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Rubrik handeln, vertrauen

Erfahrungen einer Feministin zum „Gottesbilder-Paradox“

Von Dorothee Markert

Eines der weiblichen Gottesbilder aus der Bibel

Eines der weiblichen Gottesbilder aus der Bibel

Ich mag Gottesdienste. Schon als Kind war ich todunglücklich, wenn es mir sonntags nicht in den Gottesdienst reichte, weil wir zu spät aufgestanden waren. Ich mochte unseren Dekan, den ich bei seinem Besuch im Krankenhaus, nachdem mir als Sechsjährige die Mandeln entfernt worden waren, gefragt hatte, ob er mich nicht mitnehmen könnte. Denn damals wurde den Eltern von Besuchen im Krankenhaus abgeraten, und daran hielten sich meine Eltern natürlich. Dieser freundliche, weißhaarige alte Mann, der später im KonfirmandInnenunterrricht eher hilflos reagierte, als einige Jungen Stinkbomben warfen, hat sicher mein erstes Gottesbild beeinflusst. Ich glaube, damit hatte ich Glück. Denn andere wurden von einem strengen Gottesbild verfolgt, von einem Über-Vater, der alles sah und Übertretungen erbarmungslos bestrafte. Zum Glück hat nicht mein Vater mein erstes Gottesbild geprägt – und auch nicht meine Mutter.

Gottesdienste tun mir gut. Sie leiten den Sonntag ein, helfen mir, zur Ruhe und zu mir selbst zu kommen, zu spüren, einfach da zu sein, und das mit anderen zusammen. Ja, auch die Zugehörigkeit zu einer Gemeinde ist mir wichtig, vielleicht gerade deshalb, weil ich als eigenständige Denkerin, Frauen liebende Frau und Feministin so lange darauf verzichten musste, irgendwo wirklich dazuzugehören. Meistens nehme ich aus der Predigt irgendeine neue Erkenntnis mit oder werde an eine erinnert, die ich wieder vergessen hatte. Einige meiner Freundinnen gehen meditieren, Mantras singen oder feiern Jahreszeitenrituale, andere finden Religion einfach überflüssig, ich genieße es, beim Klang der Kirchenglocken in die Kirche zu gehen. Ich mag auch die Liturgie christlicher Gottesdienste, den Wechsel von Singen, Beten, Zuhören, etwas Bekommen und etwas Geben. Und die Schönheit vieler Kirchenräume, den Blumenschmuck, die Musik.

Und doch kann ich vieles nicht von Herzen mitsingen oder mitsprechen. Inzwischen verstumme ich dann einfach, mitten in einem Lied oder Psalm und während großer Abschnitte des Glaubensbekenntnisses. Denn ich kann dieses einseitig männliche Gottesbild nicht mehr ertragen, den ständigen, selbstverständlichen Verstoß gegen das Gebot, sich von Gott kein Bildnis zu machen, in dem sich Christentum, Judentum und Islam nicht unterscheiden, auch wenn radikale Islamisten meinen, ihm nachzukommen, indem sie uralte, wunderschöne religiöse Kunst zerstören, was ja auch radikale Protestanten in der Anfangszeit getan haben. Ich denke, das Verbot, sich von Gott ein Bild zu machen, könnte die größte Errungenschaft der sogenannten monotheistischen Religionen sein, wenn dieser „blinde Fleck“ nicht wäre, der patriarchale Religionsstifter selbstverständlich annehmen ließ, dass Gott männlich sein müsse. Der Umgang mit dem Verbot, sich ein Bild von Gott zu machen, bleibt eine ständige Herausforderung, denn da wir Menschen vom Beginn unseres Lebens an nicht anders können, als bezogen zu sein, und da wir nicht anders denken können als in Bildern, ist es uns nicht möglich, in unserer Spiritualität ohne Gottesbilder auszukommen. Wir brauchen also Gottesbilder, aber wir müssen uns immer wieder klar machen, dass Gott ganz anders ist. Diese Herausforderung bezeichne ich als „Gottesbilder-Paradox“. Hilfreich im Umgang damit sind viele verschiedene und immer wieder neue Gottesbilder und ein sorgsamer Umgang mit der Sprache, in die sie gefasst werden. Das Konzept „Gott“ wird unbrauchbar, schädlich und gefährlich, wenn es auf ein bestimmtes Bild festgelegt und damit verfügbar wird. Wenn Menschen behaupten können, was sie täten, sei Gottes Wille, wie es derzeit von Kämpfern des IS zu hören ist.

In den vergangenen Jahren hatte ich das Glück, dass der Pfarrer der Gemeinde, die dadurch zu meiner werden konnte, sich sehr um eine nicht „verbrauchte“ Gottesdienstsprache und eine größere Vielfalt an Gottesbildern bemühte. Das gemeinsame Sprechen des Glaubensbekenntnisses „vergaß“ er meistens, oder er verwendete andere Texte dafür, Psalmen dichtete er selbst um, bei den Liedern wählte er die Strophen mit großer Sorgfalt aus, moderne Bibelübersetzungen waren ihm selbstverständlich. Er sprach von einem väterlich-mütterlichen Gott, von einem Feld der Möglichkeiten und irgendwann auch von der heiligen Geistkraft statt vom heiligen Geist. Obwohl er die „postpatriarchalen“ Bücher nicht las, die ich ihm empfahl, beispielsweise Gott dazwischen von Ina Praetorius, das eine Fülle an Gottesbildern und neuer Gottesnamen enthält, oder ihr Buch über das Glaubensbekenntnis, begegnete mir in seinen Gottesdiensten vieles von dem, was ich bei „meinen“ großen Denkerinnen gelernt hatte, bei Hannah Arendt, Simone Weil und den italienischen Differenzphilosophinnen. Inzwischen ist mir klar geworden, wie selten eine solche Umsetzung dessen, was theologisch längst Konsens ist, dass Gott natürlich kein Mann ist, in die konkrete Gottesdienstsprache immer noch ist, bei Pfarrern und leider auch bei Pfarrerinnen. Und dabei sind dafür doch oft nur minimale sprachliche Veränderungen nötig.

