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Her mit dem guten Leben! Für alle weltweit!

Von Ina Praetorius

Es macht ihr einfach mehr Spaß, Gespräche zu führen, als Aufsätze zu schreiben. Deshalb kultiviert Ina Praetorius seit einiger Zeit die Gattung des Selbstinterviews. Auch zur Konferenz „Care Revolution“, die vom 14. Bis 16. März in der Rosa Luxemburg Stiftung in Berlin tagte, hat sie sich von ihrem bewährten Alter Ego Beate Fehle befragen lassen.

Eine fällige Sammlungsbewegung

Beate Fehle: Was war das für ein Gefühl, sich zusammen mit ungefähr 500 anderen Leuten für eine Konferenz mit dem anspruchsvollen Titel „Care Revolution“ zu registrieren?

IMGP0100Ina Praetorius: Es war ein Gefühl wie Ankommen nach einer langen Reise. Schon seit mehr als dreißig Jahren weiß ich nämlich, dass der Begriff Care es wert ist, eine globale politische Dynamik in Gang zu setzen. Damals, im Jahr 1982, erschien Carol Gilligans Buch „In Another Voice“ (deutsch: „Die andere Stimme“)  – ein Text, der inzwischen als Klassiker und Initialzündung der „Care-Ethik“ gilt. Wir lasen damals das Buch in der Frauengruppe der theologischen Fakultät Zürich und dachten darüber nach, ob es eine andere, eine „weibliche“, eine beziehungsorientierte Ethik gebe. Anfang der Neunziger Jahre debattierten wir dann in der „Projektgruppe Weiberwirtschaft“ mit den Ökonominnen Ulrike Knobloch und Maren Jochimsen über „Reproduktionsarbeit“ und „Care-Ökonomie“: Was ist die Besonderheit sorgender Tätigkeiten? Warum werden sie gratis geleistet oder schlecht bezahlt – und in der ökonomischen Theoriebildung meist ganz ausgelassen? Warum gelten sie als weibliche Domäne? Wie verhalten sie sich zur gängigen Marktökonomie? Und so weiter. In den folgenden Jahren erschienen dann viele einschlägige Publikationen, zum Beispiel im Rahmen der 1990 gegründeten IAFFE (International Association for Feminist Economics). Es gab damals durchaus ein breites Interesse für den Begriff Care, der sich gut mit den älteren Debatten um „Reproduktionsarbeit“, „Hausfrauisierung der Arbeit“ oder „Subsistenzperspektive“ verknüpfen und an ökologische Fragen anschließen ließ. Aber eine breite Bewegung wurde zunächst einmal vom Turbokapitalismus der 1990er Jahre und vom wichtigen, aber auch verunsichernden Trend der Geschlechterdekonstruktion verschluckt. Jetzt aber, viele Jahre später, scheint tatsächlich so etwas wie eine Care-Bewegung zu entstehen. Nicht nur der Berliner Kongress ist ein Indiz dafür, sondern auch die US-amerikanische Caring-Economy Campaign und zahlreiche neue Initiativen und Publikationen zum Thema. Seit zum Beispiel das Schweizer „Denknetz“ sein Jahrbuch 2013 dem Thema Care oder Crash“gewidmet hat, befassen sich, wie meine Tochter erzählt, „sogar“ junge linke Männer mit dem Thema.

Beate Fehle: …und nun warst du also an dieser Berliner Vernetzungskonferenz. Wie war das?

