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Political Correctness. Geschichte einer Konstruktion

Von Franziska Schutzbach

Franziska Schutzbach schrieb den folgenden Text vor einigen Jahren im Auftrag der „NZZ am Sonntag“. Der Text wurde jedoch nicht publiziert, mit dem Argument, er habe zu wenig aktuellen Bezug. Sie findet jedoch, dass er den aktuellen Bezug damals längst hatte, und heute erst recht. Einiges würde sie heute umschreiben, zuspitzen, präzisieren. Aber auch so wie er ist, passt er gut.

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Der Siegeszug des Gutmenschen-Bashing hat dazu geführt, dass Fragen der sozialen Gerechtigkeit oder der Diskriminierung heute als moralistisch abgetan werden.

Als der Schweizer Medien-Financier Tito Tettamanti vor einigen Jahren seinen Rückzug vom Basler Medienhaus bekannt machte, gab er den JournalistInnen einen Tipp: Journalismus müsse wieder unbequem werden, zuviel „political correctness“ schade.

Das Political-Correctness-Bashing im Stile Tettamantis ist nicht neu, es folgt einer altbekannten Argumentation, bei der eine politisch korrekte Verschwörung durch Linke und Gutmenschen unterstellt wird. Neu ist, dass die angebliche Tyrannei der Gutmenschen auch in der Schweiz zu einem der erfolgreichsten Polit-Märchen avanciert ist (die Jagd auf PC spielte sich in den 1970er und 1980er Jahren vor allem im US-amerikanischen Raum ab, dort ist die Sache längst wieder abgeflaut). Blocher, Köppel und eine ganze Armada selbsternannten Meinungsfreiheits-Apostel haben das Feindbild „political correctness“ zu Beginn des Jahrtausends in die Schweiz importiert und eine regelrechte Tea-Partysierung der Schweiz erreicht. Die „politisch Korrekten“ werden sukzessive beschuldigt, die Realität zu verwischen, gegen die Meinungsfreiheit zu sein, Probleme tot zu schweigen und dem Land eine Diktatur der Sprechverbote aufzuzwingen. Mit der Folge, dass Menschen, die heute über Dinge wie soziale Gerechtigkeit oder gesellschaftliche Verantwortung überhaupt nur nachdenken, als realitätsfern, hirngewaschen oder totalitär gelte.

Die Anti-PC-Strategie ist ein globales Phänomen und lässt sich mit der deutschen Bild-Schlagzeile zu den Sarrazin-Thesen zusammenfassen: „Das wird man ja wohl noch sagen können!“ Unter dieser Phrase versammeln sich im deutschsprachigen Raum seit einigen Jahren die Agenten der Wahrheit, Märtyrer der Meinungsfreiheit, und des Volkes. Auch in der Schweiz. So schreibt die neokonservative Weltwoche: „Das Meiste von dem, was sie (die Linken) bis vor kurzem gepredigt haben, ist an der Realität gescheitert“. Das Blatt formuliert im Gegenzug einen Anspruch auf „die Realität“, der seine Geltung fast ausschliesslich über den Rekurs auf das Feindbild „politisch korrekter Mainstream“ erzeugt.

Der Generalangriff auf die „politisch Korrekten“ hat die Schweiz grundlegender verändert als die Aufhebung des Bankgeheimnisses. In den letzten Jahren hat sich eine neue ‚Kultur des Sagbaren’ durchgesetzt. Was man von nun an wird sagen können: „Kinderschänder gehören für immer weggesperrt“; „auf den Schulhöfen muss Schweizerdeutsch gesprochen werden“; „nicht wir müssen uns den Ausländern anpassen, sondern sie sich uns“. An diesen Ton werden wir uns gewöhnen müssen. Bestimmte Einstellungen gelten nicht mehr als rechts, sondern als Ausdruck von Meinungsfreiheit.

