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Fluchtwege

Von Antje Schrupp

In einer Serie fasst Antje Schrupp kapitelweise das Buch „Saving Paradise“ von Rita Nakashima Brock und Rebecca Ann Parker zusammen. Kapitel 12: Fluchtwege.

"Prester John" als Herrscher von Äthiopien, auf einer portugisischen Landkarte des 16. Jahrhunderts.

„Prester John“ als Herrscher von Äthiopien, auf einer portugiesischen Landkarte des 16. Jahrhunderts.

Ab dem 13. Jahrhundert wird die Darstellung von Gewalt im christlich-westeuropäischen Kontext immer krasser. Populär werden jetzt Bilder vom Kalvarienberg, es wird also nicht mehr nur der gekreuzigte Jesus abgebildet, sondern die gesamte Kreuzigungszene, inklusive dem „guten und schlechten Dieb“, die links und rechts von Jesus am Kreuz hängen, und mit denen sich die Menschen identifizieren sollen: Der eine ist Märtyrer und wird nach dem Tod ins Paradies kommen, der andere wird später Höllenqualen leiden.

1231 startet Papst Gregor IX die Inquisition und führt Quälereien ganz ähnlichen Kalibers offiziell als christliche Praxis ein: Die Gewalt richtet sich nicht mehr nur gegen die Ungläubigen (wie bei den Kreuzzügen), sondern prägt zunehmend die Beziehungen der Menschen in Europa untereinander. Gewalt und Schmerzen werden zu Synonymen für einen Prozess der Veränderung. Bilder aus dem 13. bis 15. Jahrhundert zeigen dann auch zunehmend nicht mehr nur Kreuzigung und Kalvarienberg als blutige Gewalttaten, sondern alle möglichen Splatter-Situationen, quasi aus dem Alltag.

Das zweite Konzil von Lyon 1276 führt die Vorstellung vom Fegefeuer als offizielles christliches Glaubensgut ein: Gewalt und das Zufügen von Schmerzen werden nun  in die Zeit nach dem Tod verlängert, und damit rückt auch das Paradies noch einmal in weitere Ferne: Nicht einmal nach dem Tod kommt man direkt dorthin (außer wenige Ausnahmemenschen, die quasi Heilige sind), sondern normale Gläubige müssen erst noch Zeit im Fegefeuer verbringen.

All das führt dazu, dass in der westeuropäischen Kultur Gewalt, Wunden, Folter und Schmerzen als „heilig“ angesehen werden.

Allerdings gerät das Ganze in eine schwere Krise, als sich Mitte des 14. Jahrhunderts die Pest in Europa ausbreitet und innerhalb weniger Jahre 25 Millionen Menschen, ein Drittel der Bevölkerung, sterben. Mit einem solchen Ausmaß an Leid und Tod konfrontiert, finden viele Menschen die kirchlichen Erklärungen für den Zusammenhang von Leiden und Heiligkeit nicht mehr glaubwürdig. Gottes Allmacht und/oder Güte werden in Frage gestellt, ebenso verliert die Kirche an Autorität, weil massenweise Menschen sterben, ohne das letzte Sakrament erhalten zu haben. Brock/Parker identifizieren drei „Fluchtwege“, wie im Anschluss an die Pest mit dieser „apokalyptischen Wende“ umgegangen wurde:

1. Prester John: Hierunter ist letztlich die Entstehung utopischer Literatur gemeint. Geschichten von einem „paradiesischen“ Königreich unter einem gewissen Prester John gab es schon seit dem 12. Jahrhundert, 1366 werden sie als Fabelband zusammengefasst und finden weite Verbreitung. Diese Erzählungen sind sehr beliebt und enthalten Vorstellungen davon, wie eine Gesellschaft besser organisiert werden kann. Insofern sind sie auch eine Kritik an den bestehenden Verhältnissen.

2. Neue Welten: Entdecker brechen auf, um das Paradies und „neue Welten“ außerhalb von Europa zu suchen. Vasco da Gama und viele andere hatten in ihren Karten das Königreich von Prester John eingezeichnet. Dass die Erschließung der neuen Welten mit Sklaverei und Ausbeutung der dort lebenden Menschen so brutal geschehen konnte, führen Brock/Parker auf die Gewöhnung an Gewalt in Westeuropa in den vorausgegangenen Jahrhunderten zurück. Päpstliche Papiere (zitiert wird eines von Papst Nikolaus V) erlaubten den Kolonisatoren ganz offiziell, im Namen Gottes alle nicht-christlichen Menschen, die sie anderswo antrafen, zu berauben und zu versklaven, und zwar nicht nur aus „heiligen“ Gründen (Bekehrung etwa), sondern auch einfach nur für den eigenen Profit.

3. Sola Scriptura: Ein dritter Fluchtweg war die Entstehung des Protestantismus und die Rückbesinnung auf die Bibel zur Entmachtung des Klerus und als Versuch, fehlgeleitete Überformungen des Christentums quasi abzustreifen. Brock/Parker schildern vor allem Calvin und die Entstehung des Puritanismus, was aus ihrer (US-amerikanischen) Perspektive besonders interessant erscheint. Calvins Idee ist, dass Menschen mit gottgefälligem Leben und Selbstdisziplin das Paradies auf Erden wieder erreichen können (anders als Luther, der der Ansicht ist, das Paradies sei auf dieser Erde für immer verloren). Daraus entstehen dann sehr moralische Anleitungen für ein tugendhaftes Leben. Diese Idee eines puritanischen Christentums wird durch die massenweise Übersiedelung nach Amerika im 17. Jahrhundert für das dortige Christentum bestimmend.

Die verbleibenden zwei Kapitel des Buches werde ich nicht mehr in dieser Reihe zusammenfassen, weil sie vor allem auf die heutigen Ausformungen des Christentums in den USA Bezug nehmen und insofern für den europäischen Kontext von untergeordneter Bedeutung sind. Ich will aber in einem abschließenden Beitrag noch versuchen, eine Analyse aus dem Buch für uns heute zu ziehen.

Autorin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 15.02.2014
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Elfriede Harth sagt:

    Vielen Dank, liebe Antje, fuer die Praesentation dieses Buches. Wie gut zu erfahren, wie geschichtlich bedingt die Einstellungen zu Gott und einem Guten Leben sind!
    Elfriede

  • Bari sagt:

    Hallo
    Danke für die Übersetzung dieses interessanten Buches. Schade, dass die ursprüngliche gute Nachricht so pervertiert wurde.
    Nachdem ich gerade einen aktuellen Bericht zur weiblichen Genitalvertümmelung gelesen habe, meine ich dass die westeuropäische Kultur kein Privileg zur Gewalt und dessen religiöse Verbrämung hat.
    Kennt eine eine Kultur, die nicht von Gewalt geprägt ist?? Welche?

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