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Das ABC des guten Lebens in der Praxis

Von Juliane Brumberg

Juliane Brumberg ist  einzelnen Begriffen aus dem ABC des guten Lebens unter dem Aspekt des ‚Alterns‘ wieder neu begegnet.

Natürlich habe ich das „ABC des guten Lebens“ gründlich gelesen. Natürlich fühlte ich mich sehr angesprochen und erhielt viele gute Impulse. Natürlich habe ich es ganz oft weiter verschenkt. Aber das ist schon anderthalb Jahre her. Und natürlich ist Vieles aus dem „ABC des guten Lebens“ wieder in den Hintergrund gerückt.

Foto: Juliane Brumberg

Foto: Juliane Brumberg

Nun aber ein Workshop zum Thema „Auch starke Frauen dürfen schwach sein, von der Spiritualität des Älterwerdens“ mit der Referentin Erni Kutter. Der Seminartag war vielseitig angelegt. Es ging um die inneren Bilder vom Alter und die Kraft der Imagination, es ging um die Würde der Frau, es ging um Krankheit und Gesundheit, u. A. am Beispiel von Hildegard von Bingen. Es gab Tänze und Texte zum meditieren.

Und es gab fünf Begriffe aus dem „ABC des guten Lebens“, zunächst Abhängigkeit, Bedürftigkeit, Bezogenheit und Dankbarkeit. Die Texte aus dem Büchlein wurden nacheinander vorgelesen. Anschließend entfalteten sie ihre Kraft, als wir uns in Kleingruppen darüber austauschten. Und zwar ganz konkret unter dem Aspekt des Älter-Werdens und des Schwach-Seins. Natürlich sind wir abhängig und dürfen abhängig sein, gerade auch im Alter! Ja, lebendig sind wir durch unsere Beziehungen – in Bezogenheit! Warum nicht bedürftig-Sein dürfen? Da half uns die Frage: „Wie geht es mir, wenn ich Anderen helfen kann?“ Gerade Frauen helfen oft gerne und sie fühlen sich gut dabei. Warum nur ist Hilfe-Annehmen (müssen) dann so schwer? Warum gelten Schwäche, Abhängigkeit und Kontrollverlust als unvereinbar mit weiblichen Autonomie?

Das waren wichtige Impulse, die für viele Frauen ihr bisheriges Denken auf den Kopf stellten. Wie viel besser geht es uns, wenn wir statt des inneren Widerstands gegen Abhängigkeit, Bedürftigkeit und Bezogenheit die Dankbarkeit spüren? Dankbarkeit dafür, dass Menschen, von denen wir abhängig sind, da sind und für uns gesorgt haben oder sorgen; Dankbarkeit dafür, dass wir auch mal schwach sein und uns unserer Bedürftigkeit hingeben und etwas annehmen dürfen; Dankbarkeit für unsere Beziehungen, in denen wir manchmal ganz intensiv das Wirken Gottes oder die göttlichen Kräfte spüren.

In einem zweiten Abschnitt ging es dann um einen fünften Begriff aus dem „ABC-des guten Lebens“, um die Würdeträgerin. Wir wollen auch als kranke, schwache Menschen würdevoll behandelt werden. Was heißt das für Frauen? Mir erscheint da das Bild einer sehr alten Dame im Krankenbett, vielleicht ist sie sogar sterbenskrank. Aber sie strahlt Würde aus, sie weiß, dass ihr – wie jedem Menschen – eine Würde innewohnt, auch wenn sie krank, schwach und hilfsbedürftig ist. Sie weiß, dass alle Menschen um ihrer selbst willen und ohne äußeren Zweck auf dieser Welt sind, sie weiß, dass das gute Leben Allen zusteht, auch den Sterbenskranken.

Eine Seminarteilnehmerin, die beruflich oft in Pflegeheimen zu tun hat, widersprach mir. Sie erlebt dort täglich Situationen, in denen von Würde keine Rede sein kann. Das zeigt: Manchmal sind wir bedürftig, wir brauchen Menschen von außen, die uns unsere Würde geben.

Am Ende des Tages sagte eine andere Seminarteilnehmerin: „Wie wichtig ist es doch, dass wir das, was wir schon einmal gewusst haben, immer wieder auffrischen – in unseren Beziehungen. Im täglichen Leben versperren uns Stereotypen aus den Medien und der Umwelt unseren eigenen Blick auf das Alter und verschütten die stärkenden inneren Bilder.“

2012_08_07_ABC_InternetSo ist es auch mit dem „ABC des guten Lebens“. Es reicht nicht, es einmal gelesen und im Schrank stehen zuhaben. Es lohnt sich, es immer wieder zur Hand zu nehmen und die Begriffe mit eigenen inneren Bildern und Erfahrungen zu füllen.

 

Kommentare zu diesem Beitrag

  • „So ist es auch mit dem „ABC des guten Lebens“. Es reicht nicht, es einmal gelesen und im Schrank stehen zuhaben. Es lohnt sich, es immer wieder zur Hand zu nehmen und die Begriffe mit eigenen inneren Bildern und Erfahrungen zu füllen“, danke für den tollen Artikel und ein guter Plan!
    Werd ich direkt einmal umsetzen:).

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Schade, dass ich bei diesem Gerspräch nicht habe dabei sein können;
    ich hätte gerne mehr gehört und von mir selbst einiges dazu zu sagen gehabt…

    Nur kurz 2 persönliche Anmerkungen:
    1. Ich muss mir das vor allem selbst „erlauben“ dieses „schwach sein zu dürfen“.
    Dann erlebe ich mich auf anderer Ebene und üüüberhaupt nicht mehr als schwach.
    Das hat Aus(sen)Wirkungen.
    (-diese UnterScheidung zwischen „stark“ und „schwach“ ist ein Grundübel!)
    2. Ja, es ist schön und wunderbar,
    „Menschen von außen zu haben,… die uns unsere Würde geben“ –
    ich würde lieber sagen: uns würdig/würdevoll behandeln.
    Aber ich meine, letztlich kann ich mir meine Würde immer wieder und nur selbst „geben“
    (und fange damit nicht erst bei Pflegestufe 3 an…).

  • Liebe Juliane,

    Danke für den schönes Bericht über die Wirkungen des ABC’s im Context dieser Tagung, über die Auseinandersetzungen mit den Wörter. Auch sehr schön das die Wörter vorgelesen sind in der grosse Gruppe. IN Wien haben wir Autorinnen bemerkt dass das Vorlesen eine starke Wirkung hat. Und dein Bericht über den Begriff ‚WürdeträgerIn‘ zeigt sehr gut das Würde nicht nur innewohnt aber auch bestätigt wird durch ein ander, dass Würde ein relationelles Begriff ist.
    Nochmals vielen Dank.
    Anne-Claire Mulder

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