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Ein Alphabet mütterlichen Handelns

Von Silke Kirch

Was macht eigentlich mütterliches Handeln aus? Silke Kirch hat ihre Überlegungen dazu in die Form eines Alphabets gebracht.

Foto/Collage: wortmeer/Flickr.com cc by-nc-sa

Foto/Collage: wortmeer/Flickr.com cc by-nc-sa

Anfangen, ankommen, aufnehmen, annehmen: Ein Lager bereiten, eine Basis zur Verfügung stellen, ihre Koordinaten nicht ändern – Mütterlichkeit ist eine Haltung, die wir anderen gegenüber an den Tag legen können, aber auch in Bezug auf uns selbst – ganz gleich, ob wir Mann oder Frau sind. Sie ist ein Teil von Sorge, Vorsorge, Fürsorge, Selbstfürsorge.

Baustellen und Buchten: Entwicklungsprozesse sind Dauerbaustellen. Mütterlich Handelnde haben alle Baustellen im Blick. Die meisten Baustellen sind Wanderbaustellen und müssen immer wieder neu beschildert werden. Dieser dauerhafte Einsatz erfordert sorgfältige Planung. Buchten zum Verweilen und Ausruhen sind hierfür unerlässlich. Buchten sind meist still und zeichnen sich dadurch aus, dass sie den Horizont eindeutig erkennbar werden lassen. Dieser Weitblick ist unabdingbar für das Baustellenmanagement. Ob es unsere eignen Baustellen sind oder die anderer.

Chaos, Chaosresistenz: Die mütterliche Haltung weiß um die Notwendigkeit von Chaos als Symptom von Gärungsprozessen, die eine Weiterentwicklung unausweichlich begleiten. Die Entwicklung von Chaosresistenzen ist eine Überlebensstrategie. Die Eindämmung von Chaos eine weitere, denn ein Ausufern der chaotischen Lebensprozesse ist ungesund und der Weiterentwicklung nicht dienlich.

Dauer. Durchhalten. Durststrecken. Mütterlichkeit sorgt für Dauer und Gleichmaß, für eine verlässliche Umwelt – von der Muttermilch bis zur Kakaotasse, von der Windel bis zur Sporthose. Herkömmliche Mütter und Mutternde brauchen hierfür neben der Ausdauer einer Marathonläuferin die Talente einer Zehnkämpferin, die in der Lage ist, mehrere Disziplinen gleichzeitig auszuführen. Ein gutes Training, Planung, eine realistische Selbsteinschätzung sowie die kluge Einteilung der eigenen Ressourcen sind hierfür unerlässlich – aufmerksame Kooperation bei der Vorbereitung ist hilfreich,  Anfeuerungsrufe helfen Durststrecken zu überwinden. Mütterlichkeit braucht Teamwork.

Einparken. Episoden. Empathie. Allen Unkenrufen zum Trotz sind aktive Frauenmütter die besten Einparkerinnen der Welt. Nach nur wenigen Monaten Großstadtleben können sie jedes Auto in jede Parklücke einparken – trotz quengelnder Kinder und keksverschmierter Rückspiegel – und zwar so, dass der Kofferraum immer noch be- und entladen werden kann. Will sagen: Punktlandungen im Alltag schütteln sie serienmäßig aus den Ärmeln. Auch wenn sie gelegentlich Fehler machen.

Finden. Frei lassen. Mutternde dürfen alles vergessen. Sie finden alles immer wieder. Sie sind das Familiengoogle (Wo ist meine Zahnspange? Meine Monatskarte? Hast Du Rasierschaum gekauft?). Sie finden ihre Kinder immer wieder. Auch wenn sie weit weg waren. Auch wenn sie lange geschwiegen haben. Mutternde vergessen ihre Kinder nie? Doch, sie beherrschen das Vergessen meisterlich. Denn nur, wer vergisst, kann dem anderen unbefangen gegenübertreten, ihn frei sein lassen und sich freuen, ihn wiedergefunden zu haben.  Wieder und wieder.

Grüßen. Früher haben Mütter ihre Kinder gesegnet, wenn sie das Haus verließen. Die Freude, ein heimkehrendes Kind begrüßen zu dürfen, ist ein Geschenk des Himmels. Im Grüßen ist das Wunder des Lebens bewahrt. Das Staunen darüber, dass wir hier sind.

Handeln. Hingabe. Mütter handeln aktiv. Nichts ist absurder als die historisch überlieferte, in manchen Glanzbildchen weiterlebende Gleichsetzung von Mutterschaft und passiver Hingabe. Auch Hingabe ist eine aktive Handlung, die wie jede Handlung einen Anfang und ein Ende hat.

Irritieren: Mutternde haben besondere Aufgaben und besondere Rechte. Ihr gutes Recht ist es, andere zu irritieren. Sie dürfen – je größer der zu bemutternde Mensch, desto mehr – bemerkbar machen, dass mütterliches Handeln keine unendliche Ressource ist, dass die scheinbaren Selbstverständlichkeiten der Bemutterung ein Aspekt einer Beziehung zwischen zwei (!) Menschen sind. Die Beziehung ist unkündbar, aber nicht unwandelbar. Das bringt immer wieder Irritationen hervor, zuweilen auch Ärger und Anschuldigungen. Mütterliches Handeln ist nicht einklagbar, es ist eine Gabe, die nur dann gut sein kann, wenn sie im Rahmen der individuellen Möglichkeiten bleibt.

