beziehungsweise – weiterdenken

Forum für Philosophie und Politik

Rubrik anschauen

Brauchen Tote Care?

Von Antje Schrupp

w964

Mr. May, der seine Aufgabe sehr ernst nimmt.

Heute kommt ein Film ins Kino, über den ich immer mal wieder nachdenke, seit ich ihn vor einigen Wochen in der Evangelischen Filmjury gesehen habe: „Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit“.

Es geht um einen allein lebenden, etwas schrulligen Beamten, der in einer Stadtverwaltung dafür zuständig ist, sich um den Nachlass und die Beerdigung von Verstorbenen zu kümmern, wenn keine Hinterbliebenen da sind. Seine Versuche, doch noch irgendwelche Angehörigen zu finden, scheitern meist, bei den Beerdigungen ist er dann der einzige Gast. Trotzdem schreibt er für jede und jeden eine Trauerrede, für die er sich aus dem Nachlass Informationen zusammensucht.

Der Film erzählt die Geschichte seines letzten „Falls“. Denn Mr. May wird wegrationalisiert. So akribisch wie er muss man sich um Verstorbene nicht kümmern, meint sein Vorgesetzter, denn sind nicht Bestattungen und Trauerrituale für die Lebenden da? Sind sie nicht Ausdruck einer gemeinschaftlichen Kultur und nur innerhalb dieser Gemeinschaftlichkeit von Bedeutung? Was für einen Sinn hat es, sich diese ganze Arbeit zu machen, wenn doch niemand etwas davon mitbekommt – denn die Toten sind doch tot?

Eine vordergründige Interpretation der Geschichte würde das als Kritik an neoliberaler Effizienzsteigerung sehen. Oder würde darauf verweisen, dass solche Akribie und Sorgfalt eben in manchen Fällen doch noch Hinterbliebene aufspürt und damit wichtige Beziehungsdynamiken in Gang setzt. Aber das ist meiner Ansicht nach nicht der Punkt. Denn auch wenn Mr. May bei seinem letzten Fall – wie nicht anders zu erwarten – mit seiner Suche nach Hinterbliebenen Erfolg hat, so bleibt doch die Frage, was der Sinn seines Tuns in den Fällen ist, in denen tatsächlich niemand da sind. Wenn also jemand stirbt, für den sich niemand auf der Welt interessiert.

Mir war beim Anschauen jedenfalls schnell klar, dass auch Tote Care brauchen, auch dann, wenn sie keine Beziehungsnetze haben, in denen ihr Sterben eine „Lücke“ hinterlassen würde. Wenn also ihr Leben auf eine Weise verlaufen ist, die sie am Ende eben tatsächlich ganz und gar allein sein lässt. Aber mir ist noch nicht so ganz klar, warum.

Vielleicht schaut Ihr euch den Film mal an, er ist überhaupt sehr unterhaltsam und trotz des schwierigen Themas auch streckenweise komisch – eine Mischung aus britischem und italienischem Humor. Mr. May wird von dem Schauspieler Eddie Marsan sehr überzeugend verkörpert und von Regisseur Uberto Pasolini gekonnt in Szene gesetzt (beide haben dafür auch schon einige Filmpreise bekommen).

Autorin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 04.09.2014
Tags: , , ,

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Sammelmappe sagt:

    Ich glaube, die Toten brauchen das nicht. Aber wir brauchen es. Die die in dieser Gesellschaft leben. Es wäre beruhigend zu wissen, dass im Tod, die Würde nicht verloren geht und das klappt nur, wenn Aufmerksamkeit, Fürsorge oder eben Care aufgewendet wird.

    Im Film mag das etwas weltfremd daher kommen. Mir scheint es so, dass viele Menschen, selbst Vorsorgen. Die eigene Beerdigung wird akribisch geplant, manche zahlen sie sogar im Voraus.

  • Elfriede Harth sagt:

    Ohne den Film gesehen zu haben, bin ich er Meinung, dass die Toten vielleicht diese Care nicht brauchen, aber doch wir Ueberlebenden. Auch wenn jemand „niemanden hat“, fuer den sein Tod eine Bedeutung hat, hat er Bedeutung, solange irgendjemand da ist, der ihm diese Care erweist. Ich denke, es ist wichtig FUER UNS, dass es jemanden gibt, der einem Verstorbenen das letzte Geleit gibt. Weil wir ja alle diesen Weg gehen und der Tod eben etwas ist, das uns alle miteinander verbindet. Wir sind nun mal Sterbliche. Und diese Sterblichkeit, diese gemeinsame, miteinander geteilte Sterblichkeit macht einen ganz wichtigen, bestimmenden Teil unserer Identitaet als Menschen aus. Durch diese Rituale, durch diese Care (auch das Gedenken und eine Grabpflege, etc..oder sonstige Zeichen) gewinnt unser eigenes Leben als Sterbliche Sinn. Und zwar Sinn ueber diesen Tod hinaus.

  • Antje Hinze sagt:

    Danke für den Impuls, jetzt geh ich doch hin und schau mir den Film an! Liebe Grüße, Antje

Weiterdenken