Anti-PC wurde aus den republikanischen US-Wahlkämpfen der 1980er Jahre in den deutschsprachigen Raum importiert, und im deutschsprachigen Raum zunächst von rechtsradikalen und antisemitischen Verschwörungstheoretikern angewendet. Die ersten Sätze in der rechtsextremen Anti-PC-Bibel „Die Diktatur der Guten. Political Correctness“ von Klaus J. Groth lauten: „Die Diktatur hat einen neuen Namen: Political Correctness. Sie ist die Herrschaft der Minderheit über die Mehrheit. Die Minderheit der Political Correctness terrorisiert mit ihrem Tugendkanon, und erstickt die Meinungsfreiheit.“

PC-Bashing hat – kurz zusammengefasst – folgende Effekte: Erstens suggeriert der unterstellte Terror durch Minderheiten bzw. politisch Korrekte deren Übermacht, wodurch komplementär ein Einflussverlust der Mehrheitsgesellschaft („Volk“) unterstellt, und fortbestehende Dominanzverhältnisse heruntergespielt werden können. Dadurch wird zweitens das Privileg legitimiert, in dieser Gesellschaft nicht nur bestimmen, sondern auch diskriminieren zu dürfen. Drittens ermöglicht der Anti-PC-Diskurs eine krude Opfer-Täter-Umkehrung: Exponent_innen der Mehrheitsgesellschaft eignen sich die Position der Opfer an, indem sie behaupten, von politisch Korrekten tyrannisiert zu werden. Dadurch verschleiert und diskreditiert PC-Bashing viertens wichtige gesellschaftspolitische Auseinandersetzungen, da zum Beispiel sexuelle Gewalt, rassistische Diskriminierung oder andere Herrschaftsverhältnisse nicht als gesellschaftliche Probleme erscheinen, sondern als etwas, das sich die politisch Korrekten ausgedacht haben. Mit der Folge, dass jene, die zum Beispiel Rassismus erleben und kritisieren, sich in der Position der TäterInnen wiederfinden.

Populär wurde in Deutschland übrigens auch das NS-Argument. So behauptete der angesehene Medienwissenschaftler Norbert Bolz in einer TV-Talkrunde, den Deutschen sei wegen der Nazivergangenheit eine Art Tugend-Maulkorb auferlegt worden, deshalb dürften sie nicht laut sagen, dass Ausländer den Staat missbrauchen. Übersetzt heisst das: Wer heute noch ein Unbehagen wegen der Nazi-Geschichte verspürt, ist von Tugendwächtern hirngewaschen.

Aber wer sind eigentlich die Gutmenschen, gegen die sich diese Kritik richtet? Gemäss der österreichischen Politologin Katrin Auer ist „pc“ eine reine Konstruktion aus Gerüchten und Projektionen; der Begriff wurde von Beginn an als diffamierende Fremdbezeichnung eingesetzt. Mit anderen Worten: niemand bezeichnet sich selbst als politisch korrekt. Es gibt empirisch gesehen keine ‚Politisch Korrekten-Bewegung’, und es gibt keine Lehren, Theorien, Flugblätter oder Petitionen, die „political correctness“ als übergreifendes politisches Programm einführen wollen. Beim PC-Bashing handelt es sich also um eine klassische Feindbildkonstruktion, und nicht etwa um das Anliegen, sich tatsächlich auseinanderzusetzen. Der Vorwurf des Tugendterrors spiegelt letztlich eine autoritäre Geisteshaltung, die weder verstehen will, noch an gesellschaftlichen Auseinandersetzungen interessiert ist, sondern vor allem eines im Sinn hat: Zu verbieten und über falsch und richtig zu urteilen.

