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Heike Schmitz: unsereiner.kriegsundführerkinder. Eine Buch-Empfehlung

Von Jutta Pivecka

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Auf Facebook verlinkte Antje Schrupp auf diesen interessanten Text von Doris Stickler „Nicht nur Bomben, auch Nazi-Erziehung traumatisierte Kinder„. Das im Text erwähnte Ratgeber-Buch von Johanna Haarer „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ war auch nach 1945 in der BRD mit nur geringfügigen Änderungen ein Bestseller,  u.a. wurde im Titel das „deutsche“ weggelassen. Es fand sich auch im Bücher-Regal meiner Mutter, wo es allerdings schon bald konkurrierte mit Thomas Gordans „Familienkonferenz“ und den Büchern von Alice Miller.

Dennoch: Auch auf uns, die Generation derjenigen, deren Eltern zwischen 1933 und 1945 selber Kinder waren, sind manche Haltungen und Sprachformen übergegangen, tief eingeschrieben in unser Prägungssystem, so tief zuweilen, dass sie uns zur „Natur“ geworden sind, zumal jene Menschen, die sie auf uns übertrugen, uns liebten und die waren, denen wir vertrauen mussten: unsere verstörten und traumatisierten Mütter und Väter, die „kriegsundführerkinder„, ausgebombt, vertrieben, verwaist, brutalisiert, als letzte Reserve verheizt, ohne Möglichkeit, ihre Verstörung zu artikulieren, ermahnt zum „Ruhe geben“, „sich gerade halten“ und „weiter machen“ von frühester Kindheit an.

Antje Schrupps Link erinnerte mich an einen Roman, der 2010 erschienen ist, über den ich unmittelbar nach dem Erscheinen in meinem Blog geschrieben hatte, in dem das Erleben dieser Generation zur Sprache kommt, im wahrsten Sinne des Wortes, nämlich als ein Stakkato aus Worthülsen, Befehlstönen und antrainierten Selbstermahnungen, die (fast) eine jede (aus dieser Generation) wiedererkennen wird als die untergründige Melodie der eigenen Kindheit. Heike Schmitz´ „unsereiner.kriegsundführerkinder“ hat seinerzeit nicht die Beachtung gefunden, die es – meiner Ansicht nach – verdient. Daher möchte ich die Gelegenheit nutzen, Teile meiner damaligen Rezension noch einmal hier (auf bzw)  zu veröffentlichen, weil ich diesem Buch nach wie vor viel mehr Leserinnen (und Leser) wünsche.

Heike Schmitz (geboren 1966) lässt eine Erzählerin aus der eigenen Generation sprechen, die sich erst allmählich bewusst wird, wer die eigenen Eltern sind: Kriegsundführerkinder nämlich, in deren Erstlesebuch zu lesen war: „Der Führer kommt zu Besuch“, die in Lackschühchen standen mit Blumensträußchen unterm Hakenkreuz, deren Mütter das Muttersein lernten aus: „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“. Denen die Kinderwelt zusammenbrach und doch weiterging: Das wird schon wieder, ein deutscher Junge weint nicht, es hätte auch schlimmer kommen können. Eine verstörte Generation, unsere Eltern, für die es keinerlei Trauma-Therapie-Angebote gab: Waisen, Flüchtlinge, Bombenopfer, Vergewaltigte, Versehrte, letzte Aufgebote, Trümmerbegrabene. Darüber aber sprechen die nicht. Es ist dies nämlich auch die Generation der Verdrängten und Verdränger, in sich verkrampft und verschlossen das kindliche Trauma, nach dem Motto: Unsereiner schafft das schon!

Schmitz´ Buch liest sich nicht leicht. Ohne Punkt und Komma spricht das sich aus, was da in uns spricht: Die oft gehörte Familiensaga der „Wir sind wieder wer“, die fast jede kennt und doch so nicht auf sich bezogen hat. Obwohl mitgesessen im VW-Käfer zum Ostseeurlaub oder mit dem beigen Mercedes nach Rimini gebraust. Schmitz´ Ich-Erzählerin nimmt, um die Stimme zu finden, die über die Jahrzehnte in schrecklicher Kontinuität in uns, den Kriegsundführerkindeskindern spricht, Haltung an: Den Rücken durchgedrückt („Halt dich gerade!)“ steht sie immerzu fest auf der einen Terrassenstufe einer Dahlemer Villa, von oben herab schauend auf das Treiben der diskutierend tagenden Intellektuellen, den Ruf des davongekommenen Juden aus Odessa, Davids, ignorierend, steht dieses Ich-Sprachrohr standhaltend heldenhaft leer da („Wir halten durch.“) und verkörpert gleichsam die still gestellte, eingefrorene, weil verschwiegen durchgesetzte und gelebte Kontinuität der Kriegsundführerkinder vom Führerland ins Wirschaftswunderland: „Vonhierobenausgesprochen Kriegsundführerkindeskindisch mit meiner Siegerlaune und Treuepflicht meiner sorgsamen Beharrlichkeit und wennsauchganzargwird nie ohne ein unermüdliches Duschaffstdasschon wiekinderaufsichnehmend auchunsereinersagend.“

