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„Immer in Ferien“

Von Cornelia Roth

Cornelia Roth erzählt von ihren Lesekreis-Erfahrungen mit dem ersten Kapitel von Luisa Muraros Buch „Der Gott der Frauen“.

Der Gott der Frauen Seit einer Reihe von Jahren sind wir in München ein Lesekreis von acht Frauen, angestoßen durch viele Veranstaltungen des Vereins „Frauenstudien“. Als erstes Buch lasen wir die „Unverbrauchten Worte“ der italienischen Sprachphilosophin Chiara Zamboni. Nach vielen weiteren Texten haben wir jetzt angefangen, das Buch „Der Gott der Frauen“ der italienischen Philosophin Luisa Muraro von 2009 zu lesen.

„Immer in Ferien“ nennt Luisa Muraro das einleitende Kapitel ihres Buches. Ferien von der Mühe, in dieser Welt zu sein, die uns veranlasst, „die besten Dinge einzutauschen, die eine Frau hat: Die Intelligenz der Kindheit, den Wunsch zu spielen, die Fähigkeit zu staunen, die Liebe auf den ersten Blick, leuchtende Augen“. Mit diesen Worten legt sie die Spur für das, was ihr geschah, als sie den „Spiegel der einfachen Seelen“ der Mystikerin Margarete Porete las: „…eines Tages öffnete sich das Tor für Ferien ohne Ende.“ Es geht um ein Gespräch einer Frau mit Gott: „Eine Frau, das war gewiss, ob Gott, weiß ich nicht“, denn seine/ihre Stimme ist nicht zu hören, sie schafft nur einen „Hohlraum“ in den Worten der Frau.

Daran blieben wir in unserem Lesekreisgespräch gleich einmal hängen: wie ist das zu verstehen? Luisa Muraro zeichnet dafür ein körperlich-sinnliches Bild, das eine Schriftstellerin entworfen hat: die Tasse an einem winterlichen Abend, deren Rand sich die Lippen nähern und es steigt beim Öffnen des Mundes „…eine nicht innere, nicht äußere Welt die Kehle hinab und bis zum Geist empor…“. Verloren gegangene Seligkeit nennt sie das.

Wir sprachen über das Dasein als neugeborenes Kind, das fraglos das Glück der ernährenden Flüssigkeit erfährt und alles Geistige so körperlich erlebt, wie wir es sonst meist nicht mehr wahrnehmen können. Uns fiel die Offenheit und Präsenz auf: das Aufnehmen – der Muttermilch, der Tasse Tee, des Göttlichen, ähnlich auch, wenn man tanzt – braucht den offenen Mund, Geist, Körper etc., sonst kann die Verbindung nicht entstehen und die Aufnahme des „Geschenkes“ sich nicht ereignen. Wir sahen die gelebte Verbindung zwischen Lippen und Tasse, die durch die Flüssigkeit gestiftet wird und es erinnerte uns an Walter Benjamins „Sprache der Dinge“, von der Chiara Zamboni in den „Unverbrauchten Worten“ spricht. Luisa Muraro fügt hinzu: die Seligkeit, „die im liebevollen Kontakt mit den Dingen liegt“. – Dies alles sind ihre Bilder für den „Hohlraum“ in den Worten der Frau, aus dem sie ein Gespräch mit dem oder der Anderen, mit Gott heraushört.

Die „besten Dinge, die eine Frau hat“, von denen eingangs Kostproben genannt wurden, sind eng verbunden mit Lebendigkeit: „Quelle des Lebens“ ist solch ein weiteres Bild, wie Luisa Muraro den Hohlraum, der ihr das Gespräch mit Gott anzeigt, nennt. Sie fragt, wieweit wir uns von dieser Quelle des Lebens entfernt haben oder abgeschnitten sind und kommt zu dem Schluss, dass wir von ihr nur um Haaresbreite entfernt sind. Sie nennt das „Imminenz von Anderem“, das es in unseren alltäglichsten Verrichtungen geben kann und auch in Zeiten und Situationen größter Verzweiflung und Mangels (aber nicht deswegen).

