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Beim „Alleinerziehen“ geht es um die Qualität von Beziehungen

Von Silke Kirch

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Foto: 5mal5/Flickr.com cc-by-nd

Als „allein erziehend“ werden Frauen oder Männer bezeichnet, die Kinder ohne Lebenspartner oder -partnerin aufziehen, meist nach einer Trennung oder Scheidung. Der Begriff ist jedoch missverständlich.

Faktisch wären in diesem Sinne viele Elternteile „allein erziehend“, meist Mütter, und zwar unabhängig davon, ob sie in einer Beziehung mit dem Vater der Kinder leben oder nicht. Und zwar deshalb, weil es ganz überwiegend sie „allein“ sind, die sich im Alltag um die Versorgung und Erziehung der Kinder kümmern.

Meist tritt der Status der „Alleinerziehenden“ nicht als Folge einer Trennung oder Scheidung ein, sondern war auch vorher schon gegeben. Oft ist er sogar deren Ursache. Dahinter steht jedoch etwas anderes: Ein Mangel an nährenden Beziehungen, die ihrerseits Voraussetzung für das Aufwachsen und die Weiterentwicklung von Menschen (jeden Alters) sind.

Der Entschluss, allein mit den eigenen Kindern zusammenzuleben, kann mitunter in der Erkenntnis gründen, dass die Beziehungen zu den eigenen Kindern sich ohne (Ehe-)Partner freier, sinnvoller und zufriedener gestalten lassen. Denn dann muss der andere Elternteil, in der Regel der Vater, seinen Anteil an der Fürsorge- und Beziehungsarbeit aktiv überdenken. Es wird klar, inwiefern er sie nun selbst übernehmen will oder aber es ganz lässt. Das kann sehr entlastend sein.

Ohne eine Trennung ist eine solche Klarheit meist nicht möglich. Manche Frauen sehen sich unter Druck, ihren „nichterziehenden“ Partner dahin zu erziehen, dass er seine Verantwortung für das „Aufziehen“ der Kinder und der damit verbundenen Beziehungs- und Fürsorgearbeit übernimmt. Das ist jedoch keine Grundlage für eine partnerschaftliche Beziehung. Daher kann gerade eine Trennung den Status des „Alleinerziehens“ beenden und ein Übergang in eine neue Qualität von Beziehungen sein. Metamorphose.

In der Phase des gesellschaftlichen Umbruchs, in der wir leben, führen Trennungen freilich häufig – vor allem aufgrund ökonomischer Zwänge und faktisch unvergüteter Fürsorgearbeit – vom Regen in die Traufe. Mit der Freiheit und dem Zugewinn an Entwicklungsspielräumen scheint es da zunächst einmal nicht weit her zu sein. Wir verabschieden uns von alten, nicht mehr tragfähigen Beziehungsmodellen, doch das Neue ist noch nicht da: Es muss geschaffen werden.

Ehe und Familie waren Institutionen, doch heute funktionieren sie nicht mehr selbstverständlich. Jetzt ist unsere Kreativität gefragt und unser Vermögen, im Prozess zu bleiben und etwas Neues zu entwickeln. Das Neue kann aber nicht „allein erziehend“ heißen. Auch weil wir Kinder nicht mehr als „Objekt“ der Erziehung betrachten wollen. Ein Kind ist Subjekt seiner Selbsterziehung, wenn wir ihm die Freiheit geben in sicheren, nährenden Beziehungen seinen eigenen Weg zu finden. Wir trennen uns ja, um eine neue Beziehungsqualität zu entwickeln, die in den herkömmlichen Lebensmodellen keinen Platz hat.

Der Status der Alleinerziehenden wird meist als Defizitmodell charakterisiert. Alleinerziehende gelten als „übrig geblieben“. Sie sind der Hohlspiegel der patriarchalen Kleinfamilie. Übersehen wird dabei häufig, dass viele Lebensmodelle alleinerziehender Mütter und Väter eine zukunftsweisende Kraft haben. „Alleinerziehende“ haben gelernt, ihren sozialen Rückhalt in der Gemeinschaft ihrer Nächsten zu finden und ihre Beziehungen eigenverantwortlich und kooperativ zu pflegen. Nicht selten stellen sie ihren Kindern damit einen großen Fundus an Beziehungserfahrungen, solidargemeinschaftlichen Vorbildern und Möglichkeiten aufmerksamer Selbstfürsorge zur Verfügung.

Den Terminus „alleinerziehend“ für Mütter oder Väter zu verwenden, die gemeinsame Kinder ohne festen Partner oder Partnerin versorgen und auf den Weg bringen, verschleiert die Tatsache, dass Menschen Beziehungen, Aufmerksamkeit und Zuwendung brauchen, um wachsen zu können und nicht „Erziehungsmaßnahmen“. Und er verschleiert, dass Beziehungen der Zeit, der Pflege und der Fürsorge bedürfen. Das gilt für Schutzbedürftige in besonderem Maße.

