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Rubrik denken

Ebenen der Prostitution

Von Marita Blauth

Statue der Imperia am Bodensee. Sie erinnert satirisch an das Konzil von Konstanz (1414–1418). Sie stellt eine üppige Kurtisane dar, der ein tiefes Dekolleté und ein Umhang, der nur von einem Gürtel notdürftig geschlossen wird, eindeutige erotische Ausstrahlung verleihen. Foto: Marita Blauth

Statue der Imperia am Bodensee. Sie erinnert satirisch an das Konzil von Konstanz (1414–1418). Sie stellt eine üppige Kurtisane dar, der ein tiefes Dekolleté und ein Umhang, der nur von einem Gürtel notdürftig geschlossen wird, eindeutige erotische Ausstrahlung verleihen. Foto: Marita Blauth

Angeregt durch die vielen Diskussionen hat sich Marita Blauth genauer mit dem Thema Prostitution auseinandergesetzt. Das war für sie bereichernd und Lehrstück in der Komplexität von gesellschaftlichen Phänomenen. Zumal das Spektrum der Interessen und Denkarten von Frauen untereinander weit ist. Das Thema hat viele Ebenen, und nicht alle Ebenen bieten dieselbe Antwort an. Ihre Erkenntnisse und Einsichten teilt Marita Blauth in diesem ausführlichen Beitrag.

Heißt es nicht, beim Geld und beim Sex höre der Spaß auf? Prostitution definiert sich genau hier. Geld und Sex. Brisant. Immer. Dazu kommen: Menschenhandel, Tätigkeit zur Existenzsicherung, Recht, Gewalt, Ethik. Ich möchte die einzelnen Ebenen näher beleuchten.

Geld

Christina von Braun hat mit ihrer Darstellung von Prostitution als „Beleibung des Geldes“ in ihrem Buch „Der Preis des Geldes. Eine Kulturgeschichte“ interessante Anregungen gegeben. Sie schreibt, dass die Geschichte der Prostitution nicht ohne die Geschichte des Geldes und der Geldwirtschaft zu verstehen sei.
Die Entwicklung von den Beglaubigungsformen des Geldes gehen von materiellem Wert (Grund und Boden, Naturalien, Edelmetalle) in immaterielle Zeichen über (Zeichen auf dem Stück Edelmetall, auf dem Blech oder auf dem Papier oder nur noch virtuell). Als Zeichen brauchen sie eine Autorität, einen Herrscher oder eine Gemeinschaft, welche diese Zeichen beglaubigt. In der Opfergabe wird der Wert theologisch begründet und durch die Priester beglaubigt. Alle drei Beglaubigungsarten sind schwankend, unsicher, von vielen Faktoren abhängig. Allen gemeinsam ist, dass man daran glauben muss.

Von Braun zitiert Elias Canettis Buch „Masse und Macht“ um zu beschreiben, wie eng der Glaube an den Wert des Geldes und der Glaube an das Selbst miteinander verknüpft sind. Besonders deutlich wird die reine Zeichenhaftigkeit des Geldes und damit auch seine Fragilität als Glaubenssystems in der Inflation. Canetti schreibt dazu: „Der Mensch, der ihr [der Mark] früher vertraut hat, kann nicht umhin, ihre Erniedrigung als seine eigene zu empfinden. Zu lange hat er sich mit ihr gleichgesetzt. Das Vertrauen in sie war wie das Vertrauen in sich selbst.“

Weil das Geld als reines Zeichensystem seinen Besitzer in den Entwertungsprozess einbezieht, verlangt es nach einem beständigen Wertmesser. Christina von Braun hat die Idee, dass der kommerzialisierbare Körper der Goldstandard des 21. Jahrhunderts ist. Das ergibt Sinn, wenn wir Elemente der Biopolitik des 21. Jahrhunderts betrachten, wo weibliche Eizellen oder Spermien (in Silber- Gold- Platin- oder Diamant Extra-Paketen) zum Kauf angeboten werden, wo Körperteile in Versicherungen nach bestimmten Marktwerten bemessen werden, wo Kinder gekauft werden können, wo „Schönheits“-Chirurgie ein riesiger Markt ist, … und wo eben auch Prostitution vom Rand in die Mitte der Gesellschaft drängt.

Christina von Braun beschreibt, wie mit der Ablösung von der Goldparität, der Aufhebung der Deckung durch die Zentralbanken und zuletzt mit der Einführung von elektronischem Geld sich die Wechselbeziehung von Geld und Prostitution verfestigte. Mit jedem Abstraktionsschub des Geldes wurde die Materialisierung immer wichtiger. Und mit jedem Abstraktionsschub ging ein Zuwachs der käuflichen Sexualität einher.

Prostitution dient so der Beleibung des Geldes: Der männliche Körper hat das Geld, der weibliche Körper ist das Geld, schreibt von Braun (S. 386).

Stuart Hall, der britisch-jamaikanische Philosoph und Vordenker der „Cultural Studies“, sagt, die Werbung brauche sexualisiert aufgeladene Bilder, das Kapital brauche sie, weil diese Bilder so mächtig sind. So betrachtet wäre Frauenverachtung also nicht die Ursache von sexualisierter Werbung, sondern ihre Wirkung – was Widerstand dagegen genauso nötig macht, aber den Kontext und die Ausrichtung des Widerstandes verändern könnte.

Wenn jedes Jahr geschätzte 35 Millionen Menschen durch die Welt reisen auf der Suche nach käuflichem Sex, und wenn fast alle Sextouristen aus den Ländern eines fortgeschrittenen Finanzkapitalismus kommen, wenn das Prostitutionseinkommen1995 fast 60 Prozent des Staatshaushaltes von Thailand ausmachte, wenn die Sexindustrie als Sektor mit der höchsten Expansionsrate eingestuft wird, wenn viele Länder der Dritten Welt, die Kreditanträge stellen, von IWF und Weltbank dazu aufgefordert werden, ihre Tourismus- und Unterhaltungsindustrie zu entwickeln, was einen Aufschwung der Industrie des Sexhandels bedeutet – dann macht all das die enge Verzahnung von Geld und Sex deutlich.

Moderne Manager werden, anstatt sich Frauen zu leisten „in Frauen“ bezahlt, schreibt Christina von Braun. Das ungeschriebene Regelwerk des modernen Finanzkapitalismus schreibe vor, dass erfolgreiche Geldtransaktionen in „lebenden Münzen“ in teuren Bordellen bestätigt werden.

Bei den „Skandalen“ oder Korruptionsaffären von Wüstenrot, Ergo, Hamburg Mannheimer oder VW ist deutlich geworden, dass die „Versorgung“ leitender Mitarbeiter mit Prostituierten zu den normalen Arbeitsaufgaben gehört. Bordellbesuche oder „Sexparties“ fungieren gleichsam als Belohnungssystem, Bezahlung und Verbrüderungsritual. Aussagen im VW Prozess machten deutlich, dass das Geld im Vordergrund stand und die Sexualität nur eine Form von Währung war (S. 410).

Sabine Grenz stellt in ihrem Buch „Verhandlungen im Zwielicht. Momente der Prostitution in Geschichte und Gegenwart“, das sie zusammen mit Martin Lücke herausgegeben hat, Aussagen von Freiern dar:

Ingenieur im Außendienst: Bei manchen Kunden sei bereits eine Sexarbeiterin ungefragt ins Hotel bestellt worden. Makler: Bauabschlüsse werden regelmäßig im Bordell gefeiert. Personalentwickler gehobenes Management: Es gibt zwei Arten von Geschäftsessen, mit und ohne Gattin. „Aus diesem Grund könne auch ein Vorstellungsgespräch den Bordellbesuch einschließen, um auszuprobieren, wie sich der Kandidat in dieser Umgebung bewege und ob er in die Firma passe. Die entscheidende Frage dabei sei nicht, ob er mit einer Sex-Arbeiterin aufs Zimmer gehe oder nicht, sondern ob er grundsätzlich damit umgehen könne, dass Bordelle besucht werden.“ (S. 343)

Im Übrigen ist es verständlich, dass im Zeitalter des liberalisierten Geld- und Warenhandels die Prostitution sich ebenso liberalisieren möchte. Nur sehe ich diese Liberalisierung nicht als weibliche Freiheit an, sondern als Markt, der darauf angewiesen ist, Nachfrage zu steigern.

Menschenhandel

Im „Palermo-Protokoll“ der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2003 wird Menschenhandel folgendermaßen definiert: Er sei die „Anwerbung, Beförderung, Verbringung, Beherbergung oder Aufnahme von Personen durch die Androhung oder Anwendung von Gewalt oder anderen Formen der Nötigung, durch Entführung, Betrug, Täuschung, Missbrauch von Macht oder Ausnutzung besonderer Hilflosigkeit oder durch Gewährung oder Entgegennahme von Zahlungen oder Vorteilen zur Erlangung des Einverständnisses einer Person, die Gewalt über eine andere Person hat, zum Zweck der Ausbeutung.“

Lydia Cacho beschreibt in ihrem Buch „SKLAVEREI. Im Inneren des Milliardengeschäfts Menschenhandel“: „Wir leben in einer Kultur, in der die Verschleppung, der Handel, der Missbrauch und die Zwangsprostitution an Mädchen und jungen Frauen zunehmend normal werden. Diese Kultur fördert die Verdinglichung des Menschen und tut so, als handele es sich dabei um eine Errungenschaft der Freiheit und des Fortschritts.“

Prostitutionsbefürwortende Feministinnen sehen die Umsetzung der UN-Konventionen gegen Menschenhandel kritisch, weil ihre Umsetzung dazu führe, „dass Frauen in der Realität entweder als Kriminelle gelten, strafrechtlich verfolgt werden müssen, oder als wehrlose Opfer, denen mit einer Rückführung geholfen werden soll.“ Sie stellen fest, dass „sämtliche Maßnahmen gegen den Frauenhandel der Bekämpfung des organisierten Verbrechens und der illegalen Migration dienen.“ (Grenz, S. 170)

Daraus allerdings den Kurzschluss zu ziehen, dass „die Europäische Politik den Kampf gegen das organisierte Verbrechen [benutzt], um auch gegen Migration und Prostitution vorzugehen“ (S. 170), halte ich für politisch fragwürdig. Wenn dafür plädiert wird, über Arbeitsmigration und Menschenrechte statt über Menschen- und Frauenhandel zu debattieren, dann erscheint mir das eine strategische Ausblendung von Menschenhandel in Zusammenhang mit Prostitution – warum nicht über beides diskutieren?