Der Anstrengung des Stillestehens, des Sichaufrechthaltens, des distanzlosen Wiedersprechens, durch die erst die Präsenz des Ungeheuren hinter der Sprachlosigkeit der Eltern erscheint, muss sich auch die Leserin von Heike Schmitz´ Text unterziehen. Da spricht sich das aus und fort, in einem fließenden Schwall, gegen den Davids Rufe von unten nicht ankommen können: Wie Großvater Willi, ungebrochen selbstherrlich die Enkelin immer wieder auffordert „Schreib das auf.“: „den Ton schreibdashin den indenmundgefahrenen mir auf der Zunge liegenden den hochfahrenden auffahrenden umsichschleudernden den eingeredeten und furchtbar gern abfälligen den wie aus Ungründen aufkommenden Ton der einzigfürwahr sich haltende der auszusprechende wie ein tönendes Erbe durch die Generationen geschleift der mit dem Ichsageeuch der mit dem Wennauchnureiner der mit den hingewüteten Drohungen der verschwörende und schmeichelnde unsereiner gegen alles wappnend so gestärkt eingestimmt so wütend draufgängerisch so einstimmig übergehoben abenteuerlustig abgelästert schreibdasauf.“

Oder wie die Großmutter Hilde geschickt aus der Hakenkreuzfahne eine Mädchenschürze näht, schmuckvoll fürs Foto im Familienalbum, immer wieder vorgezeigt. „aus den Flutenderbilder von den beschürzten Töchtern umrahmt zum GrußandenVater und geliebtenWilli aufgestellt mit diesen netten Schürzenaufweißemkleid schreibdasauf wie meine aus Reich Krieg und Führertum entlassene Mutteralskind im Photostudio ihrer Mutter zu Seite gesetzt stillschweigend mit ihrem Kleidchen die Nazizeit in Nachkriegszeit verwandelt von meiner Großmutter Fingerfertigkeit verwandelt die Fahne zurechtgeschnitten und aus Politik eine Mädchenschürze hausfraulich gezaubert das Weiß vom Rot getrennt…“

Fotografien wie die eben beschriebene aus dem Schmitz´schen Familienalbum, aber auch Führerbilder und Dokumente der Bombenangriffe begleiten den Text. Heike Schmitz hat ihrem Buch ein Zitat vorangestellt:. „Photographie ist dem Trauma darin verwandt, die Zusammenhanglosigkeit der Ereignisse festzuhalten. Sie ist das Medium der traumatischen Zeit. Es gibt darin kein davor und kein danach und keine sinnvolle Erzählung.“ Erst aus dieser Haltung heraus wird das gegenwärtig Gebliebene einer sprachlosen Verstörung sprechbar, um das es der gnadenlos Spätgeborenen, die hier schreibt, geht.

So weit geht diese Annahme des Standpunktes, diese Aufsichnahme der Haltung derer, deren Kindeskinder wir sind, dass sie mit deren Augen hinblickt, mit deren Kälte drauf sieht auf das ungeheuerliche Verbrechen, das hinter sprücheklopfender Selbstgewissheit sich verbirgt: „Wahrgenommen so ein nichtender Blick aus Führerkriegskindeskinderauge geworfen auf Verworfenes Gedemütigtes Todgeweihtes Verspottetes ein Himmlerkaltenbrunnerauge hier oben mir in den Höhlen steckend und träumend wie nur Träumenden hier wie dort sein lassen zugleich in die Nacktheit der Beäugten versetzend auf einmal ebenso eine Verworfene Selektierte zu den Entkleideten gehörend in der Vorstellung nackt ausgesetzt und zum Ausstellen gezwungen hineingeschlüpft in das Beäugte und Ausgemusterte aufgereiht zwischen Leibern für das beschlossene Ende hingestellt wie grenzenundschutzlos den Blicken der Tötenden ausgeliefert als Getötete mich Tötende ansehend als Tötende mich Getötete im Blick schreibdasauf mit dieser Augenkrankheit…“

Das ist kein Buch, das sich einfach liest. Das ist auch kein Buch, das man gern liest. Das ist ein Buch, indem man sich liest. Schmerzlich. Wieder erkennbar. Wieder fühlbar. Dass wir das (auch) sind: Kriegsundführerkindeskinder. Da oben stehend. Hier oben stehend. Angelernt und antrainiert die Herrenhaltung, das große Wort. WIR SIND (WIEDER) WER. „Kann nicht k-a-p-i-t-u-l-i-e-r-e-n.“, wiederholt die Erzählende immer wieder. Diese Haltung kann sich nicht aufgeben. Unaushaltbar scheint es, hinunter zu gehen. Sich einzulassen, sich auszulassen, ausgelassen zu sein. Angst erschlägt, meist die anderen. „Ich wurde gesagt.“, endet Heike Schmitz´ Buch.

