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Rubrik Blitzlicht, erinnern, erzählen, lesen

„Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ – Eine Lektüre-Empfehlung

Von Jutta Pivecka

Literatur-Swetlana-Alexijewitsch-haelt-ihre-Dankesrede

„Das ist Krieg.“, behauptete am Samstag der Anführer der „Anti-Terror-Einheit“, die im Auftrag der ukrainischen Regierung die Aufstände im Osten des Landes niederschlagen soll. Wo bewaffnete sogenannte „pro-russische Milizen“ die Macht übernommen haben und Straßensperren errichten, müssen die um Leib und Leben fürchten, die sich für die Einheit der Ukraine aussprechen. Wer Argumente austauschen will, statt sich mit Waffengewalt Gehör zu verschaffen, hat derzeit keine Chance, so scheint es. Nationalistische ukrainische Fußball-Hooligans warfen am Freitagabend Molotow-Cocktails auf ein Gebäude in Odessa; Dutzende Menschen kamen in den Flammen ums Leben. Vertreter_innen des „Westens“ und Russlands bezichtigen sich gegenseitig, für die Gewalttaten in der Ukraine mitverantwortlich zu sein. Heute titelt die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, den Nato-Generalsekretär Rasmussen zitierend: „Der Westen muss sich rüsten.“

Die Nachrichtenlage ist unübersichtlich; Meinungsmache dominiert. Alte Ängste und Ressentiments werden geweckt. Wer die Situation anheizen und den Hass der Menschen entfachen will, braucht scheinbar nur in die Geschichtskiste zu greifen: die Hungersnot in der Ukraine Anfang der 30er, die Stalin als politisches Mittel einsetzte, um die „Kollektivierung“ durchzusetzen, die Lager und Deportationen ganzer Bevölkerungsgruppen, der faschistische Terror nach der Besatzung durch deutsche Truppen, der „große vaterländische Krieg“ und die Heldenmythen um den Sieg – das sind Erfahrungen, die sich tief und widersprüchlich ins kollektive Gedächtnis derer gegraben haben, die in der Ukraine leben. Und die Deutungen und Reaktionen auf diese schmerzlichen Erfahrungen des Hungers, der Besatzung, der Vergewaltigungen, die Erinnerung an die Leichen auf den Äckern, an den Sieg über die Faschisten, an das Alltagleben in der Sowjetunion, an den Umbruch Anfang der 90er Jahre und den Aufstieg der kriminellen Oligarchen sind widersprüchlich, Hass erfüllt, traurig, stolz, wütend, verängstigt.

Stimmen, die nicht korrumpiert sind durch eigene Machtinteressen (und die dazu gehörige partielle Geschichtsvergessenheit), Stimmen, die um Verständigung und Vermittlung werben, Stimmen, die den Preis eines Krieges (dessen Namen schon wieder von viel zu vielen „heldenhaften“ männlichen Wortführern in den Mund genommen wird) ohne jede Verharmlosung benennen, solche Stimmen sind in dieser Lage ebenso rar wie notwendig. Stimmen wie diejenige von Swetlana Alexijewitsch, die im vergangenen Jahr den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhalten hat. Sie erinnert in einem Interview mit der Deutschen Welle daran, was die meisten, die allermeisten Menschen – auch in der Ukraine, auch jetzt – , wollen, nämlich: „Sie wollen leben, sie wollen das Leben genießen.“

Swetlana Alexijewetisch schreibt Bücher, in denen sie den Erfahrungen und den Erinnerungen jener Menschen Gehör verleiht, über deren Leben „die Geschichte“, von der wir in Schule lernen, hinweggeht, die sie ausspuckt als Sieger_innen oder Verlierer_innen, für deren Leben aber, für deren Lebensglück und – leid, sich die Geschichtsschreibung nicht interessiert. Sie spricht mit jenen Menschen, die gern als „einfach“ bezeichnet werden und zeichnet deren Erzählungen auf. Daraus entstehen Bücher, die keine Antworten liefern, die aber genau jenes Verständnis und jene Verständigungsfähigkeit befördern, die gerade jetzt gebraucht wird in der Ukraine und anderswo. Was in diesen Büchern festgehalten ist, müssen „wir“ (damit meine ich an dieser Stelle „im Westen“ aufgewachsene Menschen) wissen, bevor wir uns eine Meinung bilden zu den aktuellen Vorgängen, bevor wir urteilen über die aktuellen Akteure und Akteurinnen.