Das staatliche Interesse an der menschenverachtenden Abschottung des Wohlstands an den Grenzen Europas ist sicherlich nicht identisch mit dem Interesse, Prostitution auszugrenzen. Die Illegalisierung von migrierenden Menschen mit ihrem Potential an Ausbeutbarkeit dient ja dem Prostitutionsgeschäft. Zwischen 50 und 95 Prozent der in der Prostitution Tätigen sind Migrantinnen.

Auch ich finde es wichtig, zwischen Frauenhandel (Verschleppung, Vergewaltigung, sexuelle Ausbeutung…) und dem großen Kreis der Prostituierten zu unterscheiden, die oft Ernährerinnen ihrer Herkunftsfamilie sind, mit illegalem Aufenthaltsstatus und deshalb rechtlich schutzlos und damit besonders ausbeutbar.

Und wenn sich evangelikale christliche Organisationen den Einsatz gegen Menschenhandel auf ihre fundamentalistischen Fahnen schreiben oder wenn die „Roland Berger Stiftung“ zu „Sklaverei und Menschenhandel im 21. Jahrhundert. Verletzungen von Menschenwürde und Menschenrechten in einer globalisierten Gesellschaft“ neben gut klingenden Instrumenten zur Bekämpfung von Menschenhandel auch die „Einrichtung schlagkräftiger, grenzüberschreitender Polizei- und Sozialeinheiten“ empfiehlt, dann wird deutlich, wie instrumentell die Allianzen bei diesem Thema sein können.

Recht

„Die Auffassung, dass Prostitution „sittenwidrig“ sei, bestand seit der Reformation. Das Bundesverwaltungsgericht stellte 1980 fest, dass „Erwerbsunzucht eine sittenwidrige und in vieler Hinsicht sozialwidrige Tätigkeit“ sei, und 1993 zog die Bundesregierung aus dem Makel der Sittenwidrigkeit den Schluss, „dass die Ausübung der Prostitution nicht als Gewerbe im gewerbsrechtlichen Sinne angesehen werden kann“.

Nach kämpferischen Sozialdemokraten und Abolitionistinnen im 19. Jahrhundert meldeten sich in den 1970er Jahren erstmals die Prostituierten selber zu Wort. Die Frauen der „Hurenbewegung“ erklärten, ihre Arbeit sei das „Mittel“, „das wir gefunden haben, um mit dem Leben fertig zu werden“. Sie wehrten sich dagegen, dass sie auf der einen Seite gebraucht und deshalb nicht verboten, auf der anderen aber als „schmutzige, anormale“ Personen verachtet wurden.

1991 forderten die Teilnehmerinnen auf einem europäischen Kongress in Frankfurt am Main – anders als die Sozialdemokraten und die Abolitionistinnen – nicht mehr die Abschaffung der Prostitution, sondern ihre Anerkennung als Lohnarbeit oder Gewerbe. Die Prostituierte Cora Molloy trug das Modell „Beruf Hure“ vor, das ihre Mitstreiterinnen – gemeinsam mit Juristinnen und Frauen der PDS und der Grünen – entwickelt hatten.“

Am 1. Januar 2002 trat das „Gesetz zur Regelung der Rechtsverhältnisse der Prostituierten“ (ProstG)in Kraft. Es hat drei Paragraphen:

§ 1 – Sind sexuelle Handlungen gegen ein vorher vereinbartes Entgelt vorgenommen worden, so begründet diese Vereinbarung eine rechtswirksame Forderung. Das Gleiche gilt, wenn sich eine Person, insbesondere im Rahmen eines Beschäftigungsverhältnisses, für die Erbringung derartiger Handlungen gegen ein vorher vereinbartes Entgelt für eine bestimmte Zeitdauer bereithält.

§ 2 – Die Forderung kann nicht abgetreten und nur im eigenen Namen geltend gemacht werden…

§ 3 – Bei Prostituierten steht das eingeschränkte Weisungsrecht im Rahmen einer abhängigen Tätigkeit der Annahme einer Beschäftigung im Sinne des Sozialversicherungsrechts nicht entgegen.

Davon unberührt sind im Strafgesetzbuch Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung (sexueller Missbrauch, Vergewaltigung,….), die Ausbeutung von Prostituierten (vorher hieß es „Förderung“ statt Ausbeutung), Zuhälterei, Ausübung der verbotenen Prostitution (zum Beispiel außerhalb von Sperrgebieten), Jugendgefährdende Prostitution, Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung, Menschenhandel zum Zweck der Ausbeutung der Arbeitskraft, Förderung des Menschenhandels – das alles bleibt weiterhin verboten.

Prostitution war bereits vor dem Prostitutionsgesetz eine legale Tätigkeit. Verboten war nur die Förderung, nicht die Ausübung von Prostitution. Die Abschaffung der Sittenwidrigkeit ist auf Gesetzesebene nicht in erster Linie eine moralische, sondern eine zivilrechtliche Regulierung, die lediglich besagt, dass die mit Prostitution verbundenen Rechtsgeschäfte nicht mehr unwirksam (weil sittenwidrig, also „gegen Treu und Glauben“) sind, sondern dass die Entlohnung der Prostitution rechtlich zulässig ist. Der Europäische Gerichtshof hat im Jahr 2001 klargestellt, dass Prostitution zu den Erwerbstätigkeiten gehört, die „Teil des gemeinschaftlichen Wirtschaftslebens“ sind, passend zur Liberalisierung des Marktes.

In der Praxis hat diese Neuregelung der Sittenwidrigkeit allerdings kaum Relevanz, denn es bleibt bei „Vorkasse“, und sozialversicherungspflichtige Anmeldungen gibt es auch kaum. Die Prostituierten verbinden mit dem neuen Gesetz eher eine Aufwertung gegen Ausgrenzung und Entwürdigung und eine Stärkung ihres Selbstbewusstseins. Außerdem hat die offene Werbung in Anzeigen und Veranstaltungen damit extrem zugenommen.

Die Frage ist, welche Wirkung dies auf den Prostitutionsmarkt und die Subkultur des Prostitutionsmilieus hat. Ob es das Machtgefälle zwischen BordellbesitzerInnen oder Zuhältern und Prostituierten verändern kann und soll.

Die Gesetzgebungen in Europa schwanken seit 1945 zwischen Angebotsorientierung und Kontrolle/Disziplinierung. Ich denke, genau um beides geht es auch.

Sexualität

Die mittelalterliche klare Trennung in Kleiderordnung, erlaubten Orten und anderen einschränkenden Regeln haben die Prostitution eindeutig als „Das Andere“ von der „normalen“ Frau sichtbar gemacht. Heute hingegen ist fast jede Darstellung von weiblicher Sexualität mit Attributen der Prostitution verknüpft.

Pinkstinks schreibt: „Solange aber selbstbestimmte Prostitution als unmöglich gesehen wird, erlaubt man Frauen nicht, ihre Sexualität oder ihre körperlichen Gefühle selbst zu definieren. Die Frau, die Sex und Liebe trennt, Spaß am Sex mit Fremden hat oder Prostitution sogar als ermächtigend erlebt, läuft dann immer Gefahr, nicht richtig zu sein;… Es ist gerade das Ansehen von Prostituierten als ewiges Opfer, das Frauen das Recht abspricht, über ihren Körper selbst zu bestimmen.“

Wenn ich das lese, macht mich das erst einmal richtig sauer, bis ich mir klar mache, dass dies eine Verkaufsstrategie ist. Wütend macht mich das Abwürgen jeder kritischen Positionierung zu Prostitution mit dem Vorwurf der Opferzuschreibungen, gerade weil ich mich selbst immer gegen solche Zuschreibungen abgrenze.

Ich arbeite in einer Therapie- und Beratungseinrichtung für Frauen. Eine Frau, die Gewaltsituationen erlebt, systematische Gewalt oder sexuelle Folter in der Kindheit überlebt oder in strukturellen Gewaltverhältnissen ihre Standorte sucht, ist nicht Opfer. Sie ist verletzt, hat mit Mut und kreativen Überlebensimpulsen ein Leben mit und neben der Gewalterfahrung aufgebaut, hat einen Umgang mit den einschränkenden Folgen der Gewalterfahrung gefunden (die auch nicht immer gelingen), ist Mutter, Freundin, Chefin, Arbeiterin, und noch vieles anderes. Ihre Herausforderungen im Leben sind härter, wenn sie keine Unterstützung erhält und manchmal ist es ihr nicht möglich, ohne eigene Gewaltimpulse oder inszenierte Gewaltwiederholungen sich vor der erlebten Ohnmachtserfahrung zu schützen. Sie ist so vieles und ich empfinde es als Hohn, so einfach zu sagen, sie sei Opfer.

Gleichwohl empfinde ich die oben zitierte Aussage ebenfalls als Hohn, der den invasiven Charakter und das Gewaltpotential der Tätigkeit ignoriert. Drei Artikel finde ich sehr hilfreich, weil jenseits von Schönrederei oder Paternalismus: Ingrid Strobl, Antje Schrupp und Anke Drygala.

