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Zur Zeit des Advents und großer politischer Fragen: „Weihnachten. Das Fest der Verwundbarkeit“

Von Andrea Günter

Was bedeutet die Geburt eines Kindes für die Welt?
Die Erläuterungen im Cover Hildegund KeunBuch von Hildegund Keul sind ungewöhnlich

Weihnachten ist das Fest des Geborenseins in göttlicher Dimension, gleichzeitig wird hier kein sentimental stimmendes Baby-Kleinkind-Idyll gefeiert, in der Spannung dieser beiden Aussagen bewegt sich das Buch „Weihnachten. Das Wagnis der Verwundbarkeit“ von Dr. Hildegund Keul, außerplanmäßige Professorin für Katholische Fundamentaltheologie an der Universität Würzburg und zugleich Leiterin der Arbeitsstelle für Frauenseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz.

Das Weihnachtsfest als das Fest der Geburt verstehen, das Transzendenz erschließt, ohne die Illusion eines romantisierten Geborenen-Natur-Mutter-Vater-Idylls zu verheißen, genau diese Perspektive ist es, die mich an Hildegund Keuls Interpretation des Weihnachtsgeschehens besticht. Die Situation einer Geburt ist weder ein Ort von natürlicher Harmonie, denn sie ist gefährlich für Mutter und Kind, noch ist sie ein Ort von bequem-anheimelnder Weltlosigkeit, denn die Situation einer Mutter ist immer schon weltlich strukturiert: Eine Mutter ist alleinstehend oder verheiratet, arm oder wohlhabend, lebt in belasteten, konfliktreichen oder gelingenden Beziehungssettings. Und wie es speziell die schnelle rettende Flucht von Maria, Josef und Jesus vor den Tötungsabsichten des Machthabers Herodes vor Augen führt, ist eine Geburt ebenso wenig ein Ort der absoluten Ohnmacht gegenüber den vorhandenen Gewalten der Welt. Gefahr und Gewalt sind Dimensionen einer Geburtssituation, für deren Überwindung Verantwortung übernommen werden kann, dies bezeugen die Geburtsgeschichten des Gotteskindes Jesus im Neuen Testament, macht die Befreiungstheologin und Mystikexpertin Hildegund Keul eindrücklich deutlich.

Natürliche, soziale, welthafte, religiös-spirituelle Bedingungen treffen im Moment des Erkennens der Schwangerschaft einer Frau sowie im Zur-Welt-Kommen und in die Welt-Eintretens eines Neugeborenen zusammen. Hildegund Keuls Verständnis der Geburtssituation geht zum Glück weit über den Personenkreis Kind-Mutter hinaus. Herodes, kindstötende Soldaten, die jüdischen Priester, die Sterndeuter, die Soldaten, die Herbergseltern, die Hirten, die Engel, zuallererst „der Vater“: all diese Gestalten, die die Herausforderungen der neutestamentlichen Geburtsgeschichte veranschaulichen, interpretiert Keul einerseits historisch im Kontext der jüdisch-römischen Herrschaftsstruktur; andererseits rückt sie damit zugleich den organisationssystemischen und kulturabhängigen Bedingungszusammenhang einer Geburtssituation in den Blick.

Wenn eine Geburt einen unerwarteten und unkontrollierten Neuanfang eines angewiesenen und verwundbaren Menschen inmitten der Geschehnisse der vorhandenen Welt darstellt, wird damit deren Machtverhältnisse prinzipiell infrage gestellt. Wie reagieren ein prekärer Machthaber und Gewaltpotentat (Herodes), wie eine etablierte religiöse, dennoch desgleichen prekäre Macht (weil bloß „religiöse“ Macht: die jüdischen Priester), wie Figuren des besonderen und ungebundenen Wissens (die Sterndeuter), wie Repräsentanten der gesellschaftlich am Rande Stehenden (die Hirten) darauf? Wie kann auf die Auswirkungen der Dynamik, die solche gesellschaftlichen Konstellationen auf eine Geburt erzeugen, geantwortet werden?

Keul nutzt die menschliche Verwundbarkeit als Kategorie, um die unterschiedlichen Verhältnisse der biblisch figurierten Gesellschaftspositionen zu der conditio humana „Gebürtigkeit“ als Neuanfang, Angewiesenheit und Verletztlichkeit zu analysieren. Ihre Perspektiven eröffnen Sichtweisen zur Analyse all dieser Positionen, für deren Bewertung ebenso wie für deren spezielle, positionsabhängige Verantwortung, Verantwortung für die menschliche Verwundbarkeit zu übernehmen.