Unbedingte Empfehlung!

Heike Schmitz: unsereiner.kriegsundführerkinder. Peter Engstler Verlag 2010  € 24,80

Autorin: Jutta Pivecka
Redakteurin: Jutta Pivecka
Eingestellt am: 01.08.2014
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Aenne sagt:

    Ich bin auch ein Kriegskind und habe mich ausführlich (auch mit dem Text aus: Johanna Haares: Aolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr estes Kind) auseinander gesetzt. Es war schrecklich zu erkennen, dass dieses Buch die Grundlage meiner Erziehung war.
    Leider war es nicht möglich mit meinen Eltern (sie waren schon sehr betagt, als ich das Buch gelesen hatte) darüber zu sprechen.
    Ich möchte das Buch von Heike Schmitz aus dem Grund nicht lesen.
    Aenne

  • Liebe Jutta Pivecka, vielen Dank für die Rezension!
    Es wird viel zu selten untersucht, welche Prägungen und Denkweisen eine bestimmte Erziehung erzeugt und wie diese an Generationen danach weitergegeben werden. Besser darüber schweigen. Das ist insbesondere der Fall bei Vergewaltigungen im Krieg, bei dem „Bitte nicht reden über das was wir getan haben“, bei Morden, unmenschlichen Erziehungspraktiken und auch Manipulationstechniken und erzeugte Haltungen, die sich hinter netten Worten verbergen.
    Es ist gut, dass Heike Schmitz sich daran traut!
    Toll, dass sie das Schweigen bricht und den Mut hat, sich ihrer Vergangenheit zu stellen!
    Und danke für die Besprechung, ich werde das Buch lesen!

  • Ute Plass sagt:

    Gibt es Untersuchungen darüber wie Frauen mit dem „verschwiegenen Wissen“ von Vergewaltigungen ihrer Ehemänner,Söhne,Freunde…im sog. Feindesland umgegangen sind? Oder ist das Schweigen über die erlittene Gewalt der „Feind-Frauen“ als „normal zum Krieg gehörig“ von Frauen akzeptiert worden, was auch eine mögliche Erklärung wäre für das Schweigen vieler Frauen über die selbst erfahrene Gewalt durch Feindeshand?

  • Bari sagt:

    Liebe Ute mir ist keine derartige Untersuchung bekannt. Ich kenne ein paar Frauen, die erst im sehr hohen Alter über ihre Verletzungen reden können, die meisten sind unverheiratet geblieben. Ich vermute, dass Ehefrauen es nicht wissen wollen, was ihr Mann im Krieg getan hat. Nach der Schutzbehauptung ( um sich selbst zu schützen ) ja vielleicht gab es sowas, aber mein Mann würde das nie tun. Denn ich liebe ihn und könnte ich das noch, wenn ich wüsste, dass er dazugehört hat?
    Bezeichnend ist, dass in dieser Generation oft die Rede davon ist, die Eheliche Pflicht zu erfüllen. Und wenn die durch die entstandenen Kinder erfüllt ist, hat sie halt Migräne!

  • Ich hab das gleiche erlebt wie Bali, es wird oft in den ganzen Familien darüber geschwiegen, die Gewalt aber dann doch meistens indirekt oder direkt an die nächste Generation weitergegeben, weil dieser Schmerz und die Gewalt oder auch das Schuldgefühl einen auffrisst (oder gleich alles auf einmal).
    Sehen wollen und können ist wichtig und auch sprechen
    können. „Weil es sagbar ist“ von Carolin Emcke ist dazu meiner Meinung nach ein tolles Buch, auch wenn es eher allgemein über das Sprechen
    über Vergewaltigungen und damit auch Gewalt in jeglicher Form geschrieben ist. Das Buch ist mir gerade zum Thema eingefallen, es ist auch eine Dokumentation über Kriegsgebiete heute.
    Ich schätze das Buch sehr, vielleicht hilft es dir weiter, Ute. Falls jemand doch noch eine konkrete Untersuchung zu dem Thema kennt wäre ich auch daran interessiert,
    Sabrina

  • ich meinte natürlich Bari, schöner Schreibfehler:)

  • Ute Plass sagt:

    @Sabrina Bowitz –
    Danke für den Hinweis zum Buch von Carolin Emcke.
    Es geht mir nicht um ’nachgereichte Schuldzuweisungen‘, sondern darum, dass wir alle uns mit
    den von Gewalt durchwirkten Strukturen und Mechanismen auseinander setzen müssen, wenn wir diese verändern wollen.
    Dazu gehört eben auch, nicht den Schleier des Schweigens
    über die Gewalt zu legen, die von Menschen begangen wurden, die uns nahe stehen.

