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Nach der Demo ist vor der Demo

Von Katrin Wagner

Unter dem Motto „still loving feminism“ rief ein breites Bündnis aus über siebzig Unterzeichner_innen zur Repolitisierung des Internationalen Frauentags auf. Katrin Wagner hat die Demo am 8. März in Berlin mit organisiert.

Foto: ubiquit23/Flickr.com cc by-nc

Tausende Frauen und Männer nahmen am 8. März in Berlin an der Demo zum Frauenkampftag teil. Foto: ubiquit23/Flickr.com cc by-nc

Initiativen, Vereine, Parteien und Einzelpersonen wollten bundesweit zur Demo am 8.März in Berlin mobilisieren. Im Demoaufrauf wurde versucht, der Breite des Bündnisses gerecht zu werden und möglichst viele Interessen und Anliegen feministischer Bewegungen und Kämpfe mit einzubeziehen. Ich schreibe diesen Bericht aus der Position einer der Organisator_innen, allerdings nicht stellvertretend für das Bündnis.

Die bewusst kapitalismuskritische Demo vom Berliner Gesundbrunnen bis zum Rosa-Luxemburg-Platz wurde von vielen Kundgebungen zu verschiedenen Themen, der Umbenennung einiger Straßen nach beeindruckenden Frauen (darunter Audre Lorde, Gayatri Chakravorty Spivak, Gertrud Bäumer) durchzogen. Die Abschlusskundgebung wurde durch Konzerte von der Rapperin Sookee, der orientalischen Gruppe Lillith, dem Punkrockduo Doctorella und einem A-Capella-Chor aufgelockert.

Bei der Anmeldung der Demonstration bei der Polizei wusste diese die zu erwartende Zahl Demonstrierender nicht ein zu schätzen. Auch die Presse ließ dem Frauen*kampftag 2014 zunächst wenig bis keine Aufmerksamkeit zukommen. Am Tag der Demo war klar: Sie haben uns krass unterschätzt.

Als ich am 14.Dezember 2013 zum ersten Bündnistreffen ging, war ich mir noch nicht sicher, ob das wirklich ein Projekt seien könnte, in dem ich mich voll einbringen würde. Mein erster Eindruck war tatsächlich, dass es da bereits eine eingeschworene kleine Gruppe gab, und meine Befürchtung war, dass alle weiteren Beteiligten nicht wirklich mitreden können. Diese Befürchtung äußerte ich, und mit wurde versichert, dass alle, die sich einbringen wollen auch die Chance dazu hätten.

Ich mochte den Versuch, ein möglichst breites Bündnis zu bilden, die motivierte Grundstimmung, und auch den ersten Bündnisaufruf fand ich in den meisten Teilen okay, also habe ich die Leute beim Wort genommen und bin voll eingestiegen. Seit dem zweiten Bündnistreffen, war mein Leben nur noch Demoorga, und ich merkte, dass es sehr ambitioniert war, eine Großdemo in 85 Tagen zu organisieren.

Tausende Frauen und Männer nahmen am 8. März in Berlin an der Demo zum Frauenkampftag teil. Foto: ubiquit23/Flickr.com cc by-nc.

Foto: ubiquit23/Flickr.com cc by-nc.

Nach vielen Tagen ohne Schlaf, Tagen an denen ich bis zu dreißig Mails nur zum Frauen*kampftag in meinem Postfach hatte und geschätzten vierhundert neuen Namen, von denen ich mir vielleicht fünfzehn merken konnte, war das Gefühl am 8. März dann umso überwältigender. Bei bestem Wetter füllte sich der Startplatz am Gesundbrunnen stetig. Als wir losgingen war klar, dass wir die angemeldete Zahl von 3000 Demonstrierenden überschritten hatten.