Es geht nicht um den Aspekt „Sex ohne Liebe“, was ja als ein Hauptmotiv der Prostitution genannt wird (Löw/Ruhne: Prostitution. Herstellungsweisen einer anderen Welt. Suhrkamp 201. S. 144 ff ), sondern um das fehlende gegenseitige Begehren. Deshalb ist es auch höchst zweifelhaft, anzunehmen, es gehe vielen Männern dabei um sexuelle Lust, vielmehr geht es eher um eine sexualisierte Form der Selbstvergewisserung, die eine Vorstellung männlicher Macht über Frauen voraussetzt und nährt.

Auch die Konflikte, die Männer haben, wenn sie im globalen und flexiblen Arbeits- und Lebenssetting nicht die gewünschten Sexualpartnerinnen auf Augenhöhe finden, sollten nicht durch die Bereitstellung einfacher und schneller sexueller Geschäfte „gelöst“ werden. Diese Form der „Lösungsorientierung“ möchte ich weder Frauen noch Männern anbieten.

Der Streitpunkt ist auch nicht, ob ich es okay finde, dass Frauen beispielsweise Lust auf promiskuitives Verhalten haben oder ungewöhnliche sexuelle Vorlieben – auch wenn ich einsehe, dass die Suche nach passenden PartnerInnen sich schwierig gestalten mag. Aber wer hat versprochen, dass alles möglich ist?

Mir geht es darum, dass ich es nicht gut finde, wenn zur Sicherung des Lebensunterhaltes Frauen sexuelle Handlungen mit möglichst vielen nicht ausgesuchten, oft unberechenbaren und frauenverachtenden Männern gestalten oder aushalten müssen. Auf dieser Ebene der Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung erscheint mir eine Signalwirkung der rechtlichen Ächtung von Sexkauf (wie bei dem Verbot der Prügelstrafe, in der Schweden Vorreiterin war), durchaus bedenkenswert.

Wenn der Fokus sich auf rechtliche Fragen reduziert, statt eine gesellschaftlich Diskussion zu öffnen, wäre es dafür zu früh. Andererseits ist das Recht, ob nun altes Recht abgeschafft oder neue Gesetze entstehen sollen, immer Bestandteil der politisch/gesellschaftlichen Sphäre und wir kommen nicht drum herum, auch diese Fragen zu prüfen.

Die große Zahl der in der Prostitution tätigen Frauen ist eine Realität, mit der wir einen Umgang finden müssen. Befürwortung und Normalisierung von Prostitution ist jedoch das falsche Signal.

Die Frage hier wäre allerdings nicht, was ich verbieten möchte, sondern in was für einer Gesellschaft ich leben will und wie und mit welchen Positionen ich mich sichtbar mache.

Tätigkeit zur Existenzsicherung

1975 begann die Selbstorganisation der Prostituierten in Europa. Nach mehreren „ungeklärten“ grausamen Prostituierten-Morden besetzten sie in Lyon für mehrere Tage eine Kirche. Auf den dann folgenden nationalen und internationalen Versammlungen der Prostituierten wurden Forderungen erarbeitet: keine Sperrbezirke, Abschaffung aller Bußgelder und Gefängnisstrafen, die es damals nur für Prostituierte gab, keine Wiedereröffnung von Bordellen, keine Eros-Center etc. Was „Eros-Center“ und Bordellkonzerne – die es bereits Anfang der 1970er Jahre gab – für Prostituierte bedeuten, beschrieb eine Prostituierte aus Lyon:

„Das wird doch schon alleine wegen des Schaufensters, ein Supermarkt für Mädels, die wahnwitzigste Konkurrenz. Für die Mädels könnte das so aussehen, dass man ewig hinter der erotischsten Pose und der pornoartigsten Haltung her ist. In Eros- Centern werden Mädels nicht genommen, die anders arbeiten wollen, angezogen und mit mehr als Slip und Büstenhalter bekleidet. Der Besitzer wirbt sie entweder an oder nicht, also macht der die Gesetze. Und da steckt wirklich die Zuhälterei vom Feinsten – die richtige industriemäßig aufgezogene Zuhälterei.“ (aus: FUCKING POOR. Was hat Sexarbeit mit Arbeit zu tun? Eine Begriffsverschiebung und die Auswirkungen auf den Prostitutionsdiskurs, von Anita Kienesberger S. 232).

Diese Sichtweise wurde in den Liberalisierungsdebatten in Deutschland, Frankreich und in den Niederlanden verschüttet.

Prostitution als Beruf anzuerkennen, würde nicht nur die Praxis der Jobcenter skandalisieren. Wobei der Skandal ja nicht der ist, eine Frau in Prostitution zu vermitteln, sondern überhaupt Menschen bei Drohung des Entzuges des Existenzminimums in nicht dem Beruf und Begehren entsprechende Ausbeutungsverhältnisse zu zwingen. Und ich würde auch keine Angebote von schulischen Orientierungspraktika in Bordellen befürworten.

Jede Tätigkeit zur Existenzsicherung ist Verkauf von Arbeitskraft, Wissen und Können. Auch Prostituierte verkaufen nicht sich selbst, sondern vermieten ihren Körper. Bei Sex gegen Beziehung / Ehe sieht es da schon anders aus, weil da das Besitzrecht dauerhafter ist, aber immerhin ist es „nur“ ein einziger Mann.

Natürlich hat Prostitution auch vergleichbare Aspekte mit anderen Tätigkeiten:

Körpereinsatz (fast jede Lohnarbeit, Sport, Massage, Dirigent…) geistig emotionaler Einsatz, der am ehesten der Psychotherapie (oder der Seelsorge) vergleichbar ist. Eine Stunde Aufmerksamkeit wird bezahlt. Die Grenzen zwischen erlernter Kompetenz und Technik und Einsatz der Persönlichkeit mit Gefühlen und Geist ist fließend. Die Praxis dieser Dienstleistungen ist nicht ohne gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse zu sehen.

Allerdings: Im therapeutischen Setting hat die Therapeutin entschieden mehr Macht als die Anbieterin sexueller Verfügbarkeit – und bei keinen anderen, noch so schwerer Job, muss eine Frau den eigenen Körper öffnen, damit andere Körper eindringen können, nicht nur einmal sondern immer und immer wieder. Auch wenn die Intentionen der Kunden in der Prostitution unterschiedlich ist (suchen sie Nähe, den schnellen, beziehungslosen Sex, oder wollen sie frauenverachtende Gewaltphantasien ausleben) liegen die Macht-Ressourcen in der prostitutiven Konstellation nicht bei der Sex-anbietenden-Frau.

Auf dieser Ebene kann über ein Verbot (Kriminalisierung) der Prostitution nur gesprochen werden, wenn zuvor über Kapitalismus und Ausbeutung und menschenwürdige Existenzsicherung gesprochen wird.

Gewalt

Es gibt viele unterschiedliche Untersuchungen zu dem Anteil der (sexuellen) Gewalterfahrung in der Kindheit von Prostituierten. Einen sensiblen und sinnvollen politischen Umgang damit finde ich schwer, so dass ich mich argumentativ darauf nicht beziehen möchte.

Klarer wird es in der realen Gefährdung in der Ausübung der Prostitution. Zahlen (die in Klammern beziehen sich auf Deutschland) einer empirische Studie eines achtköpfiges ForscherInnenteams unter Führung der US-amerikanischen Psychologin Melissa Farley (gefunden in http://www.linkewoche.at von Paul Pop 24. 1. 14). Danach haben von den befragten Prostituierten bereits erlebt:

Aktuelle oder vergangene Obdachlosigkeit: 75 % der Prostituierten (74 %)
Körperliche Gewaltanwendung während der Prostitution: 73 % (61 %)
Bedrohung mit einer Waffe während der Prostitution: 64 % (52 %)
Vergewaltigung in der Prostitution: 57 %, (63 %) davon 59 % (50 %) öfter als fünf mal.

In einer der Studien wurde gefragt, „Was brauchst du?“ Die Antworten ergeben

89 % Ausstieg aus der Prostitution
75 % ein sicheres Zuhause
76 % Berufliche Weiterbildung
61 % Zugang zu medizinischer Versorgung
56 % individuelle psychologische Betreuung
51 % gegenseitige Solidarität („Peer support“)
51 % Rechtsbeistand
47 % Drogen- und/oder Alkoholentzug
45 % Selbstverteidigungstraining
44 % Kinderbetreuung
34 % Legalisierung der Prostitution
23 % Körperlichen Schutz vor Zuhältern (Seite 51)

Das finde ich eher einen Ansatzpunkt um deutlich zu machen, dass das Argument, „besser als Hartz 4“ nicht ausreicht, um Prostitution in die Mitte der Gesellschaft zu holen.

Ethik (oder doch eher Politik?)

Zu sagen, dass Sex keine Ware sein darf, ist das ein politisches oder moralisches Argument?

Auch menschliche Organe, Sperma, Eizellen, Blut sollten keine Waren sein. Der menschliche Geist sollte keine Ware sein – nur das, was er herstellt (Bücher, Filme, Kunst) können als Waren gehandelt werden.

Wenn wir sagen, Sexualität ist ureigener, intimer, lebendiger Lebensausdruck von Körper / Seele / Geist und deshalb unveräußerlich… Dann trüge ein warenförmiger Umgang, Tausch oder Handel ein zerstörerisches Potential in sich.

Das betrifft genauso andere lebendige Ausdrücke wie Singen, Kunst, Denken. Einen Umgang mit solchen immateriellen Dingen und vor allem der Einsatz zur Existenzsicherung (Angebot, Verkauf) bewegt sich immer (wie alle Dienstleistungen, im Gegensatz zum Handwerk ) im Grenzbereich von Innen-Außen, Privat-Öffentlich, Echt-Unecht… Vielleicht hat deshalb das Attribut von so genannter „Ganzheitlichkeit“ so große Konjunktur.

