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Rubrik denken, handeln

Gründerinnen. Wirksamkeit und Realität einer anderen symbolischen Ordnung

Von Dorothee Markert

Diotima: Das Fest ist hier

Diotima: Das Fest ist hier

Link zum Beginn der Serie „Das Fest ist hier“

Damit etwas Neues angefangen werden kann, muss dem etwas vorausgegangen sein. Ein Raum ist eröffnet worden, und von diesem Raum aus kann etwas Neues ausgesprochen oder getan werden. Es gibt viele solche Anfänge im Leben jeder Frau und jedes Mannes. Stefania Ferrando beginnt ihren Text damit, was es für sie bedeutete, zufällig auf „Diotima“ zu stoßen. Diotima war für sie ein solcher Raum, der vorher da war und ihr ermöglichte, etwas Neues anzufangen.

In einem Buchladen fiel ihr Blick auf das Diotima-Buch Das Denken der Geschlechterdifferenz. Sie schlug es auf und las einen Abschnitt. Und hier stand etwas, nach dem sie gesucht hatte, ohne dass ihr das bewusst gewesen war. Sie las, dass Frauen, beispielsweise wenn sie die Philosophie oder wissenschaftliches Arbeiten lieben und sich in diesem Bereich engagieren wollen, die Erfahrung machen, dass immer irgendetwas nicht so ganz für sie passt, wie wenn ein Kleidungsstück zu groß oder zu eng ist. Immer bleibt eine Art Fremdheit gegenüber dem Wissen und der Praxis, wie sie üblicherweise gelehrt werden. So lernen Frauen hauptsächlich zu wiederholen, nachzuahmen und sich anzupassen, anstatt etwas Neues hervorzubringen.

Stefania Ferrando möchte in ihrem Text über eine Bewegung des Denkens und des Begehrens nachdenken, die unser Eigenes hervorbringt und daher nicht für Wiederholungen Raum schafft, sondern für das Unerhörte. Es müsste unsere eigene Bewegung sein in dem Sinne, dass sie hauptsächlich zuerst einmal für Frauen da wäre, für das, was viele von ihnen sehen, fühlen und sich als Realität vorstellen. Diese Bewegung würde dann aber auch Ideen und Wünsche sichtbar werden lassen, auch Möglichkeiten zur Veränderung, die alle betreffen und die nur im gemeinsamen Leben Platz finden können. Die Frage, um die es der Autorin zunächst geht, haben wir von der bzw-weiterdenken-Redaktion im Rahmen der Tagung für unsere LeserInnen, „Sichtbar und einflussreich, ohne sich anzupassen“, auch schon so ähnlich gestellt: Wie kann eine solche Bewegung in der Realität wirksam werden und welche Anstrengung ist dafür notwendig, welche Stärke brauchen wir dafür?

Der Rahmen, in den Stefania Ferrando ihre Überlegungen stellt, sind auf der einen Seite die politischen Erfahrungen neuer Bewegungen in vielen Ländern, auf der anderen Seite die Wirtschaftskrise und auch die Krise der Politik und die damit verbundene Sinnkrise.

Größe und Angst

Die Erfahrung der Größe wird von Stefania Ferrando folgendermaßen beschrieben: Wir merken, dass unser Begehren und Denken dabei sind, sich mit einer Veränderung des Zusammenlebens zu verknüpfen. Wir leben dann in einem größeren Horizont von Dingen, die darauf warten, ausgesprochen und getan zu werden, und haben das Gefühl, dieser Erwartung in gewisser Weise entsprechen zu können, in diesem Veränderungsprozess zusammen mit anderen eine Rolle spielen zu können. Nehmen wir diese Herausforderung an, überschreiten wir die bisher gegebenen Möglichkeiten und merken, dass deren Versprechungen und Anziehungskräfte angesichts des viel weiteren Horizonts der angestrebten Veränderungen unwichtig werden. Es ist eine tägliche Herausforderung, dieses Bedürfnis nach Größe nicht untergehen zu lassen während der Mühsal, die Arbeit und all das, was sonst noch so anfällt, auf die Reihe zu bekommen.