Neben Anti-PC setzte sich in den USA – und kurze Zeit später im deutschsprachigen Raum ­– auch der Anti-Sexual Correctness-Diskurs durch. Als in den 1980er Jahren in Unternehmen oder an Universitäten so genannte „Policies“ gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz eingeführt wurden, inszenierten die Mainstreammedien diese als eine Jagd von frustrierten Gleichstellungsbeauftragten gegen alle Männer. Mit der Folge, dass weitläufig nur noch über die angebliche Taktik von Feministinnen diskutiert wurde, Männer der sexuellen Übergriffe zu beschuldigen. Anstatt sich mit dem Thema Sexismus auch nur ansatzweise zu befassen, steckte der Anti-Sexual Correctness-Diskurs einen Rahmen ab, durch den in den Mainstreammedien eine ernsthafte Beschäftigungen mit sexueller Belästigung oder Gewalt nahezu unmöglich wurde. Erfolgreich wurden stattdessen die Tiraden gegen die Tyrannei eines humorlosen Feminismus. Dietrich Schwanitz hat mit seinem Roman „Der Campus“ auch in Deutschland die Hegemonie zukünftiger Auseinandersetzungen mit sexueller Gewalt bestimmt. Der vorherrschende Fokus, mit dem das Thema sexuelle Gewalt seither verhandelt wurde, lautete: Männer laufen Gefahr, von Frauen unrechtmässig beschuldigt zu werden (ausführlich dazu: Simon Möller). Ob diese diskursive Hegemonie im Zuge der Aufschrei-Debatte etwas aufgeweicht wurde, wäre neu zu untersuchen.

Das Gefährliche an der Hetze gegen „political correctness“ oder „sexual correctness“ ist aber nicht die Abwegigkeit ihrer Unterstellungen, sondern dass jüngst auch die politische Mitte auf den Zug aufspringt: Die Mitte-Parteien wähnen sich aufgrund ihrer liberalen Prinzipien dazu aufgefordert, sich am Widerstand gegen die angeblich totalitären Denkverbote zu beteiligen. Auch das gemässigte Bürgertum brüstet sich plötzlich damit, die Probleme endlich beim Namen zu nennen. Jeder, der sich eine Meinung erlaubt, kann sich in die Ecke der Mutigen stellen. Mit Köppel, Blocher oder Sarrazin als Märtyrer der Meinungsfreiheit und des Zivilcourage wurde eine Brücke vom rechten Rand zur Mitte geschlagen.

Die Folge ist: Rechts sind nicht mehr nur die Rechten. Die liberale Mitte hat sich radikalisiert – das belegten bei den letzten Schweizer Abstimmungen gleich mehrere Studien: Die Vox-Analyse zur Ausschaffungsinitiative hat ergeben, dass die Zustimmungswerte für eine verschärfte Ausschaffungspraxis in der Mitte des politischen Spektrums am höchsten waren. Zwei von drei Anhängern der FDP und der CVP stimmten Ja zum Gegenentwurf, ihre Entscheidung begründeten viele von ihnen damit, dass sie grundlegend für eine Verschärfung der Ausschaffungspraxis seien.

Als 57 Prozent der Wähler_innen zustimmten, den Bau von Minaretten zu verbieten, wurde zunächst vermutet, dass vor allem linke Feministinnen diesen Entscheid herbeigeführt hätten. Es erwies sich im Nachhinein, dass es die Wähler_innen der Konservativen waren. Die Presse betonte daraufhin, es handele sich nicht um Rassismus, sondern um weltoffene Bürger, die symbolische Zeichen gegen die Tabuisierung realer Probleme setzen. Kurz: Wenn es die Mitte ist, kann es nicht ausländerfeindlich sein.

Fassen wir zusammen: Der Siegeszug des Gutmenschen-Bashing hat dazu geführt, dass Fragen der sozialen Gerechtigkeit oder der Diskriminierung heute als (tugend)terroristisch und als Angriff gegen das Volk skandalisiert, und dadurch fortbestehende Dominanz- und Herrschaftsverhältnisse ausgeblendet werden können. Medial konstruiert wird eine vermeintliche Diktatur der politisch Korrekten, eine Dominanz der Minderheiten über die Mehrheit. Mit dem Effekt, dass traditionelle Normvorstellungen und sozioökonomische Privilegien mit neuer Verve verteidigt werden können.