Gute, sichere, nährende Beziehungen sind der Nährboden für die Individuation. Ein Kind sollte lernen dürfen, sich wachsend innerhalb der gegebenen Beziehungen zunehmend frei bewegen zu können. Voraussetzung hierfür ist die Verfügbarkeit von Beziehungen sowie deren Plastizität. Ob ein Kind sich innerhalb einer Kleinfamilie oder im Beziehungsumfeld einer oder eines „Alleinerziehenden“ geschützt, geborgen und als Gestalter_in von Beziehungen erlebt, kann nicht pauschal beantwortet werden. Faktisch können diese Qualitäten unabhängig von Lebensmodellen herausgebildet werden. Sie obliegen der Verantwortung der Erwachsenen und deren Vermögen, sich in eine Beziehung zu begeben und für die Fürsorge- und Entwicklungsbedürfnisse anderer Menschen, insbesondere für die Bedürfnisse von Heranwachsenden, empathisch und souverän zur Verfügung zu stehen.

Dieses Vermögen wird gemeinhin immer noch den Müttern als naturgegeben angedichtet, was Männer von der Aufgabe entlastet, es sich selbst zu erschließen. Frauen sind dann mit allen Aufgaben der Beziehungs- und Fürsorgearbeit – sprich: mit den Herausforderungen der Individuation – allein. Individuation gelingt aber nur in Beziehungen.

Es ist kein Rätsel, warum so viele Erwachsene ihre Kinder „allein“ in Gesellschaft mit vielen anderen aufziehen. Sie wollen nicht mehr „allein“ in ihren Beziehungen sein. Und sie wollen sich weiterentwickeln. Zusammen mit ihren Kindern.

Autorin: Silke Kirch
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 18.02.2014
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Sabrina Bowitz sagt:

    Das ist wirklich ein toller Artikel, vielen Dank Silke Kirch! Es wäre so lohnend, wenn Frauen und Männer gemeinsam und mit einer ähnlichen Einstellung, was die Verantwortung für das Zusammenleben mit den Kindern betrifft, bereit wären beimWachsen für und mit den Kindern mitzuwirken!
    Ich glaube auch und vermute, dass die Welt dann für viele freier wäre. Frauen und Männer hätten mehr Wahl, was sie nun tun wollen und was nicht und es gäbe weniger Streit, auch Zuhause und nebenbei: die Kinder hätten ebenfalls mehr Wahlmöglichkeiten und wäre vielleicht auch weniger aggressiv, weil sie weniger Spannungen mitbekommen und sie würden von Anfang an ein gerechteres System kennenlernen.
    Wenn das nichts ist, dann weiß ich auch nicht.

  • Bari sagt:

    Hallo
    Vielleicht habe ich den Artikel nicht ganz verstanden, aber nach meiner Wahrnehmung, geschieht alleinerziehen nicht freiwillig. Die die ich kenne, sind von dem Partner sehr enttäuscht, leben am Rande des Existenzminimums und leiden darunter, dass sie ihren Kindern nicht den gleichen Komfort und Wohlstand wie andere Kinder bieten können. Sie fühlen sich sehr alleingelassen.

  • Hallo Bari,
    sicher: die Defizienz-Perspektive auf die Lebensform der „Alleinerziehenden“ hat nach wie vor eine gewisse Berechtigung. In Silkes Text geht es aber gerade darum, diese gesellschaftlich nach wie vor dominante, „normale“ Perspektive aufzubrechen. Vielleicht kannst du ja mal versuchen, dich zu fragen, ob die Existenzform derjenigen, „die du kennst“, wirklich in Enttäuschung, Randständigkeit, Alleingelassensein und dem Gefühl, ihren Kindern nicht genug „bieten zu können“ aufgeht. Gibt es da nicht mehr? Was meinst du, wenn du sagst, dass du diese Leute „kennst“? Gibt es da nicht zumindest das Potential von Befreiung, mehr Spielraum, mehr Gestaltungsmöglichkeiten? Manchmal kommt es einfach drauf an, wo Frau hinschaut, ob sie sich einen anderen Blick auf eine vermeintlich feststehende Wirklichkeit erlaubt.

  • Sabrina Bowitz sagt:

    „Manchmal kommt es einfach drauf an, wo Frau hinschaut, ob sie sich einen anderen Blick auf eine vermeintlich feststehende Wirklichkeit erlaubt“.
    Das ist ein toller Satz! Genauso ist es. Natürlich muss auf jeden Fall die finanzielle Situation stimmen, aber wenn die Perspektive geändert wird, werden auch in solchen Situationen Chancen sichtbar und was auch möglich und richtig sein könnte.

