beziehungsweise – weiterdenken

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Rubrik denken

Entzifferungsversuche

Von Silke Kirch

Silke Kirch schreibt über ihren Weg dahin, das Muttersein und das „Muttern“ positiv zu erleben und denkt damit an einem ihrer früheren Texte, dem Alphabet des mütterlichen Handelns, weiter.

Ich fühle mich innerlich frei, Muttersein und Muttern positiv zu erleben, lustvoll zu besetzen, zu genießen und selbst darüber zu entscheiden, wann ich mich wem oder was zuwende, wann ich vielleicht sogar mütterlich hingabebereit bin und wie, wann, wo ich mich abgrenze (beides kommt im ABC des mütterlichen Handelns wieder und wieder vor, wurde aber wohl vielleicht nicht so wahrgenommen). Trotz aller Pflichten: Wir können entscheiden, wann wir das eine und wann das andere tun. Wenn über die errungene Freiheit ein Jubel erklingt, dann bekommt die ein oder andere unserer feministischen Mütter die Krise und fängt an zu schreien, wenn ich das mal salopp formulieren darf, und ich würde es ihnen gerne selbst überlassen, dieses Schreien zu entziffern.

Es war ja eigentlich unvorstellbar, dass das möglich sein könnte: Muttersein positiv zu besetzen. Wegen Pippi Langstrumpf, Anne Frank und dem Zweiten Weltkrieg, wegen der Farbe Lila, wegen der neuen Frauen bei rororo, die sich die Treppen hinabstürzten, um ungeborene Kinder abzutreiben (da wurden wir Teenagerinnen), wegen Christiane F. und Yentl, wegen Simone de Beauvoir, wegen der imaginierten Weiblichkeit und den Hexenverbrennungen und dem Nicht-Ich, wegen Nora und Dora, wegen Lacancan und Derridada und der Illusion vom großen Paar, wegen Ottilie und den Leichen am Wegesrand, wegen des Phallogozentrismus und der verknoteten Subjekte, wegen Herstory und wegen des race/class/gender, wegen der Fesseln der Liebe, wegen der papiernen Mädchen und der magersüchtigen Freundinnen, wegen der Schule der Frauen, wegen des frühen Todes von Goethes Schwester Cornelia und nicht nur wegen des ausufernden literarischen Sterbens. Wegen 9/11. Wegen der Nächte auf dem Balkon, in denen wir unsere Doktorarbeiten geschrieben haben. Auch deshalb war es eigentlich unvorstellbar.

Manche sind mitunter trotzdem Mütter geworden. Erst biologisch. Zeitgleich oder etwas verzögert wurden sie auch seelisch als Mutter geboren. So differenzierte sich das. Manche wussten und haben dann auch erfahren, dass Vaterschaft eine soziale Funktion ist. Mutterschaft nicht ausschließlich eine soziale Funktion, sondern auch eine biologische. Weshalb das eine kündbar, das andere unkündbar. Was ja aber erfahrungsgemäß nicht unbedingt stimmt. Denn im Hohlspiegel des Patriarchats gibt es auch immer Medea, nicht nur den Gurkenkönig,  und das Muschelessen und Frankenstein (Letzteres übrigens von einer sehr jungen Frau geschrieben) und so weiter – alle Ordnungen sind in sich porös, einsturzgefährdet, das patriarchale Gesetz wie die symbolische Ordnung der Mutter, denn der vollendete Symbiose-Dyade-Triade-Phasendurchlauf, der psychoanalytisch für uns vorgesehen war, den haben wir nicht unbedingt alle so durchlaufen.

Wir sind vielleicht an einem blinden Fleck im Fluchtpunkt gestrandet, an dem Beziehung aufzunehmen zuallererst kaum möglich war, weil wir viel zu sehr beschäftigt waren mit den Stützpfeilern, die möglicherweise nur historisch einstürzende Wände oder einstürzende Historie waren, welche herabfallend einen kleistisch kleinen Zwischenraum zwischen zwei Welten aufhielten, vielleicht aber auch nicht. Denn möglicherweise gab es diese Zwei-Welten von väterlicher und mütterlicher Ordnung schon nicht mehr. Möglicherweise ging es zuallererst darum, überhaupt in eine Beziehung zu kommen und darin bleiben zu können und nicht darum, sich entgegenzusetzen oder gegen Feststehendes zu kämpfen oder sich von dem einen zum anderen durchzuschlagen. In einen Prozess hineinzukommen. Koordinaten zu finden. Papier, Bücher, Schrift. Oder was sich halt so angeboten hat.