Die Polarisierung in „Freiwillige Prostitution oder Prostituierte als Gewaltopfer“ bezeichnet nur zwei Seiten derselben Medaille, ebenso wie „neoliberal“ versus „paternalistisch“ eine falsche Alternative ist. Die differenzierte Wirklichkeit ist so nicht zu erfassen. Differenz heißt hier nicht Beliebigkeit, sondern durchaus Positionierung.

Meine Haltung ist: Prostitution ist nie eine gute Option, weder für Männer, noch für Frauen.

In der Prostitution Tätige sind keine unmündigen Opfer, sondern sie bleiben Subjekte ihrer Entscheidungen an vielen Punkten ihrer Tätigkeit. Das macht sie jedoch nicht unverletzbar –  und das gilt für alle, die Gewalt erlebt haben oder in prekären Abhängigkeits- oder Ausbeutungsverhältnissen leben oder arbeiten.

Der lukrative Weltmarkt der Prostitution ist nicht zu denken ohne Gewalt.

Frauenverachtung, Folter und Mord von Kindern und Frauen, die organisierte Ausnutzung von Armut oder einer jugendlichen Anpassungsbereitschaft an ein pornofiziertes, ökonomisiertes Frauenbild, der Handeln und das Verschieben von Frauen in der Prostitution … alles ist Teil dieses Marktes. Auch die eventuell gutbezahlte und unter Umständen recht selbstbestimmt arbeitende Eskortdame und selbständige Prostituierte bedient diesen Markt immer auch mit. Die proklamierte Trennung in freiwillige Prostitution auf der anderen Seite und Menschenhandel auf der anderen Seite mag für die einzelne Prostituierte auf dem Markt relevant sein, vor allem monetär. Aber in ihrer gesellschaftlichen Dynamik das eine ohne das andere nicht denkbar.

Wenn der bundesweite „Koordinierungskreis gegen Frauenhandel und Gewalt an Frauen im Migrationsprozess“ (KOK) betont: „Deutlich möchten wir darauf hinweisen, dass nicht jede Prostituierte, nicht jede Migrantin in der Prostitution Opfer von Frauenhandel ist!“ – dann ist das sachlich richtig, aber in der Praxis und für die Kunden nicht trennbar (und ich unterstelle, auch von den BetreiberInnen nicht gewollt). Politisch gesehen empfinde ich diesen Satz als individualistisch und erbarmungslos.

Die aggressive Werbung und Öffentlichkeitsarbeit von Hydra e.V. und Dona Carmen e.V. ist Werbung. Es geht dabei ums Geschäft. Dazu haben sie das gleiche Recht wie alle anderen auch. Aber es geht dabei eben nicht um Emanzipation oder Frauenwürde, sondern um Marktanteile.

Und warum sollen Frauen, die solange auf der Verliererinnenseite dieses Marktes standen, nun nicht auch selbstbestimmt mitverdienen?

Ja, das dürfen sie tun. Und ich darf es ablehnen.

Autorin: Marita Blauth
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 11.03.2014
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Ute Plass sagt:

    Ganz herzlichen Dank, Marita Blauth, für diese differenzierte, gut begründete Analyse und Auseinandersetzung mit „Ebenen der Prostitution“.

    Schließe mich der Aussage am Ende dieses Beitrages an:
    „Und warum sollen Frauen, die solange auf der Verliererinnenseite dieses Marktes standen, nun nicht auch selbstbestimmt mitverdienen?
    Ja, das dürfen sie tun. Und ich darf es ablehnen.“

    Hier noch ein empfehlenswerter Artikel, der verdeutlicht, dass letztlich wir alle in der vorherrschenden Wirtschafts-Finanzwelt zur Prostitution gezwungen werden:

    “Eine Arbeitswelt inszenieren, in der Sklaverei sich wie Freiheit anfühlt”.

    http://www.heise.de/tp/artikel/41/41080/1.html

  • Hallo Maritha Blauth, ein toller Artikel, da auch wirklich differenziert und sachlich, was bei dem Thema oft eher schwierig ist.
    Für mich ist der Punkt, wie bei vielen Problemlagen die wir heute so haben, die Möglichkeit zur menschenwürdigen Existenzsicherung und dazu gehört für mich nicht Prostitution. Ich sehe es immer als eine Doppelmoral an, wenn sich beschwert wird, dass Frauen dazu greifen müssen oder auch ein paar Männer, wenn dann aber gleichzeitig nicht dafür gesorgt wird, dass ein Einkommen vorhanden ist als Grundlage der Menschenwürde, das ein würdevolles Existenzminimum garantiert. Ich wiederhole mich permanent, aber vieles worüber wir uns beschweren könnte sich meines Erachtens durch ein bedingungsloses Grundeinkommen auflösen bzw. vieles erleichtern.
    „Die Frage hier wäre allerdings nicht, was ich verbieten möchte, sondern in was für einer Gesellschaft ich leben will und wie und mit welchen Positionen ich mich sichtbar mache“…
    ich habe mich auch schon öfter gefragt, in welcher Gesellschaft wollen wir eigentlich leben? Du hattest auch über die Anpassung junger Frauen an diese pornografischen Bilder bzw prostitutionsähnliche geschrieben…das macht mir immer mehr Sorgen, weil es wiederum den Mädchen keine Chance gibt, ihre eigene Identität und hier vor allem Sexualität zu entwickeln und das ist so schade und eine Verschwendung. Auf lange Sicht wird uns das allen teuer zu stehen kommen. Durch diese „Alles ist käuflich“ Attitütde und die Vermarktung von Frauenkörpern stumpfen viele ab und ich sehe darin auch viel Gewalttätigkeit und Übergriffe in dem was dort einfach so anderen vor die Augen gesetzt wird.
    Darüber ließe sich streiten, aber meines Erachtens ist das
    so.
    Zur Prostitution kommt auch noch hinzu, dass in den Gegenden wo sie stattfindet, Mädchen oder Frauen nicht mal langgehen können, völlig egal wie sie aussehen, ohne blöd angemacht zu werden und allein der Fakt, dass es das gibt, ist schon ein komisches Gefühl für viele Mädchen und Frauen.
    Ich weiß nie so recht, wie wir als „moderne“ Gesellschaft eigentlich erklären sollen, warum wir nichts dagegen gemacht haben, dass sich die Gewalt so gehalten hat, die Frauenverachtung, die halbnackten Bilder und auch Prostitution oder eben Pornografie?
    Ich wüsste nicht, was wir da sagen sollen.
    Vielleicht sowas wie:
    „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ oder anders:
    „Sie machen einfach, Konsequenzen sind offensichtlich egal“.

  • Sabrina Bowitz “ warum wir nichts dagegen gemacht haben, dass sich die Gewalt so gehalten hat, die Frauenverachtung, die halbnackten Bilder und auch Prostitution oder eben Pornografie?“
    Ich denke, es gab und gibt immer Menschen, die etwas dagegen machen, dass Gewaltverhältnisse sich ungebrochen fortsetzen. Auch solche (aufklärenden) Artikel, die sich in die polarisierende Diskussion einmischen und all die Diskussionen darum, zähle ich dazu.
    Ich denke jedoch auch, dass der Mensch ein Mensch ist, d.h. fehlbar, verletzbar, und dass Gewalt deshalb potentiell zum Menschsein gehört. Gewalt 100%ig zu verhindern ginge nur auf totalitärem Wege. Wie wir an der Dynamik der Prostitutionsdiskussionen sehen, ist das Balancieren zwischen Ohnmacht und Gewalt sehr komplex. Ich stelle mir dabei oft die Frage, wie wir angesichts des Ausmaßes der Gewalt unsere Lebensfreude und Handlungsfähigkeit erhalten, ohne abzustumpfen. Neben Schutz und Sanktionierung in konkreten Situationen, oder das Üben von Zivilcourage, um z.B. einzugreifen, wenn Menschen in unserer Gegenwart schlecht behandelt oder verletzt werden, sollten wir neben dem „gegen Gewalt“ nicht aus dem Auge verlieren, wie ein gutes Leben aussehen müsste, wie eine Gesellschaft organisiert, belebt und genährt werden müsste, die möglichst viel dessen bereitstellt, was Freiheitsgrade, Rechte, Frei- und Denkräume, soziale Verbindungen …. ausmacht, so dass ein Klima geschaffen wird, wo Respekt und Akzeptanz Raum hat. Ein wenig wie dieses Forum…?

  • Vielen Dank für diesen faktenreichen und ausgezeichneten Artikel!

  • Ruth Luschnat sagt:

    Danke für die Analyse:

    es ist wichtig, dass die Forderung von allgemeinen sozialen Menschenrechten weltweit ( begrenzung privaten Reichtums + Priorisierung öffentlicher Güter für alle als Common;
    neben den
    Primat des Schutzes der natürlichen Commons Wasser, Erde, Luft, Energie
    als notwendige Alternative zum derzeitigen Geldherrschafts- wertesystem
    dargestellt wird.