  • Hallo Ute Plass, mir geht es auch darum, dass die Strukturen in denen wir leben untersucht werden, wo es gewalttätige Hinterlassenschaften gibt, woher die kommen, warum sie da sind, woraus sie sich zusammensetzen. Denn wenn Veränderung möglich sein soll, gerade bei Gewalt, die ja aus (wenn auch oft versteckter) Ohnmacht entsteht, dann sollten die Strukturen, Gedanken, Gefühle auseinandergenommen werden und auch überlegt werden, woher das kommt.
    J.K.Rowling hat einmal darauf hingewiesen, dass es viel einfacher ist, sich „Feinden“ (auch ein starker Begriff) in den Weg zu stellen als den FreundInnen oder Bekannten, so ist es aber. Noch schwieriger wird es für viele mit der Familie, aber genau da, wo wir am liebsten nicht drüber reden wollen, müssen wir genau hingucken. Überall wo die größten Widerstände sind, gibt es auch das Größte zu entdecken.
    Im Übrigen denke ich schon, dass Schuld zugewiesen werden darf. Wie Hannah Arendt es einmal ausgedrückt hat, der Mut selbst zu urteilen, auch über Menschen, die uns nah stehen, Taten zu verurteilen, die schlimm waren, ist nichts Schlimmes, sondern nötig, sonst gibt es keine Gerechtigkeit. Zu sagen: „Das was du getan hast, das war Unrecht und Punkt“. Das ist wichtig.

  • Ute Plass sagt:

    Hallo Sabrina Bowitz,
    kann mich dem nur anschließen, was du sagst. Und Danke noch für den Hinweis auf Hannah Arendt, die sagt:“….
    der Mut selbst zu urteilen, auch über Menschen, die uns nah stehen, Taten zu verurteilen, die schlimm waren, ist nichts Schlimmes, sondern nötig, sonst gibt es keine Gerechtigkeit. Zu sagen: “Das was du getan hast, das war Unrecht und Punkt”.

  • Sie hat es nicht wortwörtlich so gesagt, nicht dass das jemand falsch versteht;), aber ich hab es wiedergegeben, wie sie es hoffentlich gemeint hat, ganz sicher kann sich ja niemand sein.
    Sagen wir es so: Es war die Sabrina Bowitz Intepretation der Hannah Arendt:), doch ich habe in ihren Texten diesen Ton immer wieder gefunden, dass die Menschen in einem Staat den Mut brauchen zu urteilen, gerade über grausame Taten.

  • Hallo Ute Plass und auch alle anderen, ich habe einen Text entdeckt, aus dem Journal für Psychologie zur unbewussten Weitergabe von Traumata an nachfolgende Generationen von Angela Moré. Der Text selbst ist sehr ausführlich, aber deshalb umso ergiebiger und spannend:
    http://www.journal-fuer-psychologie.de/index.php/jfp/article/view/268/310

    Ich dachte, dass das gut zum Thema passt. Es gibt auch mehrere Bücher zur transgenerationalen Weitergabe von Traumata, zum Beispiel in Unibibliotheken, die sind ebenfalls sehr aufschlussreich.

  • Noch als Nachtrag: Das einzige, das mich stört ist, dass in dem Text, wie so oft, meistens nur Mütter erwähnt werden und noch dazu, das Zitat ganz am Ende von dem Forscher „saugend säugend“ da denk ich mir doch: Ich bin gespannt, wie Männer reagieren, bzw er in diesem Fall, wenn über ihn so geredet wird, der saugend säugende Organismus Vater. Die Frage wäre, ob er dann auch immer noch behaupten würde, das wäre nicht diskriminierend gemeint und er würde die Väter immer noch als Menschen sehen, die seiner Achtung wert sind.
    Es ärgert mich mich jedes Mal, mit welcher Selbstverständlichkeit im Namen der Forschung oder angeblicher „Objektivität“ solche Begriffe verwendet werden, die in Wahrheit erniedrigend sind und keineswegs so objektiv wie sie aussehen mögen.
    Das geschieht in anderen Kontexten genauso.

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