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Rubrik denken

Symbolische Gewalt und symbolisches Ordnen

Von Andrea Günter

Wie lässt sich das Symbolische erklären? Andrea Günter schaut genau hin.

Das Gewaltpotential vorhandener Symbolsysteme

Symbolische Gewalt ist Gewalt in Form von Worten. Statt Worte grundsätzlich unter einen Generalverdacht zu stellen, kann genauer verstanden werden, was symbolische Gewalt ist und wie ihr begegnet werden kann. Der Schlüssel dafür ist wiederum, was unter dem Symbolischen verstanden wird. Werden unter dem Symbolischen lediglich Symbole gefasst, wird Symbolisches zugleich auf die Vorgaben vorhandener Symbolsysteme reduziert, dann hängt symbolische Gewalt damit zusammen, was Symbole repräsentieren und was sie in der Folge ausschließen. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist die Rede von „Gottvater“. Repräsentieren religiöse Symbolsysteme beispielsweise nur Männliches wie einen Mann als Gott, wird Weibliches als Symbol des Transzendenten vom Symbolsystem ausgeschlossen. Gewalt kann eine Folge der Unsichtbarkeit des Weiblichen als Göttliches, sein Verkennen als Transzendentum sein.

Repräsentieren Symbolsysteme Weibliches wiederum nur im Unterschied zu Männlichem, führt das zu einem reduzierten Verständnis des Weiblichen ebenso wie des Männlichen. So kann ich mich noch gut an eine Situation in meiner Therapieausbildung vor vielen Jahren erinnern, in der mir diese Reduzierung deutlich aufstieß. Eine meiner Ausbildungskolleginnen hatte ein Bild gemalt, auf dem sie zwei Figuren dargestellt hatte, zwischen ihnen hatte sie eine Brücke gemalt. Die Ausbilderin schlug vor, C.G.Jungs Anima-Animus-Archetypen-Schema zu folgen und die eine dieser beiden Figuren als Ausdruck des Männlichen, die anderen als Ausdruck des Weiblichen zu verstehen. Die Malerin des Bildes wurde im Laufe dieses Interpretationsversuches zunehmend desinteressiert. Die Ausbilderin reagierte zum Glück und öffnete die Interpretation in die Runde.

Ich konnte diesem Interpretationsvorschlag auch nicht folgen, denn nach meinem Eindruck handelte es sich bei den Figuren deutlich um zwei weibliche Figuren. Ich begann, ihre Unterschiedlichkeit nach meiner Wahrnehmung zu beschreiben: die Unterschiedlichkeit ihrer Haltungen, Bekleidungen, Körperausrichtungen usw. Die Malerin des Bildes wurde zunehmend wacher. Dann begann sie zu erzählen. Sie war Mitte Vierzig und überlegte gerade mit ihrem Mann, noch ein weiteres Kind zu bekommen. Einerseits hatte sie Lust dazu. Andererseits fühlte sie sich inzwischen so alt, erfahren und vielseitig orientiert, dass sie keine Lust mehr auf die Baby- und Kleinkindermamarolle hatte. In der Folge sprachen wir darüber, welche Brücken sich zwischen diesen beiden Situationen im Leben einer mittvierzigalten Frau schlagen lassen.

Weibliches sucht Brücken zu Weiblichem. Sollen hierbei keine Rollenklischees bedient werden, lohnt, es sich, die Bilder, seien es gemalte, seien es Wortbilder, die Frauen zum Ausdruck bringen, genau anzuschauen, jenseits von vorgegebenen Bedeutungen. Nur dann, wenn das, was Frauen ausdrücken, jenseits von Klischees wahrgenommen werden kann, wird Gewalt verhindert, werden Symbole als Ausdruck des Lebens einer Frau lebendig, als Mittel und Materialisierungen des Persönlichen. Folgen die Deutungen der Bilder, entsteht Gewalt gegenüber dem Weiblichen, indem Frauenleben auf Rollenerwartungen reduziert wird.