Was mich befreit, ist, meine Eltern auf einem anderen Punkt im Strom der Zeit zu wissen, in dem auch ich mich bewege. Denn aus der Ferne lässt es sich entwerfen, dass sie in einer Beziehung zueinander stehen, während es eher nicht erlebbar war, zu dem einen oder der anderen in einer persönlichen Beziehung stehen zu können und das Miteinander ein Rätsel blieb. (Es ist vielleicht diese Kriegskinderweise zu sein, das ist ein langes Kapitel, das zu verstehen schwierig ist, es ist eine Stummheit, die die Normalität am Abgrund liebt und am Rande dieser ununterscheidbar steil abfallenden und liebevoll hochgestapelten Normalität sind wir aufgewachsen.)

Was mich befreit, ist, zu mögen, dass ich aus der Verbindung zweier Menschen hervorgegangen bin, wie auch immer diese Beziehung sich in Raum und Zeit gestaltet haben mag, wie lange sie gedauert hat, welche Verheerungen sich ergeben haben. Denn in dieser Beziehung stecke ich nicht (mehr) drin, und das hat etwas mit Respekt zu tun, anfänglich auch mit Selbstschutz und im Laufe der Zeit mit Freiheit. Mein innerer Herkunfts-Bezugspunkt ist die Beziehung dieser beiden Menschen in ihrer Zeit, im Laufe der Zeit, unserer Zeit vielleicht, nicht die persönliche Beziehung zu der einen oder dem anderen. Darüber hinaus gibt es vielleicht generell keine Beziehung zu meiner Mutter, in der nicht auch mein Vater irgendwie enthalten ist und umgekehrt keine Beziehung zu meinem Vater, in der meine Mutter nicht enthalten wäre. Anders kann ich das nicht denken. Ich kannte schließlich keine(n) von beiden, bevor ich zur Welt kam. Vielleicht aber auch selbst dann nicht, als ich auf der Welt angekommen war. Auf dem löchrigen Teppich der Zeitgeschichte war das Kennenlernen vielleicht kaum möglich und die Liebe nahm nur dann ihren Lauf, wenn wir unseren Eltern nicht zugemutet haben, persönlich anwesend zu sein. Ich gehöre zu diesem Teil dieser Geschichte, der aus ihrem stummen und sehnsüchtigen Kriegskinder-Zusammensein hervorgegangen ist und wesentlich von der verschwiegenen, nicht erzählbaren, gesichtslosen Geschichte der Zeit bestimmt war, in der es immer darum ging, über den fürchterlichen Trümmern des Anbeginns eine Art von Normalität zu stricken.

In diesem Fluchtpunkt der Geschichte stehen auch die patriarchale Ordnung und die symbolische Ordnung der Mutter in einer Beziehung zueinander und bilden blinde Flecken. Und vielleicht ist das ja auch nicht abwegig, denn gefunden werden sie ja zunächst in den Vater-und-Mutter-Beziehungen: Ebenso wenig wie sich ein Kind ohne Mutter denken lässt (Winnicott), lässt sich ein Kind ohne Vater denken (das hat Winnicott vergessen), und ebenso wenig kann das Kind die/den einen ohne die/den jeweils anderen denken. (Ganz unabhängig von den biologischen Geschlechtern übrigens. Das Denken fängt ja – psychologisch betrachtet – überhaupt erst an, wenn das Muttern unvollkommen ist, etwas unverfügbar ist, also etwas Anderes hinzukommt.)