Anders ausgedrückt: Gutmenschenbashing ist letztlich eine Diskurs-Strategie, mit dem auf subtile Weise die Abwendung von einer Politik der Verantwortung und von einer emanzipatorischen Sozialpolitik legitimiert wurde.

(Zum Weiterlesen: Eine wissenschaftliche Analyse von PC-Bashing findet sich bei Simon Möller: „Sexual Correctness“ (Link!). Möller behandelt sowohl den Siegeszug von Anti-PC als auch Anti-SC (Sexual Correctness) und zeigt Geschichte und Hintergründe des Durchbruchs dieser neo-konservativen Diskursstrategie)

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Martina Müller sagt:

    Danke für den Artikel. Genau! Diese Analyse hilft mir zu verstehen, was geschieht. Die Konstruktion der PC hat auch zur Folge, dass die Stimmen, die sich für eine menschenwürdige Asylpolitik und ähnliches aussprechen würden, von sich aus verstummen. Mir fällt auf, dass vor Abstimmungen der letzten Zeit in der Schweiz (Minarettverbot, Masseneinwanderung, Ausschaffung von kriminellen Ausländern, Verwahrungsinitiative u.a.) nicht mehr diskutiert wird. Man/frau hat ihre Meinung, aber sie äussert sie allenfalls im vertrauten Kreis. Auch die kirchlichen Instanzen sind kleinlaut, äussern sich allenfalls ‚ausgewogen‘, aber nie klar parteilich für Benachteiligte. Was passiert, wenn sich eine klare Stimme erhebt, konnte Margot Kässmann im Zusammenhang der Diskussion um Waffenlieferungen an Kurden wieder mal am eigenen Leib erleben.
    Martina Müller, Unterägeri, Schweiz

  • Hallo liebe Frau Schutzbach, der Artikel ist so klar und genau, das ist quasi die theoretische Erklärung zu meinen eigenen Erlebnissen.
    Immer wenn wir mit der Initiative für Gerechtigkeit bei sexueller Gewalt klare Aussagen zu den Fakten treffen und aufzeigen wo Veränderungsbedarf ist, eben auch in der Sprache oder in der Auffassung über Sexualität und was Liebe bedeutet und was korrekt ist und was nicht, was Gewalt ist, dann heißt es sofort: „Ja, aber so ist es ja nun doch nicht, das müssen Sie jetzt schon von verschiedenen Seiten betrachten“, noch lieber sagen leider gerade andere Feministinnen: „Aber ihr müsst auch an die Männer denken“ und dann fängt eine riesige Diskussion, statt über das Thema, zu Genderthemen an. Dabei geht es hier schlicht um sexuelle Gewalt und was dagegen zu tun ist. Nicht mehr und nicht weniger. Um Gesetze, Respekt, Achtung, Entschädigung.
    Und da hilft es nicht das alles zu verweichlichen.
    Und das Paradoxe ist, wenn wir dann aber versuchen andere miteinzubeziehen ist das auch nicht gut, dann heißt es: „Ja, aber jetzt will ich nicht mehr mitmachen, wenn es hier auch um Jungs oder Männer geht“, da frag ich mich wirklich manchmal: Was soll ich noch machen?
    Vor allem hab ich so oft wirklich Dummes gehört wie: „So ist das ja alles nicht gemeint“ und ähnliche Weisheiten.
    Und die Leute glauben einfach irgendwas, was nicht stimmt, wie die Märchen von der Falschbeschuldigung, dabei setzen die Fakten ein ganz anderes Bild, denn die meisten Frauen und auch Männner, die vergewaltigt wurden, reden nicht darüber. Also ist das Risiko falsch beschuldigt zu werden verschwindend gering.
    Unser Problem in der Gesellschaft ist eher, dass die Opfer sich stigmatisiert fühlen und es auch werden.
    Das ist mir nur zum Thema eingefallen.
    Aber wenn ich jetzt sage, dass es nötig ist, dass sich sowohl die Einstellungen gegenüber Frauen und das was in der Sexualität okay ist und was Gewalt ist, ändern müssen, dann heißt es sofort: „Du Gutmensch“.
    Hagen Rether hat dazu mal was Gutes gesagt, dass es jetzt quasi eine Beleidigung ist, etwas Gutes zu tun. Sein Kommentar dazu war: „Das haben wir ja toll hin bekommen“.
    Das denk ich auch.

