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Die Würde beider Geschlechter wird verletzt

Von Carola Meier-Seethaler

Bezahlte Liebe ist keine Liebe Foto: Benjamin Klack / pixelio.de

Bezahlte Liebe ist keine Liebe
Foto: Benjamin Klack / pixelio.de

Bei Fernsehdiskussionen ist häufig zu beobachten, wie die Beteiligten aneinander vorbei reden. So war es auch in einer Sendung des Schweizer Fernsehens mit Alice Schwarzer zur Prostitutionsdebatte. Während die Moderatorin Barbara Bleisch darauf bestand, eine Position zur Diskussion zu stellen, nach der auch der Verkauf des eigenen Körpers als freie Entscheidung zu respektieren sei, wies Alice dies meiner Ansicht nach zu Recht, aber allzu aggressiv zurück, weil sie diese Argumentation offenbar nicht mehr hören kann.

Beeindruckend fand ich, wie Schwarzer die Würde beider Geschlechter verletzt sieht, sowohl diejenige der sich prostituierenden Frau – oder des Strichjungen- als auch die Würde desjenigen, der sich sexuelle Befriedigung kauft. Wird das Sexobjekt zur Ware erniedrigt, so begibt sich der so genannte Freier seiner Würde als beziehungsfähiger Mensch. An keiner und keinem geht der Tausch von Geld als Mittel der Macht gegen Preisgabe der intimen Integrität spurlos vorüber. Sei es als Verlust an Selbstachtung oder/und als Beeinträchtigung der Chance echter erotischer Beziehungen.

Aus meiner Sicht wird folgende Frage viel zu selten gestellt: Warum nimmt die Beanspruchung käuflicher Liebe einen derart grossen Raum ein in einer Zeit nie da gewesener sexueller Freiheit und ihrer Akzeptanz schon für Jugendliche?

Ist es Bequemlichkeit? Ist es die neoliberale Illusion, alles für Geld kaufen zu können – in Vergessenheit des Udo-Jürgens-Hits von 1968: „Was wirklich zählt auf dieser Welt, bekommst Du nicht für Geld“? Oder ist es die Angst vor der erotisch-sexuellen Begegnung auf Augenhöhe?

Für letzteres spricht der Verlust des Jahrtausende alten männlichen Überlegenheitsgefühls, das mit scheinbar überlegenen Körper-und Geisteskräften ein quasi natürliches Machtgefälle zwischen den Geschlechtern entstehen liess. Ist männliche Potenz etwa gefährdet, seit sich die Ebenbürtigkeit der Frauen auf allen Lebensgebieten erwiesen hat?

Gefragt wären sehr grundsätzliche Reflexionen darüber, dass Liebe und Macht im Sinne von Herrschaft über andere nicht miteinander vereinbar sind. Liebe als dauerhafte persönliche Beziehung ebenso wenig wie sexuelle Liebe als gegenseitige Leidenschaft. Wahrscheinlich gibt es sexuelle Glücksmomente nur in gegenseitiger Ergriffenheit, unabhängig von heterosexueller oder homosexueller Anziehung und ohne die Gewissheit, wie dauerhaft sie wiederholbar sind. Das spricht nicht gegen erotische Phantasie und einvernehmliche Experimente, aber…  berechenbar ist auch die körperliche Liebe nicht, wenn wir darunter mehr verstehen als einen egomanen Lustgewinn.

siehe auch auf bzw-weiterdenken:

Prostitution – Gedanken auf den zweiten Blick
Die Debatte um Prostitution wird von Frauen – nicht nur Feministinnen – sehr engagiert und nachdenklich geführt. Es gibt jeweils gute Gründe für die unterschiedlichen Positionen. Gudrun Bosse geht noch einen Schritt weiter und schaut auf das, was in diesem Zusammenhang nicht diskutiert wird.

Paradoxe Verblendung von Anke Drygalla
Wie Prostitution zur Normalität erklärt wird

 

Autorin: Carola Meier-Seethaler
Redakteurin: Juliane Brumberg
Eingestellt am: 09.02.2014
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Monika von der Meden sagt:

    Vielen Dank, Carola, Du hst meine Meinung dargestellt! Weiter in einer sinnvollen Diskussion!

  • Sabrina Bowitz sagt:

    Meine ebenso, vielen Dank dafür Carola, ein sehr guter Artikel! Ich frage mich auch immer wieder: Warum existiert Prostitution überhaupt? Ich glaube, das liegt wirklich an der Angst, die in allen Menschen vorhanden ist, vor Nacktheit und davor, dabei ganz verletzlich zu sein. Daher sehe ich auch Freier eher als Feiglinge an, auch wenn das jetzt sehr hart klingt, aber so nehme ich das wahr.

  • Karina Starosczyk sagt:

    Ja, danke Corola für Deine Worte. Ich sehe Freier und Prostituierte als Produkte des Patriarchats. Und solange Frauen die Rolle des Aschenputtels nicht verlassen, werden die s. g. Freier und „liebevollen“ Ehe-Männer weiterhin erbarmungslos stechen!

  • Ute Plass sagt:

    Der Appell Alice Schwarzers gegen Prostitution bringt zwar viel Empörung zum Ausdruck, jedoch ist diese für mich nicht recht glaubwürdig, da die Ursache, warum sich Frauen prostituieren (müssen),nämlich überwiegend aus Armutsgründen,nicht thematisiert wird.
    Wenn wir Prostitution als Ausdruck unwürdiger, falscher Beziehungs/Gesellschaftsverhältnisse verstehen, dann sollten wir alle daran mitwirken diese zu verändern. Es sind ja nicht allein „die Männer“, die ein solches System aufrecht erhalten, sondern auch Frauen haben Anteil an den vorherrschenden Produktions- und Ausbeutungs-Verhältnissen.

