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Ich lese keine Zeitung

Von Mélanie Kern

„Ich lese keine Zeitung“ ist nach zehn Jahren Gewerkschaftsarbeit entstanden – die meinen Kampfgeist ermüdeten. Wo schöpfe ich neue Kraft, Sinn und Lebensmut?

Foto: Frank-hl/Flickr.com

Foto: Frank-hl/Flickr.com

ich lese keine zeitung
ich höre keine nachrichten
ich schaue keine tagesschau

ich habe keine tränen mehr

ich schreibe keinen leserbrief
ich unterschreibe keine petition
ich gehe an keine demonstration

ich habe keine tränen mehr

ich trenne keinen abfall
ich spare kein wasser
ich bündle kein papier

ich habe keine tränen mehr

ich grabe die erde um
ich säe einen samen
ich sitze auf meiner gartenbank

die blume blüht

die amsel singt

ich weine

Autorin: Mélanie Kern
Eingestellt am: 12.02.2014

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Liebe Melanie, wunderschönes Gedicht! Ich kenne das Gefühl auch und es ist einfach eine Form der Selbstfürsorge und damit auch Sorge für andere, Pause zu machen und auch mal zu weinen. Ich finde, das ist eine Form der Menschlichkeit, die wichtig ist. Sonst kann es auch passieren, dass unmenschlich mit anderen umgegangen wird, wenn du dich selbst so behandelst – gerade auch in Gewerkschaftskreisen und sozialen Initiativen.

  • Luisa sagt:

    Liebe Melanie,
    ich fühle mit dir.
    Auch ich habe mal, aus wahrscheinlich denselben Gründen wie du, weinend auf der Gartenbank gegessen.
    Es dauert ein wenig, aber dann kann frau wieder aufstehen, sich die Tränen abwischen und die Krone wieder gerade rücken.
    Lass es dauern, solange wie du brauchst.
    meine besten Wünsche begleiten dich.
    Luisa

  • monikakrampl sagt:

    für dich – und wieder und immer wieder …

  • Krista Galli sagt:

    Liebe Melanie Kern
    Alles ist gesagt, beschrieben: jetzt ist Wartezeit – Brachzeit – und die Tränen werden zum Neuanfang. Wie kann der Samen keimen ohne Tränen… Danke für dieses Zeilen – so offen und so heilsam.

  • claudia sagt:

    danke für’s teilen!
    wundervoll. wir sind nicht allein. wir kennen unsere gefühle und haben herausgefunden, wie wir uns selbst gut tun.
    und danke auch für den kommentar von sabrina.
    alles liebe!

  • Monika von der Meden sagt:

    Ein vielleicht schönes Gedicht, aber im Augenblick geht es nicht, wo EU und USA uns endgültig entmündigen wollen mit dem Vertrag TAFTA/TTIP – bitte seht es Euch an und handelt!
    Herzlichst, Monika

  • Ute Plass sagt:

    Gedicht und Kommentare bringen mir in Erinnerung:
    „Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde“ (Pr 3, 1 – 15)

    Meine Jetzt-Zeit schaut auf @Monikas Appell:

    http://umweltinstitut.org/freihandelsabkommen/allgemeines/freihandelsabkommen-verhindern-1144.html

  • Doreen Heide sagt:

    In vielen Märchen werden die Tränen einer Frau zu Gold.
    Die Menschen in früheren Zeiten wussten, dass Tränen goldwert sind. Oft wächst aus diesen etwas Neues und Wertvolles – eine neue Idee vielleicht und neue Kraft.
    Alles Gute!

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