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Philosophische Kehrseiten – eine andere Einleitung in die Philosophie

Von Caroline Krüger

Philosophische KehrseitenDas Buch „Kehrseiten“ habe ich Mitte des Jahres gelesen, und hatte sofort Lust, es zu besprechen. Der Titel „Kehrseiten“ regte mich zu verschiedenen Gedanken an und ich denke, so könnte es auch anderen gehen.

Zunächst gefiel mir die Idee, die traditionelle Philosophiegeschichte einmal von „der anderen Seite“ anzusehen. Während meines eigenen Philosophiestudiums hatte mich der Verdacht, dass die uns präsentierte Philosophie nicht alles sei, und dass es einfach andere Perspektiven geben müsse, zur Beschäftigung mit skeptischer Philosophie gebracht. In meiner Dissertation hatte ich versucht, das skeptische Denken von der Antike bis zur Gegenwart zu skizzieren und dabei andere Quellen des modernen Denkens aufzuspüren als die, die uns an der Uni präsentiert wurden.

Das Buch besteht aus zwölf Artikeln, die ganz verschiedene Themen behandeln, von „Anfang“ über „Abseits“ bis „Zweifel“. Gemeinsam ist den Artikeln, dass sie von der „Kehrseite“ ausgehen, von dem, das nicht auf den ersten Blick offensichtlich scheint. Die vorgestellte „Vorderseite“ ist dabei meist etwas, das in der Philosophie an Universitäten gelehrt und beachtet wird, während die Kehrseite eben normalerweise im Dunkeln und unbeachtet bleibt. Eine Ausnahme bildet der Artikel von Natalie Pieper zum Thema „Sein“, einem klassischen Thema der Philosophie, einer typischen „Vorderseite“, die sich jedoch im Denken des Philosophen, den der Artikel behandelt, als *Kehrseite“ herausstellt.

Beim Nachdenken über das Thema Kehrseite fiel mir auf, dass auch die Einteilung in Vorder- und Kehrseite den Blick verengt. Themen werden entweder als klassisch oder als „kehrseitig“ wahrgenommen. Wie steht es aber mit Themen – den meisten – die von verschiedenen Seiten betrachtet werden können? Ist die Frage nach der Kehrseite eine Frage nach einem Entweder-Oder? Oder gibt es womöglich ein Sowohl-als auch? Die AutorInnen haben sich mit dieser Frage in der Einleitung auseinandergesetzt, und ich habe mich mit Natalie Pieper darüber unterhalten.

Natalie Pieper ist Philosophin und Religionswissenschaftlerin und hat, zusammen mit Benno Wirz, an der Universität Zürich die Peer Mentoring-Gruppe „Philosophische Kehrseiten“ geleitet. Aus der Arbeit dieser Gruppe ging das Buch hervor. Ich habe sie gefragt:

Bitte erzähl doch etwas über den Ursprung und den Hintergrund des Projekts. In der Einleitung schreibt ihr, um die Kehrseite einer Münze zu sehen, müsse man diese umdrehen. Das zweite Beispiel ist sogar noch etwas drastischer: Um zu erkennen, was eventuell unter einer obersten Schicht Tapete stecke, müsse man diese Schicht abkratzen. Diese Bilder für Kehrseiten lassen erkennen, dass sich die Kehrseite nicht so einfach zeigt. Es braucht den Wunsch, sie zu sehen und die Suche. Wie kommt man dazu, nach Kehrseiten zu suchen? Was hat dich (als eine der Co-LeiterInnen der Gruppe) dazu gebracht, nach Kehrseiten suchen zu wollen?

Natalie: „Eigentlich war der Impuls eher von aussen, sozusagen aus der Not. Es gab an der Universität Zürich eine Ausschreibung für Peer Mentoring-Gruppen, also die Möglichkeit, sich mit anderen zu vernetzen, auszutauschen. Das Interesse, sich mit Themen, die eher „am Rand“ der klassischen Philosophie angesiedelt waren, auseinanderzusetzen, war bei mir da, weil das philosophische Seminar in Zürich als Fokus die analytische Philosophie hat. Die Themen, die mich interessierten, kamen nicht vor oder wurden nicht als philosophisch angesehen. Das Peer Mentoring-Programm brachte Leute zusammen, die sich thematisch auch an den Rändern ihrer jeweiligen Institute fühlten. Es fehlte nun aber noch das Gemeinsame, das auch im Namen der Gruppe ausgedrückt werden sollte. So kamen wir auf das Thema „Kehrseiten“ und auch darauf, eine andere Einleitung in die Philosophie zu schreiben. Nicht eine Einführung für Neulinge, sondern ein anderer Blick auf philosophisches Denken war eigentlich die Idee dahinter. Das Buch ist nur teilweise als Einführung geeignet, da die Artikel sehr unterschiedlich sind, auch unterschiedlich schwer zu lesen.“