Ich habe zwei ihrer Bücher gelesen: SECONDHAND-ZEIT. Leben auf den Trümmern des Sozialismus von 2013 (eine ausführlichere Rezension dazu findet sich auf meinem Blog: „Die Wirklichkeit aber ist zersplittert, schmutzig und lila.“) und  in der vergangenen Woche, parallel zur Zuspitzung der Ereignisse in der Ukraine: „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“

Gerade dieses Buch, das bereits 1985 erschienen ist, möchte ich den Leserinnen von beziehungsweise weiterdenken in diesen Tagen ans Herz legen. Alexjewitsch spricht in diesem Buch mit den Veteraninnen des „großen vaterländischen Krieges“, darunter auch Ukrainerinnen und mit vielen, die während ihrer Einsätze in der Ukraine waren. Ihr Ausgangspunkt auch hier ist: „Stimmt, ich liebe keine großen Ideen, ich liebe den kleinen Menschen. Und außerdem liebe ich das Leben…“ Im Vorwort berichtet Alexijewitsch von den Ängsten der Männer, die ihre Recherche für dieses Buch begleiteten: „Die Frauen könnten ´einen falschen Krieg´ erzählen.“ Und sie stellt fest: „Wenn die Frauen erzählen, finden wir nie oder fast nie, was wir sonst ohne Ende hören oder schon nicht mehr hören, sondern überhören: Wie die einen heroisch die anderen töteten und siegten. Oder unterlagen. Nichts über die Technik oder die Generäle. Die Erzählungen der Frauen sind anders, sie erzählen anders.“ Diese ´falschen´ Erzählungen über den Krieg, den Erzählungen der Frauen, die schon einmal in der Ukraine und anderswo kämpften und litten, müssen wir jetzt zuhören, damit unsere Gegenwart nicht wird, was einige schon wieder aus ihr zu machen versuchen: eine Vorkriegszeit.

Swetlana Alexijewitsch: Der Krieg hat kein weibliches Gesicht, 1985  € 21,90 oder als E-Book: Hier, € 16,99

  Links: FrauenKirchenManifest 2001 Ina Praetorius: Über den wirklichen Reichtum

Autorin: Jutta Pivecka
Redakteurin: Jutta Pivecka
Eingestellt am: 04.05.2014
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Liebe Jutta Pivecka, danke für diesen Artikel! Eigentlich reichen die Worte nicht aus, aber ich bin froh, dass es immer noch Menschen gibt, die sich um mehr Klarheit bemühen und Krieg vermeiden möchten. Es ist immer Wahnsinn, dass Gräben gegraben werden, wo keine nötig wären und wo es auch andere Mittel als die „Waffengewalt“ geben würde.
    Wie viele Leben das wieder kosten würde, sowohl psychisch als auch physisch. Und alle reden fröhlich daher wie sie wollen, ohne wirklich nachzudenken.
    Ich bin da dankbar für jede kritische Stimme!
    Den Satz hier finde ich besonders wichtig:
    „Was in diesen Büchern festgehalten ist, müssen „wir“ (damit meine ich an dieser Stelle „im Westen“ aufgewachsene Menschen) wissen, bevor wir uns eine Meinung bilden zu den aktuellen Vorgängen, bevor wir urteilen über die aktuellen Akteure und Akteurinnen“.
    Danke!

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