    Das nun auch die Frage, wie Männer im Patriarchat Opfer der Rollen werden mehr in den Fokus genommen werden kann. Das ist doch ein zentrales Tabu: das Männer nie Opfer sein dürfen und um das für sie zu erreichen, angeboten kriegen als Männer Frauen im Sinne des Herrschaftssystems zu erhalten, wie hier beschrieben.

    ich arbeite mit psychisch kranken Menschen und habe gefunden, dass dieser Anspruch wirklich extrem wirksam ist, dass wenn männliche menschen auch Abgewertet sind/wurden, sie immer dabei auch den kern der wirkenden- herrschenden
    kollektiven Krankheit zurückgeworfen sich definieren, über den Ansoruch den sie als mann eigentlich darauf haben sollten, eine Frau zum Ficken zu erhalten, erst wenn das nicht erfüllt wird erleben sie die totale Entwertung, der sie als Selbst in der gesellschaft auf jeden fall entkommen wollen. Natürlich ist klar, dass es auch männliche Menschen gibt, die das teils bzw. mehr oder minder durchschauen, aber ich habe selbst tief psychotische Personen erlebt, die von diesen Stimmen in sich gepeinigt und verfolgt wurden und von mir als Feministin beraten werden wollten und meine Erklärung, dass das Teil der kollektiven Krankheit sei,
    annehmen konnten, auch wenn das nicht sehr viel Ereleichterung bringt in solch einer Situation.

    Wer ist Opfer ? Solch eine Person will dann Prostituiierte auf Krankenschein und wenn er Glück hat und jemanden mit psychologischem know how und Souveränität findet, sogar lernen kann
    sich zu entwickeln und sich von dem Anteil der kollektiven krankheit zu lösen, indem er gute Beziehungen aufzubauen lernt.

    Das war jedenfalls mein Rat gewesen.

    Wie also diese Tiefenschicht des patriarchalen Herrschaftssystems überwinden ? Verbote sind meist nicht so differenziert und werden misbraucht: jetzt erleben wir wieder, wie Homophobie gezüchtet wird
    auf der Grundlage der Pädophilie Enthüllungen…..

    Gruß !
    Ruth

  • Liebe Maritha, das stimmt, dass es immer Menschen gibt, die etwas dagegen machen. Ich denke, es gab und gibt immer Menschen, die etwas dagegen machen, dass Gewaltverhältnisse sich ungebrochen fortsetzen.
    Ich glaube, wenn nie vergessen wird, dass es auch gute Menschen gibt, wenn ich sie so nennen kann, die dafür eintreten, dass es öfter ein gewaltloses Miteinander gibt, dann erhält das auch Lebensfreude und Handlungsmöglichkeiten.
    Nur sehe ich die Prostitution als etwas an, was das Verhältnis zwischen Frauen und Männern immer mehr zerstört, es mag sein, dass das nicht so ist, aber wenn ich sehe, wie normal heute beispielsweise auch Pornos sind, dann ist das gruselig. Meines Erachtens ist das nicht menschlich, alles, was dort gezeigt wird und die Hintergründe schon gar nicht.
    Damit nehmen wir den Menschen die Chance eine menschliche
    Beziehung und eine menschliche Intimität zu entwickeln.
    Für mich würde ein gutes Leben in Respekt und Achtung wurzeln aller Menschen untereinander und ihrer Umgebung gegenüber. Freiheit wäre hier aber genauso wichtig, also hier vor allem auch, wie in dem Blog, Meinungsfreiheit und Diskussionsbereitschaft. Und wichtig wäre auch das bedingungslose Grundeinkommen, damit die Menschenwürde überhaupt gesichert wird.

    Übrigens finde ich, dass Wörter wie „ficken“ etc nicht übernommen werden sollten, weil es diese Gewalt wiederholt.
    Ich finde das nicht so gut, wenn wir, die wir versuchen, einen besseren Weg zu finden, diese Worte auch noch mitbenutzen, denn das ist wieder die Frage, wie wir das Leben eigentlich wollen und das Verhältnis zwischen Frauen und Männern. Ich möchte lieber meine eigenen Worte finden und die Menschen, die das teilen: Intimität, berühren, sich kennenlernen, entdecken etc..
    Ich empfinde diese Worte auch immer als Gewalt, allein die Worte, die für Geschlechtsteile gefunden werden. Ganz furchtbar. Und ich denke schon, dass die Sprache auch den Umgang mitprägt. Und an sich ist es unheimlich kostbar, wenn sich ein Mensch so verletzlich macht, dass sie oder er nackt vor einem steht. Deshalb finde ich diese Worte so unangebracht. Vielleicht finde ich auch deshalb, dass Prostitution so widersinnig ist. Es ist nicht nur so dass Frauen dann ihre Würde verlieren, sondern für mich die Männer genauso.
    Das hört aber nicht nur bei der Prostitution auf, sondern beginnt eigentlich erst mit diesen Bildern in der Werbung, die Frauen würdelos behandeln. Die ganzen Firmen und hier vor allem die darin tätigen Frauen und Männer merken gar nicht, wie sie sich selbst dabei erniedrigen, weil wir nämlich alle Menschen sind und es auch besser machen könnten.
    Daran denke ich oft. Als ich letztens einen Brief von einem Freier gelesen habe, der öffentlich war dachte ich auch: Er merkt gar nicht, wie er sich selbst erniedrigt.
    Und das ist das eigenartige an unserer Gesellschaft: viele Männer merken kaum, wie sie sich selbst erniedrigen. Einigen Frauen ist es eher bewusst, aber auch nicht so ganz. Und ich frage mich dann immer, wie unser Denken und Fühlen und auch unsere Wahrnehmung unserer selbst und die Intimität wäre, wenn wir nicht solchen Bildern und anscheinend „Gewerben“ ständig ausgesetzt wären und noch mit Häme überschüttet würden, wenn wir sagen, dass das nicht
    kindergerecht oder geschlechtergerecht ist, wenn sowas
    überall beworben wird. Von den Schmerzen und die Hintergründe, die viele Frauen in dem Bereich haben, gar nicht erst zu reden.

    Was das mit der Pädophilie angeht und den Homosexuellen glaube ich, dass es immer einfacher ist, etwas Eigenes auf Fremde zu projizieren oder schwierige und komplexe Probleme einfacher zu machen dadurch dass Sündenböcke gesucht werden. Deshalb setzen sich viele Frauenorgas auch lieber für Frauen in anderen Ländern ein als die Gewalt hier und die Vergewaltigungen in Deutschland anzugehen. Ich denke, es ist immer einfacher sich auf Fremdes zu stürzen. Deshalb fällt es vielen Menschen auch einfacher anderen zu helfen als sich selbst. Wäre jedenfalls meine Erklärung dafür.
    Wenn Familien sich eingestehen müssten, dass Kinder auch in ihrer Familie gequält werden und ausgenutzt, dann wäre das ein Blick in den Spiegel, der weh tun kann. Da ist es einfacher andere Unschuldige zu beschuldigen.
    Ist jedenfalls mein Eindruck davon.

  • Karina Starosczyk sagt:

    „Heißt es nicht, beim Geld und beim Sex höre der Spaß auf? Prostitution definiert sich genau hier. Geld und Sex. Brisant.“

    Das Wesen meines Vaters, das ich in mir präsent habe, ist: „Säufer und Dreckskerl“. Zuteil verdanke ich dieses Bild dem Wüten meiner Mutter. Da fließen mehrere Faktoren auf das Entstehen dieses Bildes in mir ein. Mein Vater war ein Trinker. Nachdem er seine Pflicht für die Familie hinter sich brachte, d. h. nachdem die Schicht zu Ende war, gewehrte er seinem Geist entspannende Atmosphäre. Er war ein Stammgast in der Kneippe um die Ecke.

    Ich kann mich nicht an Gewalt-Akte seinerseits erinnern. Als er von seinen Eskapaden nach Hause kam, schlief er; und wir Kinder hatten ruhig zu sein, damit sein Schlaf nicht gestört wurde. – Derartige Soll-Sätze „Du sollst ruhig sein.“ kennt aus unterschiedlichen Situationen bestimmt jede/r. Meine Mutter, die kein Alkohol trank, hätte ihm wahrscheinlich eher die Birne zermürbet, bevor sie ihn besoffen an ihre Kinder dranlassen würde. So schätze ich derartige Situationen ein.

    Für ihre Bereitschaft, für ihre Kinder zu leben, bin ich meiner Mutter von der Tiefe dankbar. Leider lebte sie mir ein Frauen-Bild vor, das sexuelle Ehe-Pflichten in der ehelichen Institution erfüllte, um lediglich die finanzielle Versorgung der Familie aufrechtzuerhalten.

  • @Marita, entschuldige, dass ich deinen Namen konsequent falsch geschrieben hatte, irgendwie hatte ich das so im Kopf:)

  • Karina Starosczyk sagt:

    Ich befürchte, den Sinn dieses Satzes nicht zu verstehen:

    „Wütend macht mich das Abwürgen jeder kritischen Positionierung zu Prostitution mit dem Vorwurf der Opferzuschreibung, grade weil ich mich selbst immer gegen lolche Zuschreibungen abgrenze.“

  • Karina Starosczyk sagt:

    Ps. Das Fehlen des gegenseitigen Begehrens im Fall des käuflichen Sexes definiert die Prostitution als menschen-verachtendes Verbrechen!

  • Karina Starosczyk sagt:

    „Und wichtig wäre auch das bedingungslose Grundeinkommen, damit die Menschenwürde überhaupt gesichert wird.“

    Ich schlage vor, wir gründen ein Chor und posaunen vor uns hin: Wir fordern bedingungsloses Grundeinkommen gemeinsam mit Ch. Chaplin: http://www.youtube.com/watch?v=VJc2haK5jrw Leider erwarte ich nichts mehr von der patriarchalischen Gesellschaft mit den entsprechenden Gesetzen, in der ich lebe, nichts mehr als „Freiheit in Prostitution“!

  • Liebe Frau Blauth,

    ich freue mich sehr über Ihre Auseinandersetzung mit dem hochkomplexen Thema und auch, daß Sie, trotz daß Sie nicht mit Prostitution einverstanden sind, doch Ausgewogenheit in der argumentativen Darstellung suchen.

