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25 Jahre Mauerfall: Sind die Mauern wirklich gefallen?

Von Ursula Knecht-Kaiser

 

Foto: Jürgen hohmuth, zeitort.de

Foto: Jürgen hohmuth, zeitort.de

2014 wurde landauf landab 25 Jahre Mauerfall gefeiert. Aber sind die Mauern wirklich gefallen, in den Köpfen, den Herzen? In Gesprächen mit FreundInnen in der Schweiz, Österreich und Westdeutschland fällt mir immer wieder auf, wie wenig sie sich interessieren für das Leben, das ganz alltägliche, der Menschen damals in der DDR, die immerhin 40 Jahre lang existiert hat.

Ich habe ein Referat hervorgekramt, zu dem ich im Jahre 2000 von Frauen des Frauenbildungszentrums (FBZ) im Rahmen der Ausstellung „Labyrinth-Lebensweg“ nach Dresden eingeladen wurde. Die Frauen hatten sich Gedanken gewünscht zum Thema „Die politische Bedeutung des Labyrinths – eine Horizonterweiterung“. Hier ist eine gekürzte Version davon:

Für mich ist es eine große Freude, heute Abend hier zu sein. Es sind mehr als 30 Jahre vergangen, seit ich zum ersten Mal in Dresden war und zusammen mit Freunden auf der Brühlschen Terrasse saß, auf die Elbe blickte, den breiten Strom, der sich von Ost nach West bewegt.

Damals hätte ich mir nicht träumen lassen, dass ich eines Abends hier sein würde, um vom Labyrinth zu erzählen.

Meine Reisen in die ehemalige DDR, also bis vor 10 Jahren, waren jeweils ein kleines Abenteuer. Es gab „heiße Ware“ im Gepäck – Bücher und Zeitschriften, die sich die Freunde hier gewünscht hatten. Es war nie sicher, was sich am Grenzbahnhof in Gerstungen abspielen würde. Und zu Hause in der Schweiz haben die Angehörigen gebangt, ob ich wohl wieder heil von „hinter dem Eisernen Vorhang“ zurückkehren würde.

Auch heute bedeutet mir diese Reise hierher ein kleines Abenteuer. Auch jetzt, kommt es mir vor, habe ich „heiße Ware“ dabei: 10 Jahre Labyrinth-Erfahrung auf dem öffentlichen Frauenplatz in Zürich. Heute interessiert sich allerdings keine Grenzbehörde für dieses „Gepäck“. Jetzt sind Sie es, die darüber befinden müssen, was Sie zu sich hereinlassen wollen, was Sie bei sich aufnehmen mögen. Diese Aufgabe nimmt Ihnen niemand mehr ab.

Ich sage Ihnen jetzt, wie ich mich auf diesen Abend vorbereitet habe:

Zunächst habe ich versucht, mir die Gespräche, der letzten 10 Jahren mit Freunden hier im Osten zu vergegenwärtigen. Und ich habe mir die Leseerfahrung von Büchern verordnet, die Menschen aus Ostdeutschland geschrieben haben und die kürzlich publiziert wurden:

Vom Soziologen Rolf Engler: „Die Ostdeutschen, Kunde von einem verlorenen Land“

Von der Journalistin Daniele Dahn: „Vertreibung ins Paradies“

Vom Dichter und Schriftsteller Wolfgang Hilbig: „Das Provisorium“ (mit dem schönen Fotoeinband vom Leipziger Bahnhof, das viele Erinnerungen in mir wachruft)

Wiedergelesen, bzw. geblättert habe ich in Christa Wolf: „Auf dem Weg nach Tabou“

„Kunde von einem verlorenen Land“, „Vertreibung ins Paradies“, „das Provisorium“, „Auf dem Weg nach Tabou“ – Was hat das Labyrinth damit zu tun? Sie haben sich vielleicht über diese Aufzählung gewundert und stellen sich und mir die Frage: Warum stellt sie uns nicht Labyrinthbücher vor? Schließlich soll es heute Abend ums Labyrinth gehen. Darauf gibt es zwei Antworten:

1. In den letzten Jahren sind zwar eine ganze Reihe Labyrinthbücher auf dem Markt erschienen, darunter viele wunderschöne Fotobände. Sie verkaufen sich gut. Es scheint Mode geworden zu sein, sich mit Labyrinthen zu befassen.