Und dann ist da auch noch die Angst, der wir einen Platz anbieten müssen. Die Angst davor, es könnte uns nicht gelingen, das Begehren, die Ideen und die Größe, die wir in uns und um uns herum wahrnehmen, so in die Realität einzubringen, dass sie zu Realität, dass sie Welt werden. Diese Angst entspringt der Erfahrung, dass unser subjektiver Schwung, unser Handeln und unsere Ideen sich manchmal im Vorgestellten verlieren und dadurch kraftlos werden. Und dabei gibt es oft durchaus eine Praxis, die Welt gestalten könnte, doch ihre Stärke lässt sich nicht vermitteln. Oder diese Praxis ist von falschen Vorstellungen darüber begleitet, was es bedeutet, in die Realität einzugehen. Angesichts solcher Schwierigkeiten – wenn eine Veränderungspraxis nicht trägt, wenn nicht erkennbar ist, wie daraus Welt gestaltet werden könnte – besteht die Gefahr, dass das Begehren bzw. der Wunsch nach Größe als Illusion, Irrtum oder als wirkungslos erscheinen, oder noch schlimmer, als lächerlich. Dann können wir zu dem Schluss kommen, es sei doch besser, aus dem schon Gegebenen einfach das Beste zu machen.

Heilige Theresen, die Gründerinnen von nichts?

Die englische Schriftstellerin Mary Ann Evans (Pseudonym George Eliot) fand ein großartiges Bild für solche Situationen: „Heilige Theresen, die Gründerinnen von nichts“. Während Theresa von Avila ihr großes Begehren in Klostergründungen und Einflussnahme auf die Gestaltung ihrer Welt umsetzen konnte, zerbricht die Größe des Denkens und Begehrens jener Theresen im Kampf gegen eine Realität, die nicht mehr in der Lage ist, die Weite eines solchen Horizonts in sich aufzunehmen. Für Theresa von Avila waren ihre Gründungen möglich, weil sie von einem starken Glauben und einer symbolischen und sozialen Ordnung getragen wurde, die ihrer geistigen Größe Gelegenheiten boten, welche nicht zu eng und beschränkt waren. Ideen, Gelegenheiten, Worte und dann das Weben einer symbolischen Ordnung nährten das Denken und halfen dem Begehren, eine Form zu finden, um Realität werden zu können. Ein solches Realwerden des Begehrens sei noch nicht seine Umsetzung in Realität, betont die Autorin. Es bedeute, einen Kontext oder ein Gesamt von Praktiken auf den Weg zu bringen – wie in diesem Fall einen religiösen Orden –, in dem das Begehren leben, sich wandeln und sich ausbreiten kann. Diese Gründung hängt wie alles, was gegründet wird, von einer einzigartigen Initiative ab und von den Beziehungen, die sie ermöglichen, aber sie reduziert sich weder auf das eine noch auf das andere. Eine Gründung braucht sowohl singuläres Handeln als auch tragende Beziehungen, überschreitet aber beides.

Und genau das ist der Sinn des Gründens: Etwas geschehen zu lassen, das durch unsere Erfindungen und unsere großen Wünsche möglich wurde, das aber gleichzeitig auch von einem Eigenleben erfüllt wird, das uns überrascht und über uns hinausgeht und das wir in unterschiedlicher Weise weiterdenken und umsetzen können. Eine Gründung wie die der Theresa von Avila ist möglich, wenn es eine symbolische Ordnung und eine Lebensweise gibt, die gute Gelegenheiten dafür bieten. Doch diese stehen Männern und Frauen nicht in jeder Zeit und in jedem Umfeld zur Verfügung. Sie sind etwas Zufälliges.