Meine Abneigung gegen die meistens im Gottesdienst verwendete Sprache und die darin aufscheinenden Gottesbilder ist sicher älter als meine bewusste Auseinandersetzung damit. So erkläre ich mir das Phänomen, dass ich als 18-jährige in Taizé nochmals von den dortigen Gottesdiensten berührt wurde, bevor ich mich für längere Zeit ganz von der Kirche abwandte. Denn dieselben Worte klangen in anderen Sprachen nicht so verbraucht und abgenutzt wie in meiner. Ich konnte sie für mich so füllen, dass sie mich erreichten. In deutscher Übersetzung sagen mir auch die meisten Taizégesänge bis heute nichts, in anderen Sprachen schon.

Nachdem ich Feministin geworden war und mich mit feministischer Theologie und dann sehr gründlich mit der Matriarchatsforschung auseinandergesetzt hatte, traten fast alle meine Mitstreiterinnen aus der Kirche aus, während ich mit der Gründung einer Frauenkirchen-Gruppe und der Einführung von monatlichen ökumenischen Frauengottesdiensten nochmals einen Versuch machte, Kirche dahingehend zu verändern, dass sie sich von den einseitig männlichen Gottesbildern und der entsprechenden Sprache mit ihrem ständigen „Herr“, „allmächtiger Vater“, „Sohn“ und „Geist“ verabschiedete. Der Widerstand dagegen und die Arroganz, mit der unsere Anliegen abgewehrt wurden, ließ mich schnell die Geduld verlieren, und so trat ich dann doch aus der Kirche aus. Die Teilnahme an Gottesdiensten – natürlich mit größtmöglicher innerer und äußerer Distanz (und einer stillen Sehnsucht) – ermöglichte ich mir dennoch, indem ich in verschiedenen Kirchenchören mitsang – natürlich nur wegen der Musik. Wenn ich auf Reisen Kirchen besichtigte, suchte und fand ich Bestätigungen für die Thesen der Matriarchatsforschung, die beispielsweise in Marien- und Heiligendarstellungen eine Kontinuität zu alten Muttergöttinnen entdeckt hatte, und freute mich darüber.

Bei einer Israelreise fand ich in Ausgrabungsstätten vieles von dem bestätigt, was Gerda Weiler in Das Matriarchat im alten Israel geschrieben hatte. Es war unübersehbar, wie die jeweils neuere Religion ihre Kultstätten über die der älteren errichtet hatte, die sie vorher zerstört hatte, wie sie teilweise sogar deren Material wiederverwendet hatte, und wie oft das ehemals Heilige zu etwas Verabscheuungswürdigem und Dämonischen wurde. Ich verstand, wie tief in der jüdisch-christlichen Tradition die Abneigung gegen weibliche Gottheiten verankert ist, deren Anbetung in biblischen Zeiten jahrhundertelang mit großer Brutalität bekämpft worden war. Ich bin überzeugt, dass an dieser Stelle ein Schuldeingeständnis nötig wäre wie in Bezug auf den christlichen Antijudaismus, damit eine postpatriarchale Kirche entstehen könnte, die nicht krampfhaft an männlichen Gottesbildern festhalten müsste, um ja keine weiblichen hochkommen zu lassen.

Ich brauche die Göttin hieß der Titel eines späteren Buches der Matriarchatsforscherin Gerda Weiler. Ich konnte das einerseits gut nachvollziehen, denn die durch die Frauenforschung ausgegrabene Erkenntnis, wie lange Menschen überwiegend zu Göttinnen gebetet hatten – Frauen und Männer – stärkte auch mein Selbstbewusstsein, ebenso wie es mir gut tat, dass in der evangelischen Kirche immer öfter Frauen Gottesdienste leiteten. Doch mit den Göttinnenritualen, die in einigen der damaligen Gruppen erfunden wurden, hatte ich Mühe. Mir gefiel zwar die Hinwendung zum konkreten Leben, zur Erde, zum Wachsen, Vergehen und Sterben, doch Gott, das Göttliche, war für mich dort nicht zu finden. Gott war für mich mehr als das, etwas anderes, das ganz Andere. Diese transzendente Gottesvorstellung und den in vielen Jahrhunderten gewachsenen kulturellen Schatz der Kirchen konnte und wollte ich nicht einfach so aufgeben. Und ich wusste ja inzwischen, beispielsweise durch die Erfahrung mit der Bibel in gerechter Sprache – in all ihrer Unvollkommenheit ­–, dass allein schon die Bibel eine Fülle an anderen Gottesbildern bietet, wenn wir auf die Urtexte zurückgehen und neue Übersetzungen wagen. Und dass es der Bibelübersetzer Luther war, der statt des im Jüdischen unaussprechbaren Gottesnamens und seiner Umschreibungen jedes Mal „Herr“ einsetzte.

Die Göttinnen-Ritualgruppen kamen für mich auch deshalb nicht in Frage, weil Gottesdienste für mich etwas Öffentliches waren, zu dem alle Zugang haben sollten, nichts, was sich nur in einem kleinen, fast privaten Zirkel abspielte. Ich wollte nicht zu einer spirituellen Gemeinschaft für Frauen oder einer Kirche für gleichgeschlechtlich Liebende gehören. Ich wünschte mir eine Kirche für alle mitten in der Welt.