Ja. Geht allem Anfang voran. Es ist niemals eine Folge und niemals folgsam.

Küssen, Kuscheln,  Kabbeln. Körperkontakt ist die Initialzündung von Mutterschaft. Körperkontakt sorgt für die frühe Bindung, das intuitive Zusammenspiel. Glücklichen Kindern steht ein ganzes Set von Anbindungen an diese frühe Phase zur Verfügung, sowie die Möglichkeit, diese angstfreie zu aktivieren. Küssen, Kuscheln und Kabbeln gehören dazu – aber auch andere Kulturtechniken, wie liebevolle Massagen. Letztere bewähren sich zeitlebens, sie helfen, die Verbindung aufrecht zu erhalten.

Lachen, Lichten, Lüften, Lungern, Lästern – Salutogenese kennt verschiedene Gangarten. Mütterlichkeit sorgt für den Erwerb verschiedenster Techniken mit unterschiedlichen Ingredienzen geistiger, seelischer und körperlicher Natur. Sie sind sämtlich Spielarten der Liebe.

Machen, Moral, Malheur – Mutternde mit einem oder mehreren Kinder müssen permanent moralische Entscheidungen treffen. Darf das Kind dieses, jenes? Was sind die Konsequenzen auf absehbare oder langfristige Sicht? Wie verhalten sie sich richtig? Mutternde Menschen stehen ständig in der Verantwortung und unter einem enormen sozialen Druck. Gleichzeitig werden sie von der sozialen Gemeinschaft mit ihrer Aufgabe sehr allein gelassen. Diese hat noch lange nicht erkannt, dass nicht ein Mensch allein ein Kind oder eine Vielzahl von ihnen großziehen kann. Das ist ein Malheur. Denn viele Mutternde, meist Frauen, macht das faktisch krank.

Nachdenken, Neigen, Nein – Mütter brauchen Zeit zum Nachdenken. Sie müssen sie sich erobern. Sie gebären nicht nur Kinder, sie lassen sie in ihrer Vorstellungswelt immer wieder neu lebendig entstehen. Das ist eine Leistung. Indem sie das tun, entwickelt sich die Beziehung zu ihren Kindern weiter. Ein Zwischenraum entsteht, in dem das Kind neu zu sich finden kann. Es lernt, sich selbst zu erkennen und anerkennt die Tatsache, dass die Mutter nicht immer verfügbar ist. Sie lebt in ihrer eigenen Gedankenwelt. In diesem Zwischenraum wird die Verbindung über Zuneigung hergestellt und die Grenze von einem Nein bestimmt. Dann gibt es Ich und Du und Sicherheit. Das brauchen wir. Ein Leben lang.

Oma und Opa sind immer Originale, denen alle Familiengeheimnisse rund um das Muttern ins Gesicht geschrieben stehen. Die Enkel können sie besser lesen als die Zwischengeneration.

Papa – Papa ist der Mensch an Mamas Seite oder aber ein unabhängiger Vater, vielleicht aber auch derjenige, der die meiste Zeit muttert. Für mütterlich Handelnde ist der andere Elternteil immer auch  Teil der eigenen Gedanken- und Gefühlswelt. So ist der Andere für das Kind stets präsent, auch wenn er gerade oder längerfristig nicht da ist. Diese Fähigkeit ist von immenser Bedeutung für die sozialen Kompetenzen des Kindes. Und für unsere Gesundheit im Erwachsenenalltag.

Quetschen, Quasseln, Quark – Wenn es zu bunt wird, darf abgeschaltet werden.

Realität, Regulation, Rabenmütter: Rabenmütter sind aus Sicht mancher all diejenigen Mütter, die einem überzogenen Ideal von Mütterlichkeit nicht entsprechen oder gesundend erkannt haben, dass sie den an sie herangetragenen, teils sehr widersprüchlichen Idealen niemals werden entsprechen können. Sie muten ihrer Umwelt die Erkenntnis zu, dass Mütterlichkeit keine Himmelsgabe ist, sondern das Resultat von konsequenter Haltung und Arbeit. Damit stärken sie auf lange Sicht die gesunden Selbstregulationsprozesse: Ihre eigenen wie auch die der sozialen Gemeinschaft, in der sie leben. Sie sind mütterlich nicht nur anderen sondern auch sich selbst gegenüber und sorgen so für Ausgleich und Herausforderungen, die Wachstum erzeugen.