Andere Theresen wurden nach Theresa von Avila geboren, Frauen mit ebenso starkem Begehren und entsprechender Größe, doch ihnen ist es nicht gelungen, aufsehenerregende Aktionen hervorzubringen. Vielleicht führten sie eine Existenz voller Irrtümer und Fehler infolge einer geistigen Größe, die sich schlecht mit der Beschränktheit der Gelegenheiten vertrug, so schreibt George Eliot in ihrem Roman „Middlemarch“. Das waren die Theresen, die Gründerinnen von nichts, die sich nicht auf eine Lebensform stützen konnten, in der es eine symbolische Ordnung gab, die ihnen bei ihrer Gründung helfen konnte. Oder die symbolische Ordnung war dafür nicht stark genug. Das Begehren dieser Frauen passte sich entweder in Resignation an die Realität an oder es zerbrach im Kampf gegen sie, was oft zu Tragödien führte. Diese Theresen, die Gründerinnen von nichts, wollten mit unscharfen Entwürfen und in einer verworrenen Situation ihr Denken und Handeln in Harmonie zusammenbringen, so George Eliot. Doch am Ende erschien ihr Kampf in den Augen der Menschen als Widerspruch um des Widerspruchs willen und als eine Sache voller Ungereimtheiten. Ihr Widersprechen und die scheinbare Ungereimtheit ihres Handelns wurden eben nicht als Folge von etwas wahrgenommen und gedacht, das im Zusammenleben fehlte, stattdessen wurde diesen Frauen Schwäche und Unentschiedenheit unterstellt, was ja sowieso für die Natur der Frau gehalten wurde. So ist nicht mehr erkennbar, dass diese Gründungen nicht zustande kamen, weil etwas fehlte, das sie hätte ermöglichen können, und dass dieses Fehlen in Wirklichkeit ein Verlust für alle ist.

Daher existieren irgendwann keine Gründerinnen mehr, während es noch Gründer zu geben scheint, und in gewisser Weise sieht es so aus, als hätte es sie nie gegeben.

In George Eliots Roman kommt noch eine dritte Möglichkeit vor, etwas Neuem zum Leben zu verhelfen und daraus Realität werden zu lassen. Dieses Gründen nimmt nicht die Form großer Taten an, an die Menschen sich später erinnern. George Eliot schreibt, das Wachsen des Guten in der Welt hänge zum Teil von einem nicht in der Geschichte erscheinenden Handeln ab. Dass manche Dinge für sie und für uns, ihre Leserinnen, nicht so schlecht gelaufen seien, wie es hätte sein können, sei zur Hälfte denen zu verdanken, die eine versteckte Existenz in Treue (zu ihrem Begehren) geführt hätten und nun unbeachtet in ihrem Grab ruhten.

Stefania Ferrando betrachtet es als großen Verlust für das weibliche Begehren, dass die religiöse Kultur des Mittelalters unterging. Diese Kultur, die Theresa half, eine Gründerin zu werden, ermöglichte eine Weite, Höhe und Tiefe des Austauschs, zu dem die meisten Menschen nicht in der Lage sind, und eine große Risikobereitschaft. Denn diese Welt hatte ihren Maßstab nicht im Realität gewordenen Realen, sondern in der Realität dessen, das dieses überschreitet und einem anderen Maßstab unterworfen ist. Nach dem Ende jener Ordnung sei es noch nicht gelungen, eine andere Gründungspraxis zu entwickeln und eine symbolische Ordnung zu erkennen und zu benennen, auf die dabei gesetzt werden könne.

Wenn große Wünsche zwischen uns zirkulieren

George Eliot bezog sich auf ein Problem ihrer Zeit, das auch unsere Zeit betrifft. Mit Kapitalismus und Individualismus setzte sich die Vorstellung durch, große Wünsche und Visionen seien etwas ausschließlich Subjektives, das sich dann vielleicht mit dem Begehren anderer verbinden könne. Das Bild einer symbolischen Ordnung und einer Lebensordnung, die auf gewisse Weise den Einzelnen voraus und über sie hinausgehen, einer Ordnung, die es möglich macht, Worte und Taten an sie anzukoppeln und Realität daraus werden zu lassen, ist aus dem Sichtbaren verschwunden. Und so wissen wir nicht mehr genau, was wir tun müssen, um einer Veränderungsarbeit von Worten und Weltsicht in die Richtung, die uns am Herzen liegt, in der Praxis Stärke zu geben.