    Zu den angegebene Daten und Fakten, die Sie zitieren, möchte ich Folgende anmerken:

    Es muß stets beachtet werden, daß sich empirisch ermittelte Daten nicht einfach von A nach B übertragen lassen, sprich Daten die zB. in den 1960er Jahren in US-Amerika ermittelt, sind nicht eins zu eins auf das Deutschland der Gegenwart übertragbar. Auch ist es wichtig nachzuforschen, WO die Daten ermittelt wurden und welche (Interessen)Gruppe diese zusammenstellte. Es gibt bis heute keinerlei systematisch zusammenhängende Datenerhebung über die gesundheitlichen und sozialhygienischen Aspekte der Prostitution. Weder in Deutschland noch international. Die Problematik ist dem Umstand geschuldet, dass viele Aspekte der Prostitution nicht seriös erfasst werden können, da diese Personengruppe im Verborgenen agiert. Wissenschaftliche Erhebungen konnten bislang daher oft nur dort ermittelt werden, wo es möglich war Prostituierten habhaft zu werden, in der Regel Krisenorte wie Krankenhäusern, Therapiezentren, Psychiatrien, Kinderheimen, Flüchtlingslagern, Polizeistationen und/oder Gefängnisse und sind durch die Umstände von der dort konzentrierten Personengruppe und den damit verbundenen Problemen, Ort, Zeit, den kulturellen, sozialen und politischen, ethnischen und religiösen Hintergründen der Fragenden UND Befragten beeinflusst. Da sich in Krisenorten, wie einem Frauengefängnis aber naturgemäß Personen befinden, die sich in einer Krise befinden, entsteht eine extreme Verzerrung, die bislang aus keiner einzigen statistischen Erfassungen herausgerechnet wurde. Ob aus Faulheit oder mangelndem Interesse ist unbekannt.

    Bis heute gibt es somit keine Fakten und Zahlen. Ich weiß aber, daß Studien in Auftrag gegeben wurden, die das künftig ändern sollen, so daß nicht nur Krisenpersonen als Grundlage der Informationserhebung dienen sollen.

    Beste Grüße

    Juliana da Costa José

  • Renate Schilling sagt:

    Vielen Dank für die Zusammenstellung, die Kommentare und Gedanken – ich finde den gemeinsamen Diskurs über diese Themen auch ungemein wichtig.
    Aber mir fehlt in dieser Diskussion noch ein grundlegender Aspekt, den ich hiermit einbringen möchte. Und das ist die These, dass in einem patriarchal-kapitalistischen System die entfremdete, durch strukturelle Gewalt geprägte Beziehung schlicht und einfach die Regel ist. Alle Beziehungen sind dadurch beeinträchtigt, auch unsere Beziehung zu uns selbst und zum eigenen Körper. Und in der Sexualität beginnt für mich die Gewalt gegen die Frau nicht erst dort, wo Körper und Beziehung zur Ware gemacht werden, sondern dort, wo keine wirkliche Intimität möglich ist, wo keine wirkliche Begegnung gelingt. Da, wo der Mann sich in der Frau einfach nur „einen runterholt“ und die Frau das stillschweigend duldet – vielleicht, weil sie überhaupt noch nie eine andere Form von sexueller Begegnung kennengelernt hat. Und im Grunde handelt es sich dabei nicht nur um Gewalt gegen die Frau und den weiblichen Körper, sondern auch um Gewalt gegen den Körper des Mannes. Wenn die Muskelpanzerung und die körperliche Verspannung des Mannes so extrem sind, dass er für seine „Lust“ massive Stimulation und zusätzliche Reize wie Gewaltphantasien, Machtgefühle oder gar Gewaltausübung braucht, ist für mich klar, dass dieser Körper im Grunde ständig extremer Gewalt von innen ausgesetzt ist. Dazu erzieht das kapitalistische Patriarchat die Männer! Und dazu passen auch die Storys von Männern, die zum Geschäftsabschluss oder zur Bewerbung in Bordelle mitgenommen werden: Da solche entfremdeten Beziehungen keine wirkliche Befriedigung verschaffen können, braucht es immer wieder die gegenseitige Bestätigung in der Gruppe. Und ein Mann, der da nicht mitmacht, ist eine Bedrohung für das Selbstbild der anderen. Das ist eine kollektive Krankheit, wie Ruth ganz richtig gesagt hat – und sie ist ansteckend!

    Daher ist es nicht leicht, diesen Kreislauf zu durchbrechen. Bedürfnisse und Einstellungen lassen sich nicht einfach verbieten, auch wenn sie noch so fehlgeleitet sind.
    Gesetze gegen kriminelle Machenschaften sind unabdingbar, aber ansonsten ist es mir persönlich wichtiger, grundlegend zu erforschen, wo und wie wir Räume für wirkliche Begegnung mit uns selbst und mit anderen schaffen können, Räume für Entspannung, für Auseinandersetzung, für Beziehung, Austausch, Experimentieren und gemeinsames Lernen – für Alternativen zur entfremdeten kapitalistischen Lebensweise – Räume, um „einen ganz anderen Kuchen zu backen“, wie die frühen Feministinnen sagten.
    Ich nehme immer wieder mit Erstaunen wahr, dass junge Frauen (und nicht nur Kristina Schröder) diese alten feministischen Ansätze oft belächeln, als wäre das alles doch gar nicht mehr nötig. Dabei fehlt ihnen vollständig das Bewusstsein für unsere kollektive Situation. Vielleicht ist die aktuelle Prostitutionsdebatte ja ein guter Anlass, um uns allen diese Mechanismen mal wieder ins Gedächtnis zu rufen!

  • @Ute Plass: danke für Ihren Verweis auf den Artikel bei Heise online “Eine Arbeitswelt inszenieren, in der Sklaverei sich wie Freiheit anfühlt”. Es ist interessant, hier mal die Brücke zur so genannten „Kreativwirtschaft“ zu schlagen. Ich war vor kurzem auf der Tagung der Kulturpolitischen Gesellschaft in der Evangelischen Akkademie Loccum. Thema“Kreatives Prekariat“. Dort ging es im Prinzip genau darum: permanente Verfügbarkeit, Kippeln am Existenzminimum, der dauernde Missbrauch – diesmal nicht des Körpers sondern der Kreativität unter anderem durch Wohltägigkeitsorganisationen (die Bitte an Künstler, irgendein Kunstwerk für karitative Zwecke zu spenden…) etc. Irgendjemand meinte die Kreativwirtschaft sei die „Avantgarde der Arbeitnehmer“ – dergestalt, dass die hier vorherrschenden Bedinungen sich immer mehr auf dem Arbeitsmarkt breit machen. Es stellt sich nun die Frage, wo „Prostitution“ beginnt. Meines Erachtens ist das EU-Parlament in Brüssel oder der Bundestag gesteckt voll mit Prostituierten – wenn ich mir anschaue, wie zum Beispiel Gesetze „gemacht“ werden. Allerdings bin ich so kühn zu behaupten, dass der Gast einer Sexworkerin einen reelleren Gegenwert für sein Geld bekommt als der durchschnittliche Steuerzahler.

  • Liebe Renate Schilling, ich finde deine Sätze hier:
    „aber ansonsten ist es mir persönlich wichtiger, grundlegend zu erforschen, wo und wie wir Räume für wirkliche Begegnung mit uns selbst und mit anderen schaffen können, Räume für Entspannung, für Auseinandersetzung, für Beziehung, Austausch, Experimentieren und gemeinsames Lernen – für Alternativen zur entfremdeten kapitalistischen Lebensweise – Räume, um „einen ganz anderen Kuchen zu backen“, wie die frühen Feministinnen sagten“ so mutmachend! Lasst uns einen anderen Kuchen backen, das ist es!

  • Ja!! Lasst uns einen anderen Kuchen backen!

  • Bari sagt:

    Liebe Frau Blauth
    Vielen Dank für den umfassenden Beitrag.
    Zu den Männern, die zum Geschäftsabschluss ins Bordell gehen, kam mir auch noch der Gedanke, des gemeinsamen „Geheimnisses“ , das sich bei Bedarf auch zur Machtausübung gegen mögliche Abweichler nutzen lässt. In der kath. Kirche z. B. wird seit Jahrhunderten, das Wissen um die gelebte Sexualität genutzt um Menschen, auch das eigene Personal, zu beherrschen.

  • Ruth Luschnat: „Wie also diese Tiefenschicht des patriarchalen Herrschaftssystems überwinden?“ Das finde ich eine wichtige Frage und ich glaube, dass es dazu hilfreich ist, die Funktionsweise des Systems zu verstehen. Ja welchen Systems? Patriarchat greift es nicht wirklich. Die Schicht von Menschen, die ein Interesse daran haben, dass der Markt und der Profit ungebrochen wachsen kann, ist, was die Chefetagen betrifft, weit von mir entfernt, aber letztlich bin ich – global betrachtet – eben auch Mitprofiteur der Ausbeutung. Sozusagen sind in der Tiefenschicht alle miteinander verbunden: die einfache Deutung von weiblichen Opfern und männlichen Tätern ist so gesehen absurd. Renate Schilling hat es so ausgedrückt: „im Grunde handelt es sich dabei nicht nur um Gewalt gegen die Frau und den weiblichen Körper, sondern auch um Gewalt gegen den Körper des Mannes.“ Dazu gehört auch, was Sabrina Bowitz sagt, dass viele Männer kaum merken, wie sie sich selbst erniedrigen.
    Leben und Aufwachsen erfordert immer verschiedene Anpassungs- oder Überlebensmuster und jeder Mensch muss als Erwachsener eine Haltung zu diesen Erfahrungen finden.
    In dieser Tiefenschicht glaube ich, geht es tatsächlich um unsere Art, in Beziehung zu sein. Und darum, Lebensverhältnisse zu schaffen, die der Verletzbarkeit als menschliche Grundbedingung des Miteinander-lebens Rechnung trägt. Und ich teile die Einschätzung von Bari, dass die vermeintliche Unverletzbarkeit von Männern in den gesellschaftlichen Machtzentren durch gemeinsame “Geheimnisse, die sich bei Bedarf auch zur Machtausübung gegen mögliche Abweichler nutzen lassen (z.B. kath. Kirche)“, aufrechterhalten wird.

