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Ein Hack des Systems…

Von Antje Schrupp

10683968_374985115983701_133543726_nDass die Tradierung des Feminismus zwischen verschiedenen Generationen der Frauenbewegung nicht so besonders gut funktioniert, ist häufig beklagt worden. Heute kommt neben dem Altersabstand auch noch der Medienabstand dazu: Alte und junge Feministinnen nutzen tendenziell unterschiedliche Medien und Organisationsformen.

Auch wenn inzwischen zwar fast alle irgendwie „im Internet“ sind, so halten sie sich doch an verschiedenen Ecken davon auf. Nur wenige Feministinnen über sechzig lesen die Blogs von Feministinnen um die dreißig oder diskutieren auf Twitter mit.

Jetzt können sie aber zu einem Buch auf Papier greifen, um auf dem Laufenden zu bleiben: Anne Wizorek hat es geschrieben, eine der Initiatorinnen der „Aufschrei“-Debatte von Anfang 2013. Damals schwappte die Diskussion über Sexismus im Alltag aus Blogs und Twitter hinüber ins Fernsehen und in Zeitungen. So wurde einem größeren Publikum klar, dass „da im Internet“ nicht nur Belangloses passiert, sondern dass an diesem Ort tatsächlich auch feministische Politik betrieben wird. Anne Wizorek saß schnell bei Jauch in der Talkshow, der „neue junge Feminismus“ hatte ein Gesicht.

„Weil ein #Aufschrei nicht reicht“ (so der Titel) hat sie nun in ihrem Buch aufgeschrieben, was ein „Feminismus für heute“ (so der Untertitel) sein könnte.

Im ersten Teil „Don’t Call it a Comeback – eine feministische Agenda für jetzt“ schildert sie die Themen, die Feministinnen zwischen zwanzig und vierzig derzeit vor allem beschäftigen: Der Mythos von der erreichten Gleichberechtigung, die Geschlechterquote als „Hack des Systems“ (vom englischen Wort „hacken“, also in laufendes Computersystem eingreifen und es umzuprogrammieren), sexuelle Selbstbestimmung und Schönheitsnormen, die Kritik an sexueller Gewalt, die leidige Sache mit der „Vereinbarkeit“ und Care-Arbeit oder Rechte von LGBTQI, also von Lesben, Schwulen, Bi-, Trans-, Queer- und Inter-Personen.

Auf den ersten Blick klingt das nach denselben Themen wie immer (die wir Alten doch längst schon abgehandelt haben, haha). Aber wenn man sich die Kapitel im Detail durchliest, wird schon auch deutlich, dass sich der Ausgangspunkt im Vergleich zu den 1980er oder 1970er Jahren an manchen Stellen verschoben hat. Manches ist besser geworden, zum Beispiel das Selbstbewusstsein von Frauen und die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihre Rechte einklagen. Anderes ist schlechter geworden, zum Beispiel die Hypersexualisierung weiblicher Körper oder die Sichtbarwerdung aggressiver Frauenfeindlichkeit. Und wieder anderes, zum Beispiel die LGBTQI-Debatten über sexuelle Identitäten oder auch der intersektionale Ansatz sind tatsächlich neu hinzugekommen seit damals. Ganz abgesehen natürlich von der Sprache, die sich verändert hat. Manche Ältere wird sich vermutlich ein bisschen vorkommen wie beim Vokabellernen.

Der zweite Teil des Buches heißt „Wir sind viele. Ein Rekrutierungsversuch“ und beschreibt die Organisationsformen dieser „jungen Feministinnen aus dem Internet“. Wizorek erzählt zunächst nochmal, wie sich die Ereignisse rund um #Aufschrei genau entwickelt haben (kleiner Hinweis: Es ging dabei nicht um einen gewissen Herrn Brüderle). Dann gibt sie Anregungen und Beispiele für gelungenen Aktivismus unter Zuhilfenahme des Internet, stellt Handlungsoptionen vor, schreibt über die Möglichkeiten von Bündnissen mit Männern und ähnliches. Mit Internetadressen, für den Fall, dass jemand Anschluss sucht.

Anne Wizorek: Weil ein #Aufschrei nicht reicht. Für einen Feminismus von heute. Fischer, 2014, 333 Seiten, 14,99 Euro.

Autorin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 01.10.2014
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