Vorher und danach wollten erst einmal errungen sein. Im Hohlspiegel der symbolischen Ordnungen gibt es keine Zeit. Eingerückt in die Zeitperspektive werden wir frei, weil erst dann die Beziehungen, Bezüge deutlich werden, aus denen wir hervorgegangen sind. Allein in der Perspektive der Zeit können Freiheit und Verbindung erhalten bleiben. Das Konzept der symbolischen Ordnung der Mutter rückt das Subjekt in eine biografische Perspektive, in einen Zeithorizont, zugleich reklamiert es jedoch, ein überzeitliches natürliches allgemeines Phänomen anzuzeigen und ist mithin patriarchalen Denkstrukturen vielleicht enger verbunden als uns lieb sein kann. Konzepte symbolischer Ordnungen sorgen für eine zeitgeschichtliche Blindheit, insofern sie nicht erfassen, dass die Geschichte löchrig ist, dass die Verheerungen des vergangenen Jahrhunderts ein Vakuum zwischen den Generationen geschaffen haben (und vielleicht zeigen sie es dieses Vakuum gerade an), in dem es vielleicht nicht mehr möglich ist, zu sagen: „Wie auch immer unsere gemeinsamen Geschichte sich gestaltet hat, meine Mutter hat mich geboren und ich bin ihr dankbar“, sondern in dem es heißt: „Meine Mutter hat mich geboren und ich bin ihr dankbar, aber zwischen uns gab es keine Geschichte und keine Geschichten, und deshalb fühlte ich mich lange verloren und vielleicht fast ungeboren.“

Nicht umsonst wird die Generation unserer Eltern, der Kriegs- und Nachkriegskinder die verlorene Generation genannt. Und die Geschichte der Nachgeborenen wird gerade erst zu schreiben begonnen, weshalb wir erst jetzt anfangen, unsere gemeinsame Geschichte und unsere Geschichte in der historischen Zeit zu verstehen. Es ist etwas aus der Zeit gefallen. Es geht nicht mehr allein darum, Mütter und Väter als Personen und Individualitäten im Laufe der Zeit zu erkennen, sondern es geht mittlerweile auch darum, mühsam aus der Lebenszeit Geschichte herauszuschaben, um zuallererst in der Welt zu sein. Meine allererste Frage ist, wie komme ich überhaupt in eine Geschichte (mit meiner Mutter) hinein? Es ist möglich, dass Zeitgeschichte persönliche Geschichte ausradiert. Oder umgekehrt: Es geht möglicherweise darum, über das Verstehen von Zeitgeschichte überhaupt erst in persönliche Verhältnisse hineinzukommen.

Aus dieser doppelten Zeitperspektive von Beziehung und Zwischenraum entspringt mein Jubel, wenn ich bemerke, dass es mir tatsächlich gelungen ist, Mutter zu werden. Einarmig und blind einen Berg zu besteigen, das ist doch etwas. Was mich befreit, ist, darüber trauern zu können, dass die gewünschte, gebrauchte, ersehnte Liebe und Beziehung zu meiner Mutter, von ihr, zwischen uns, mit ihr ausblieb. Das ist zuweilen zum Schreien. Langes Schreien – ja – lässt diesen patriarchalen Turm, der aus den Gute- Mutter-Schlechte-Mutter-Versatzteilen um den Menschen herum zusammengeschraubt ist (das betrifft ja jeden einzelnen Menschen) auseinanderbröseln. Ja sicher. Dann sind da Angewiesene in Raum und Zeit, die einander begegnen, finden, kennen und beistehen können – oder auch nicht, weil sie vielleicht verschraubt bleiben wollen. Ich verstehe das. Alle brauchen das Affidamento, damit aus dem ewigen Ungenügen das Unverfügbare er-wachsen kann. Aber nicht nur auf dem Papier. Wir brauchen ganze Menschen. Das Papier hat sich schon so früh verselbständigt. Denn es war ja von Dauer und das wurde mehr gebraucht als alles andere. Es blieb zu viel ungekannt. Wir haben immer schon in viel zu großen Kleidern gesteckt, in die die Nähe nicht eingewogen werden konnte und wir uns alles selbst ausdenken mussten.

Ich kann das Subjekt nur als Subjekt im Prozess denken. Ich gewinne mich nicht biografisch gegenüber meiner Mutter, gegenüber meinem Vater. Ich gewinne mich im Laufe der Zeit. Und ich gewinne meine Eltern, je weiter ich mich entferne, denn erst dann finde ich den Rahmen, in dem ich sie sehen kann. Identität ist fluide, ist ein Vorgang in Zeit und Raum, der viele Gesichter haben kann. Ihre Kontiniuität zu erkennen, braucht viel Zeit. Mit der Sprache können wir uns immer nur annähern. Aber auch: Mit der Sprache können wir uns annähern! Meines Erachtens aber auch nur dann, wenn die Gefühle mitreden können und das Denken sie nicht ausklammert und nicht permanent auf Positionen schielt und Dualismen aufmacht und sich festbeißt, weil immer etwas so oder anders SEIN SOLL. Es IST ja schon, wenn auch nicht eindeutig.