    Karina Starosczyk: „Ich befürchte, den Sinn dieses Satzes nicht zu verstehen:
    ‚Wütend macht mich das Abwürgen jeder kritischen Positionierung zu Prostitution mit dem Vorwurf der Opferzuschreibung, grade weil ich mich selbst immer gegen solche Zuschreibungen abgrenze.’
    Der Satz bezieht sich darauf, dass ganz oft in den Pro&Kontra-Argumentationen zu Prostitution jedeR KritikerIn, die beispielsweise Gewalt in der Prostitution benennt oder sich gegen die Normalisierung von Prostitution positioniert unterstellt wird, sie würde die Prostituierte zum Opfer stilisieren.

    Sabrina Bowitz „Zur Prostitution kommt auch noch hinzu, dass in den Gegenden wo sie stattfindet, Mädchen oder Frauen nicht mal langgehen können, völlig egal wie sie aussehen, ohne blöd angemacht zu werden und allein der Fakt, dass es das gibt, ist schon ein komisches Gefühl für viele Mädchen und Frauen.“

    In dem Buch von Löw/Rune: Prostitution. Herstellungsweisen einer anderen Welt“ wird die Vorstellung, dass Bordelle neben Schulen nichts zu suchen haben, als Form der Herrschaft und symbolische Gewalt interpretiert. Auch Proteste über offene Prostitution im eigene Wohnumfeld werden als männliches Besitzdenken („meine“ Frau soll nicht mit einer Prostituierten verwechselt werden) oder patriarchale Unsichtbarmachung von Frauen in der Öffentlichkeit angesehen. Das fand ich erschreckend.

    Juliana da Costa José
    Das mit den Fakten und Zahlen ist tatsächlich nicht so einfach, da müssen wir sehr genau hinsehen, wer welche „Studien“ aus welchen Interessen erstellt. Interessant fand ich auf der Seite http://frauensindkeineware.blogspot.de/2013/11/das-nordische-modell.html die Darstellung, wie lange und intensiv die Forschung / Auseinandersetzung mit Prostituierten in Schweden war, bevor es zu der Gesetzesinitiative kam.

  • Karina Starosczyk sagt:

    Nochmals ein Schilderungs-Versuch mit dem Biologen S. Lanka, das auch die Gründe der Prostitution erleuchten würde: „Mit der Unterstützung australischer Wissenschaftler bei der Literaturrecherche, war ich mir ab 1992 ganz sicher, dass es überhaupt keinen Beweis für die Existenz irgendeines krankmachenden Virus gibt. Mich interessierte, woher die Idee der Bösartigkeit und Ansteckung von Krankheiten kamen. Durch geschichtliche Recherchen wurde mir klar, woher die Idee der Ansteckung und der Bösartigkeit von Krankheiten kam: Es ist ein von der Theologie eingesetztes Konstrukt. .. wird von der Mehrheit der Forscher und der Öffentlichkeit noch nicht erkannt, dass es genau diese kleinen Teile sind, in und mit denen die Materia-lisierung des Lebens aus dem Wasser heraus sichtbar wird.“ (Wissenschafftplus, 2014, 1, S. 7)

  • Karina Starosczyk sagt:

    „Die Etablierung von Prostitution als Erwerbstätigkeit und „Beruf wie jeder andere“ hat nicht zur Stärkung der Betroffenen geführt, sondern zur Stärkung der Profiteur_innen – und füllt diesen die Taschen mit geschätzt 14,5 Milliarden Euro Jahresumsatz alleine in Deutschland. Von reichen Prostituierten/Sexarbeiterinnen ist übrigens nichts bekannt. (Im Gegenteil, Betroffene wie Domenica (die „Königin der Reeperbahn“) berichten immer wieder, dass das „schmutzige Monopoly-Geld“ so schnell wie möglich weg muss).“

    Ja, die Profiteur_innen (darunter im größten Teil Zuhälter u.a.) haben Profit geschlagen. Das süße Mädel unter der roten Lampe muss ihren nächsten Tag überstehen…

  • „und ich glaube, dass es dazu hilfreich ist, die Funktionsweise des Systems zu verstehen“ – das ist wahr, das betrifft nicht nur Prostitution, sondern auch wodurch eigentlich beispielsweise Reichtümer entstanden sind oder bestimmte Sichtweisen auf Menschen oder woher unsre Produkte kommen und wie Krieg betrieben wird.
    Ganz oft habe ich das Gefühl, dass wir in einer ganz eigenartig – schizophrenen Welt leben. Wir sollen so viel
    nicht wissen oder es soll uns egal sein, woher die Produkte wirklich kommen, die wir kaufen, wer dafür möglicherweise gestorben ist oder was mit Frauen und Mädchen in anderen Ländern passiert. Das ist egal, das hat mit uns doch nichts
    zu tun und sowieso waren die ja schon vorher verdorben.
    Ganz einfach. Genauso wie hierzulande dann gegen Hartz IVler
    gewettert wird was das Zeug hält und auch nicht gegen persönliche Beleidigungen vorgegangen wird.
    Und die die es stört halten sich zurück, weil es sie ja (noch) nicht betrifft.
    Ich habe den Eindruck, wir leben in einer Kultur der
    versteckten Erniedrigung, nicht nur auf der Arbeit, bei der Prostitution (als Grundlage eigentlich der Prostitution, gegenseitige Erniedrigung), bei Street Harassment etc, sondern generell, auch in Beziehungen oft.
    Und das fällt uns nicht mehr auf, weil es so normal geworden ist.
    Was ich erschreckend finde.
    „im Grunde handelt es sich dabei nicht nur um Gewalt gegen die Frau und den weiblichen Körper, sondern auch um Gewalt gegen den Körper des Mannes“.
    Das ist es auch, was viele Freier nicht verstehen, dass sie genauso gefangen sind in dem System und generell viele Männer nicht begreifen, dass ihnen viel von ihrem Gefühlsspektrum genommen wird, was sie eigentlich hätten.
    Von ihren eigentlichen Wünschen und Bedürfnissen.
    Denn Liebe an sich wäre eine große Macht, die für Regierungen auch mal gefährlich werden könnte. Wenn alle ihre eigenen Wünsche hätten, auf Selbstbestimmung und eine menschenwürdige Umwelt achten würden, dann hätten aber einige Firmen und all diese Prostitutionsschuppen ein großes Problem. Wenn wirklich Respekt und Achtung herrschen würde, für die Menschen an sich und die Mitgeschöpfe dann wären sehr viele Menschen, die wir ja heute achso schlimm finden, sehr arm dran.
    Deshalb sehe ich darin auch eine Doppelmoral.
    Es wird sich immer beschwert über all diese Firmenbosse
    und wie schlimm die doch wären, aber vergessen wird, dass
    wir diese Unmenschlichkeit – auch dadurch dass wir wegsehen und weghören, bewusst und unbewusst – unterstützen.
    Ob wir wollen oder nicht, aber wir tun es.

    Ich habe mich bezüglich der Prostitution auch immer gefragt,
    warum eigentlich die Männer, die das nutzen, nicht auch mal
    an ihren Körper denken oder sich Sorgen machen, was mit
    ihnen passiert, wenn sie mit einer völlig fremden Frau so
    nahen Kontakt haben, von der sie nicht mal wissen, ob sie
    nicht ein Opfer von Menschenhandel oder Vergewaltigung geworden ist oder auch beides und ob sie nicht krank ist.
    Und dass sie sich selbst und ihren Körper derart erniedrigen, dass sie ihre kostbarste Nähe, die sie eigentlich geben können, einer völlig fremden Person
    geben, darüber denkt irgendwie niemand nach.
    Nein, das soll Macht sein. Das soll Macht sein?
    Darüber sollte mal nachgedacht werden.
    Für mich ist das keine Macht.

    Es wäre wirklich die Frage, wie wir in Beziehung zu uns
    und anderen stehen und was wir uns wünschen.
    Wie wir eigentlich Mensch-Sein definieren und was für
    uns eine Beziehung bedeutet oder überhaupt Nähe.
    „Lebensverhältnisse zu schaffen, die der Verletzbarkeit als menschliche Grundbedingung des Miteinander-lebens Rechnung trägt“.
    Darum würde es wirklich gehen!

    Ich glaube Prostitution ist an sich Gewalt und Herrschaft, eben aber nicht seitens der Männer, sondern seitens der Lehrsätze, die uns beibringen, dass Männer eben so sind und dass das normal sein soll. Traurig wer da einfach so mitmacht im Grunde und keine eigene Definition findet für sich und für das Beziehung sein in der Welt.
    Daher auch mein Satz, dass Freier im Grunde bemitleidenswert sind, wirklich auch in ihren Handlungen keinesfalls selbstbestimmt. Für mich ist das auch keine freie Wahl zu einer Prostituierten zu gehen sondern eher eine Zwangshandlung, gerade dann wenn gemeinsame Bordellbesuche als Normalität abgetan werden, etwas was eben nun mal so ist. Merkt niemand, wie sich hier erniedrigt wird, bis zum letzten Punkt?
    Das hat Sybille Berg einmal gut gesagt: „Die Menschen, alles arme Schweine“, als sie eine „Sex“messe besucht hat.
    Ihr ging es auch darum, dass nicht nur die Frauen darin
    Opfer sind und erniedrigt werden, sondern sich die Männer
    genauso erniedrigen, es nur seltener merken.
    Ich denke aber, dass wir Kinder vor solchen kranken Bildern und Praktiken schützen müssen, daher finde ich es auch wichtig und begrüßenswert, dass sich Menschen gegen Bordelle und Prostitution wehren.
    Und trotzdem zeigt sich darin auch dass Prostitution eben
    nicht normal ist, sonst könnten wir die Anwesenheit von
    den Bordellen ja gut in der Straße ertragen, genauso wie
    es eben nicht normal ist neben einem Schlachthof zu wohnen.
    Das zeigt für mich das menschenunwürdige daran und dass
    es eben nicht normal ist.