Und es waren viele unterschiedliche Gruppen und Anliegen bei der Demo vertreten. International und geschlechtlich gemischt. Etwas geschluckt hatte ich, als ich die Prostitutionsgegner_innen sah, da ich persönlich und (meines Wissens nach) wir als Bündnis die Forderung nach einem deckenden Prostitutionsverbot nicht teilen. Außerdem waren auch Sexarbeiter_innen auf der Demo, und ich hoffte, dass es uns gelingen würde, ein friedliches Nebeneinander für diesen Tag zu schaffen. Diversen Berichten und einem Artikel der Emma musste ich im Nachhinein entnehmen, dass dies wohl leider nicht geklappt hat. Ich möchte die Vorkommnisse dort weder befürworten noch verurteilen, da ich selbst nicht anwesend war und ich es wohl nur annähernd erahnen kann, wie emotional aufgeladen dieses Aufeinandertreffen gewesen sein muss. Ich bedauere, dass unsere Ordner_innen nicht früh genug zur Stelle waren. Aufgrund der vielen Teilnehmer_innen war das Zahlenverhältnis zwischen Ordner_innen, Awareness und Demonstrierenden leider nicht mehr wie geplant.

Als ich gezielt Kritik an der Demo im Internet suchte, bin ich außerdem auf einzelne Beiträge gestoßen, die sich über den ihrer Meinung nach hohen Männeranteil auf der Demo beschwerten, und einige beklagten starkes Mackertum. Über solidarische und feministische Männer freue ich mich ja generell eher, ich teile allerdings den Anspruch, dass diese sich dann auch dementsprechend verhalten. Auch fragwürdige Plakate habe ich erst auf Pressefotos gesehen und für mich den Schluss gezogen, dass bei einer möglichen Demo im nächsten Jahr eine eindeutigere Politik bezüglich Verhalten und Plakaten deutlich kommuniziert werden sollte.

Trotz dieser Kritikpunkte möchte ich unsere Demo dennoch als großen Erfolg verbuchen. Die vielen Berichte bezüglich der guten Stimmung, der auffaltend großen Pluralität, und der Moment, an dem ich mich vom Frontranspi aus umdrehte und einen nicht enden wollenden Zug aus Menschen die Brunnenstraße runter laufen sah, machen mich glücklich. In diesem Moment waren es zwischen 4000-5000 Menschen, die Feminismus wichtig finden, zusammen gekommen sind und nicht zu übersehen waren. Dieser Moment war überwältigend, und in diesem Moment fiel es mir leicht zu glauben, dass wir es auch schaffen, irgendwann diese Strukturen zu überwältigen, gegen die wir auf die Straße gehen. Für diesen Moment möchte ich allen Beteiligten danken, denn ich glaube, den habe ich echt gebraucht.

Zur Pluralität

Auf der Demo waren Bündnispartnerinnen mit ihren Gruppen und Vereinen und Parteien, aber auch autonom organisierte Blöcke. Die autonomen Blöcke nahm ich allerdings weniger als getrennte Blöcke wahr, und das freut mich sehr, denn es scheint mir ein guter Kompromiss aus Kritik am Bündnis und gleichzeitiger Solidarisierung mit der Sache gewesen zu sein.

Komplizierter wird es hier für mich bei den Parteien. Ich bin selbst in keiner Partei Mitglied, das hat Gründe. Während der Bündnisorga fiel die starke Dominanz der Jungendgruppen der Partei die Linke zwar auf, doch lag die unter anderem auch daran, dass sie einen Großteil der Finanzen, Strukturen und Helfer_innen stellten. Meiner Einschätzung nach wäre die Demo so wie sie war ohne diese Gruppen nicht möglich gewesen. Dabei möchte ich die Leistungen von anderen Verbänden und Gruppen nicht schmälern, es hätte alleine allerdings nicht ausgereicht.

Es gab einen eindeutigen Bündnisbeschluss, der Parteifahnen und Männer im vorderen Teil der Demo verhindern sollte, und auch von bündnisinternen Blöcken sollte eigentlich abgesehen werden. Das umzusetzen hat wohl eher weniger geklappt, zumindest habe ich das aus den Berichten so entnommen. Auch über unsere Redebeträge wollten wir die Dominanz der großen Organisationen, Parteien und Gewerkschaften etwas senken, das Bewusstsein für diese Problematik war also vorhanden.