Als ich mir dann später wieder den Besuch von Gottesdiensten erlaubte, half es mir gegen die einseitig männliche Sprache und die männlichen Gottesbilder, für mich ständig Übersetzungsarbeit zu leisten. Ich war wieder einmal in Taizé und schaute auf meine Lieblingsikone, drei weiblich aussehende Engel, die bei Abraham und Sarah zu Gast sind, als ich erstmals die Gesänge so umformte, dass weibliche Gottesvorstellungen in mir Raum gewinnen konnten. Manchmal musste ich dafür nur ein u in ein a umwandeln. Ich sang aber leise, tat das nur für mich. Dass mir weibliche Gottesvorstellungen irgendwie gut taten, war meine private Sache, ich wollte damit niemanden beeinflussen oder stören. Später reichte mir dann schon die „Übersetzungsarbeit“ in meinem Kopf, und ich hatte ja kurz darauf auch das Glück, an den oben erwähnten sprachlich sorgfältig arbeitenden Pfarrer zu geraten, in dessen Gottesdiensten ich nur wenig „Übersetzungsarbeit“ leisten musste. Es sah so aus, als hätte ich eine einigermaßen erträgliche Lösung für mein Gottesbilderdilemma gefunden, auch wenn meine politische Seite damit natürlich nicht zufrieden war.

Und dann las ich den Artikel von Antje Schrupp, der alles wieder änderte.

Sie veröffentlichte ihn nicht etwa in einem kirchennahen Medium, sondern in einer linken Zeitschrift, was ja zeigt, dass sie sich eher von AtheistInnen Gehör erhoffte als von Angehörigen von Religionsgemeinschaften. Als ich auf den Artikel hinwies, habe ich inzwischen auch schon die Erfahrung gemacht, dass Kirchenleute sofort abwinken, wenn sie nur den Titel lesen, den ich allerdings auch nicht für optimal halte.

Weil sie das Konzept „Gott“ zu wichtig findet, um es fallen zu lassen, und zwar nicht im Hinblick auf schöne spirituelle Erfahrungen, sondern aus politischen Gründen, plädiert sie dafür, so lange männliche Pronomen durch weibliche zu ersetzen, wenn von Gott gesprochen wird, bis unsere von einer jahrhundertealten patriarchalen Beeinflussung verformten Gottesvorstellungen nicht mehr jede Ritze unserer Kultur verkleben „wie ein altes Kaugummi“, sodass der Begriff Gott und damit natürlich auch Gott selbst, fast unbrauchbar geworden ist. Solange man sich Gott als eine Art Chef vorstelle, der als alter Mann im Himmel sitze und uns Anweisungen gebe, sei der Begriff unbrauchbar. Mit ihrem Vorschlag gehe es ihr nicht um Geschlechtszugehörigkeit. Aber wenn Gott weiblich gedacht werden könne, entstehe auch ein anderes Gesamtbild.

Und darum geht es ja auch mir, wenn ich männliche Gottesbezeichnungen stillschweigend in weibliche umforme. Hier stoßen wir wieder auf das Paradox, das es so schwer macht, von Gott zu reden. Wir brauchen die Möglichkeit, Gott geschlechtlich zu denken, weil wir aufgrund unserer menschlichen Erfahrungen eine personale Bezogenheit zu einem anderen Wesen nur schwer nicht-geschlechtlich denken können. Wenn Antje Schrupp über „die Gott“ schreibt, klingt das beispielsweise so:

„Wenn Gott nicht länger der Zampano sein soll, der mit Blitz und Donner regiert, kann man sie leichter in den alltäglichen Dingen entdecken. Unvorhergesehene Wendungen, Geistesblitze, glückliche Fügungen: Das ist sie. Wenn jemand in einer Diskussion etwas sagt, das die Debatte wirklich weiterbringt, wenn uns plötzlich ein Licht aufgeht, wenn ich in einer brenzligen Lage geistesgegenwärtig das Richtige tue, wenn irgendwo ein frischer Wind weht, dann hat Gott geholfen. Ist es nicht gut, sich klarzumachen, dass das nicht selbstverständlich ist? Dass man Glück hatte? Denn es kommt ja auch vor, dass Gott sich nicht blicken lässt. Gottes Geist weht, wo sie will. Oder eben auch nicht.“

„Wenn Gott männlich ist, dann ist das Männliche Gott“, schrieb Mary Daly in ihrem Buch Jenseits von Gottvater, Sohn & Co. Bei Antje Schrupps Vorschlag geht es aber gerade nicht darum, diesen Satz umzudrehen, wie es vielleicht teilweise in Göttinnenreligionen versucht wurde, sondern sich von der männlichen Vorstellung, die an dem Wort „Gott“ klebt, freizumachen. Denn, so Antje Schrupp, „niemand kann sagen, dass sie Gott wirklich versteht. Gott ist nicht Einer, sondern Differenz, Gott ist nicht Dieses, sondern das Andere. Gott ist nicht Etwas, sondern die Leerstelle, über die wir nicht verfügen können, von der aber dennoch unser Leben und die ganze Welt abhängen. Gott ist ein „Mem“, in dem Wissen, Erfahrungen, Theorien und Geschichten zusammengefasst sind. Geschichten, die sich damit auseinandersetzen, dass Menschen niemals alles in der Hand haben. Dass nie über etwas wirklich das letzte Wort gesprochen ist, dass ständig etwas Unerwartetes geschehen kann, und zwar im Positiven wie im Negativen. Dass da immer noch jenes Andere ist, das unsere Pläne und Prognosen möglicherweise durchkreuzt.“

Eine Gesellschaft, die Geschichten, Rituale und Verhaltensregeln im Repertoire habe, die dieses Wissen kultivieren, sei klüger als eine, die das Unverfügbare einfach achselzuckend unter Zufall abhefte oder glaube, es durch ausgefeiltere Prognosen und Versicherungen doch irgendwann noch eliminieren zu können. Ein einfaches „So Gott will“ könne menschliche Vorhaben und Projekte, die ernsthaft unter diesen Vorbehalt gestellt werden, nur besser machen. Es bringe realistischere Bilder von Aktivismus, von Erfolg und Niederlage, von Menschsein und Autonomie hervor.

Antje Schrupps Argumentation hat mich überzeugt, meine „Übersetzungsarbeit“ nicht mehr nur still für mich zu machen, sondern in die Welt hinauszutragen. Und so singe und spreche ich jetzt im Gottesdienst laut mit, ersetze aber jedes „Herr“ durch „Gott“, außer wenn von Jesus die Rede ist, dann passt meistens das Wort „Christ’“. Ansonsten verwende ich weibliche Pronomen, auch diese passen fast in alle Lieder und Texte. Nur ab und zu muss ich noch verstummen, weil mir so schnell kein Ersatz einfällt. Und, ja, ich spreche und schreibe darüber, in der Hoffnung, andere überzeugen zu können und viele NachahmerInnen zu finden.