IMGP0102Ina Praetorius: Die Organisatorinnen hatten mit ungefähr zwanzig unterstützenden Organisationen und 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmern gerechnet. Inzwischen stehen sechzig Initiativen auf der Unterstützerinnenliste – darunter unser „ABC des guten Lebens“. Und als sich 400 Leute angemeldet hatten, musste das Orgateam die Notbremse ziehen, weil die Räume der Rosa-Luxemburg-Stiftung mehr Ansturm nicht verkraften. Schließlich waren es dann ungefähr 500 TeilnehmerInnen. So viele verschiedene Menschen sind nach Berlin gekommen: Menschen mit Behinderungen, die, zusammen mit ihren BetreuerInnen, über das „Recht auf gute Assistenz“ nachdenken wollten, Mütter, Väter und Kinder, autonom organisierte „Caring Communities“, Forscherinnen aus verschiedenen Disziplinen, Gesundheitsaktivistinnen aus Rom, die polnische Care>-Arbeiterin Bozena Domanska, die in der Schweiz einen Prozess gegen ihren Arbeitgeber gewonnen hat, weil er sie als Pendelmigrantin in der häuslichen Altenpflege nicht angemessen bezahlt hat, GrundeinkommensaktivistInnen, Menschen aus Parteien, Verbänden, Medien und noch viel mehr. Das sieht mir doch sehr nach der breiten Koalition und Sammelbewegung aus, auf die ich seit Jahrzehnten hoffe.

Die Mehrfachkrise als Anlass

Beate Fehle: Ist der Anlass für diesen neuen Schwung die aktuelle Krise? Man hört ja viel von „Pflegenotstand“, „Sozialabbau“, „Care-Migration“ und – neuerdings vor allem aus den Ländern Südeuropas – von unhaltbaren Zuständen, die durch die Sparpolitik im Gesundheits-, Sozial- und Bildungswesen entstanden sind.

IMGP0072_2Ina Praetorius: Ja, schon im allerersten Satz der Resolution, die wir am Sonntag im Plenum besprochen und verabschiedet haben, steht das Wort „Krise“. Das finde ich zwar keine sehr glückliche Entscheidung, denn diese Formulierung könnte den Eindruck erwecken, ohne die akute Finanzkrise sei Care kein Problem. Aber dieser Satz – und der insgesamt defensive, konventionell fordernde Stil der Resolution – ist natürlich symptomatisch für den Entstehungszusammenhang der erwachenden Care-Bewegung: Es wird heute viel deutlicher als noch vor zehn oder zwanzig Jahren spürbar, dass die offizielle Politik nicht auf das gute Leben aller, sondern auf die Profite weniger ausgerichtet ist. An allen Ecken und Enden spüren wir es: In den Krankenhäusern wird Personal eingespart bis zum Kollaps, Mütter und Väter merken, dass das gängige Gerede von „Karriereplanung“ und „Work-Life-Balance“ ihre Situation mehr verschleiert als erhellt, alte Menschen haben das Gefühl, der Gesellschaft zur Last zu fallen, wenn sie nicht mehr „fit und gesund“ sind, der Care-Drain von Osten nach Westen und von Süden nach Norden entzieht ärmeren Volkswirtschaften wichtige Arbeitskräfte, die in reicheren Ländern ausgebeutet werden, weil auch hier nur noch wenige in der Lage sind, gute Pflegeleistungen angemessen zu bezahlen… Die Probleme im Bereich der Sorgearbeiten spitzen sich gegenwärtig zu, was aber nicht bedeutet, dass sie vorher „gelöst“ waren, als Frauen sich für all diese notwendige Arbeit  noch „selbstverständlich“ zuständig fühlten.

Gemeinsamkeiten sichtbar machen

Beate Fehle: Wenn ich das richtig verstehe, versuchen nun die Initiantinnen der Konferenz, allen voran die Hamburger Arbeitswissenschaftlerin Gabriele Winker, die unterschiedlichen Kontexte der Care-Arbeit – von den Privathaushalten über Kitas, Krankenhäuser, Pflegedienste bis hin zum individuellen Stress, der durch Zeitmangel und schwieriger werdende Selbstsorge entsteht – zu einer Bewegung zu bündeln.

