögert mitbekommen, was junge Frauen heute „am eigenen Leibe“ erfahren haben bzw. erfahren, nämlich eine Rückkehr alter Rollenstereotypien in sehr aggressiver, aber „aufgepeppter“ Form, die uns als sexuelle Befreiung verkauft wird.“

    Ja, ich erfahre es auch so, dass ich meine Aggressionen in meinen Kindern finde. Wo mir oft schon fast die Luft ausgeht und ich die mir Anvertrauten zu Sau machen könnte – da meldet sich der Ärger unterstützt durch die alte Wut und liefert so quasi „Vernichtungs-Argumente“ – erinnere ich mich meistens an meine turbulente Jungend…

  • Karina Starosczyk sagt:

    Da sind wir an der Abhängigkeit angekommen? Es ist nicht die Frage, ob wir Menschen „abhängig“ sind, sondern wovon?
    Ich muss leider beobachten, dass die jungen Mädchen oft ihre Herzen für Feminismus nicht erwärmen lassen. Ich frage mich: Warum?

    Leider muss ich auch beobachten, dass das Fliessen des Geldes von „Folgen von Flucht und Vertreibung“ abhängig ist, und oft in schönen Klamotten avisiert wird.

  • Elisabeth von Grafen sagt:

    „Überall turnen heterosexuelle Männer herum, die ihre Übergriffe und ihre dummen Sprüche für Komplimente zu halten vorgeben, obwohl sie genau wissen, dass es in Wahrheit um Macht und Bemächtigung geht.“

    Ich habe diesbezüglich eine nette Geschichte erlebt: Ich war mit einem Mann in der Mercedes-Werkstatt. Da gab es dort so Kaffee-Automaten und wir hatten Durst. Ich betätigte mich mit Geld an diesem Gerät und es wollte nicht so richtig – so wie meine Arbeits-Blätter mir aus den Händen fielen und so die vorgeschriebene Ordnung pfeifen lassen haben.

    Ein anderer Mann wartete mit dem Becher in der Hand auf seinen Zug. Mein Begleiter schmunzelte ein Witzlein: „So ist es halt mit Frauen…“ Die Reaktion des fremden Mannes versetzte mich in gute Laune. Er sagte: „Ja! Immer die Schuld auf die Frauen schieben.“ – als ob er meinem Begleiter sagen wollte: Versteck Dich nicht hinter einer Frau.

  • Sabrina Bowitz sagt:

    Hallo Karina, sondern wovon wir abhängig sind ist die richtige Frage, vor allem bei den Geschlechterrollen und was das für Folgen hat – und zwar für Frauen wie für Männer.
    Ich glaube, dass ganz viele Mädchen immer noch mit bestimmten Rollen aufwachsen, wie sie zu sein haben, sein sollten, sein müssten und dass das es unmöglich macht, vom Feminismus begeistert zu sein. Vor allem ist ja auch immer die Frage, was Feminismus bedeutet. Für mich bedeutet es die Möglichkeit über das Leben und den Alltag anders nachzudenken und auch ein gerechteres Verhältnis zwischen Frauen und Männern zu bewirken. Ich denke, viele Mädchen denken nur an frustrierte Frauen oder Ähnliches, was ja in den Nachrichten so kursiert, wenn es um Feminismus geht.
    Kommt noch hinzu, dass in Fächern wie Geschichte etc nicht wirklich oft (bis gar nicht) über Frauenbewegungen erzählt wird. Bücher wie „1000 Frauen“ als Vorbilder würden da Not tun. Es geht hierbei auch immer um die fehlende Information, was Frauen geleistet haben und dass ein
    neues Denken möglich ist.

    Das mit den schönen Klamotten ist ja pauschalisierend. Ich finde nicht, dass es schlimm ist, wenn sich ein Mensch für Kleidung interessiert und da auch einen ästhetischen Sinn für hat. Ist eher die Frage, warum Ästethik heute runtergewertet wird, eben wie bei den Frauen. Gleichzeitig runtergewertet und idealisiert. Ich passe immer auf, wenn angefangen wird etwas Bestimmtes zu idealisieren, denn dahinter steckt gleich noch die Abwertung drin, weil dort wo idealisiert wird, das Menschliche vergessen wird.
    Das ist oft bei Frauen passiert, das ist spürbar in jedem
    Text über Frauen (von Männern geschrieben natürlich).
    Das ist mir nur eben dazu eingefallen.

  • Karina Starosczyk sagt:

    „Ist eher die Frage, warum Ästethik heute runtergewertet wird, eben wie bei den Frauen. Gleichzeitig runtergewertet und idealisiert.“

    Was eben in die vorgeschriebene Ordnung nicht passt (z. B. in der „christlichen“ Ordnung Mann als Gott und Frau als Dienerin), wird einfach nach Möglichkeit ferngehalten. Religiös idealisierte Sachverhalte halten länger: http://www.bild.de/politik/inland/femen/femen-frau-stuermt-meisner-gottesdienst-33985762.bild.html

    Wenn die Mädchen – aus welchem Grund auch immer – vater-fixiert sind – halten sie zu gewissen Zeiten ihrer Entwicklung nicht viel von „durchgeknallten“ alten Frauen (Feministinnen?).

Weiterdenken