Stefania Ferrando hält es dagegen für wichtig, von dem Gedanken auszugehen, dass die großen Wünsche nicht nur etwas sind, das wir erst dann in die Gemeinschaft einbringen, wenn sie in uns Form angenommen haben. Sie gehen uns auf gewisse Weise voraus, gewinnen im Schatten unseres Handelns, unserer Versuche und Erfindungen Gestalt und überschreiten sie immer auch ein bisschen, während sie zwischen uns zirkulieren. Wir sollten uns das Paradox zunutze machen, dass das Begehren, das jede einzelne Person zu Worten und Erfindungen drängt und das uns im tiefsten Inneren angeht, nichts ist, von dem wir einfach sagen können: „Es ist meins, es kommt nur von mir“. Trotzdem lässt sich dieses Begehren nicht als Projekt und Bedürfnis einer Partei, einer Klasse oder einer bestimmten Gruppe von Menschen festmachen. Indem es durch uns hindurchgeht, schwingt es in unserer einzigartigen Besonderheit, unserer Singularität, beschreibt eine Art unwiederholbaren Bogen und verlangt von uns verantwortliches Handeln und Eintreten in erster Person.

Die Kraft und die Größe, die wir in uns und anderen Frauen und Männern wahrnehmen können, kann nur dann Welt werden, wenn folgende Bedingungen erfüllt sind: Sie müssen in ein Begehren eingeschrieben werden, das größer ist als das jeder Einzelnen, ein Begehren, das zwischen uns zirkuliert und sich dabei durch die Erfindungen, Worte, Praktiken und Begehren der Einzelnen verwandelt, wobei jede und jeder von ihnen das eigene Spiel spielt und doch auch ein Spiel mit anderen zusammen. Dieses Spiel gelingt nur, wenn ich das Begehren in mir selbst annehme, während es durch mich hindurchgeht, und dann die richtigen Tasten anschlagen kann, die unsere Realität in Bewegung bringen, so dass wirklich etwas geschehen kann, für mich selbst und für andere.

An dieser Stelle kann etwas gegründet werden, doch dies ist ein anderes Gründen als das der Theresa von Avila. Es ist nicht mehr an einen Glauben und eine Ordnung gekoppelt. Es muss die Prüfung der beschränkten Gelegenheiten bestehen, der extremen Schwierigkeit, Denken und Handeln in edler Harmonie zusammenzuschmieden, wie es George Eliot ausdrückte. Es ist aber ein Gründen, das aus einer symbolischen Ordnung Stärke gewinnt, die aus dem Alltäglichen gewebt ist und auf das Alltägliche zurückwirkt.

Begehren nach Politik und Politik des Symbolischen

Es gibt ein Begehren nach Politik, einen starken Wunsch nach Mitgestaltung dessen, was mit uns geschieht, und dieses Begehren findet keinen Raum. Wir können aber ein Stück Welt gründen und lebendig werden zu lassen, in dem das gesammelt und verbreitet wird, was wir denken und suchen, allein oder mit anderen, eine Möglichkeit eröffnen, damit die großen Wünsche, unsere Begehren, die zwischen uns zirkulieren, sich ans Werk machen können. Was heißt das?

Der Ausgangspunkt der politischen und symbolischen Arbeit ist es, sich klarzumachen, dass das Begehren in mir entsteht, aber nicht nur. Um das Begehren so artikulieren zu können, dass es im Hinblick auf Weltwerdung eine vielversprechende Form annimmt und fähig wird, andere Veränderungen zu nähren, ist eine symbolische Ordnung nötig. Wir müssen also eine bestimmte Konfiguration aus Worten, Ansatzpunkten und politischen Formen schaffen, die unsere sind. Wir müssen trainieren, unsere großen Wünsche, Bedürfnisse und Sehnsüchte, die in diesem Stück Welt zirkulieren und die wir auch in uns wiederfinden, mit Klarheit und Leidenschaft ins gemeinsame Leben einzubringen, an ihnen zu arbeiten mit unseren Erfindungen und unerwarteten Verknüpfungen und ihnen eine gewisse Dauerhaftigkeit zu geben. (Die oben erwähnte Tagung „Sichtbar und einflussreich, ohne sich anzupassen“ wurde von einer der Teilnehmerinnen als „Trainingslager“ bezeichnet, was viel Zustimmung fand). Das ist noch nicht die Verwirklichung des Begehrens, doch es gibt ihm den Rahmen und den Raum, weiter zu wachsen und sich auszubreiten. Hier kommt die symbolische Ordnung ins Spiel und auch der Konflikt und das Verhandeln über verschiedene symbolische Vermittlungen, also beispielsweise bestimmte Begriffe und Bilder, die unterschiedliche Ordnungen hervorbringen.

