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Rubrik Blitzlicht

Care-Krise und Care-Revolution

Von Dorothee Markert

Mom, stop working!

Mom, stop working!

 

 

 

 

 

 

 

Foto: Fotolia

Während ein großer Teil politisch aktiver Frauen immer noch damit beschäftigt ist, für flexiblere Teilzeitregelungen und bessere öffentliche Kinderbetreuung zu kämpfen, also für das, was verharmlosend mit „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ bezeichnet wird, damit Mütter und auch die nach wie vor wenigen kinderbetreuenden Väter ohne schlechtes Gewissen, Überforderung und Hetze berufstätig sein können, sind längst die Weichen gestellt, um die Wahlmöglichkeit aus der Welt zu schaffen, eine Zeitlang oder ein Leben lang zur Betreuung eigener Kinder, kranker oder alter Familienangehöriger auf Erwerbstätigkeit zu verzichten. Es ist noch nicht so lange her, dass wir Frauen aus der Frauenbewegung – zu Recht – gegen die patriarchalen Aspekte des einst von der Arbeiterbewegung erkämpften „Ernährerlohns“ zu Felde zogen, vor allem gegen die damit verbundene Bevormundung der Frauen in den Familien. Doch jetzt reiben wir uns die Augen und sehen, dass die staatliche Familienpolitik Schritt für Schritt, zuletzt mit dem neuen Unterhaltsrecht 2009, die Pflicht aller Frauen zur (möglichst vollen) Erwerbstätigkeit festgeschrieben hat, ob sie Kinder haben oder nicht, so dass es eine Wahlmöglichkeit eigentlich gar nicht mehr gibt, wenn wir nicht den Absturz in die Armut riskieren wollen, spätestens im Alter. Der gleichzeitig stattfindende Reallohnabbau hat dafür gesorgt, dass mit einem Einkommen in den meisten Berufen keine Familie mehr ernährt werden kann. Während mit dem „Ernährerlohn“ die unbezahlte Care-Arbeit in den Familien, die nach Untersuchungen insgesamt zeitlich 1,7fach umfangreicher ist als die gesamte Erwerbsarbeit, wenigstens noch ein bisschen mitberücksichtigt wurde, wenn auch auf schlechte Weise, fällt sie nun ganz unter den Tisch. Gleichzeitig nehmen die Belastungen innerhalb der Erwerbsarbeit zu, durch Intensivierung, Flexibilisierung und Prekarisierung, und auf der anderen Seite steigen die Anforderungen im Bereich familiärer Care-Arbeit, beispielsweise durch den Abbau sozialstaatlicher Leistungen und höhere Anforderungen an das, was heute für eine gutes Aufwachsen von Kindern als unabdingbar betrachtet wird.

Frauen von der TU Hamburg-Harburg und vom Feministischen Institut Hamburg haben einen Aufruf verfasst, der die Folgen dieser Veränderungen mit einem Begriff zusammenfasst, der ihr Totschweigen und die hilflosen Versuche, sie privat zu bewältigen, beenden kann: Wir haben es mit einer massiven Care-Krise zu tun, die sich im Zusammenhang mit der Finanzkrise noch weiter verschärft hat. Die Autorinnen rufen dazu auf, auf diese Krise mit einer Care-Revolution zu antworten, einer politisch-wirtschaftlichen Umwälzung, die der bisher unbezahlten oder schlecht bezahlten Care-Arbeit endlich den Platz zuweist, der ihrer wirtschaftlichen Bedeutung und ihrer Bedeutung für das gute Leben und Zusammenleben entspricht.

Vom 14. Bis 16. März laden sie zu einer Aktionskonferenz nach Berlin ein, wo es vor allem darum geht, dass die zahlreichen Gruppierungen, die an diesem Thema arbeiten, ob sie nun von „Haus- und Familienarbeit“, „Sorgearbeit“ oder „Reproduktionsarbeit“ reden oder sich für bessere Bedingungen erwerbsmäßiger Care-Arbeit einsetzen, miteinander ins Gespräch kommen und Ideen für ein weiteres Vorgehen entwickeln.

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Ute Plass sagt:

    Von der Care-Krise zur Care-Gerechtigkeit

    zum Mitzeichnen:

    http://care-macht-mehr.com/

  • über 440.000 pflegegeldbezieherInnen in österreich, 80 prozent der pflegebedürftigen menschen werden daheim gepflegt. die pflegenden sind zu 80 prozent frauen! care-revolution is needed! wir arbeiten 2014 an „vereinbarkeit von pflege und beruf“ und gegen armut durch pflege.

  • Ute Plass sagt:

    @Birgit meinhard-schiebel – ja, sehr wichtig diese (Zahlen)Dimensionen immer wieder aufzuzeigen um das Sein
    ins Bewusstsein zu bringen. Und klar: ‚CareRevolution‘ brauchen wir, denn ohne eine solche stirbt Mensch und Menschlichkeit.

  • Elisabeth von Grafen sagt:

    „…Pflicht aller Frauen zur (möglichst vollen) Erwerbstätigkeit festgeschrieben hat, ob sie Kinder haben oder nicht, so dass es eine Wahlmöglichkeit eigentlich gar nicht mehr gibt, wenn wir nicht den Absturz in die Armut riskieren wollen, spätestens im Alter.“

    Die „Wahlmöglichkeit“ wird im Patriarchat nur vorgetäuscht, um die Stimmung für die „Wirtschaft“ und Konsum zu verbessern. Lass uns lieber riskieren und Sorge für uns selbst und unsere Kinder ergreifen und nicht den wirtschaftlichen Lobby-Pfeifen – wie früher den Kirchen Führern – unsere Ohren schenken. Lass uns lieber unsere eigene Stimme ergreifen!