Für mich stellen sich nun eigene Fragen. Zum einen frage ich mich, ob es möglich ist, Finanzen, Strukturen und WoManpower von großen Parteien und Organisation zu nutzen, ohne diese eine Demo und die Organisation dominieren zu lassen. Als jemand, die selbst sehr viel mitgearbeitet hat, kann ich den Wunsch durchaus nachvollziehen, dann auch Inhalte und Bild der Demo mitzuprägen. Das ist zwar weniger großmütig und idealistisch als ich selbst gern wäre, aber vielleicht ist es menschlich. Darüber werde ich noch etwas nachdenken müssen.

Die zweite und von der ersten nicht ganz getrennte Frage ist: Quo vadis Bündnis Frauen*kampftag? Wie geht’s weiter? Wir haben gezeigt, dass unsere Themen und feministische Forderungen genug Menschen ansprechen, um auf die Straße zu gehen. Ich halte es für nicht unrealistisch, dass wir mit mehr Zeit für Organisation und Mobilisierung im nächsten Jahr fünfstellig werden könnten. Gerade die Parteien aus dem Bündnis, die sich dieses Mal eher zurückgehalten haben, und größere Organisationen, die dieses Jahr noch nicht dabei waren, könnten nach diesem Erfolg mehr Mittel beitragen und werden dann wohl auch mehr Mitspracherecht anmelden. Außerdem haben wir jetzt beim ersten Mal nicht viel über Inhalte debattiert; es wurde allerdings bereits Bedarf nach inhaltlichen Auseinandersetzungen verlautet. Ich sehe also die größte aller Herausforderungen noch vor uns.

Ich hoffe allerdings, dass dieser erfolgreiche 8. März 2014 uns bei diesen Aufgaben hilft. Immerhin haben wir für diesen Tag zusammenarbeiten können, viele (wenn auch nicht alle) der in Deutschland sonst üblichen Gräben im Feminismus überbrückt und so zum Beispiel eine große Altersspanne abgedeckt. Wir haben in diesem Bündis ein Forum für Kommunikation trotz hohem Reibungspotential, und das würde ich fast als den eigentlichen Erfolg bezeichnen.

Ich werde jetzt ganz oft an dieses Bild von der mit Feminist_innen gefüllten Brunnenstraße denken, und dann kann ich auch wieder glauben, dass es eine Chance gibt, auch diese Herausforderungen zu überwältigen.

Autorin: Katrin Wagner
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 20.03.2014
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Liebe Kathrin, vielen Dank für dein Engagement und diesen Bericht. Ja: Erfolg, Dankbarkeit, Zweifel, Mut und noch viel mehr haben alle in einer Frau und in einer Demo Platz. Das ist schön. Viel Energie für eine fehler- und differenzfreundliche Demo 2015!

  • Ute Plass sagt:

    „Außerdem haben wir jetzt beim ersten Mal nicht viel über Inhalte debattiert; es wurde allerdings bereits Bedarf nach inhaltlichen Auseinandersetzungen verlautet. Ich sehe also die größte aller Herausforderungen noch vor uns.“

    Ja, liebe Kathrin, sehe ich auch so.

    Doch zeigt die Teilnahme all der Menschen an diesem ‚Frauenkampftag‘, dass, trotz der Verschiedenheit von Ideen und Anliegen, sie wohl die Vision des guten Lebens für alle zusammen bringt.
    Und so hoffe und wünsche ich allen Beteiligten, sich weiter
    in diesem hochnotwendigen, spannenden wie spannungsreichen Prozess mit zu bewegen, weil sich dadurch echt was bewegen
    kann.:-)

  • Meine Güte Ute, jetzt haben wir beide Katrin mit h geschrieben. Dabei heisst sie ausdrücklich „Katrin-ohne-h“.

  • Ute Plass sagt:

    Danke,Ina, für den Hinweis und pardon, liebe Katrin.

  • Katrin sagt:

    ja- das mit ohne-h ist mir auch wichtig. vielen dank. aber auch für die eigentlichen beiträge 🙂

  • gabi Bock sagt:

    liebe Katrin,
    das hast du gut gemacht und gut beschrieben…dieser 8. Mai hat eine lange Geschichte..in der Friedrich-Ebert-Stiftung – Bonn gab es letztes Jahr zu diesem Thema eine Ausstellung…1913 war die Forderung „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“….der Fortschritt ist eine Schnecke, deshalb nochmals Dank für Deine enorme Arbeit…Gabi Bock, Bonn

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