Darüber allerdings, was wir in Zürich mit dem Projekt „Öffentliche Labyrinthplätze“ angestoßen haben, gibt es noch kein Buch, nichts zwischen zwei Buchdeckel Gepresstes. Zum Schreiben fehlte uns bis jetzt die Kraft und die Zeit. Außerdem sind wir selber in einem Lernprozess. Unsere Perspektiven verändern sich laufend – oder müsste ich sagen ‚gehend‘, nämlich im Labyrinth gehend. Wir sind immer wieder herausgefordert, neu zu reflektieren und zu deuten, was wir tun und was mit uns geschieht in der Labyrintharbeit. Darum tauschen wir uns lieber aus im lebendigen Gespräch, laden Menschen zu uns ein oder reisen – zum Beispiel – nach Dresden.

2. Der andere entscheidendere Grund, warum ich nicht Labyrinthbücher, sondern Zeitzeugen und Zeitzeuginnen aus Ostdeutschland befragt habe, ist folgender:

Ein öffentlicher Labyrinthplatz ist geprägt von der Zeit und vom Ort, wo er sich befindet. Er spiegelt die Befindlichkeit der Menschen, die ihn brauchen: Ihre Wünsche und Sehnsüchte, ihre Kompetenzen, ihre Freude und Trauer, ihre Zweifel, manchmal vielleicht auch ihre Verzweiflung. Und er bringt diese Menschen mit ihren unterschiedlichen Lebens-Geschichten miteinander in Beziehung.

Lassen sie mich ein Bild „inszenieren“:

Ich stelle mir vor:

Sie alle hier im Saal suchen sich in diesem Labyrinth Ihren Standort, irgendwo auf dieser schwarzen Linie. Sie bilden die Struktur des Labyrinths. Und ich mache mich nun auf den Weg durchs Labyrinth, an Ihnen vorbei, zwischen Ihnen hindurch. Jede, jeden den/die ich treffe, bitte ich, mir ihren/seinen Standpunkt zu beschreiben. Es wäre die Beschreibung Ihres Stand-Ortes in diesem Augenblick. Es wäre die Geschichte Ihres Platzes in der Welt. Jedes Mal eine einmalige unverwechselbare Geschichte.

Was für ein reiches und komplexes Welt-Bild würde sich mir darbieten, wenn ich so durchs Labyrinth gehe, das Sie gebildet haben!

Vielleicht würde ich Sie – später – bitten, Ihren Stand-Ort zu tauschen. (Es kann auf die Dauer langweilig und ermüdend sein, immer auf demselben Standpunkt zu verharren). Und wenn ich Sie dann wieder nach Ihrer Geschichte frage, hätte sie sich an einem anderen Stand-Ort vielleicht ein wenig verändert. Und mein Welt-Bild hätte sich erweitert und bereichert.

Was könnte in dieser „Inszenierung“ sinnenfällig werden?

Vielleicht: Jeder Mensch ist eine Chance. Er trägt etwas – nämlich seine Eigen-Art bei zum Ganzen des Weltbildes. Seine Art wahrzunehmen, zu sehen, zu hören, zu begreifen, sich auszudrücken, sich durchs Leben zu bewegen. Jeder ist eine Chance, lange bevor wir uns darüber unterhalten, wer welche Chance hat oder nicht hat, bekommen soll oder nicht bekommen soll. Dieses Bild, dass jede/r eine Chance ist, müsste sich eingeprägt haben in unseren Hirnen und Herzen vor jeder Diskussion über Chancengleichheit oder Chancengerechtigkeit.

Wenn auf einem öffentlichen Platz Menschen erfahren, dass sie eine Chance sind, weil sie einen Beitrag leisten zur Vielfalt des Welt-Bildes, könnte das zu einer politischen Horizont-Erweiterung führen. Das Labyrinth „moderiert“ dabei das Welt-Bild. Es kennt zum Beispiel keine Hierarchien. Jeder Standort kann bedeutsam sein. Wer sich nur am Schema oben/unten oder rechts/links orientiert, findet sich in einem Labyrinth nicht zurecht.

Das Labyrinth ist kein geschlossenes Welt-Bild. Ein- und Ausgang sind immer offen.

Auf dem Labyrinthplatz Zürich erleben Menschen, die in der gängigen gesellschaftspolitischen Optik als chancenlos gelten, dass sie hier eine Chance sein dürfen.