IMGP0090Ina Praetorius: Ja, und das ist wirklich fällig. Die Konferenz hat den Schwerpunkt deshalb bewusst auf Erfahrungsaustausch zwischen PraktikerInnen aus unterschiedlichen Tätigkeitsbereichen gelegt. Es wurde vorerst wenig theoretisiert, und das war gut so. Als nächstes braucht es dann aber die Arbeit an einer verbindenden Begrifflichkeit, damit die verschiedenen AkteurInnen verstehen, dass sie ein gemeinsames transformatives Thema haben. An diesem Punkt, meine ich, könnte unser „ABC des guten Lebens“, das ja eine Reihe von grundlegenden Begriffen vorschlägt und provisorisch umschreibt, wichtig werden: Es kommt jetzt darauf an, „das Ganze“ postpatriarchal neu zu denken, diesseits der herkömmlicher Trennlinien zwischen rechts und links, liberal, wertkonservativ oder religiös: von der Voraussetzung her, dass alle Menschen geburtlich, fürsorgeabhängig , verletzlich und sterblich sind – und gleichzeitig frei, ihre Lebensbedingungen so zu gestalten, dass alle mit ihrer Bedürftigkeit und ihrem Begehren Raum haben und sich willkommen fühlen. Das Motto der Konferenz: „Her mit dem guten Leben! Für alle weltweit!“ ist schon mal ein guter Ansatz für eine solche denkerische Konvergenzbewegung.

Wie weiter?

Beate Fehle: Wie geht es nach der Konferenz weiter?

Ina Praetorius: Jetzt sind die vielen beteiligten Initiativen gefordert, sich weiter zu vernetzen und öffentlich zu vermitteln, worum es bei der Care-Revolution überhaupt geht. An der beeindruckenden Demonstration am Samstag Nachmittag ist mir aufgefallen, dass viele PassantInnen dem Thema gegenüber noch ziemlich ratlos waren: Care? Was soll das sein? Kann man das nicht auf Deutsch sagen? – Im akademischen Bereich – vor allem in der Ökonomie, der Soziologie, der Pflegewissenschaft, den Gender Studies, der philosophischen und theologischen Ethik – wurde ja schon viel gute Arbeit geleistet. Aber dass es sich beim Übergang von einer um Warenproduktion und Profit kreisenden Markt-Gesellschaft in eine Haushalts-Gesellschaft, die die Bedürftigkeit und Freiheit-in-Bezogenheit aller Menschen ins Zentrum stellt, um den entscheidenden Paradigmenwechsel unserer Epoche handelt, das ist vielen noch nicht klar. Es braucht jetzt transdisziplinäre Sprach- und Vermittlungsarbeit, damit der Brückenbegriff Care seine transformative Wirkung entfalten kann.

Beate Fehle: Danke für das Gespräch. Wir bleiben dran!

(alle Fotos: Ina Praetorius)

PS: Bernadette La Hengst hat übrigens zu dem Kongress eine Care-Hymne geschrieben: „I do care (I love it).

 

Autorin: Ina Praetorius
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 18.03.2014
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Gré Stocker-Boon sagt:

    Man(n)/Frau könnte noch soviel Zwischenberufe schaffen in der Care-Arbeit.Gepflegt werden,Essen und Thrinken eingeben, und „Füddli“ putzen bleiben als restliche Aufgaben übrig,die jeder Mensch in der Bedürftigkeit braucht und welche in Würde am Menschen verrichtet werden sollten.Hierfür Pflegepersonal rekrutieren,die dann nur noch diese Aufgaben übernehmen müssen,scheint mir als Beruf ohne Berufung wenig attraktiv und Schwerarbeit.

  • Bari sagt:

    liebe Ina

    danke für den spannenden Bericht. es wäre ja traumhaft, wenn am Ende der care-revolution jegliche Care Arbeit gut bezahlt wäre und alles was dem Leben schadet wie Krieg und Waffenproduktion keinen cent mehr wert ist. Ist das nicht eine wunderbare Vision. In der Bibel hieß das Schwerter zu Pflugscharen!

  • Karina Starosczyk sagt:

    „…es wäre ja traumhaft, wenn am Ende der care-revolution jegliche Care Arbeit gut bezahlt wäre und alles was dem Leben schadet wie Krieg und Waffenproduktion keinen cent mehr wert ist. Ist das nicht eine wunderbare Vision.“ -http://www.youtube.com/watch?v=kBZZwjwSSIw

  • Ute Plass sagt:

    „Aber dass es sich beim Übergang von einer um Warenproduktion und Profit kreisenden Markt-Gesellschaft in eine Haushalts-Gesellschaft, die die Bedürftigkeit und Freiheit-in-Bezogenheit aller Menschen ins Zentrum stellt, um den entscheidenden Paradigmenwechsel unserer Epoche handelt, das ist vielen noch nicht klar.“

    Daher, liebe Ina, bedarf es weiterhin dieser so wichtigen
    Beiträge und Vermittlungsarbeit wie Du sie ja schon seit Jahr und Tag praktizierst. Freue mich auf weitere Gespräche
    mit ‚Beate Fehle und Dir‘. Großes Danke *euch beiden* und allen Sorgearbeiter_innen.