  • Mary sagt:

    PC- Bashing ist sogar schon bei den Linken angekommen – kürzlich wurde bei bildblog folgender Beitrag als „lesenswert“ empfohlen:

    http://www.novo-argumente.com/magazin.php/novo_notizen/artikel/politische_korrektheit_wider_den_aufstand_der_gutmenschen

    siehe:
    (http://www.bildblog.de/59501/karl-dall-native-advertising-gutmenschen/)

    Zitate:
    „. Doch in der jüngeren Vergangenheit ist der Moralismus besonders in Kreisen ausgebrochen, die sich selbst zuschreiben, fortschrittlich und links zu sein. Aber mit den Grundsätzen wirklich linken Denkens haben sie nur wenig gemein.“

    „„Politische Korrektheit“ aber ist der Versuch, wieder einmal Herrschaft zu etablieren: diesmal über die Sprache und damit über das Denken. Sie ist eine neue unbegriffene Macht der Gesellschaft, und wer wirklich links denkt, muss sich dem widersetzen. Wer Herrschaft über die Sprache ausüben will, kann nicht links sein. Wenn beträchtliche Teile der Sozialdemokratie und der grünen Bewegung mit abwegiger Moralisierung die Sprache vergewaltigen, beweisen sie damit nur, dass sie längst nicht mehr zur Linken gehören, sondern das Diktat eines kleinbürgerlichen Moralismus errichten wollen.“

  • genau sagt:

    bevor gleich die ganzen Rechtspopulisten schreiben, möchte ich nur kurz anmerken, dass Sie den Nagel auf den Kopf getroffen haben.

  • @Martina Müller: Warum sind Sie der Meinung, dass man „sich klar parteilich für Benachteiligte äußern“ sollte?

  • @Mary: ich finde, Ihre Zitate treffen es ganz gut: Beide Seiten sollten ihre eigenen Motive auf den Prüfstand stellen. Besser gesagt: Jede_r einzelne sollte seine/ihre wahre Motivation „Gutes zu tun“, überprüfen. Aus meiner Sicht stellen diese Zitate kein PC-Bashing dar.

  • jansalterego sagt:

    @Mary: Ja, das hat mich auch gewundert, sowohl der bildblog-Link, als auch der Umstand derart Altbackenes bei novo-argumente zu finden.
    Dem bildblog sei zu Gute gehalten, dass es diesen hervorragenden Artikel immerhin ebenfalls verlinkt hat.

  • Michael sagt:

    Ist eigentlich schon jemals jemandem aufgefallen, dass niemand mehr von „Höflichkeit“, „Respekt“ und „Demut“ spricht, sondern immer nur von „Political Correctness“?

    „PC“ ist ein künstliches Konstrukt, aufgezwungen von einer Minderheit, die für sich die Deutungshoheit beansprucht. Höflichkeit indes kann anerzogen werden, durch Vorleben und gutes Beispiel. Respekt beruht auf Gegenseitigkeit – wer Respekt einfordert, muss auch respektieren können. Und natürlich ist „Demut“ notwendig, um moralische Selbstüberhöhung auszuschließen und den Mitmenschen auf Augenhöhe zu begegnen.

    Solche Werte sind aber irgendwie „out“, „oldschool“ und „gestrig“. Statt dessen eben „political correctness“.

    Ich halte das für keine gute Entwicklung 😉

  • Sind Blocher, Sarrazin und Köppel tot, oder wieso kann man sie als Martyrer bezeichnen?