Mit der Perspektive, Verwundbarkeit als kritisches Theorem zu entwickeln, lassen sich auch Verbindungen zwischen der spezifischen historischen Situation des Jesusgeschehens und menschheitsgeschichtlichen Grundthemen ziehen. Die biblische Weihnachtsgeschichte wird als eine „Flucht“geschichte, als eine Situation des Zwischens deutlich: als Verhältnisbestimmung von den spezifischen Bedingungen einer Geburt als Neuanfang eines immer besonders schutzbedürftigen menschlichen Säuglings und von den etablierten Bedingungen ihrer Umwelt mit all ihren konkreten Fürsorgestrukturen und -tätigkeiten, aber auch mit all ihren Missachtungen und all ihrer Abwehr. Die universelle Bedeutsamkeit der Flucht der speziellen biblischen „heiligen Familie“ also derart politisch zu verstehen, greift die Autorin auf, indem sie heutige Migrationssituationen als Faktum weltweiter politischer Verhältnisse von Verwundbarkeit und Angewiesenheit ins Zentrum rückt. Hier wie dort geht es um die Frage nach menschlichen Haltungen gegenüber dem Komplex von Geburt, etablierter Weltlichkeit und menschlicher Verwundbarkeit. Dazu sei bemerkt, dass es nicht überrascht, dass eine Befreiungstheologin und Mystikexpertin Haltungen gegenüber Verwundbarkeit in der Spannung von Schutz und Hingabe zu entwickeln anstrebt.

Um welche Haltungen geht es Keul? Anstatt die Utopie der Unverwundbarkeit zu zelebrieren, sich hingegen der Verwundbarkeit hinzugeben, darin liegt die starke Herausforderung, die die Weihnachtsgeschichte einfordert. Mich lässt diese Kontur an den Umgang mit 9/11 denken: statt mit Strategien von Unverwundbarkeit zu antworten, die eigene Verwundbarkeit zu gestalten, was wäre in der Welt nach den Anschlägen in New York passiert? Hier hätte ich mich von der Autorin gerne noch durch weitere politische Überlegungen anregen lassen. Wie etwa kann der Sinn von Weihnachten als das Fest der Geburt derart elaboriert werden, dass dieses Fest das weltliche Politische als Transzendentum und Ort von Spiritualität in den Blick zu nehmen vermag, so dass das Bedürfnis nach Utopien von Unverwundbarkeit ins Leere laufen werden? Keul scheint hier als christliche Theologin in eine Engführung zu geraten, wenn sie die Verbindungen ihrer theologischen Interpretation des Weihnachtsfestes in den letzten Teilen vorwiegend zur Passion und Auferstehung Jesu entwickelt.

Dennoch stimme ich ihr grundsätzlich darin zu, dass die Bedeutung des Weihnachtsfests als das Fest der Geburt weltweit und über verschiedene Religionen bzw. säkulare Verhältnisse hinaus Menschen zu bewegen vermag. Keul führt dafür die beinahe weltweite Verankerung des Lieds „Stille Nacht, heilige Nacht“ an. Geborensein ist eine menschliche Grundkonstante, die die Erfahrungen von Menschen verbindet. Biblische Texte vermögen die Dimensionen dieser Menschseinsbedingung bislang wie kaum andere zu erzählen, und zwar gerade indem sie die politische Dimension der Gebürtigkeit veranschaulichen. Wenn das Christentum bei der Symbolisierung des Politischen in seinen Erzählungen über den Anfang eines jeden Individuums weiterhin eine besondere Deutungskraft – eine Tradition, auf die es durchaus stolz sein darf –, in Anspruch nehmen kann und will, dann vermag dies dadurch zu gelingen, dass es die Bedeutsamkeit des Politischen für und entlang von Geburtssituationen stark macht. Dies geschieht damit, dass Verwundbarkeit so wie im Umgang mit der Verletzlichkeit eines Säuglings als erste Haltung gegenüber einem jeden Menschen erinnert, bewertet und tradiert wird. Damit wird Weihnachten als das Fest der Gebürtigkeit erkennbar, das Verwundbarkeit als Herausforderung des Politischen und als kritisches Theorem von Weltlichkeit zu feiern wagt. In dieser Dimension feiere auch ich und gerade als Philosophin des 21. Jahrhunderts gerne Weihnachten.

 

 

Hildegund Keul: Weihnachten. Das Wagnis der Verwundbarkeit, Patmos: Ostfildern 2013, 144 Seiten, ISBN: 978-3-8436-0440-6

Autorin: Andrea Günter
Redakteurin: Christel Göttert
Eingestellt am: 12.12.2014

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Barbara sagt:

    na, das ist ja schön, dass Sie der Hildegard Keul das abnehmen.
    Unter der Asche ist also doch noch Glut.
    Deswegen und trotz alledem „Alle Jahre wieder“,… „Welt ging verloren, Christ ist geboren,….freue dich, o Christenheit“ und alle Menschen, die sich trotz alledem als „Königskinder“ auf dieser unserer Welt fühlen.
    Frohe Weihnachten wünscht
    Barbara

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