Caroline: Danach wollte ich auch fragen. Im ersten Beitrag von Donata Schoeller wird auf die Schwierigkeit eingegangen, philosophisches Denken (Wissen und Techniken) auf das eigene Leben zu übertragen. Dieser Beitrag hat mir gefallen, weil er sehr persönlich ist. Ich denke, dieser Aufsatz ist auch gut zu lesen für Nicht-PhilosophInnen, bei anderen sieht es anders aus…

Natalie: „Ja, deshalb haben wir eben bewusst Einleitung und nicht Einführung geschrieben. Wir wollten einen anderen Zugang, eine andere oder auch mehrere andere Perspektiven auf philosophisches Denken zeigen.“

Caroline: Noch einmal zurück zur Kehrseite: Ich fand das Thema Kehrseite sehr spannend, es hat mich gleich „gepackt“, auch, weil mir selbst im Philosophie-Studium Begrenzungen aufgefallen waren. Als ich beispielsweise über Walter Benjamin oder Michel de Montaigne schreiben wollte, hiess es, das sei „keine Philosophie“. So richtig verständlich waren mir die Begründungen dafür nicht. Deshalb habe ich mich auch damit beschäftigt, wie eine Tradition des philosophischen Denkens aussehen könnte, wenn wir das Narrative, das z.B. bei Montaigne sehr wichtig ist, nicht ausschliessen, wenn wir also theoretische Gebäude und erzählte Geschichten nebeneinander bestehen lassen.

Heute denke ich, dass der Begriff Kehrseite selbst möglicherweise sogar dualistisches Denken stärkt oder zumindest in dieser Art Denken wurzelt. Ich interessiere mich zurzeit gerade dafür, wie wir anstelle dieses „Entweder-Oder“-Denkens das „Sowohl-als auch“ fruchtbar machen können, wann das sinnvoll ist und wann auch nicht.

Das Sowohl-als auch ist eine Denkfigur, die an Rändern von Diskursen nützlich ist. Beispielsweise sind Mindestlohn und bedingungsloses Grundeinkommen zwei Positionen, die einander auszuschliessen scheinen, wenn man sie innerhalb des gleichen Diskurses betrachtet – es stehen ganz verschiedene Grundsätze hinter diesen Positionen. Wenn wir aber die beiden Positionen als zu verschiedenen Diskursen gehörig betrachten, wird es möglich, beide gut zu finden. Je nach herrschendem – oder momentan gewähltem Diskurs – ist das eine oder das andere aktuell.

Durch den Begriff der Kehrseite erscheint zunächst das „vordere“ und das „hintere“ fixiert, es ist nicht sichtbar, welche Rolle Diskurse oder Zeit und Raum spielen.

In deinem Artikel schreibst du über Levinas und darüber, dass es für ihn offenbar eine „Kehrseite ohne Vorderseite“ (envers sans endroit) gibt. Das finde ich sehr interessant. Offenbar gibt es bei Levinas keine starre Festlegung, und offenbar ist es auch für dich wichtig und interessant, die scheinbar klare Aufteilung zu hinterfragen.

Natalie: „Ja. Ich verstehe die Kehrseite nicht als etwas Festgelegtes, auch nicht Dualistisches, sondern als etwas Dynamisches. In einem gegebenen zeitlichen Moment gibt es immer einen Standpunkt, sozusagen eine Vorderseite. Dieser Standpunkt kann aber wechseln, ist nicht zu jeder Zeit derselbe. Die Kehrseite ist für mich daher etwas Dynamisches.