Die symbolische Ordnung, um die es hier geht, ist nichts, was schon gegeben ist. Sie wird gemeinsam gewebt und entdeckt in der politischen Praxis und im Austausch miteinander, in den Erfindungen, im Bedürfnis nach Worten und neuen Möglichkeiten. Sie hat also eine paradoxe Struktur, bei der gleichzeitig etwas entdeckt und geschaffen wird. Sie ist weder nur ein Gedanke oder ein subjektives Aufscheinen, hat also durchaus Kontinuität und Konsistenz, existiert jedoch nie als endgültige, festgelegte Vorschrift, sondern nur in einer Bewegung, die der der Ballannahme und des Weiterwerfens vergleichbar ist. Hiermit eröffnet sich eine andere Art, Gründerinnen zu sein. Es ist nicht das Gründen großartiger Aktionen und heldinnenhafter Taten. Ein kleiner Schritt genügt, vorausgesetzt, wir gehen ihn in der richtigen Perspektive: Nicht nur, um mal etwas auszuprobieren oder ein Beispiel zu geben, sondern um mit einer Gründung zu beginnen. Das heißt, nach den richtigen „Tasten“ zu suchen, um an dem zu arbeiten, was, wenn es einmal in Bewegung gesetzt wurde, auch andere nicht in der Unbeweglichkeit lassen kann. Also die großen Wünsche und Fragen zu erkennen und zu erfühlen, die unser gemeinsames Leben durchziehen und die zugleich davon abhängig sind, was wir aus ihnen machen, wie wir sie denken, aussprechen und in die Praxis einbringen. Es ist ja die Realität unseres gemeinsamen Seins, Denkens und Begehrens, das uns die Gründungen abverlangt. So kann die Größe der Ideen und Wünsche den Weg finden, um Welt zu werden.

Die Politik der Frauen und eine neue Praxis der Singularität

Ein Beispiel für die symbolische Arbeit, die als Ferment in das gemeinsame Leben eingebracht wird, ist Olympe de Gouges’ „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“, im ersten Jahr der Französischen Revolution, Punkt für Punkt in Entsprechung zur sogenannten Menschenrechtserklärung geschrieben, die ja in Wirklichkeit nur eine Männerrechtserklärung war. Beim Punkt „Redefreiheit“ betont sie das Recht einer Frau, öffentlich sagen zu können, wer der Vater ihres Kindes ist, und dies nicht verheimlichen zu müssen. Dies gibt dem Ursprungstext eine unerhörte, überraschende Wendung und „stört“. Damit trägt Olympe de Gouges etwas in den politischen Raum, das dort noch nie aufgetaucht ist und das dort nicht bleiben kann, ohne ihn grundlegend zu verändern.

Wenn uns nicht klar ist, an welcher symbolischen Ordnung wir weiterweben sollen, fehlt uns Orientierung und wir nehmen unser Handeln und Begehren weiterhin als zu schwach wahr. Stefania Ferrando schlägt vor, jene symbolische Ordnung genauer anzuschauen, die in den Beziehungen unter Frauen gewebt wurde und die in den gegenwärtigen Veränderungen eine große Rolle spielte und spielt. Wir finden darin eine bestimmte Praxis des Gründens, der es gelingt, mit der Spannung zurechtzukommen, die zwischen der Singularität, der Besonderheit und Einzigartigkeit der einzelnen Person, und den Praktiken besteht, die eine etwas festgelegtere Form gefunden haben – wie beispielsweise die Philosophinnengemeinschaft Diotima oder die Onlinezeitschrift beziehungsweise-weiterdenken. Zu solchen Praktiken gehören auch Institutionen oder öffentliche Kontexte, in denen wir uns handelnd befinden, und diese können durchaus hilfreich sein für unsere Erfindungen und das Erscheinen von Neuem, indem sie eine gewisse Kontinuität und Verbreitung ermöglichen. Es geht um die Gründung von Praktiken und Kontexten, die mehr oder weniger festgelegt, jedoch so dehnbar sind, dass darin Raum für die Besonderheit Einzelner und für das Unerwartete bleibt, und die sich gleichzeitig im gemeinsamen Leben verorten, es in Frage stellen und verändern – und die stark genug dafür sind.