  • Karina Starosczyk sagt:

    Das finde ich auch wichtig zu wissen:

    „Der schwedische Regierungsbericht aus dem Jahr 2010[vi] hat folgende Ergebnisse von 10 Jahren schwedisches Modell festgestellt:

    • Prostitution ist signifikant zurückgegangen (von geschätzten 3000 in 1995 auf geschätzte 1500 in 2002 und 600 in 2008)[vii]
    • die Gesetzgebung wird politisch breit getragen, 70% der Bevölkerung stehen dahinter (größte Zustimmung in den jüngeren Altersstufen)
    • die Polizei erklärt, dass Schweden weniger attraktiv für Menschenhändler geworden ist und dass sie einen guten Überblick über die Situation hat[viii]. (Es gibt kaum ausländische Frauen in Schweden, die sich prostituieren. Nach der Einführung des Gesetzes gab es vermehrt nigerianische Prostituierte in Norwegen, nach der Einführung des Gesetzes dort kam es zu einer Verlagerung nach Dänemark)
    • Straßenprostitution konnte halbiert werden, es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass sie in geschlossene Räume verdrängt wurde
    • es gibt weniger Sexkäufer: 2013 gaben 8% der Männer an für Sex bezahlt zu haben, 1996 waren es 13%
    • Gewalt gegen Prostituierte hat nicht zugenommen, ihre Lebensbedingungen haben sich nicht verschlechtert; gewalttätige Freier können der Polizei gemeldet werden
    • der Ausstieg aus der Prostitution wurde leichter

    Diejenigen, die noch in der Prostitution arbeiten sind skeptischer gegenüber dem Gesetz, als diejenigen die ausgestiegen sind. Jene sind der Meinung, dass das Gesetz ihnen die Kraft gegeben und ihnen die Scham über erfahrenen sexuellen Missbrauch genommen hat.“

  • Karina Starosczyk sagt:

    Dem folgenden Verständnis von Prostitution kann ich persönlich zustimmen:

    „Das nordische Modell sieht Prostitution als Gewalt. Sämtliche Untersuchungen zum Thema zeigen ein unglaublich hohes Maß an Gewalt, dem die Frauen in der Prostitution ausgesetzt sind.. Prostitution ist außerdem ein Nährboden für skrupellose Geschäftemacher, die als „Beschützer“ auftreten oder als „Bieter wunderbarer Arbeitsplätze“ – so die Prostitutionslobby, die aber in Wirklichkeit auf Kosten der Frauen ihre Geschäfte machen.“

    Und ich werde noch etwas zur Prostitution zusetzen – was mir schaudert und eine Grenze für mein Denken und Fühlen in diese Richtung markiert: In den Konzentrations-Vernichtungs-Lagern der Hitler-Zeit wurde Prostitution auch systematisch getrieben. So haben einige Frauen an dieser Stelle für ihr Überleben zu sorgen versucht. Ich habe ein Film gesehen: Eine schwarze Frau hat auf ihrer Europa-Tour entdeckt, dass der „Leiter“ dieses Lagers ihr Vater ist. Sie hat sich erinnert, dass die Ehefrau dieses Mannes, die sie in ihrer Kindheit liebevoll umsorgt hat, eine wichtige positive Funktion in ihrem Leben hatte. In dem Film wurde dieser Mann gezeigt, wie er auf seinem Balkon über das Lager erstreckt mit einer Pistole in der Hand steht und Ausschau hielt, welche der da unten schuftenden Kreaturen er in diesem Moment erschießt. Ob es eine „ausgenutzte“ Prostituierte oder ein an seine Kräfte gekommener Häftling war, spielte für den Führer keine Rolle. Das „Wirtschafts-Wunder“ des dritten Reiches sollte blühen – kostet was es wolle!

    Mir drängen sich Bilder im Kopf, wie Kinder vergnügt mit ihren Spielzeug-Pistolen einander abfackeln! – Ich kann jetzt nicht darüber weiterdenken. Es ist zu viel für mich. An dieser Geschichte des dritten Reiches in meinen Gedanken und Gefühlen angekommen, entscheide ich mich Halt zu machen. Diese Geschichte gehört der Vergangenheit – und so ist es gut. Ich habe diese Zeit nicht erlebt. Allerdings wurde mein persönliches Leben von dieser schrecklichen Geschichte mitgeprägt – und das ist schlimm genug. Ich als Karina lebe hier und jetzt. Und die Gegenwart ist der stärkste Moment in meinem Leben (vgl. L. Hay). Ich bin keine Prostituierte und kann von keinem Führer erschossen werden. Ich verabschiede mich von dieser leidvollen Geschichte und sehe hier und jetzt, was ich in Eigen-Regie machen kann.

  • Hallo Karina, an das Leid in den Konzentrationslagern von den Frauen musste ich auch oft denken oder allgemeiner die Vergewaltigungen von Frauen, vor allem die systematischen, im Krieg. Meine Oma hatte mir damals dazu auch viel erzählt, sie konnte kaum darüber reden. Ich denke, dass es viele Menschen sehr geprägt hat und sehe die Folgen der Bilder, die im Moment bei uns überall hängen, die ganzen sexistischen und die Prostitution daher auch als so gravierend an.
    Natürlich leben wir im Hier und Jetzt, aber wir können auch, wenigstens versuchsweise, von den Schrecken der Vergangenheit lernen, eben diese nicht mehr zu ermöglichen.
    Ich befürchte aber, dass genau das was in den Konzentrationslagern passiert ist, dass die Frauen noch unter den Männern standen beziehungsweise ihre Körper als ein zu benutzendes Gut angesehen wurde wieder passieren könnte und zwar weil wir alle erniedrigt werden. Wie gesagt, Männer erniedrigen sich dabei ja genauso und sexistische Bilder erniedrigen Männer genauso, genauso wie sich Männer, die sich über Frauen lustig machen und die zu Prostituierten gehen, selbst erniedrigen. Es gab auch mal einen Satz, den ich sehr wichtig fand von einem Forscher zur Gewalt in Systemen, leider weiß ich den Namen gerad nicht, der gesagt hat, dass oft die „Machthaber“ überhaupt nicht merken, dass sie selbst Gefangene in dem System sind und eben deshalb nicht frei.
    Auch mit ein Grund, warum dann mit aller Härte gegen Menschen vorgegangen wird, die in sich frei sind und die sich gegen das System stellen beziehungsweise die sind nicht einnehmen lassen. Heute sehe ich das daran, wie mit aller Häme gegen Menschen vorgegangen wird, die sich gegen Prostitution wehren oder gegen die Erniedrigung von Menschen allgemein und auch gegen dieses ewige Gräben graben zwischen Frauen und Männern, was blödsinnig ist.
    So viele Probleme würde es nicht geben, wenn wir einmal
    verstehen würden, dass wir einfach alle Menschen sind. Was meint ihr, was passieren würde, wenn einmal alle Männer darüber nachdenken würden, dass es sie genauso treffen könnte in der Prostitution und dass es genauso Menschen sind wie sie, die dort leiden?
    Das ganze Problem ist, dass Menschen entmenschlicht werden darin, sowohl die Opfer wie die Täter.

  • Noch Ergänzungen zu meinem Beitrag, weil das vielleicht etwas missverständlich war. Natürlich hätte ich Konzentrationslager in Anführungsstriche setzen müssen, denn das war ein Begriff der verherrlichend und unpassend war für die Qual die den Menschen angetan wurde.
    Meine Oma konnte früher kaum drüber reden, hat dann aber doch irgendwann mehr erzählt, als sie sich dazu durchringen konnte (der Satz den ich vorher geschrieben hatte war wohl etwas verwirrend). Dennoch hat ihr Leid, was ihr angetan wurde, ihre Sicht auf Männer geprägt und die ganze Beziehungsstrukturen verändert. Das bedeutet nicht nur Leid für die Menschen, die die Gewalt, Vergewaltigung und erwzungene Prostitution erlebt haben, sondern auch für alle anderen danach, weil sich dadurch „Weltsichten“ formen.
    Und das ist unverzeihlich. Das ist auch, wie Hannah Arendt es mal ausgedrückt hatte, etwas was nicht hätte geschehen dürfen.
    Genauso sehe ich es als unsäglich an, dass Frauen früher als minderwertig eingestuft wurden, genauso wie Menschen anderer Kulturen oder anderer Länder, was jeglicher Grundlage entbehrt. Da vergeht mir auch das Verständnis, ich weiß sehr wohl, warum sich solche Theorien entwickelt haben, dennoch würde ich von Menschen erwarten, dass sie ihre Theorien auf Plausibilität untersuchen und nicht aufgrund ihrer Interessenslage einfach wegschauen. Insbesondere diese die heute als „große Forscher“ bezeichnet werden.

    Genauso erwarte ich von den Menschen heute, dass sie darüber nachdenken können und auch fähig dazu sind zu erkennen, wie diskriminierend Prostitution ist und wie absurd in vielen Bereichen auch und wie wir alle dadurch erniedrigt werden in unserem Mensch-Sein und Verletzlich- Sein. Dies vor allem auch im Eigenraum, der uns zusteht, gerade bei den Frauen.
    Das Problem ist nämlich, dass sich diese Gewalt und Erniedrigung in jeglicher Form immer weiter und weiter und weiter trägt.

Weiterdenken