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Queere Lesarten der Hebräischen Bibel

Von Karin Hügel

Nicht nur innerhalb des Buchs Genesis gibt es zwei Schöpfungsberichte mit unterschiedlichen Darstellungen der Erschaffung der Menschheit, sondern innerhalb der gesamten Hebräischen Bibel finden sich Texte verschiedener Gattungen mit mannigfaltigen Aussagen zum Thema „Sexualität“. Karin Hügel macht auf die Vielstimmigkeit in der Hebräischen Bibel aufmerksam und zeigt queere Lesarten auf.

Es ist aufschlussreich, zusätzlich weitere Bibeltexte, wie das erste Kapitel des Buchs Ruth, Kohelet 4,9-12 oder das Hohelied, mit Teilen der Schöpfungsberichte zu vergleichen. Aus heutiger Sicht erscheinen sie wie queere Gegentexte zu konservativen Auslegungen der Schöpfungsberichte.

Im Folgenden möchte ich die Thesen von zwei Aufsätzen vorstellen, in denen ich zeige, wie heterosexistische Auslegungen der biblischen Schöpfungsberichte entkräftet werden können: „Eine queere Lesart von Kohelet 4,9-12“ und „Queere Lesarten des Hohelieds“. Beide sind Teile meiner in Entstehung begriffenen Dissertation mit dem Titel „Queere Lesarten der Hebräischen Bibel“. Außerdem komme ich noch einmal auf die Beziehung von Ruth und Noomi zurück, über die ich hier im Forum schon einmal geschrieben habe.

Ruth und Noomi

Die im ersten Kapitel des Buchs Ruth beschriebe Bindung einer Frau an eine andere Frau, nämlich die Bindung Ruths an Noomi, kann als queere Gegengeschichte zu Genesis 2,18-24 aus dem zweiten Schöpfungsbericht verstanden werden, in welcher dem ersten Menschen, Adam, eine Frau geschaffen wird, damit dieser das Alleinsein überwinden kann. Auf die Fragestellung, welche Partner_Innen wir heute alle brauchen, um nicht allein zu sein und überleben zu können, legt das ersten Kapitel des Buchs Ruth ein anderes Modell als eine ausschließliche Mann-Frau Beziehung nahe, nämlich eine Frauenbeziehung zwischen Ruth und Noomi, die durch die Mithilfe eines Mann namens Boas gelingt und erweitert wird.

Ähnliche Formulierungen im Buch Ruth und im zweiten Schöpfungsbericht legen ein eheähnliches Verhältnis zwischen den beiden Frauen im Buch Ruth nahe. Im Buch Ruth verschwimmen soziokulturelle Geschlechterrollen, ja sogar sexuell definierte Rollen, indem Ruth zum Beispiel im ersten Kapitel die Rolle als Noomis Ehemann einnimmt: Auf einer symbolischen Ebene wird Ruth als Mann von Noomi dargestellt, weil Ruth ihren Vater und ihre Mutter verlässt und sich in Ruth 1,14 „fest an Noomi hängt“, wie ein Mann in Genesis 2,24 aus dem zweiten Schöpfungsbericht „seinen Vater und seine Mutter verlässt“ und seiner Frau „fest anhängt“.

Ruths bekannter Treueschwur gegenüber ihrer Schwiegermutter in Ruth 1,16f. entspringt ihrer Zuneigung zu Noomi. In ihren starken Worten der Bindung gegenüber Noomi in Ruth 1,16f. beharrt Ruth darauf, ihre Schwiegermutter nicht zu verlassen, was von heutigen queer Lesenden als eine zusätzliche Anspielung auf Genesis 2,24a aus dem zweiten Schöpfungsbericht mit einem sexuellen Rollentausch der Moabiter_in verstanden werden könnte, die sich quasi wie ein „Mann“ gegenüber der Judäer_in verhält. Dementsprechend kann Noomi als Ruths Ehefrau verstanden werden, obwohl sie als ihre Schwiegermutter die ältere Frau ist.

Da sich nirgendwo in der Bibel und in kaum einer anderen Literatur eine bewegendere Bekundung von Liebe und Treue findet, wird Ruth 1,16f. – neben Kohelet 4,11 – häufig als Hochzeitslesung oder Trauspruch in Hochzeiten heterosexueller Paare verwendet; aus heutiger Sicht würde dieser Text jedoch eher zu jüdischen oder christlichen Trauungen oder Segnungen lesbischer und schwuler Paare passen.