    Ich hege die Überzeugung, dass veränderte sozioökonomische Verhältnisse, dazu gehört vor allem eine Wirtschaft der Fürsorge (siehe Riane Eisler -http://www.bzw-weiterdenken.de/2014/02/von-bewusstheit-zur-aktion/ ),
    Prostitution zum Verschwinden bringen wird.:-)

    Vertiefte Auseinandersetzung darüber auch hier:
    http://antjeschrupp.com/2013/10/31/funf-thesen-zum-thema-prostitution/

  • Sabrina Bowitz sagt:

    Hallo Ute, das ist so wahr! Danke für deinen Beitrag!
    In fast jedem Kommentar zur Prostitution taucht irgendwann das Wort: „Für das Geld, für die Bezahlung der Miete“ auf. Da sollte angesetzt werden, als allererstes. Wo wären wir da wieder? Genauso wie du es beschrieben hast, bei der Wirtschaft der Fürsorge und auch dem bedingungslosen Grundeinkommen als Teil der Würde des Menschen bzw als Umsetzung quasi!

  • Ute Plass sagt:

    Ja, Sabrina, ein bedingungsloses Grundeinkommen betrachte ich auch als Menschenrecht. Damit die Würde aller Menschen geachtet wird, müssen wir die vorherrschende Wirtschaftsweise verändern, die als höchsten Wert nicht das würdige Leben aller im Blick hat, sondern
    Profitmaximierung um jeden Preis.

    Eislers abschließendes Plädoyer lautet: „Es ist nun an uns diese Vision (für das gute Leben aller) zu verwirklichen.“

  • margarete normann sagt:

    „Ist es Bequemlichkeit? Ist es die neoliberale Illusion, alles für Geld kaufen zu können…“

    Wahrscheinlich. Eine Putzfrau und Prostituierte kannst Du heute freiheitlich zuhause für alle Zwecke aufbewahren. Ein Weib zuhause liefert Dienste all inclusive – kostenlos! Allerdings hält es nicht immer die Klappe.

  • manfred gabriel sagt:

    Beim „egomanen Lustgewinn“ sind wir wieder beim Narzissmus: „Mit dem Begriff Narzissmus ist im weitesten Sinne die Selbstliebe als Liebe gemeint, die man dem Bild von sich entgegenbringt. Im engeren Sinn bezeichnet er eine auffällige Selbstbewunderung oder Selbstverliebtheit und übersteigerte Eitelkeit. Der Begriff leitet sich ab von Narkissos/Narziss, einem Jüngling der griechischen Mythologie.“ (Wicki)

  • Elisabeth von Grafen sagt:

    Danke Ute Plass für Deinen Beitrag.

    „Der Appell Alice Schwarzers gegen Prostitution bringt zwar viel Empörung zum Ausdruck, jedoch ist diese für mich nicht recht glaubwürdig, da die Ursache, warum sich Frauen prostituieren (müssen),nämlich überwiegend aus Armutsgründen,nicht thematisiert wird.
    Wenn wir Prostitution als Ausdruck unwürdiger, falscher Beziehungs/Gesellschaftsverhältnisse verstehen, dann sollten wir alle daran mitwirken diese zu verändern.“

    Weißt Du, was mir aufgefallen ist (so ganz neben dem Soll-Auftrag? Die meisten Stimmen der Empörung wegen dem „bedingungslosen Grundeinkommen“ kommen von Frauen! Und ich kann es auch verstehen – obwohl ich diese Auffassung dagegen für fatal halte. Da kommen die Frauen langsam beim Einsatz ihrer verschlafenen Kraft an die Macht und da „soll“ plötzlich ihre Leistung nichts zählen (???)

  • Ute Plass sagt:

    @Elisabeth von Grafen – ja, finde es auch fatal, wenn Frauen (und Männer) sich über die Idee eines bedingungs-
    losen Grundeinkommen empören und nicht erkennen können, dass es sich hier um ein Menschenrecht auf und zum Leben hin handelt. Vielen Frauen scheint nicht bewußt zu sein, wie sehr sie sich mit dem noch sehr männlich geprägten Erwerbsarbeitscredo identifizieren, das da heißt: Was nichts kostet ist nichts wert – Leistung muss sich lohnen!”

    Eine repressionsfreie Grundsicherung betrachte ich als Chance, sich von der vorherrschenden Arbeitsmoral zu befreien, um selbstbestimmt und sinnvoll tätig sein zu können.
    Eine weitere Hoffnung, die ich mit einem bGE verbinde ist die, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse, also auch die auf dem sog. Arbeitsmarkt (allein dieses Wort finde ich schon grässlich, verweist es doch auf den Stellenwert von Arbeit als käufliche Ware, die je nach Kapitalinteresse ausgebeutet wird), sich humaner entwickeln und an den menschlichen Grundbedürfnissen orientieren.
    Fast immer mache ich in Diskussionen zum bGE die Erfahrung, dass die meisten Frauen und Männer, die sich vehement gegen ein bGE aussprechen wenig über diese Idee wissen und verweise daher gerne auf den schönen Text hier: http://gutesleben.org/

  • Ute Plass sagt:

    @Elisabeth von Grafen – bezüglich des Wörtchens „soll“.
    Was Frau ’soll‘ bestimmt Frau selbst:-)

  • Ute Plass sagt:

    Feministin über Sexarbeit

    „Alle Frauen tauschen Sex gegen Geld“

    Wenn Frauen Prostituierte befreien wollen, lohnt es sich, zweimal hinzusehen, meint die englische Feministin Laurie Penny.
    http://www.taz.de/Feministin-ueber-Sexarbeit/!133359/

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