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Bruni K sagt:

    Liebe Frau Markert,
    der obige Link zu Antje Schrupp funktioniert nicht.

    Aus meiner Erfahrung beim Nachdenken über Gott: es ist nicht notwendig, das Personale geschlechtlich zu denken. Noch besser wird es, wenn man ES – das GÖTTLICHE PRINZIP – denkt, das kosmische Wirkprinzip als Zielgeber, als Zielursache, zu der hin alle Entwicklung geschieht (siehe auch Teilhard de Chardins Bild vom Omegapunkt). Erst an dieser Stelle (kindliche Christin – erwachsene Atheistin / Wissenschaftliern) konnte ich mich überhaupt wieder dem Gottbegriff annähern, jedoch nur, wenn ich GOTT WEDER männlich NOCH weiblich denken musste.
    Herzliche Grüße

  • ursula jung sagt:

    Liebe Dorothee,da habe ich ja eine Schwester im Geist gefunden!
    Ich liebe auch das Glockengeläut,meine wunderschöne Gotische Marienkirche mit der kostbaren Orgel,die Gelegenheit, mit anderen Menschen zu singen.Es hat mir Spaß gemacht,oft ein „er“ durch ein „sie“ zu ersetzen…..Da niemand meinen Protest wahrgenommen hat, bin ich aus der Kirche ausgetreten.
    Das hat aber auch niemand wahrgenommen,weil ich alte Frau keine Kirchensteuer mehr zahle.
    So bin ich also wieder eingetreten. Dann werden zu meiner Beerdigung wenigstens meine geliebten Kirchenglocken läuten.

    Meine große Enttäuschung ist,daß sich niemand in meiner
    Heimatstadt Lemgo,ja in der ganzen Lippischen Landeskirche, für die „Bibel in gerechter Sprache“ interessiert.

  • Dorothee Markert sagt:

    Sorry, jetzt funktioniert der Link auch im Text.
    Und danke für den Kommentar.

  • Dorothee Markert sagt:

    Wirklich niemand? Das kann ich mir nicht vorstellen.

  • ursula jung sagt:

    Du hast Recht,Dorothee. Ich kenne eine Pfarrerin, die in Ihren Klinikgottesdiensten ankündigt, daß sie aus der „Bibel in gerechter Sprache“ vorliest.Noch nie hat sie jemand darauf angesprochen,oder sich dafür bedankt.
    Ich begleite die Lieder auf dem Flügel.Manchmal singe ich laut „Gott“ statt „Herr“ oder „sie“ statt „er“.
    Es hat sich leider noch kein Mensch beschwert, sodaß es zu einem Gespräch gekommen wäre.
    Die kranken Menschen bedanken sich bei mir für die Musik. Die gibt es in der Klinik nur im Gottesdienst,(nicht Göttinnendienst) zu hören.Dafür sei der Kirche Dank!

  • Cornelia Roth sagt:

    Liebe Dorothee,
    ich mache es genauso wie Du: männliche Pronomen durch weibliche ersetzen, auch unterträgliche Bilder durch andere ersetzen und zwar hörbar – aber das erfordert viel Kreativität im Gottesdienst. Ich mache das, weil mir das „Du“, der Bezug zum Göttlichen als Personellem hilft und ich dabei bleiben möchte, selbst wenn ich weiß, das ein personelles Gottesbild immer eine Einschränkung bedeutet. Und andererseits auch nicht: wenn Gott sich „dazwischen“ befindet und das „Dazwischen“ ist, dann kann der Bezug zum „Du, Gott“ oder „Du, Göttin“ eine Spur sein. Ich danke Dir dafür, wie persönlich Du in Deinem Artikel schreibst und von Deiner Geschichte mit Gott und dem Göttlichen erzählst.

  • Eli Wolf sagt:

    Ein wunderbarer Text!!!!
    Danke – denn er macht mir Mut als Pfarrerin weiterhin in Gottesdiensten eine Sprache mit weiblichen Gottesvorstellungen zu gestalten.
    Obwohl ich mich damit manchmal einsam fühle.

  • Fidi Bogdahn sagt:

    „Wir brauchen die Möglichkeit, Gott geschlechtlich zu denken,
    weil wir aufgrund unserer menschlichen Erfahrungen eine personale Bezogenheit zu einem anderen Wesen nur schwer nicht-geschlechtlich denken können“ schreibt Dorothee,
    und sie schreibt es aus ihrem Leben mit und in der Kirche…
    Aber, frag ich mich, die ich Gott nicht mehr „denke“:
    ist die Sichtweise, dass es sich da um eine „Bezogenheit zu einem anderen Wesen“ handelt, nicht schon die Einschränkung des „ganz Anderen“ und somit geradezu eine Unmöglichkeit?

  • Gabriele Medam sagt:

    Danke für den Artikel. Im Schwäbischen wird oft unnötiger Weise „der Gott“ gesagt, selbst an Stellen, wo gar kein Artikel notwendig ist. z.B.: Der Gott hat die Welt gemacht. Das wird für mich in nächster Zeit, ein Gesprächsanlass sein.