Dem Aktuellen und Persönlichen den Vorrang zu geben, heißt nun nicht, kulturelles Wissen über die Bedeutungen von Symbolen grundsätzlich mit Argusaugen zu betrachten. Es ist eine Hilfestellung und kulturelle Anreicherung, so nennen Bernd Schmid und ich dieses Wissen in unserem Entwurf über das systemische Arbeiten mit Träumen (Göttingen 2012). Zentral bleibt das Primat, dass die Sprecherin einen eigenen Sinn entwickeln kann und zum Erzählen ihrer persönlichen Ambitionen eingeladen wird.

Das Symbolische und die Muttersprache

Die vorausgehenden Ausführungen haben anklingen lassen, dass Symbole nicht unbedingt dem Symbolischen entsprechen. Diesen Unterschied zu entwickeln, das Symbolische nicht auf die Übereinstimmung des Sprechens mit dem „patriarchalen Gesetz“ und schon vorhandenen Bedeutungen zu reduzieren, hierzu haben italienische Philosophinnen konsequent gearbeitet. Sie sprechen dabei von einer symbolischen Ordnung der Mutter (v.a. Luisa Muraro: Die symbolische Ordnung der Mutter, Frankfurt a. M. 1993; Neuausgabe: Rüsselsheim 2006).

Hierbei ist zu beachten, dass mit dieser mütterlichen Ordnung nicht gemeint ist, dass eine – DIE Mutter –das Gesetz des Sprechens und damit die Ausdrucksweisen und Bedeutungen dessen vorgibt, was eine Frau sagt. Im Gegenteil. Die symbolische Ordnung repräsentiert keine vorgegebene Bedeutungsordnung. Sie weist auf das Ordnen des Lebens und der Welt entlang der symbolischen Dimension des Sprechens hin. Und über diese Dimension verfügt keine Person, sondern sie entwickelt sich in einer oder auch mehreren menschlichen Beziehungen. Besser gesagt, die symbolische Ordnung der Mutter weist auf die Bezogenheit des Kindes auf den mütterlichen Körper als einen Körper hin, der einem Kind das Sprechen schenkt. Die alten Griechen wussten es noch: Stillen und Sprache Schenken ist ein einziger Akt. Körperliches, seelisches und geistiges Nähren bilden einen Gesamtzusammenhang.

„Hast du Hunger?“, „Bist du müde?“, „Sag mir, was mit dir ist!“ – das Wahrnehmen der Bedürfnisse eines Kindes, diese zu erfüllen suchen und die damit sich etablierende Beziehungsstruktur von Kind und Mutter mit Sprache zu begleiten, eine Mutter führt ein Kind in sein menschliches Leben inmitten der Welt hinein, indem sie ihm Worte für seine Bedürfnisse schenkt. Zunehmend kann ein Kind dadurch lernen zu sagen, was es will, seine Wünsche an zuständige Personen adressieren, verschiedene Wünsche miteinander verbinden und realisieren.

Das Symbolische einer Sprache praktizieren zu können ist der Inbegriff der Muttersprachlichkeit eines Kindes. Muttersprachlichkeit beruht auf dem Folgenden: Die eigenen Bedürfnisse, vorhandene Beziehungen und Situationen miteinander in einem Wort oder Satz zum Ausdruck bringen, dafür die Worte von anderen dazu zu Hilfe nehmen, ferner Gestaltungsmöglichkeiten zu formulieren und hierfür wiederum die Anregungen von anderen aufgreifen zu können und dürfen, hierin liegt die symbolische Dimension eines Wortes, Satzes und „Symbols“. Der ordnende Charakter eines Wortes beruht auf der Artikulation von eigenen Bedürfnissen und ihrer Übersetzung in Möglichkeiten mithilfe von den anderen, mit denen ein Mensch spricht. (Ausführlicher in Andrea Günter: Mutter, Sprache, Autorität. Sprechenlernen und Weltkompetenz, Rüsselsheim 2009)