Eine von uns sprach von ihrer Erfahrung in einer Tanztherapie in einer Zeit eines großen Verlustes und körperlicher Schmerzen: plötzlich konnte sie sich für eine Weile wieder bewegen, fühlte sich leicht und frei, wie geöffnet, ohne dass Trauer und Schmerz damit vergangen waren. Und ganz langsam wurde es besser. Wir hatten auch Bilder von Menschen in Gegenden großen Mangels, die sich Tanzen, Singen und Feste-Feiern nicht nehmen lassen.

Luisa Muraro wendet sich wieder dem Gespräch zwischen der Frau und dem/der Anderen zu. Sie entnimmt den Worten der Frau eine große Ungleichheit der Sprechenden – und eine für diese Situation große Vertrautheit: die Frau spricht mit einer Freimütigkeit, die ihresgleichen sucht und richtig neidisch macht. Sie nimmt sich nicht zurück, so „wie angesichts einer Freiheit, die von Vergnügen erfüllt ist und verhindert, auf ein mahnendes ‚Zuviel’ hin“ vernünftig zu verzichten. Wie kommt die Frau zu dieser Freiheit? Luisa Muraro schreibt, dass es an einem Wissen der Frau liegt, an dem „Wissen, dass es einem an etwas mangelt, ohne deshalb weniger zu sein; es mangelt am Notwendigsten und trotzdem gelingt es, auf den Markt zu gehen und zu gewinnen; auf den Markt gehen und obendrein etwas gratis zu erhalten.“

Das Bild vom Markt irritierte uns. Wieso ein Markt? Und dann gelten seine Gesetze nicht, sondern sie kehren sich um? Jedenfalls: diese Frau hat in der Situation der Ungleichheit, des Mangels, der Not etwas zu bieten. Oder sie hat gar nichts zu bieten, sondern: „Tatsächlich, durch jene so ungleichgewichtige Beziehung schien hindurch, dass die Frau das Geheimnis der nicht auszugleichenden ‚Ungerechtigkeit’ kannte, der man im Leben begegnet und die vielleicht ein natürlicher Bestandteil des Lebens ist. Und die Frau wurde davon nicht erdrückt.“

Ein neues Bild für die große Freiheit in der Ungleichheit schließt sich in dem Text an: es ist, als ob die Frau in dem Gespräch mit Gott auf einer schiefen Ebene steht, auf der das Wasser herunterstürzt. Das Wasser ist aber nicht zu sehen, nur die Sprünge der Frau nach oben, wie ein Lachs, der mit aller Kraft von der Quelle angezogen wird. Es ist der Lachs selbst, der springt und zugleich geschieht es aus Angezogensein. Hier verweist Luisa Muraro halb im Ernst, halb im Scherz auf Einsteins Relativitätstheorie, die uns einen Kosmos ohne feste Bezugspunkte denken lässt, wo die Anziehungskräfte relativ werden…

Hier haben wir erst einmal innegehalten mit unserem Lesekreis und sind gespannt auf unser weiteres Gespräch.

Und noch ein kleiner Vorausblick: Es ist kein Zufall, dass sich Luisa Muraro so intensiv mit den Gesprächen von Mystikerinnen mit Gott auseinandersetzt. Sie beschreibt es in diesem Kapitel später noch genauer. Es geht – jedenfalls unter anderem – um eine Möglichkeit für Sinn und für Freiheit mit sich und anderen, ohne die Konstruktionen einer gesellschaftlich festgelegten Identität dafür „auf den Markt tragen“ zu müssen.

Luisa Muraro: „Der Gott der Frauen“, Frank & Thimme, 2009, 24,80 Euro

Hier ist ein kurzer zusammenfassender Artikel von Antje Schrupp über das Buch zu finden.

Worte im ABC des guten Lebens“ (hrsg. von Ursula Knecht u.a., Christel-Göttert-Verlag, 2012) mit einem Bezug zum „Gott der Frauen“ sind Begehren, Freiheit, Staunen, das Unverfügbare, Unvorhersehbares.

Autorin: Cornelia Roth
Redakteurin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 11.07.2014
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Wie oft haben mich doch Luisa Muraros Gedanken schon beglückt… – und heute dadurch, dass Cornelia Roth mich an ihrem Lesekreis teilhaben lässt. Danke!

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