  • Dorothee Markert sagt:

    Liebe Fidi, danke sehr für deinen Kommentar, durch den mir noch klarer geworden ist, worum es mir bei Antjes Vorschlag und in meinem Text geht. (Das ist auch eine Antwort an Bruni K.). Gott als das ganz Andere zu denken, als Göttliches Prinzip, als Leerstelle, als das Fern-Nahe usw., also nicht personal und nicht geschlechtlich, sei „für Fortgeschrittene“, schreibt auch Antje in ihrem Artikel. Die Frage ist aber doch, wie kommen wir hinsichtlich unserer aus der Kindheit mitgeschleppten Gottesbilder, wie kommen die Kirchen in ihren Gottesdiensten weg von dem Kleben an männlichen Gottesbildern. Auch viele, die „das Konzept Gott“ heftig ablehnen, sind ja nicht frei von diesen Gottesbildern, wie auch Antje schreibt. Es geht also um eine Praxis, oder noch besser um eine Praktik (mehr dazu unter http://www.bzw-weiterdenken.de/2007/03/ein-philosophischer-und-politischer-streit-uber-das-verstandnis-von-praxis/), um Schritte zur Veränderung Richtung mehr Offenheit der Gottesbilder zu gehen, nicht um eine Lösung. Das Kleben an weiblichen Gottesbildern wäre ja mehr vom Gleichen. Deshalb hat es mir ja auch nicht geholfen, statt Gott eine Göttin anzubeten. „Die Gott“ oder „das Gott“ ist ein Schritt weg vom Gott-gleich-Mann-Denken und -Empfinden. Und diese Erfahrung mache ich, wenn ich weibliche Pronomen verwende, und das verändert tatsächlich das Gesamtbild, wie Antje schreibt, und tut mir tief in der Seele gut.

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Wieder so ein Paradox „Schritte zur Veränderung Richtung mehr Offenheit der Gottesbilder“ und ja, die führen nicht zu einer Lösung. Denn nach dem einen Schritt denkt sich der nächste Schritt…- das ist der Lauf der Bilder.
    Aber, liebe Dorothee, ich weiß schon, was du und wie du es meinst.
    Letztlich soll es doch unser aller Seelen gut tun. 🙂
    Und ich kann für mich nur sagen: meine „Seele“ denkt da nicht mehr, obwohl ich herrlich geprägt bin -weiß Gott!, sondern sie freut sich einfach „in dem lebendigen Gott“
    (wie es mir durch meinen KonfirmationsSpruch mitgegeben worden ist).
    Das ist meine erLösung.

  • Bernd Kehren sagt:

    Bilderverbot:
    Im biblischen Zusammenhang geht es nicht darum, dass jegliche Bilder verboten seien, sondern es geht um (Schnitz-)Bilder zum Zwecke der Anbetung.
    Die dialektische Theologie hat zu Recht festgehalten, dass Gott immer der ganz andere ist, wobei auch das nicht auf das Geschlecht festgelegt ist. Wie es oben im Aufsatz ja auch zum Ausdruck kommt.

    „Herr“:
    Das war nicht Luthers Schuld! Das Judentum spricht das Tetragramm nicht aus und spricht _über_ Gott von „HaSchem“ „Der Name“ (vgl. Vaterunser: geheiligt werde dein Name) und in der direkten Gebetsanrede „Adonai“ „Mein Gott“. In den Hebräischen Bibelausgaben des Mittelalters werden die Konsonanten von J-H-W-H mit den Vokalen von HaSchem bzw. Adonai vokalisiert. Wenn Luther „HERR“ oder „HErr“ drucken ließ, entsprach das genau dieser jüdischen Sprechweise. Wenn man so will: daran war Luther unschuldig.
    Zumal das Urchristentum von Jesus als dem einen „Herrn“ = „Kyrios“ sprach im Gegenüber zu aller anderen menschlichen Herrschaft. Da war Luther ganz sicher nicht selbstherrlich, auch wenn er sich dort klare Nachteile einkaufte.

    Was die evangelischen Gottesdienste betrifft, verweise ich gerne auf die gültigen Agenden.
    Im lutherisch-unierten „evangelischen Gottesdienstbuch“ gilt als 5. „maßgebliches (!) Kriterium“ seit 1999 bzw. 2000 ausdrücklich:

    „5. Die Sprache darf niemanden ausgrenzen; vielmehr soll in ihr die Gemeinschaft von Männern, Frauen, Jugendlichen und Kindern sowie von unterschiedlichen Gruppierungen in der Kirche ihren angemessenen Ausdruck finden.
    Die Kirche ist eine Gemeinschaft von Männern und Frauen, von Alten und Jungen, von Personen in hohem öffentlichen Ansehen und solchen am Rand der Gesellschaft, von Mehrheiten und Minderheiten. Niemand darf im Gottesdienst durch Wort oder Verhalten ausgegrenzt oder beiseite geschoben werden. Diese Forderung betrifft vor allem einen sorgfältigen Umgang mit der Sprache im Sinn einer inklusiven Sprache: Zum Beispiel sind männlich geprägte Begriffe entweder durch weiblich geprägte zu ergänzen oder durch neutrale zu ersetzen. Das erfordert, eingeschliffene Sprachgewohnheiten zu durchdenken und gemäß den unterschiedlichen Lebens- und Glaubenserfahrungen von Männern und Frauen zu verändern. Im Sprechen von Gott und zu Gott gilt es, den Reichtum der Bibel an Sprache und Bildern neu zu entdecken und die liturgischen Texte damit anzureichern. Schließlich geht es darum, eine liturgische Sprache zu finden, die – z.B. Kinder oder Jugendliche im Konfirmandenalter – anspricht. Im Gottesdienstbuch ist ein Anfang dazu gemacht; bei der konkreten Gottesdienstgestaltung in der Gemeinde kann und soll er weitergeführt werden.“

    In der reformierten Agende („Reformierte Liturgie“) heißt es dazu:

    „6. Die Reformierte Liturgie bemüht sich um nicht-ausgrenzende Sprache (inclusive language). Dabei geht es um mehr als nur um das Vermeiden einzelner frauenfeindlicher Stereotype. Das gesamte gottesdienstliche Sprachverhalten muss formal wie inhaltlich der Tatsache Ausdruck verleihen, dass das Volk Gottes aus Männern und Frauen besteht, denen Gott gleiches Recht und gleiche Würde zugedacht hat. Die
    Bibel bezeugt Gott selbst in männlichen und weiblichen Bildern – auch dem gilt es Rechnung zu tragen. Schließlich weist die Forderung nach nicht-ausgrenzender Sprache über das Verhältnis von Männern und Frauen hinaus. Es geht um den achtsamen Umgang mit An-den-Rand-Gedrängten, mit Minderheiten.“