In der Frauenbewegung der 1970er-Jahre wurde etwas Unerhörtes gesagt und getan, das noch nie eine solche praktische Umsetzung gefunden hatte und so deutlich ausgesprochen worden war. Es ging um ein Problem, das – zumindest in Europa – im Zeitalter der Moderne immer dringlicher geworden war: Mit der Französischen Revolution war der Gedanke einer Politik zentral wichtig geworden, die nicht von einem absoluten Herrscher oder einer aristokratischen Klasse allen anderen aufgezwungen wurde, sondern „unsere“ werden sollte. Diese Forderung wurde oft in „Teilnahme an der Macht“ übersetzt, beispielsweise in Form von repräsentativer Demokratie, doch darin erschöpfte sie sich nicht, was viele Frauen und Männer zu Beginn des 18. Jahrhunderts noch sehr gut wussten. Es ging um eine Politik, die dem, was im Zusammenleben geschieht, den Beziehungen unter den Menschen und auch den Bestrebungen der Einzelnen Bedeutung und praktischen Wert geben könnte. Die christliche Idee der Einzigartigkeit und Bedeutung jedes und jeder Einzelnen wurde so, indem sie sich verwandelte, zu einer Frage an die Politik.

Stefania Ferrandos These ist nun, dass viele Frauen von einer solchen Verbindung zwischen Singularität, Politik und mehr oder weniger institutionalisiertem Handeln eine besondere Vorstellung hatten, die klarer, stärker und manchmal auch beängstigender war als die der Männer. Dies hatte mit ihrer kontinuierlichen Praxis im Hin und Her zwischen Erwerbsarbeit und Haus- und Familienarbeit zu tun. In den Erfahrungen der Frauen, die sie durchlebten und über die einige auch schrieben, drängte sich die Notwendigkeit auf, Singularität und gegebene Umstände zusammen zu denken und darin zu handeln, also Singularität und mehr oder weniger institutionalisierte Formen zusammenzubringen. Beispielsweise hatten sie in der Geburt eines Kindes vor Augen, mit welcher Fülle an Möglichkeiten es in eine ganz bestimmte soziale Situation hineingeboren wurde, und wie es geschah, dass seine Einzigartigkeit, das „Mehr“, das es mitbrachte, oft nicht zum Tragen kam. An dieser Stelle konnte wahrgenommen werden, welche konkreten Veränderungen der gegebenen Bedingungen dafür notwendig gewesen wären. In diesem konkreten Sinn ging Politik die Frauen an.

Dass Frauen solche Dinge wahrnehmen konnten, geschah nicht im leeren Raum, sondern gleichzeitig mit dem Weben und Entdecken einer symbolischen Ordnung, die weder die des Gesetzes war noch die der Revolution, und auch nicht die des Sozialismus. Es geschah im Rahmen einer ganz bestimmten symbolischen Ordnung, einer Ordnung der Frauen, einer mütterlichen symbolischen Ordnung. Diese Ordnung ist äußerst weit und umfassend, so dass sie so viel wie möglich von dem, was geschieht, in sich aufnehmen und sich ihm gegenüber öffnen, ihm einen Platz einräumen kann. Es ist also eine Ordnung, die Räume zur Verfügung stellt, in denen das Einzelne und das noch nicht Realität gewordene Reale sich ereignen können, und gleichzeitig eine Ordnung, die die symbolische Fähigkeit besitzt, im Sinne des Begehrens Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen.

Wenn es also ein weibliches Symbolisches gibt, das ein besonderes Wissen darüber besitzt, wie mit der Singularität und ihrem schwierigen Sich-Einbringen in die Formen der Welt umgegangen werden kann, ist es wichtig, dass dieses Symbolische gerade der Singularität der Frauen Möglichkeiten für ihr Sein und ihr Begehren im Rahmen ihrer Beziehungen eröffnet. Die Arbeit daran ist noch längst nicht abgeschlossen.