Schleichwege, Selbstfürsorge, Schachmatt – Phasenweise sind Schleichwege die einzige Möglichkeit, die eigenen Bedürfnisse unter den Familienhut zu bekommen. Das zentrale Problem ist, den eigenen Moralapostel schachmatt zu setzen. Wir müssen uns nicht davonschleichen, um einen Vormittag im Schwimmbad zu verbringen, während die Wohnung im Chaos versinkt. Wir dürfen uns Zeit nehmen. Nur dann können wir auch wieder für andere da sein. Die persönlichen, nährenden Beziehungen dürfen nicht abseits des Lebensweges liegen. Schleichwege können ein Alarmzeichen sein. Auf Schleichwegen kann man verloren gehen, ohne wiedergefunden zu werden.

Todesnähe, Trost – Frauen, die Kinder geboren haben, kennen Todesnähe. Sie wissen nicht nur, dass sie selbst wie auch ihre Kinder und Liebsten sterben können und werden, sie haben es erfahren. Der Tod hat für sie physische Evidenz. Das ist das Geheimnis der Geburt. Männer erleben diese physische Evidenz vielleicht seltener oder können ihr leichter ausweichen. Die Quelle des Trostes ist das Verständnis für den Schmerz der Begrenztheit. Das gemeinsame Verständnis ist ein wechselseitiger Trost, der die Grenzen zu transzendieren vermag.

Umwege – Umwege sind wichtig. Wenn Kinder das Erzählen lernen, machen sie viele Umwege und wir wissen dann gar nicht so genau, worauf es hinaus soll. Zu den ersten erzählerischen Kurzformen gehören Witze. Wenn die Pointe fehlt, ist das Kind auf einem Umweg steckengeblieben. Es hat über etwas Anderes nachgedacht. Das ist wichtig. Ins Ungefähre abschweifen, Stottern und Stammeln, bringt Wahrheiten ans Licht, die uns beleben.

Verlieren, Verbinden – Manche Dinge gehen verloren. Manche von den verloren gegangenen Dingen lassen sich wiederfinden. Manches bleibt verschollen. Wichtig ist, die Verluste zu erkennen. Schlimm sind Lücken, in die sich der Nebel des Schweigens gesenkt hat. Bindungen, Gefühle, Sprache – alles kann verschwinden. Kinder sind zuweilen die besten Wortfinder, wenn es um Grenzerfahrungen geht. Sie haben selten Angst über eine Sache zu sprechen. Sie sind verständnisvoll. Sie haben Angst vor unserem Schweigen. Sich mit ihnen zu verbinden, ist heilsam.

Warten, Weinen, Wut – Vieles muss einfach abgewartet werden, damit dann, im richtigen Moment, wohlüberlegt, besonnen – mütterlich – gehandelt werden kann. Manchmal hilft alles Warten nichts und der zarte Faden zwischen unserer Vorstellungswelt und der Wirklichkeit zerreißt. Kein Stein scheint auf dem anderen zu bleiben und alle Hoffnungen und Wünsche stürzen zusammen. Wir hätten nichts anders machen können. Wir sind wütend. Das Weinen spült die Trümmer frei und zeigt den neuen Anfang. Der ist immer da, wo man gerade steht.

XY Zaudern, zweifeln, zagen –  Auch die besten Mutternden haben immer wieder Phasen, in denen sie davon überzeugt sind, alles falsch zu machen. Zaudernde, zweifelnde, zagende Mütter brauchen – wie alle Verzagten – Zuwendung, Zuneigung, Zuspruch. Eine neue Zugrichtung ergibt sich dann von alleine.

Autorin: Silke Kirch
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 03.05.2014

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Juliane Brumberg sagt:

    Ja, genauso fühlt sich Mutter-Sein an. Danke für diesen literarischen und zugleich so pragmatischen Text!

  • Herzlichen Dank für diesen Artikel. ‚Er‘ fühlt sich an wie eine Selbstreflexion meines Ich’s. Danke.

  • Hanna Manser sagt:

    Ich war neugierig auf den Artikel und nun bin ich enttäuscht. Hier geht es wieder nur um Kleinkinder-Stress-Gefahren-Mütter-Tausend-Ohren-Arme, Das hatten wir doch schon mal: Mutter kann alles, jetzt sogar noch sich um sich selbst kümmern…
    Und ich hatte gehofft es gibt was zu lesen auch für symbolische Mutter – hatten uns da die Italienerinnen nicht was beigebracht…

  • Leah Binder sagt:

    Leah Binder sagt:
    Ja so und noch manch andere Fasetten gehören zu uns Mütter.
    Jedenfalls ist dieses Abendteuer für mich das großte Geschenk in meinem Leben so lange ich Lebe.
    Und es geht vielleicht sogar noch als Großmutter weiter.
    Danke für diesen so wirklichen Artikel.

  • Franz Limacher (Grossvater) sagt:

    Ein ganz toller Text. Total positiv. Ein Aufsteller.
    Herzlichen Dank.

  • Liebe Silke, deine Sprachmacht ist beeindruckend, danke! …und jetzt könnten wir Hannas Enttäuschung aufnehmen und darüber reden, was diese komplexe, erfahrungsgesättigte Sicht vom Muttersein für die Frage der symbolischen Mütter/Töchter bedeutet.

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Ich möchte in Hannas und Inas Tonlage einstimmen und laut singen; sonst müsst ich schreien…

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