    Und weiter heißt es:

    „Gottesdienstliche Sprache
    Evangelischer Gottesdienst folgt von Anfang an dem Grundsatz, keine gesonderte gottesdienstliche, sakrale Sprache zu verwenden, sondern sich der Volkssprache zu bedienen. Welche Sprachebene in einem Gottesdienst gewählt wird, hängt von der teilnehmenden Gemeinde ab.
    Bei der sprachlichen Gestaltung des Gottesdienstes muss nicht nur darauf geachtet werden, eine gehobene Umgangssprache statt eines gerade aktuellen Jargons zu treffen. Es müssen auch Sprachformen vermieden werden, die nur für Menschen mit intensiver Bibelkenntnis oder für Personen mit akademischer Ausbildung verständlich sind.
    Die Gestaltung des Gottesdienstes muss heute insbesondere darauf bedacht sein, auch sprachlich sichtbar werden zu lassen, dass die Gottesdienstgemeinde aus Männern und Frauen besteht. So wenig eine bloß mechanische Verwendung männlicher und weiblicher Wortformen die Lösung sein kann, so sehr ist darauf zu achten, keine Sprache zu sprechen, die einseitig männlich oder weiblich orientiert ist. Dies gilt auch für Ausdrücke, die von ihrem Ursprung her äußerlich geschlechtsspezifisch, der Absicht nach aber allgemein-menschlich (generisch) gebildet sind. Wenn der generische Charakter eines Ausdrucks nicht mehr empfunden wird, gewinnt er sexistischen Charakter auch gegen die Intention des Sprechenden.
    So meint das Wort »jeder« ursprünglich »jeder Mensch« und umfasst Männer und Frauen. Heute wird von vielen spontan das Wort »Mann« ergänzt und darum die Wendung in »jeder und jede«, d.h. jeder Mann, jede Frau, verändert. Weil sich das Sprachempfinden jedoch nicht bei allen Teilnehmern und Teilnehmerinnen an der sprachlichen Kommunikation zur selben Zeit und in derselben Weise ändert, kann eine unterschiedliche Praxis zustande kommen, die von den jeweils anders Empfindenden als störend betrachtet werden kann. Über die Antwort auf die Frage, was denn nun »richtig« sei, lässt sich mitten im Sprachwandel oft keine von allen getragene Antwort geben.

    Besondere Sorgfalt sollte auf die Formulierung der Gottesanrede verwendet werden, insbesondere in den Gemeindegebeten. Das Beten in der Bibel weist einen großen Reichtum an Wendungen auf, die das Wesen Gottes, wie es in seinem Handeln erfahrbar wird, umschreiben. Jede Gottesanrede hat zwangsläufig metaphorischen Charakter. Darum ist es wichtig, viele unterschiedliche Metaphern aus verschiedenen Lebensbereichen zu verwenden, damit nicht eine einzelne Metapher zum »Bild« wird, das Gott festlegt. Weil die geschöpfliche Unterscheidung von männlich und weiblich auf Gott nicht angewendet werden kann, sollte auch in unseren Gottesanreden keine einseitige Festlegung getroffen werden.
    Am Beispiel der Gottesanrede »Herr« lässt sich die Schwierigkeit des hier zu begehenden Weges erkennen. Diese Anrede vertritt nach altem jüdischchristlichen Gebrauch den alttestamentlichen Gottesnamen. Für Christen und Christinnen schwingt in dieser Anrede auch der »Kyrios-Titel« mit, der dem erhöhten Christus beigelegt ist. Es muss jedoch angenommen werden, dass der übergroßen Mehrheit der Menschen in der gottesdienstlichen Gemeinde diese Assoziation nicht zur Verfügung steht. Bei ihnen kann die
    Gottesanrede »Herr« eher die Assoziation von Macht, ja Übermacht, wecken; die Gottesvorstellung kann dadurch despotische Züge gewinnen.
    Oder die Anrede »Herr« wird dahingehend missverstanden, dass Gott ein Mann sei.
    Trotz der Problematik dieser Anrede ist in der Reformierten Liturgie die Gottesanrede »Herr« nicht aufgegeben worden. Sie erfordert jedoch einen wohlüberlegten Gebrauch und sollte keineswegs die einzige Gottesanrede sein. So sehr sie als Anrede ein großes Gewicht am Anfang eines Gebetes
    besitzt, kann sie doch in die weiteren Inhalte des Gebets und die damit angesprochenen »Eigenschaften« Gottes so eingebettet werden, dass sie ihren guten Klang behält und das jederzeit mögliche Missverständnis weitgehend vermieden wird.
    Wir halten auch die schlichte Anrede »Gott« für möglich; sie wird von vielen jedoch als kalt und distanziert empfunden und sollte nur eine Anredeform unter vielen anderen sein.
    Generell ist bei der Gestaltung der gottesdienstlichen Sprachwelt zu bedenken, dass die Sprache zwar durch eine unreflektierte Weiterführung überkommener Formen sexistischen Charakter gewinnen kann, dass aber auch eine ständige Verwendung von Doppelformulierungen, also männlicher und weiblicher Bezeichnungen, gleichsam zu
    einer Sexualisierung der Sprachwelt führen kann.“

    Wenn Pfarrerinnen und Pfarrer in der EKD lutherisch/uniert auf der einen oder reformiert auf der anderen Seite sich nicht daran halten, verstoßen sie klar gegen die gegenwärtig gültigen liturgischen Regeln ihrer Landeskirchen bzw. der EKD.

    Inklusive Sprache ist geltendes Kirchenrecht könnte man sagen, auf das man Gottes Bodenpersonal ruhig festnageln darf.