Kohelet, queer gelesen

Auf die Fragestellung im zweiten Schöpfungsbericht, welche Partner_innen wir brauchen, um nicht allein zu sein oder überleben zu können, legen auch die Verse Kohelet 4,9-12 andere Modelle als eine ausschließliche Mann-Frau Beziehung nahe: „Besser ist’s zu zweit als einer allein, denn sie haben guten Lohn für ihre Mühe. Fällt einer von ihnen, hilft ihm sein Gefährte auf. Doch wehe dem, der allein ist, wenn er fällt. Dann ist kein anderer da, der ihm aufhilft. Auch wenn zwei liegen, erregen (oder: wärmen) sie sich. Wie kann aber ein Einzelner sich erregen (oder: sich wärmen)? Wenn jemand auch den, der allein ist, überwältigt, zwei halten ihm gegenüber stand, und der dreifache Faden wird nicht so schnell zerrissen.“

Aus queerer Sicht kann behauptet werden, dass in Kohelet 4,11 ein sexuelles Verhältnis zwischen Männern erwähnt wird: Dass sich zwei Männer beim Liegen wärmen, kann bedeuten, dass sie sich sexuell erregen. Im Rahmen einer queeren Lesart könnten hier womöglich auch andere, unterschiedliche, queere Gefährt_innen assoziiert werden, die einander beim Liegen sexuell erregen.

Mit dem in Vers 12 erwähnten dreifachen Faden, der nicht so schnell zerrissen wird, kann Verschiedenes gedanklich verbunden werden. Nicht nur Kinder, wie im Midrasch zu Kohelet behauptet wird, festigen – eventuell auch queere – Paar­beziehungen, sondern Zuneigung und sexuelles Begehren spielen eine wesentliche Rolle. Das Vorhandensein eines positiv beschriebenen sexuellen Verhältnisses zwischen zwei Männern mag aufgrund der Verbote im Heilig­keitsgesetz männliche Homoerotik betreffend (Levitikus 18,22 und 20,13) verwundern, zeugt aber davon, dass es innerhalb der Hebräischen Bibel unterschiedliche Aussagen gibt. Aus späteren jüdischen Interpretationen, nämlich aus dem babylonischen Talmud Qidduschin (bQid 82a) und aus Parallelstellen geht hervor, dass es jüdische Gelehrte bis dahin nicht verboten hatten, wenn zwei unverheiratete Männer miteinander unter demselben Mantel schlafen.

Das Hohelied

Das Hohelied schließlich kann aus gegenwärtiger Sicht vor allem aufgrund seiner positiven, reizvollen Darstellung außerehelichen sexuellen Begehrens, nicht nur des Manns, sondern besonders der Frau, als queerer biblischer Gegentext gegenüber heutigen konservativen Ehevorstellungen angesehen werden, die mit Hilfe bestimmter Interpretationen der Schöpfungsberichte immer noch einzementiert werden.

Queer wird hier allgemein als „gegen die vorherrschende Norm“ verstanden. Während im zweiten Schöpfungsbericht in der Genesis die Frau dem Mann untergeordnet ist, zeugt das Hohelied von gegenseitigem Begehren und von einer grundsätzlichen Begeisterung für den menschlichen Eros.

Das Hohelied, in dem von der Attraktivität und der Schönheit der Liebenden die Rede ist, kann als Gegentext zu Genesis 3,16-19 aus dem zweiten Schöpfungsbericht interpretiert werden, wo die Strapazen des Gebärens und der landwirtschaftlichen Arbeit als Folge davon beschrieben werden, dass Eva und Adam von der klug machenden Frucht des Baums gegessen haben.

Meine Lesarten des Hohelied gehen über eine Interpretation des Hohelieds als einem queeren Gegentext zum zweiten Schöpfungsbericht und dessen konservativen Interpretationen noch hinaus. Im Gegensatz zur meist androzentrischen Sichtweise anderer Texte der Hebräischen Bibel wird im Hohelied weibliches Begehren aus der Sicht der Frau formuliert, und zwar öfter als der Mann seine sexuellen Leidenschaften nach der Frau besingt.