  • Katarina Klein sagt:

    Danke Dorothee Markert für Deine klugen Worte und das nette Bildchen.

  • Sabrina Bowitz sagt:

    Böse Zungen könnten behaupten, die Politik hätte einfach die Ziele der Frauenbewegung für sich instrumentalisiert. „die Frauen wollen arbeiten – aha- na bitte, dann gerne! Aber nur für unsere Ziele und unsere Werte“. Schwupps, schon wieder fremdbestimmt.
    Und ja, deshalb ist die Care-Revolution so wichtig und vor allem auch das Grundeinkommen, immer noch und wird es immer bleiben, damit überhaupt so etwas wie eine freie Entscheidung gegeben sein kann – und ein gutes Leben im Staat.
    Wie paradox das ist, für einige Berufe, die in Wahrheit nur sehr wenigen nutzen, so viel Lohn zu zahlen und für andere fast nichts, die aber beispielsweise Leben retten?
    Wieso?
    Das ist immer die Frage. Und es ist auch die Frage nach dem: Wie wollen wir auf lange Sicht leben?
    Denn in der Volkswirtschaftslehre sollte eigentlich immer
    auch die Entwicklung auf lange Sicht berücksichtigt werden.
    Kann mir jemand mal erklären, wie eine Gesellschaft funktionieren soll, in der Menschen, die andere pflegen, sich um andere kümmern etc nicht ausreichend bezahlt und geschützt werden? Am Ende ist niemand mehr da, der sowas
    tun würde. Was dann? Pflege und Schutz lassen sich nur so lange „kaufen“ wie es Menschen gibt, die unter so einem
    Lohn arbeiten wollen. Und Menschen halten solche unwürdigen Zustände nicht für ewig aus und es ist auch nicht angebracht, solche Zustände zu tolerieren, in einer Gesellschaft, die sich demokratisch nennt.
    Ich frage mich immer, wo hier die Demokratie sein soll
    und vor allem: Die „Wissens“gesellschaft. Wo ist sie nur hin? Aha, sie war nie da. Hinterfragt wird nämlich nicht, höchstens das, was irgendwie entschuldbar ist – in den Augen derer, die nichts damit zu tun haben und darunter
    nicht leiden müssen.

  • Karina Starosczyk sagt:

    „Und ja, deshalb ist die Care-Revolution so wichtig und vor allem auch das Grundeinkommen, immer noch und wird es immer bleiben, damit überhaupt so etwas wie eine freie Entscheidung gegeben sein kann…“

    Bedingungsloses Grundeinkommen – bitte schön…

  • Sabrina Bowitz sagt:

    „„Und ja, deshalb ist die Care-Revolution so wichtig und vor allem auch das Grundeinkommen, immer noch und wird es immer bleiben, damit überhaupt so etwas wie eine freie Entscheidung gegeben sein kann…“ Bedingungsloses Grundeinkommen – bitte schön…“
    Natürlich war das bedingungslose gemeint als Garant für ein würdevolles Leben, Umsetzung bzw wenigstens die Basis dafür für die Würde des Menschen im GG. Da ist mir ein Wort abhanden gekommen, es war aber kein politisches Programm mit bedingtem Grundeinkommen, aber natürlich gäbe es sicher wieder Leute, die das dann so auslegen würden. Daher danke für den Hinweis:).

  • Ein wirklich wichtiges Thema im Brennpunkt der aktuellen Auseinandersetzungen – ohne dass es ausreichend diskutiert würde, bzw. indem es nur unter schon vorformenden Fragestellungen abgehandelt wird.

    Ich persönlich glaube nicht, dass diese Entwicklungen bzw. deren negative Folgen erfolgreich bekämpft werden können, wenn es wieder nur heißt: das ist halt das böse Patriarchat, wie es oben Elisabeth wieder andeutet.

    Für mein Empfinden – und das vieler anderer Frauen – sind wir lange nicht mehr im „Patriarchat“ (jedenfalls weit entfernt von dem, wie es in den 60gern/70gern noch existierte). Und immer mehr Männer meinen, es gäbe ein „herrschendes Feminat“, dass sie auf immer mehr Gebieten absichtsvoll oder unbewusst benachteiligt.

    Dem Mega-Trend „jede/r macht seins/ihrs und muss für sich selber sorgen“ werden wir nicht viel entgegen setzen können, wenn wir nicht versuchen, die derzeitigen Gräben zwischen den Geschlechtern ernst zu nehmen und alle Basics des Miteinanders quasi neu zu verhandeln.

    Ich denke, dass das heute – jetzt im 21.Jahrhundert, nach mehreren Jahrzehnten erfolgreicher Frauenbewegung – sogar möglich ist. Aus Gründen, deren Ausführung hier den Rahmen sprengen würde.

    Wenn Frauen und Männer dann mal neu sortiert haben, was gerecht ist, – in all den neuen, viel häufiger „fluktuierenden“ Beziehungssituationen, insbesondere mit Kindern – DANN ist es auch möglich, auf diesem Konsens aufbauend der totalen Vermarktung und Verdinglichung entgegen zu treten, bzw. sich ihr zu verweigern, sie zu bekämpfen, ihr die Grundlage ihres schrecklichen Wirkens zu entziehen.

  • gabi bock sagt:

    Nachlesen in den Protokollen und Veröffentlichungen der Frauenuniversitäten in Berlin – 1976/77
    LOHN für Hausarabeit…

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