    In den protestantischen Kirchen Deutschlands sind nach den geburtenreichen Jahrgängen in den 80er und 90er Jahren zahlenmäßig nur noch sehr reduzierte Jahrgänge junger Theologinnen und Theologen eingestellt worden. Das betraf leider genau jene, die an den Fakuläten auch mit jüdisch-christlichem Dialog und feministischer Theologie segensreich konfrontiert wurden.
    Manches, was ich seit spätestens 1985 für theologisch selbstverständlich halten würde, ist offenbar vergessen worden und muss jetzt anscheinend neu erkämpft werden.

    Ich bin nicht mal sicher, ob inzwischen eine neue Generation von Lehrpersonal an die Fakultäten gekommen ist, denen das nicht mehr wichtig ist. Oder ob ich an besonders fortschrittlichen Unis gelernt habe. Aber das kann ich nicht beurteilen.

  • Ute Plass sagt:

    Als ich heute im Deutschlandfunk,
    http://www.deutschlandfunk.de/sigmund-freud-der-mensch-als-maschine.886.de.html?dram:article_id=298275
    anlässlich des 75. Todestages von Sigmund Freud, den Satz hörte:
    „Religion ist für Freud nur Ausdruck eines infantilen Wunsches nach einem übermächtigen Vater – eine Pathologie, die es zu behandeln gilt.“, dachte ich: „Stimmt“.
    Daher wäre, wie @Dorothee schreibt: „Das Kleben an weiblichen Gottesbildern ja mehr vom Gleichen.“
    Finde ich auch. 😉
    Nichtsdestotrotz kann das Denken von verschieden geschlechtlichen Gottheiten hinführen zu *Gott als das ganz Andere, Fern-Nahe…*. Mir persönlich geht besonders „Gott als Leerstelle“ sehr zu Herzen, weil es (m)ein Ort der Sehnsucht ist nach dem, wie es Dorothee Sölle in ihrem Buch „Mystik und Widerstand“ schreibt: „mehr als alles“.

    *Gott* selber scheint mir das Paradox zu sein , weil es so was wie einen Gottesglauben gar nicht braucht, um zu spüren, wie sehr er-sie-es einem fehlt.

  • Ute Plass sagt:

    Vielleicht interessiert sich jemand für die folgende Veranstaltung in Frankfurt am 17.-19. Oktober 2014:

    „gott-macht-sprache“

    http://www.pro-konzil.de/wp-content/uploads/2014/09/flyer_klein.pdf

  • Fanny sagt:

    Liebe Dorothee Markert,

    sí señora – así es: So ist es! Vielen Dank für diesen wunderbaren, anregenden, mir Identifikation und Heimat schenkenden Artikel, der so vieles widerspiegelt, was ich selbst ge- und erlebt habe, denke, fühle und jeden Tag [mit vielen schwierigen Fragen und viel Spaß] aus Neue beackere, auf dass es [immer] fruchtbar[er] werde und jedes Jahr schöner aublühen darf.

    Besonders die Beschreibungen Deiner Taizé-Erfahrungen freuen mich sehr – mir geht’s sehr, sehr ähnlich! Wäre ich nicht in Taizé so unendlich zärtlich dafür aufgeweckt worden, dass es so etwas wie ein Mysterium geben könnte, wäre ich heute nicht da, wo ich bin – an dem Punkt, wo ich mir Gedanken machen und mich Gefühlen darüber hingeben kann, wie ich ich darüber sprechen will.

    Dass ich natürlich mit dem Herren-Vokabular, mit der ständigen Abwertung der Dunkelheit etc. extrem unzufrieden bin, ist ein Punkt, den ich auch immer wieder dorthin trage und für den ich auch jedes Mal, von Frauen wie von Männern [und von dem einen oder anderen Bruder!], viel Verständnis und Zustimmung und Lust auf gemeinsamen Aufbruch bekomme – und in diesem Boden fühle ich meinen Widerspruch gut aufgehoben, eingepflanzt und fähig zu wachsen.

    Mit Taizé-Liedern wie „Behüte mich Gott“ kann ich auch auf Deutsch viel anfangen, seit ich mich im permanent und zügig voranschreitenden Prozess befinde, jegliche männliche Assoziationen mit dem Wort abzulegen – Du nicht, tatsächlich? Beim gerade zu Ende gegangenen Taizé-Treffen in Prag haben ich und eine Freundin gerade „El Senyor és la meva força“ zu „La Senyora la meva força“ umgedichtet. Während der Gebete singe ich dann allerdings doch, was [fast?] alle singen, weil ich mich nicht hingeben kann, wenn ich gegensteuere, und die Energie des Gesangs für mich auch bei den „falschen“ Worten die richtige bleibt – außer bei „In Manus Tuas *M*ater“, das geht so wunderbar leicht und unauffällig. Das „Vater unser“ mache ich allerdings nicht mit, Glaubensbekenntnisse jeglicher Art schon gar nicht.

    Besonders lieb‘ ich natürlich diejenigen wenigen, aber vorhandenen Chants, wo keinerlei Referenzen auf männliche Gottesbilder vorkommen [„Toi tu nous aime – source de vie“]. Auch, dass das Bild der Quelle [–die– Quelle, –la– source, –la– fuente, –a– fonte etc.] etc. im Taizé-Imaginarium ganz wichtig ist, erfüllt mich mit Freude – und als ich jetzt vor drei Wochen in Taizé, am physischen Ort, wieder zur tatsächlichen Quelle in der Landschaft gegangen bin, ist mir, für mich, aufgegangen, dass dort einfach ein uralter Kraftort der Erde ist, wo sie eine zutiefst, zutiefst weibliche Energie mit uns teilt. Dass der Mensch, der die Erde dort so spüren konnte, eben ein Mann und natürlich auch ein Kind seiner Zeit und seines Mileus, also ein 1915 geborener Schweizer Pastorensohn war, diese Liebe dann geehrt und kultiviert hat mit dem Vokabular, das er zur Verfügung hatte, und diese Energie in seine Tradition getragen hat – das hatte sicher seinen Sinn, und es liegt für mich auch viel Schönheit darin.