  • Ute Plass sagt:

    „Rund 30 000 Fachkräfte fehlen in deutschen Pflegeheimen. Laut dem Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung werden bis zum Jahr 2030 mehr als 94 000 Fachkräfte und fast 200 000 Hilfskräfte zusätzlich benötigt. Wegen der geburtenschwachen Jahrgänge gibt es zu wenig geeignete Bewerber. »Wir können den Bedarf durch Bewerber aus Deutschland nicht alleine decken«, sagt Thomas Greiner, Präsident des Arbeitgeberverbands Pflege. Ist Zuwanderung ein Ausweg aus der Misere?“

    http://www.neues-deutschland.de/artikel/927376.fachkraefte-aus-fernost-sollen-personalnotstand-in-heimen-loesen.html

  • Christine Wildberg sagt:

    Ich war im Berlin in der Gruppe, die sich mit dem bedingungslosen GE beschäftigt hat. In unserer Gruppe haben wir uns über eine Studie unterhalten, die aufzeigte, dass die meisten Befragten im Falle des Bezugs des bedingungslosen GE weiterhin arbeiten würden. Allerdings äußerten sich die Befragten folgend über die Nachbarn: „Sie würden bestimmt zuhause bleiben.“ Wir waren uns in der Gruppe einig, dass wir für dieses Finanzierungs-Modell (Frau Merkel hätte auch Recht auf z. B. 1000 Euro und könnte es von Ihrer Steuer-Spalte abschreiben lassen) eintreten, weil es einen großen Druck-Anteil aus dem geg. System rausnehmen würde. Für uns war dabei wichtig, dass sich dadurch für uns Alle Räume erschließen würden, wo wir kreativ nach eigenem Gedünkel für die Gemeinschaft tätig werden könnten und Zeit für sich selbst hätten. Der Zwang zum Ackern für ein paar Pfennig (oft gegen die eigene Überzeugung) wäre weg vom Fenster. Alle könnten so Car-Arbeit in Eigen-Regie führen und finanziell (durch bestimmte selbst erwählte Tätigkeiten für die Gemeinschaft) über den eigenen Lebens-Weg bestimmen…

  • manfred gabriel sagt:

    „Rund 30 000 Fachkräfte fehlen in deutschen Pflegeheimen.“

    Und der Film „Hilfe aus dem Osten – Pflegemigrantinnen in der Schweiz“ zeigt, wie es in den östlichen Ländern dann aussieht, wenn die Frauen Richtung Westen wegen Geld unterwegs sind…

  • Ute Plass sagt:

    @Christine Wildberg – in den vielen Gesprächen, die ich mit Menschen über die Idee eines leistungsunabhängigen Grundeinkommens geführt habe, mache ich die Erfahrung, dass
    viele Männer und Frauen Erwerbsarbeit und repressionsfreie Grundsicherung nicht als zwei verschiedene Größen denken (können), und dass Arbeit, sinnvolle Tätigkeit mehr ist als bezahlte Arbeit.
    Erst wenn verstanden wird, dass die Erwerbsarbeit
    ‚alter (Konkurrenz)Ordnung‘ ein Auslaufmodell ist und wir gesamtgesellschaftlich (weltweit) Modelle solidarischer Ökonomie, also eine Wirtschaft der Vor-Für-Nachsorge entwickeln müssen, wenn es uns ernst ist mit dem guten Leben für alle, erst dann scheint die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens Herz und Hirn zu erfassen.
    Unsere Initiative versucht daher Menschen vor Ort
    über die vorherrschende Arbeitsideologie aufzuklären. U.a. mit dem Film: „Frohes Schaffen – ein Film zur Senkung der Arbeitsmoral“ – http://www.youtube.com/watch?v=O6IpDDqFvPY