Jenes Symbolische war der Ort, von dem aus die Veränderungen möglich wurden, die der Feminismus und die Politik der Frauen seit den 1970er-Jahren vollbracht haben, nur von dort aus waren solche Veränderungen möglich.

Die symbolische Ordnung, die in den Beziehungen unter Frauen gewebt wird und der die Politik der Frauen große politische und praktische Stärke geben konnte, ist in der Lage, Formen, Regeln und Worte auszuarbeiten (über die aber immer wieder neu verhandelt und die neu entdeckt und ins Leben gebracht werden müssen), um mit der Singularität umzugehen und mit der Spannung, in die bestimmte Kontexte, Institutionen, Ämter, Qualitätsmaßstäbe und Bestimmungen durch die Singularität, also durch die Besonderheit Einzelner, versetzt werden. Die Frage ist nun, wie wir dafür sorgen können, dass in unserer Politik und in unserem Zusammenleben eine diesbezügliche symbolische, praktische und politische Arbeit geleistet wird. Dass wir Institutionen und Praktiken begründen und verändern, die mehr oder weniger geordnete und verbreitete Formen annehmen, von der Lokalpolitik bis zur Arbeitsorganisation. Mehr oder weniger geordnet und verbreitet deshalb, weil jene Kontexte nur so fähig werden, die Erfindungen der Einzelnen aufzunehmen und ihnen Gewicht und praktischen Wert zu verleihen, also dem, was jede und jeder Einzelne einbringt. Denn nur so können die Begehren, großen Wünsche und Visionen, die unter uns zirkulieren und die in unserer Singularität schwingen, sich ausbreiten.

Durch die Politik der Frauen haben wir gelernt, diese Herausforderung zu erkennen und mit ihr umzugehen. Stefania Ferranda meint, dass heute viele Frauen und Männer die Herausforderung angenommen und sich auf den Weg gemacht haben. Und das, so schreibt sie, sei der Weg, um Gründerinnen zu werden.

Diotima, La festa è qui, Napoli 2012, 175 S., € 16,99

Link zum nächsten Kapitel: „Im Herzen des Gegenwärtigen“

 

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Monika Hengartner sagt:

    Vielen Dank für diesen Anstoss, die Verwirklichung (oder eben die „Real“-isierung) von eigenen, persönlichen Ideen, Gefühlen und Gedanken einer symbolischen Ordnung im grösseren zeitlichen und kommunikativen Gebilde zu erkennen und wirken zu lassen!
    Besonders beeindruckt hat mich das im Text erwähnte Beispiel, dass sich (auch bei mir) etwas ändert beim auf sich wirken lassen, dass Menschenrechte eigentlich Männerrechte seien und, in einer für die Frau angepassten „Redefreiheit“, frei und öffentlich sagen zu dürfen, wer der Vater der eigenen Kinder sei ohne dies verheimlichen zu müssen.
    Ja, das verändert das (mein) Leben und macht Mut, weiter zu tun, zu begehren und zu „gründen“.
    Es scheint mir, als werde hier Energie sichtbar!

  • Juliane Brumberg sagt:

    Dein Artikel, liebe Dorothee, erinnerte mich an manchen Stellen an Sina Trinkwalder (http://www.bzw-weiterdenken.de/2014/06/das-gute-leben-selber-machen/), die mit der Gründung und dem Durchhalten bei ihrer Firma manomama ja auch einem sehr starken Begehren folgt. Die Gedanken von Stefania zum Sinn des Gründens sind in gewisser Weise der theoretische Überbau zu Sina Trinkwalder, denn genau das geschieht auch bei ihr:
    Etwas geschehen zu lassen, das durch unsere Erfindungen und unsere großen Wünsche möglich wurde, das aber gleichzeitig auch von einem Eigenleben erfüllt wird, das uns überrascht und über uns hinausgeht und das wir in unterschiedlicher Weise weiterdenken und umsetzen können.

    Wirklich fein, dass durch Dich die italienische Texte auch in Deutschland verbreitet werden.

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