Symbolische Unordnung, symbolische Gewalt

Nun, Muttersprachlichkeit so verstanden, scheitert oft. Dies beginnt mit dem, was die italienischen Philosophinnen „symbolische Unordnung“ nennen. Damit ist gemeint, dass das Ordnen entlang der Bedürfnisse der einzelnen Personen und der Worte von anderen nicht gelingt. Dies geschieht meistens dann, wenn eine Person die eigenen Bedürfnisse nicht zum Ausdruck bringen kann oder darf. Frauen betrifft dies insbesondere, wenn ihnen eigene Bedürfnisse und Ordnungsvorstellungen, aber auch Bildung nicht zugestanden werden. Dann verhindern die Worte von anderen, dass diese einen fruchtbaren Platz finden, weil sie ihnen keinen Platz geben. Meistens geben diese anderen Frauen ihre Bedürfnisse einfach vor. Diese Logik sagt vor: Bedürfnisse von Frauen sind immer schon gedeutet und damit erfüllt.

Oder die symbolische Unordnung ist Folge dessen, wenn Worte von anderen nicht herangezogen werden können oder dürfen, um besser zu ordnen. Wenn gesellschaftliches Zusammenleben so geregelt wird, dass auf die Worte von Frauen nicht gehört werden braucht, verfügt diese Gesellschaft höchstens über „die Hälfte“ der Potenz, ihr Zusammenleben befriedigend zu ordnen. Und das führt des Gleichen zu Gewalt.

Was nun könnte unter „symbolischer Gewalt“ verstanden werden? Gewalt mittels des Symbolischen entsteht, wenn jemand gezwungen wird, etwas zu sagen, was nicht mit ihren_seinen Bedürfnissen und Artikulationswünschen übereinstimmt, was regelrecht gegen ihr_sein Sprachgefühl verstößt. Wird eine solch entfremdete Ausdrucksweise verlangt, wird ihre Verweigerung oder gar eine andere Überzeugung zur Frage von Leben und Tod, geht es meistens um die Grundüberzeugungen einer Gemeinschaft. Sogenannte Häretiker_innen und Ketzer_innen hatten mit diesem Problem zu kämpfen. Sie sollten die Aussagen widerrufen, die ihnen die Möglichkeit gaben, etwas zum Ausdruck zu bringen, was ihnen in den Ausdrucksformen einer vorgegebenen Religionskultur nicht zu sagen möglich war. Manche von ihnen nahmen den Scheiterhaufen in Kauf, weil sie „die Wahrheit“ nicht aufgeben wollten. Sie wollten nicht lügen, nicht falsche Worte sagen, sich nicht von sich selbst entfremden.

Symbolischer Gewalt begegnen: märchenhafte Möglichkeiten erfinden

Sprache sei per se gewaltsam, patriarchal – diesem Verständnis von Sprache und Sprechen muss widerstanden werden. Dies gilt insbesondere, wenn Sprache nicht den Sprachmächtigen überlassen werden soll. Diese haben oft teuflische Bündnisse mit der Macht der Sprache geschlossen. Manchmal handelt es sich auch um Mechanismen, die kaum entdeckt werden.

Auf einen dieser teuflischen Mechanismen macht die italienische Philosophin Chiara Zamboni in ihren Text „Der Weg der Tugend und der symbolischen Sprache“ aufmerksam. Sie analysiert: Frauen neigen dann, wenn es symbolische Unordnung gibt, das Sprechen also immer weniger Möglichkeiten des Ordnens des Zusammenlebens zur Verfügung stellt, dazu, besonders tugendhaft zu sein. Oder in solchen Situationen wird von ihnen verlangt, dass sie besonders tugendhaft sind. Frauen sollen derart das Fehlen neuer Ordnungsmöglichkeiten ersetzen. Da sie sich damit aber an die vorhandenen Ordnungsmöglichkeiten lediglich anpassen, verstärken sie das Fehlen aber. Aufgrund dieser Analyse plädiert die italienische Philosophin für einen anderen Begriff der Tugendhaftigkeit. In Anbetracht symbolischer Unordnung besagt Tugendhaftigkeit, die eigenen Bedürfnisse zu artikulieren und sie in Vorschläge für neue Möglichkeiten des Zusammenlebens zu übersetzen.