    Während mir die Leute, die laut gegen PC pöbeln und sich von Gutmenschen umzingelt sehen meist zuwider sind hat ihre Agitation etwas von einer Retourkutsche. Es ist tatsächlich so, dass viele Leute die sich für vermeintlich Gutes engagieren dies auf eine autoritäre Weise tun, nicht die Auseinandersetzung und das Argument suchen, sondern Vorschriften erlassen wollen wie es richtig geht. Und tatsächlich stellen sich einige wohl so Antirassimus vor: Man vermeidet das N-Wort, 50 Punkte, und sagt Schaumküsse, 100 Punkte. Ein Antirassismusknigge.

    Für Linke und ökologische Einstellungen gibt es heute einen starken Opportunismus, und wer nichts zuzusetzen hat, der wird mit ein wenig Anti-PC-Getue leicht aus dem Sattel gehoben. Schadenfreude kommt da bei mir aber nicht auf, denn die selbsternannten Querulanten führen eher Ärgeres im Schilde als die von ihnen kritisierten. Deren Agitation gegen Heuchelei reicht nur bis zum Ende der eigenen Nasenspitze. Wären die am Drücker, dann würde es noch ganz andere Denk- und Sprechverbote geben.

  • David Turgay sagt:

    Ein sehr guter Artikel, der klar und genau erklärt was das Problem am PC-Backlash ist. Natürlich kann man es immer übertreiben und kleinlich sein, aber die meisten nutzen das PC-Bashing, um jegliche Kritik an diffamierenden Ausdrücken zunichte zu machen. Man gilt sofort als PC-Nazi, weil man so nicht über die eigenen Vorurteilen reflektieren muss und weiter bequem seinen engstirnigen Kurs fahren kann.

    Danke hierfür!

  • Mary sagt:

    @jansalterego
    Naja, ich hatte Herrn Grob seinerzeit wegen des Novo Artikels angeschrieben und meine Überraschung angesichts der „lesenswert“-Empfehlung Ausdruck verliehen. Antwort (frei von mir formuliert): Wenn ich einen guten Gegenartikel wüsste, würde er den natürlich auch verlinken. Habe nun auf den Artikel oben hingewiesen.
    Sprich: Er hat den Artikel nicht aus eigenen Antrieb bei rivva oder sonstwo gelesen und verlinkt, sondern erst später auf meine Aufforderung per Mail hin…

    @Jacqueline Maier
    Es ist wichtig und richtig über Sinn und Unsinn sprachlicher Konzepte und Regulierungswünsche zu diskutieren, das kann aber nur passieren, wenn man dieses Anliegen nicht pauschal diffamiert, indem man die Beteiligten (namentlich Menschen, die sich gegen Sarrazin gewendet haben und Worte wie „Neger“ rassistisch finden) und ihr Anliegen im Stile einer Strohmann-Argumentation per se als herrschaftssüchtige Moralisten beschimpft.

    Hier noch ein guter Link zur Debatte und zum Zusammenhang von Sprache und Rassismus:
    http://www.taz.de/!125359/

  • Mary sagt:

    Ups: „und ihr Anliegen“ gehört natürlich gestrichen…

  • Mary sagt:

    @Jacqueline Maier
    Und indem tapfer unterschlagen wird, dass es nicht nur herrschaftssüchtige Gutmenschen sind, sondern zu allererst selbst von Diskriminierung Betroffene, die sich gegen bestimmte sprachliche Konstruktionen und Umgangsweisen wenden, kann man sich am Ende sogar getrost als eigentliches Opfer gerieren:
    “ Tatsächlich wird auf diese Weise bloß eine neue Ausgrenzung etabliert, die Ausgrenzung derjenigen, die das Sprachtabu missachten. Es ist wohl diese Selbstwidersprüchlichkeit, die man den Gutmenschen vor allem ankreiden muss: Weil sie vermeintliche Diskriminierung aus der Sprache tilgen wollen, diskriminieren sie nun ihrerseits die „Sprachsünder“. (aus dem Novo-Argumente-Artikel)

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