    Ich glaube, es geht [mir] einfach nicht mehr um Revolution. Es geht um Transition. Und die ist offensichtlich längst in vollem Gange und einfach nicht mehr aufzuhalten. Die Jungs lernen ja auch dazu, stell ich jedes Mal aufs Neue wieder zu meiner großen Freude fest: Am 1. Januar wurde beim Abendgebet in Prag eine Fürbitte für „unsere Mutter Erde“ gelesen. Für mich sind sie wahre Söhne der Göttin [ja, in diesem Fall der Göttin!], nur halt nach wie vor mit Sprachproblem. Aber es wird schon, es wird schon!

    Im Moment mache ich die Ausbildung in Moderner Matriarchatsforschung bei Heide Göttner-Abendroth und bin natürlich auch schon länger bei diversen Jahreskreisfesten und Göttinnenzirkeln dabei – und ich kann Dir gar nicht sagen, wie sehr ich jeden Satz, jedes Wort unterschreiben möchte, den bzw. das Du oben über diese Rituale und Denk- und Fühlweisen schreibst!

    Ich bin unendlich dankbar dafür, dass es all diese Bewegungen und Kreise gibt und so viele wunderbaren Frauen [und einige Männer] so viel Kraft, Zeit und Liebe dafür und darin geben – aber/und: Ich finde es schwierig, in diesen Kreisen einen differenzierten Dialog über das eigentlich Unsagbare mit Frauen zu führen, die wohl zuerst einmal durch eine ganz lange und starke Phase der Selbstaffirmation als Frau in dieser Welt gehen müssen, und wollen, bevor sie solche Gedanken überhaupt zulassen können [so mein Eindruck].

    Habe bei der Ausbildung auch schon ganz zu Anfang eingebracht, dass ich ich persönlich den Begriff „Göttin“ – nach einigem Nachfühlen, zu meiner eigenen unendlich großen Überraschung! – nur in ganz wenigen Situationen als notwendig empfinde und mich momentan ganz wohl damit fühle, das Wort „Gott“ und dazu dann eben immer weibliche Personalpronomen oder auch – wie ja in einem progressiven anglosaxonischen theologischen Diskurs mittlerweil durchaus üblich, soweit ich das sehe – einfach *keinerlei* Personalpronoemn zu verwenden – einfach nur „Gott“ und Gottes“. Ich habe das damit begründet, dass ich anschlussfähig bleiben will – bei meinen muslimischen und christlichen KursteilnehmerInnen, FreundInnen etc. Gegenfrage war: Warum will ich denn anschlussfähig an derartig Ablehnenswertes bleiben? — Ja, warum? Momentan bin ich an dem Punkt, wo ich glaube, unabhängig von aller matriarchatsforscherischer und genereller politischer Klarsicht kann die Antwort darauf nur aus einem unendlichen Vertrauen auf etwas, das unsere Worte und Ausdrucksformen weit übersteigt, und aus einem versöhnten Herzen kommen. Und das bringt mich dann immer wieder nach Taizé.

    Es gäb‘ noch viel zu sagen, aber für’s Erste bleibt’s hierbei: Danke, danke, danke für diesen wunderbaren Text! Viel Kraft, Freude und Lust beim Differenzieren und Klarsehen und Klar- und Ganz- und Heilmachen!

  • „Mir gefiel zwar die Hinwendung zum konkreten Leben, zur Erde, zum Wachsen, Vergehen und Sterben, doch Gott, das Göttliche, war für mich dort nicht zu finden. Gott war für mich mehr als das, etwas anderes, das ganz Andere.“

    Die hier angesprochene und mir unmittelbar einsichtige Problematik ließe sich auch lösen, indem das MONO im „Konzept Gott“ aufgegeben wird. Warum nicht zwei? Ähnlich Purusha und Prakriti, Shiva & Shakti…. und wenn das dann gewirkt hat, vielleicht noch weitere Vorstellungen. Für jene, die nicht weiblich oder männlich „gelesen werden“ wollen.

    Katholische Gläubige hätten damit vielleicht geringere Probleme, gibt es da doch diese Tradition der Heiligen verschiedener Geschlechter, die individuell für bestimmte Daseinsaspekte ansprechbar waren.

    Ich kannte auch mal einen „weisen alten Mann“, der den „heiligen Geist“ als die (als Taube getarnte) Frau in der göttlichen Triade ansah. Eine Gott-Version, die immerhin mehr Stütze in der Überlieferung hätte als die Vielgötterei.

  • Ein erhellender Erfahrungsbericht: Danke!
    Für mich ist seit meinem Studium Gott „die Macht in Beziehung“ (Carter Heyward); gerade so, wie Dorothee Markert Antje Schrupp zitiert: das Einfallen einer durchscheinenden Wirklichkeit, welche das Untere nach Oben kehrt und das Obere nach Unten. Gerade dieser Subversion wegen, kann ich auf sie nicht verzichten.
    Im Gottesdienst achte ich geschlchtergerechte Sprache; -gerade auch in der Gottesrede und benotze dazu die „Bibel in gerechter Sprache“.
    Dass in der Gemeinde so wenig Resonanz für Theologie aus Frauensicht besteht, ist jedoch eine immer wieder ernüchernde Tatsache für mich. Jene, welche sich dafür interessieren und/oder sensibel sidn dafür, haben der Institution längst den Rücken gekehrt.

    Leider haben sich die Menschen – auch gerade Frauen- an eine männliche Gottesrede und die damit implizierte patriarchale Theologie gewöhnt, sodass es scheint, als ob dies eine unhinterfragte und -hinterfragbare Selbstverständlichkeit geworden wäre.
    Die feministische Theologin Elisabeth A. Johnson schreibt in ihrem Buch „Ich bin, die ich bin. Wenn Frauen Gott sagen.“ Düsseldorf 1994 aud S. 63: „Wenn von Gott ausschliesslich in patriarchalen Begriffen gesprochen wird, so ist dies ein Werkzeug subtiler Abrichtung, das dahin wirkt, das Bewusste in der eigenen Würde, Macht und Selbstachtung der Frauen zu schwächen.“ (a.a.O.)

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