Mein Beitrag über Levinas behandelt das Sein, eine, wie du sagst, klassische Vorderseite, als Kehrseite. Ich fand es interessant, das so zu betrachten. Levinas benutzt das Bild eines Klanges, der nur im Echo hörbar ist, einer Kehrseite ohne Vorderseite („envers sans endroit“). Für Levinas sind das Sein und Gott jeweils Kehrseiten, die keine Vorderseite haben, weil beide nicht sprachlich fassbar sind. Obwohl er das Göttliche oft als das Gute und das Sein als das Entsetzliche, Bedrohliche beschreibt, sind in seiner Philosophie beide zum Verwechseln ähnlich, zwei Seiten derselben Medaille. Weder das reine Sein noch Gott können in der Sprache thematisiert werden, da sie diese übersteigen. Beide sind daher für Levinas nicht fassbar, sondern unerreichbar. Dadurch bleiben sie Kehrseiten ohne Vorderseiten, die zwischen einander changieren. Diese Idee der Kehrseite ohne Vorderseite finde ich als Denkfigur sehr anregend. Es ist eben gerade keine dualistische Festschreibung, sondern eine Bewegung.“

Die AutorInnen des Buchs sind sich bewusst, dass der Begriff „Kehrseite“ Gefahren birgt. Dies wird auch im letzten kurzen Artikel des Buches, „Abseits“ von Eva Geulen, deutlich: „Dieses Problem fest im Blick (oder auch: im Rücken), aber nicht bereit, sich davon schon beirren zu lassen, verabschieden Herausgeber und Beitragende ein heroisches Verständnis der Kehrseite als „das Andere“, „das Verdrängte“, „das Vergessene“ und deshalb besonders Rettungs- oder Erhellungsbedürftige. (…) Als Kehrseiten gilt hier, was bei der Diskursproduktion der Philosophie mitläuft, aber „nicht zur Debatte“ steht, „ausser Acht“ gelassen wird, also das Selbstverständliche, Beiläufige, Beiherspielende, was auch da ist, aber im Unterschied zu starken philosophischen Begriffen und manifesten Anliegen keine tragende Rolle spielt oder zu spielen scheint.“

 

Für mich war es ein Gewinn, das Buch zu lesen, besonders, weil die AutorInnen sehr unterschiedliche Herangehensweisen an das Thema „Kehrseite“ haben und nicht versucht wurde, das Buch einheitlich zu gestalten. Einige Artikel haben mich berührt, durch andere habe ich Neues gelernt und manches hat auch meinen Widerspruch geweckt. Daher kann ich das Buch als eine anregende Lektüre empfehlen.

Natalie Pieper, Benno Wirz (Hg.): Philosophische Kehrseiten. Eine andere Einleitung in die Philosophie. Verlag Karl Alber. Freiburg/München 2014

Autorin: Caroline Krüger
Redakteurin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 29.10.2014
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Gudrun Nositschka sagt:

    Ich möchte gern von Caroline Krüger erfahren, ob in dem AutorInnenverzeichnis auch Annegret Stopczyk – (Pfundstein) aufgeführt worden ist, die sich vor gut 25 Jahren daran gemacht hatte,“selber zu denken“, eben auch aus weiblicher Sicht, und eine Leibphilosophie entwickelt hat. Alles sehr verständlich zu lesen.

  • caroline krueger sagt:

    Liebe Gudrun Nositschka
    ich kopiere hier das Inhaltsverzeichnis hinein, vielleicht interessiert das auch andere:

    Natalie Pieper / Benno Wirz
    Einleitung
    Donata Schoeller
    Anfang
    Thomas Forrer
    Rhythmus und Polytropie
    Daniel Strassberg
    Selbsttäuschungen
    Michael Hampe
    Fiktion
    Simon Critchley
    Tragödie
    Elisabeth Bronfen
    Geist/Gespenst
    Natalie Pieper
    Sein
    Christine Abbt
    Vergessen
    Robert Langnickel
    Zweifel
    Benno Wirz
    Licht und Dunkel
    Aleksandra Prica
    Ruine
    Eva Geulen
    Abseits

    Annegret Stopczyk ist nicht dabei, weil es sich bei dem Buch ja, wie im Artikel beschrieben, um ein Projekt einer Peer Mentoring Gruppe der Universität Zürich handelt. Ich kenne aber Annegret Stopczyks Bücher und ihren Ansatz; zum ersten Mal habe ich ein Buch von ihr gelesen, als ich 16 Jahre alt war; meine Mutter hatte es mir geschenkt („Nein danke, ich denke selber“, war der Titel, wenn ich mich richtig erinnere.

  • H. van Kasteel sagt:

    «Weder das reine Sein noch Gott können in der Sprache thematisiert werden, da sie diese übersteigen. Beide sind daher für Levinas nicht fassbar, sondern unerreichbar.» Die französische Philosoph Louis Cattiaux (1904-1953) in “Die Wiedergefunde Botschaft” (Verlag Herder, Basel, 2010, S.217): «Selbst die Gläubigen glauben nicht mehr, dass Gott noch fähig ist, direkt zu seinen Kindern zu sprechen».

  • Pr S. Feye sagt:

    Sehr interessant!

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