  • Gré Stocker-Boon sagt:

    Dieses Pokern und Umwerben von willigen MigrantInnen für Pflegeaufgaben in der Schweiz hatten wir schon einmal.Wenn sie einmal da sind,wird es ihnen nicht leicht gemacht, andere Lebens- oder Berufsziele ins Auge zu fassen.Frau müsste da wohl kräftemässig ein Superweib sein und Geld genug im „Portemonnaie“ haben,um sich auch noch Weiterbildung leisten zu können.Was ja nicht erwünscht ist,denn sie sollten spezifisch für die Pflegeaufgaben umworben und gebraucht werden.Die Sprache wird ihnen vielfach zum Verhängnis.Haben sie dazu noch Kinder,einen arbeitslosen Mann und eine pflegebedürftige Mutter im Land, wo sie herkommen,so sind Konflikte nicht zu vermeiden.

  • Karina Starosczyk sagt:

    „Dieses Pokern und Umwerben von willigen MigrantInnen für Pflegeaufgaben in der Schweiz hatten wir schon einmal…“ https://www.youtube.com/watch?v=yK0yowtplCE

  • Ute Plass sagt:

    Hier ein Artikel über die Aktionskonferenz: „Die Mühen der
    Revolution“ –

    http://www.freitag.de/autoren/liebernichts/die-muehen-der-revolution

  • Karina Starosczyk sagt:

    Grüß Dich Ute

    „So unterschiedlich ihre Hintergründe, ihre Herkunft, ihre Arbeit sein mögen, eines haben sie gemeinsam: nicht viel Zeit.“

    Da haben Sie wieder einen Volltreffer. Die zeitliche Aufteilung in der Welt ist allerdings die einzige Gerechtigkeit, welche ein Mensch genießen kann: Jede/r hat 24 Stunden am Tag zur Verfügung! Einer pennt länger; der andere treibt sich gerne da und da…

  • Ute Plass sagt:

    „Füreinander sorgen

    Titelseite Wir Frauen Frühjahr 2014
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    Seit jeher skandalisieren Feministinnen, dass die Arbeit der Reproduktion, die lebensentwickelnden Tätigkeiten gering geschätzt und überwiegend von Frauen verrichtet werden, isoliert in den eigenen vier Wänden, wegen ihrer angeblichen besonderen sozialen Befähigung, aus quasi natürlicher Berufung oder weil es sich stets aufs Neue rechnet, dass sie Zuhause bleiben oder zum Familieneinkommen nur „beitragen“. Wer putzt bei wem und hütet wessen Kinder? Dies ist vor allem eine Frage von Geschlecht, Klassenzugehörigkeit und Herkunft/ Nationalität.

    Mitunter klingt dieser Befund recht moralisch: Die berufstätige Frau aus der Mittelschicht scheue den Konflikt mit dem Lebenspartner um Fragen der Hausarbeit und realisiere sich – wie egoistisch! – beruflich auf Kosten von Putzfrau und Kindermädchen, entledige sich also ihrer (!?) Pflichten, um „alles haben zu können“. Als wäre dieser Wunsch an sich schon verwerflich. Was ist mit denen, die ihre pflegebedürftigen Angehörigen gut umsorgt wissen wollen, damit allein gelassen sind und deshalb zu AusbeuterInnen werden? Die Geringschätzung der Reproduktion und das herrschende Zeitregime lassen sich allein oder als Kleinfamilie kaum überwinden.“
    Weiterlesen hier: http://www.wirfrauen.de/index.php

  • Karina Starosczyk sagt:

    Lieber Prof. Strasser

    „Es gibt konkrete Forderungen, die das System in Gänze nicht in Frage stellen, aber dennoch, als Nahziele, hier und heute auf die Agenda gehören – sofern die Utopie als Fernziel nicht aus dem Blick gerät. Der Kapitalismus ist schließlich flexibel. Es geht ja auch grüner: ein bisschen mehr Bio im Joghurt, eine Prise mehr Nachhaltigkeit, ein gelber Punkt auf dem Plastikmüll, die Preise um ein paar Cent fairer. Am Ende muss aber auch das grünste und sozialste Produkt konkurrenzfähig sein. Öko-Bäuer_innen und Produktionsgenossenschaften wissen davon ein Lied zu singen. Das Programm der „Green economy“ zielt per Definition auf wirtschaftliche Profitabilität und gilt als „Neues Wirtschaftswunder“. Eine andere Lebensweise bedingt das noch nicht.