Nun, solche Vorstellungen können wie gesagt leicht als Häresie abgewehrt werden. Um dieser Gefahr entgegentreten zu können, schlägt die Philosophin Luisa Muraro wiederum das Folgende vor: Neue Vorstellungen sollen als Märchen deklariert werden (vgl. Andra Günter. Märchenhafte Theologie, bzw-w…..). Statt als Häresie verurteil zu werden kann das, was Frauen erzählen, als Märchen über ein neues mögliche Zusammenleben der Menschen verstanden werden. Dabei sind Märchen Geschichten für Erwachsene und Kinder, die die Möglichkeiten des Lebens wiederspiegeln. Als solches bilden nicht vorhergesehene Frauengedanken Einladungen dazu, dem Experiment zu folgen, sich den märchenhaften Möglichkeiten des menschlichen Lebens anzunähern. Diese Sichtweise zu kultivieren, verhindert Gewalt – die Gewalt, die eine Reaktion auf Worte ist, und die oftmals in körperliche Gewalt ausartet. Letztlich verhindert ein symbolisches Verständnis des menschlichen Sprechens Gewalt. Hierfür muss Muttersprachlichkeit als der Schatz kultiviert werden, der die Welt entlang der Bedürfnisse von Menschen zu gestalten erlaubt.

 

Andrea Günter macht noch auf die Tagung Denkwerkstatt Gerechtigkeit, Denken im Mobile in Freiburg i.Br. aufmerksam:

http://www.andreaguenter.de/files/flyer_dw_gross2.pdf

 

 

 

 

Autorin: Andrea Günter
Redakteurin: Andrea Christel Göttert
Eingestellt am: 19.10.2014
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Monika sagt:

    Dass das symbolische Verständnis des menschlichen Sprechens Gewalt nicht nur verhindert, sondern auch viel weniger aufkommen lässt, das kann ich voll bestätigen.
    Gemäss meiner Erfahrung hilft es sehr, zusammen mit den verschiedensten Menschen zu üben und auszuloten, welche (bildhaften) Worte und Wörter dem eigenen ‚Sein‘ am nähesten kommen, die persönlichen, tieferen, (bisher) unausgesprochenen Gefühle am treffendsten ‚beschreiben‘ und – ganz wichtig – die Häresie den Häretikern überlassen.
    Sprachfindung, die menschliches und symbolisches Verständnis ermöglichen soll, ist (nach meiner Erfahrung) unmöglich unter dem Schwert der Häresie….

  • Bruni K sagt:

    Danke für diesen sehr nachdenkenswerten Beitrag.

  • Liebe Andrea, danke, wirklich inspirierend!
    Mir ist dazu ein Erlebnis mit unserer jüngsten Enkelin in der vergangenen Woche eingefallen. Sie ist eineinhalb Jahre alt und war 3 Tage bei uns. So lange war sie noch nie getrennt von den Eltern. Sie fängt jetzt an zu sprechen und hat grosse Freude beim Entdecken von Wörtern und Benennen von Dingen. Sie ist also dabei, “symbolisch zu ordnen”. Mehrmals hat sie in diesen Tagen gesagt “Mami, Baba”. Aber es war keine Traurigkeit oder Angst zu spüren, klang auch nicht nach einer Frage. Wenn ich gefragt habe: “Wo sind Mami und Baba?”, hat sie immer geantwortet: “Mami, Baba wite”. Ich habe nicht verstanden, dachte, es würde vielleicht weit weg (mundartlich “wiit”) bedeuten. Als die Eltern zurückkamen, hat sich das Rätsel gelöst. Unsere Tochter sagt jeweils zu der Kleinen, wenn sie sich von ihr verabschiedet, zur Arbeit geht oder sie in die Kita bringt: „Mami kommt bald wieder.“ “Wite” bedeutet also wieder (die Mami kommt wieder) und deshalb war auch keine Traurigkeit zu spüren. Der symbolischen Ordnung der Mutter vertrauen

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