Es ist ein Jubel, das Muttersein, das Muttern genießen zu können. Und ich finde, es gibt davon viel zu wenig auf der Welt. Jedermensch könnte Mütterlichkeit kultivieren. Ich habe den leisen Verdacht, dass es eine Neigung gibt, meinen Text über das mütterliche Handeln essentialistisch zu lesen, nur weil es eben immer noch so ist, dass vorrangig die Frauen muttern und mütterliches Handeln und Mutterschaft permanent beiläufig immer noch verwechselt werden. Der Jubel über die Fähigkeit, liebevolle, dauerhafte, nährende Beziehungen zu den eigenen Kindern unterhalten zu können und sich davon beschenkt zu fühlen, erwächst aus einer langen inneren Auseinandersetzung mit den eigenen Erfahrungen. Und hat nichts mit Biologie zu tun.

Diese Möglichkeit steht Männern potenziell genauso offen wie Frauen. Es heißt nicht, dass ich (und andere Frauen, mit denen ich gemeinsam muttere, oder auch vatere, denn das kommt in Beziehung zu den Kindern von FreundInnen ja auch vor), dass wir uns ausschließlich über die Beziehung zu unseren Kindern definieren! (Dann wäre es mit dem Jubel schnell vorbei.) Wir können uns genauso dabei finden, sinnvolle Arbeit zu leisten oder zu faulenzen, zu tanzen oder in Seen zu baden, Geld zu verdienen und auszugeben, lange Gespräche zu führen oder Texte zu schreiben, Berge zu erklimmen oder Gleitschirm zu fliegen, Beziehungen zu pflegen und zu essen, zu kämpfen, zu genießen, zu lieben, zu weinen. Und so weiter.

Alles hat seinen Ort und seine Zeit. Frust und Lust der Mutterschaft haben es auch. Das ist gut. Und wenn unsere feministischen und geistigen Mütter da nicht mitjubeln können oder partiell skeptisch bleiben, ist das vielleicht irgendwie verständlich, wenngleich wiederum auch traurig. Denn jetzt entsteht die Frage, ob es nicht auch einen Turm gibt aus Gute-Tochter-Schlechte-Tochter-Versatzstücken. Wer weiß. Hin und wieder wird wohl auch das vorkommen. Wir können es gut sein lassen. Die Traurigkeit gehört zum Denken wie zu der Liebe dazu.

Autorin: Silke Kirch
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 04.08.2014
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Jutta sagt:

    welches Problem hat die Autorin mit welchen Feministinnen? Zu Beginn des Beitrages (‚… die ein oder andere unserer feministischen Mütter (bekommt) die Krise…‘) und am Schluss (‚…wenn unsere feministischen und geistigen Mütter da nicht mitjubeln können…, ist das vielleicht irgendwie verständlich, wenngleich wiederum auch traurig…‘) hat sie offensichtlich den Wunsch sich abzugrenzen und(ab)zu werten. Schade! Welchen Femninismus-Ansatz hat die Autorin im Kopf gehabt oder einfach nur schlechte Erfahrungen mit Feministinnen gemacht, so dass das Jubeln im Halse stecken blieb?

  • Seit ich vor etwas mehr als 25 Jahren Mutter einer Tochter geworden bin, habe ich mich auch immer wieder mal gefragt, warum das, allen Schwierig- und Nervigkeiten und organisatorischen Engpässen und Angebundenheiten und Furchtsamkeiten zum Trotz, eine so jubelsame Geschichte ist mit dem Begleiten von Neuankömmlingen. Ich habe auch mal einen Text darüber geschrieben, den ich selber immer noch sehr gern mag: IP, Unterwegs mit einem Weltneuling, in: IP, Die Welt: ein Haushalt. Texte zur theologisch-poilitischen Neuorientierung, Mainz 2002, 196-199. Deinen Text, Silke, mag ich auch sehr. Er ist auf eine tolle Art und Weise kompliziert, wie schon der letzte, den ich auch so ähnlich kommentiert habe. Irgendwie wünsche ich mir, dass du mit deiner sehr eigenen, barocken Sprache mal ein Buch übers Miteinanderweitergehen in der Generationenfolge schreibst. Das würde ich dann mit Genuss lesen und mich dann und wann abgrenzen und dann wiederfinden und dann wieder abgrenzen und dann wieder … und so weiter.

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