    Warum also nicht auch ein wenig mehr „Care“: etwas mehr Zeit (nur) für Eltern, 150 € Betreuungsgeld, ein paar Krippenplätze mehr? Bereitwillig werden Aspekte der Care-Debatte von konservativer Seite aufgenommen. Familienpolitik sei im Kern immer auch Wirtschaftspolitik, so Gabriele Winker, Initiatorin der Konferenz. Sie ziele keineswegs darauf, die drängenden Fragen sozialer Reproduktion zu lösen, vielmehr gehe es stets darum, die Erwerbstätigkeit von Frauen zu fördern. „Die bundesdeutsche Familienpolitik (…) unterstützt Care nur dort, wo dies dem Wirtschaftswachstum zuträglich ist und möglichst wenig kostet“, so Winker.

    Kein Wunder, dass Care-Work für alte Menschen besonders gering geachtet werde und Alte generell zum „Problem“ gemacht werden. Als wäre es unsozial, „auf Kosten der Jüngeren“ alt zu werden.

    Frigga Haug gibt zu bedenken, der Standpunkt der „Care-Ökonomie“ sei „nicht der einer befreiten Gesellschaft, in der alle nach ihren Fähigkeiten füreinander tätig sind, sondern der Standpunkt einer innerkapitalistischen Reformpolitik“.

    Kritisch setzt sie sich mit dem „Care“-Begriff auseinander, ihres Erachtens „ein Schmelztiegel ganz unterschiedlicher Bedeutungen.“ Sie schlägt vor, lieber vom „Füreinandersorgen“ zu sprechen und für die „sozialen Garantien des Lebens“ und eine andere Zeitverteilung zu streiten.

    Winker plädiert für eine gesellschaftliche Mobilsierung von unten. Es brauche Räume, um Erfahrungen zu reflektieren, um zu verstehen, dass Nöte und Wünsche keine individuellen Angelegenheiten, „sondern auf strukturelle, veränderbare Bedingungen zurückzuführen sind.“ Bezugnehmend auf Haugs „Vier-in-Einem-Perspektive“ fordert sie Muße und Zeit für das ganze Leben, so auch für zivilgesellschaftliches Engagement. Es brauche eine von allen geführte Debatte in neuen partizipativ-demokratischen Formen, um über die Ziele und Prinzipien einer Wirtschaftsweise zu verhandeln, die sich nicht länger am Profit, sondern an der Verwirklichung menschlicher Lebensinteressen und an grundlegenden Bedürfnissen orientiert. Welche das sind, darüber wäre zu streiten: Subsistenz, Schutz, Zuwendung, Verständnis im Sinne von Verstehen, Partizipation, Muße, Kreativität, Identität, Freiheit…?“

  • Ute Plass sagt:

    @Ina – „Dokument der Verzweiflung“ – wer ist da alles verzweifelt?
    Mein Eindruck ist, dass die Redakteurin Nina Streek in eurem E-Mail- Austausch eine Art von Gesprächsangebot gemacht hat, als sie sagte: „Ich würde mich als Wissenschaftsjournalistin auch durchaus gerne mal mit (den verschiedenen Strömungen im) Feminismus befassen“.

    Sie sagt weiter: „.. das Thema ist bei uns vollkommen chancenlos und wird im Ressort sofort abgeschmettert.“

    Wäre es nicht einen Versuch wert, direkt die Ressortleitung
    der NZZ darauf hinzuweisen, welche Themen Du (sowie Frauen und Männer, die das mit unterschreiben)vermisst und eine Antwort erwartest, wieso dem so ist?

  • Ute Plass sagt:

    Hallo Karina Starosczyk,
    sehr unterstützenswert, was du an einen Prof. Strasser(wer ist das?) schreibst. 🙂

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