  • Bari sagt:

    Hallo
    Genau wenn die finanzielle Situation stimmt, ist frau frei für verschiedene Blickwinkel. Das ist bei harz IV nur sehr bedingt möglich. Dann fehlen eben so selbstverständliche Dinge wie in Urlaub fahren, essen gehen, Zoobesuche. Was mich dann völlig entsetzt hat , wie eine Frau mir erzählte, dass sie kein Geld für Weihnachtsgeschenke für ihre Kinder hat. Sie erzählte es mir als wir zwei Wochen später telefonierten. Natürlich sind Geschenke nicht der Sinn von Weihnachten , aber es ist schon ein Unterschied ob ich freiwillig oder aus Geldmangel nichts schenke. Und wenn auf dem Dorf im Winter das Auto kaputt geht,ist das schon ziemlich einschränkend. Das ist dann nicht wirklich eine Frage des Blickwinkels. Sondern auch eine Frage mangelnder Gerechtigkeit, wenn mensch trotz mehrer Arbeitsstätten auf Harz IV angewiesen ist und es doch nicht reicht.

  • Sabrina Bowitz sagt:

    Hallo Bari, das ist wahr! Danke für deine Ausführungen!
    „Sondern auch eine Frage mangelnder Gerechtigkeit, wenn mensch trotz mehrer Arbeitsstätten auf Harz IV angewiesen ist und es doch nicht reicht“. Ich denke mir oft, dass es wichtig ist dafür zu sorgen, dass die Menschen wirklich ihre Würde, die im Grundgesetz als wichtiges Gut festgehalten wurde, leben können. Und für mich geht das nur durch das bedingungslose Grundeinkommen, immer noch, weil dann viele Probleme schon einmal wegfallen würden, wie dieses hier beispielsweise und dann würde sich auch das Arbeiten wieder lohnen. Zudem wäre es für die Gesellschaft besser, weil dann viel mehr Menschen die Kraft hätten das
    zu tun, was sie wirklich können und wollen.
    Wetten die Wirtschaft würde dann ein riesiges Plus
    verzeichnen und wir hätten mehr Wohlfahrt?
    Ich glaube das ja, vor allem auf lange Sicht.

  • Gudrun Nositschka sagt:

    Den Müttern, die allein für ihre Kinder Verantwortung übernommen haben und tragen, sollten nie das Gefühl haben,in unserer Gesllschaft alleine zu stehen und nicht vollwertig zu sein. Dazu könnte eine Änderung unseres Familienbegriffes helfen. Alle Lebensformen mit Kind/Kindern wären dann als Familie anzuerkennen, die unter dem besonderen Schutz der Gesellschaft stünden. Steuerrechtlich würde das eine Einstufung als Familie bedeuten und nicht wie bisher, eine Einstufung in Steuerklasse 1. Das ließe sich ganz schnell ändern und würde die Wertigkeit von der Fürsorge für Kinder sichtbar machen.

  • Karina Starosczyk sagt:

    Eine gute Idee! Das gesellschaftliche Leben um die Kinder herum zu organisieren und nicht um den Mann und das Geld. Ich durfte mal Geld verdienen mit Hausaufgaben-Betreuung in der Schule. Es hat nicht geklappt. Weißt Du warum? Ich konnte halt besser die Kinder verstehen, die spassweise durch die Fenster sprangen als die Schul-Regeln, die so was nicht vorsahen!

  • ehemalige Studentin des Matriarchats sagt:

    Liebe Gudrun

    Deinen Vorschlag zu dem Familien-Begriff finde ich richtig. Hätten wir in einer matriarchalen Gemeinschaft gelebt, wäre die Definition einfach: „Alle Nachkommen einer Mutter mit oder ohne Kinder gehören zu ihrer Familie. Ich googlete grade und fand einen Vorschlag, der auch seine Berechtigung hat: „Die Akteure der Viadrina haben sich für einen weiten Familienbegriff entschieden, der neben Großeltern, Eltern und Alleinerziehenden mit leiblichen und nicht leiblichen Kindern auch Hochschulangehörige mit pflegebedürftigen Angehörigen sowie Ehepaare, eingetragene Lebenspartnerschaften und Paare in eheähnlichen Lebensverhältnissen ohne Kinder, die sich durch die Wahrnehmung von Verantwortung füreinander auszeichnen, einbezieht. Dieses Verständnis von Familie spiegelt die unterschiedlichen Lebensentwürfe aller Universitätsmitglieder wider und macht deutlich, dass familienfreundliche Maßnahmen allen Mitarbeitenden und Studierenden der Viadrina zu Gute kommen.“ – Egal, wie wir den Begriff definieren, wir stehen Alle unter dem Gesetz des Patriarchats mit seinen Repressalien.

    Ich gehe von den Verhältnissen aus, in denen wir hier heute leben und muss sagen: Kinder-Zwang kann es nicht geben und auch Menschen ohne Kinder haben ein Recht/Verlangen nach Familie. Ich meine, die nahe Beziehungen der Familien-Angehörigen (wie auch immer die Gemeinschaft sich gestaltet) sind für alle Menschen wichtig (???) Distanz kann ein Mensch gegebenenfalls annehmen, aber auf Distanz kann er nicht leben.

  • Gudrun Nositschka sagt:

    Na klar, es ist sinnvoll, sofort in stützenden Beziehungen weiter zu denken und dann zu sehen, was jetzt schon rechtlich und finanziell in unserer Gesellschaft durchsetzbar ist.

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