Paradoxerweise wird weibliche Erotik im Hohelied gefeiert, aber auch kontrolliert, wobei Letzteres nie gänzlich gelingt. Die prägnante Selbstbehauptung der Frau in Hohelied 1,5: „Schwarz bin ich, aber schön“, wurde ein häufig angeführter der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung. „Black is beautiful“ ist ihr Slogan. Dieser Text des Hohelieds ermöglicht eine queere, antirassistische Auslegung.

Im Hohelied begegnen wir einer anderen Sprache der Erotik. Queer Lesende mag das Hohelied wegen seiner Weltlichkeit besonders ansprechen. Diese nicht religiöse Liedersammlung kann mit ihren sexuellen Anspielungen und metaphorischen, häufig mehrdeutigen Beschreibungen sexueller Handlungen in der ansonsten religiösen Textsammlung der Bibel als queer betrachtet werden.

Zum Weiterlesen:

Karin Hügel, „Eine queere Lesart von Kohelet 4,9-12“, in: Scandinavian Journal of the Old Testament. An International Journal of Nordic Theology, Band 28, Nummer 1, Taylor & Francis, London 2014, 104-115.

Karin Hügel, „Queere Lesarten des Hohelieds“, in: Uta Blohm/Márta Bodó/Sigríður Guðmarsdóttir/Stefanie Knauss/Ruth Papacek (Hg.), In-between Spaces: Creative Possibilities for Theologies of Gender, Journal of the European Society of Women in Theological Research, Band 21, Peeters, Leuven 2013, 169-185.

Karin Hügel, „Queere Lesarten des Buchs Ruth und der Schöpfungsberichte“, in: Hanna Rohn/Lisa Scheer/Eva Maria Zenz (Hg.), Frauenin/transFormation. Beiträge zur Frau­enFrühlingsUniversität Graz 2009, planetVERLAG, Wien 2011, 89-103.

Karin Hügel, „Queere Lesarten der Hebräischen Bibel. Das Buch Ruth und die Schöpfungsberichte“, in: Lisa Isherwood/Jenny Daggers/Elaine Bellchambers/Christine Gasser/Ursula Rapp (Hg.), Wrestling with God/En lucha con Dios/Ringen mit Gott, Jahrbuch der Europäischen Gesellschaft für theologische Forschung von Frauen, Band 18, Peeters, Leuven 2010, 173-192.

 

Autorin: Karin Hügel
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 09.06.2014
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Gudrun Nositschka sagt:

    Empfohlen zum Weiterlesen: „Das Matriarchat im Alten Israel“,1989, von Gerda Weiler sowie “ Ich brauche die Göttin“ ebenfalls Gerda Weiler.
    Sie schreibt auf S. 116 Das Matriarchat im alten Israel: In den prophetischen Texten sind die kultischen Liebesgespräche des JHWH-Priesters mit der Heiligen Priesterin erhalten – verschlüsselt und in allegorische Sinnbilder umgedeutet. Im Hohelied Salomos tritt der ursprüngliche Kulttext zur Heiligen Hochzeit deutlicher zutage. Aber auch die Geschichten des Anfangs – die Genesis Erzählungen im ersten buch Mose – gehen auf matriarchale Rituale zurück, auf Lesetexte zum Kultablauf, die zu den uns vorliegenden Familienerzählungen umgestaltet (und damit patriarchal verschleiert, Anmerkung G.N) worden sind.

  • Karina Starosczyk sagt:

    Und in Folge dieser „allegorischen Sinnbilder“ wurde die Frau im weiteren Verlauf der Geschichte im Sinne des „Christentums“ zum Menschen zweiter Klasse degradiert. Nach der Vorstellung der modernen Patriarchen hat die Frau nach dem Wunsch des männlichen Gottes zu funktionieren und das Geld im „Häuslichen“ zu umwälzen, damit der Raub-Kapitalismus – wo der Mann und mittlerweile auch die Frau an der Arbeit-Stelle außerhalb des Zuhauses vergehen – weiterhin einigen reichen Männern der Gegenwart die Möglichkeit gibt, die Taschen vollzustopfen.

    … dass seit der Bibel-Verfassung ca. 2000 Jahre und viele Menschen-Leben vergangen sind! https://www.youtube.com/watch?v=OoDY8ce_3zk

  • rulik sagt:

    Zurzeit haben die Frauen ubd Männer Sorgen wegen Geld und weniger mit dem eigenen Wertgefühl…

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