Wenn wir in Zürich jedes Frühjahr das „Fest zum Lebensanfang“ für die neugeborenen Kinder feiern, dann geschieht das auch aus Dankbarkeit für die Bereicherung des Welt-Bildes durch jedes neue Kind.

Eine Chance sein heißt: mein Leben ist nicht sinnlos. Aber damit sich Sinn bewahrheitet, braucht es die Anderen. Ich brauche Menschen, die mich willkommen heißen, mich respektieren. Respekt meint nicht Kritiklosigkeit, im Gegenteil. Respekt meint die Achtung vor meinem Da-Sein, meinem Lebensentwurf und meiner Lebenserfahrung.

Im Gespräch mit meinen Freunden im Osten und in den Büchern, die ich auf diesen Abend hin gelesen und befragt habe, ist mir immer wieder das Thema Respekt begegnet. Menschen im Osten Deutschlands fühlen sich vom Westen nicht ernst genommen, manchmal gedemütigt, in ihrem Lebenswerk entwertet. Als hätten sie nicht auch gearbeitet, geforscht, Freundschaften gepflegt, Kinder ins Leben und in die Welt eingeführt, Feste gefeiert, Kunst geschaffen, Humor entwickelt…. Ich denke, es käme darauf an, dass Sie sich gegenseitig achten, ohne auf die Anerkennung aus dem Westen zu warten, dass Sie einander selbstbewusst Ihr Leben erzählen, die Stärken und die Schwächen. Der öffentliche Labyrinthplatz könnte ein Ort des gegenseitigen Respekts sein.

Ich glaube, in Zürich spüren Menschen etwas von dieser Achtung. Darum kommen sie gerne dorthin.

Wenn es in einer Stadt einen öffentlichen Ort gibt, einen Platz, wo Menschen wohlwollend wahrgenommen werden, ohne dafür eine Vorleistung zu erbringen in Form von Geld, Arbeit, Besitz, Bildung, Glaubensbekenntnis etc., ist das ein Politikum.

Eigentlich handelt es sich um etwas ganz Banales, Selbstverständliches. Es ist die Haltung, in der (fast) jede Mutter ihr Kind nach der Geburt empfängt. Eine Erfahrung also, die jedes menschliche Wesen am Beginn seines Daseins wenigstens für eine kurze Zeitspanne machen durfte: wohlwollend aufgenommen werden. Aber offenbar zeitigt diese Urerfahrung keine politischen Konsequenzen. Das Selbstverständliche geschieht nicht von selbst. Warum?

Hängt es mit den Wertvorstellungen zusammen, die in unserer Kultur gelten?

Befragen wir das Labyrinth:

vortrag dresden labyrinthweg 001

Ich habe Sie vorher eingeladen, die Labyrinth-Struktur zu bilden. Jetzt lade ich Sie ein, den Labyrinth-Weg zu gehen. Ein Labyrinth zu gehen braucht Zeit. Und die haben wir nicht. Oder wir meinen, sie uns nicht nehmen zu dürfen. Schnelle Lösungen sind gefragt. Die sogenannte Wiedervereinigung im Anschluss-Schnell-Verfahren ist nur ein Beispiel. „Uns Menschen hier wurde keine Zeit gelassen, eigene Schritte im politischen Neuland zu gehen“, so hat es kürzlich eine Freundin aus Erfurt ausgedrückt.

Die Frage drängt sich auf beim Betrachten des Labyrinths: Ob die schnellen Lösungen mit der nötigen Um-Sicht erarbeitet wurden? Ob das Problem, das es zu bearbeiten galt, aus verschiedenen Perspektiven betrachtet wurde? Und ob jene, die im Welt-Bild einen anderen Standort einnehmen, also eine andere Sichtweise haben, in die Entscheidungsfindung einbezogen wurden und werden?

Es braucht Mut, dem Zeitgeist der Beschleunigung das retardierende Moment entgegenzuhalten. Zusammenhänge sehen und sie in der Öffentlichkeit anschaulich machen, erfordert viel Kreativität. Vielleicht sind Kunstschaffende hierbei besonders herausgefordert. Vielleicht ist es kein Zufall, dass das Labyrinth-Projekt zuerst von Künstlerinnen initiiert wurde. Es braucht Courage, die Weichen nicht immer auf „Durchfahrt“ zu stellen. Schauen wir uns im Labyrinth so eine Weichenstellung an:

Vortrag Dresden Weichenstellung 001

Angenommen, sie sind auf dem Labyrinthweg unterwegs und gelangen nach der ersten Runde an die Stelle, wo Ihr Blick auf das grüne Couvert fällt. Sie sind in Eile, so schön in Schwung. Sie möchten geradeaus weitergehen. Aber das geht nicht. Da ist eine Barriere. Sie müssen das Tempo drosseln, den Wendepunkt passieren. Diesen langen Weg gehen, noch einmal wenden – es ist zum Verzweifeln – und gelangen schließlich an diese Stelle, die Sie ursprünglich im Blick hatten. Auf dem langen (Um)-Weg ist Ihnen vielleicht etwas begegnet, haben Sie eine Erfahrung gemacht, die wichtig ist für Ihren weiteren Weg. Hätten Sie diese (Um)Wegstrecke ausgelassen, übersprungen, klaffte eine Leerstelle in Ihrer Lebensgeschichte.

Ich denke, wir kennen alle aus unserem Leben solche Umweg-Erfahrungen. (Heute Morgen hatten wir Gelegenheit, mit ein paar Frauen vom Frauenbildungszentrum hier in Dresden zu sprechen. Mir ist dabei wieder einmal aufgefallen, wie viele Frauen von Umweg-Biografien erzählen. Und wie reich an wesentlichen Erfahrungen sie durch diese „Umwege“ geworden sind.)

Ich glaube, wir alle kennen Menschen, die auf uns den Eindruck machen, als klafften Leerstellen in ihrem Leben. Manchmal sind sie ausgefüllt mit Prestige, oder mit Geld ausgestopft.

Was heißt das nun aber für den öffentlichen Diskurs, fürs Politische?

Als ich mich auf diesen Abend einstimmte, tauchte plötzlich ein Bild vor mir auf: Es kam mir vor, als würden Menschen – vor allem im Westen – die 40 Jahre DDR als Leerstelle in der deutschen Geschichte betrachten. Als wären die Menschen im Osten nicht auch einen Weg gegangen in dieser Zeit, als hätten sie nicht auch ihr Leben und die Welt gestaltet. Als wären sie – die Menschen im Osten – an einem Punkt verharrt und hätten nur darauf gewartet, bis sich die Barriere öffnet, die Mauer fällt.

Es ist ja nach der Wende ein wirtschaftlicher und sozialpolitischer Kahlschlag erfolgt. Vielleicht – aber das ist jetzt eine gewagte Vermutung von mir – vielleicht ist der Kahlschlag darum erfolgt, um anschließend mit Recht auf die Leerstelle zeigen zu können und sie mit westlichen Gütern und Werten zu füllen.

Dass die DDR-Zeit keine Leerstelle in der Geschichte der Menschen hier war, dass ihre Lebenserfahrung und Weltgestaltung gewürdigt wird, ihre Spuren gelesen werden (nicht nur jene in den Stasi-Akten), dafür einzustehen ist vielleicht die Aufgabe der Menschen, die jetzt hier leben, egal, ob sie schon lange oder erst seit kurzem hier sind. Für die Jüngeren wird es die Erinnerung der Eltern und Großeltern sein, die es kreativ aufzubewahren gilt. Diese Aufgabe darf nicht an die Historiker und Historikerinnen oder an die Gauck-Behörde allein delegiert werden.

Was hat das Labyrinth oder ein Labyrinthplatz damit zu tun? Vielleicht könnte es diese Thematik veranschaulichen und so beim Prozess des Aufarbeitens helfen. Es könnte z.B. auch die Leerstellen, die wirklich oder vermeintlich nicht gegangenen Wege darstellen.

Das Labyrinth als Orientierungshilfe fürs persönliche Leben zu brauchen, zum Meditieren, als therapeutischen Weg, zum Innehalten und Innewerden, dies geschieht oft. Viele brauchen es auf diese Weise mit Gewinn für ihre Identitätssuche, als Lebenshilfe und zur Lebensgestaltung. In den Labyrinthbüchern, die auf dem Markt sind, finden sich kluge Hinweise dazu.

Aber jetzt und hier haben wir es mit dem Labyrinth im öffentlichen Raum zu tun. Da stellt sich die Frage: Wie äußert sich das, was ich im „Innenraum“ erlebe im „Draußen“? Wie (ver)wandelt es sich auf dem Weg vom Drinnen ins Draußen?

In Zürich stellen wir uns diese Frage seit 10 Jahren. Wir forschen, lernen, experimentieren. Manchmal glückt das Experiment, manchmal nicht.

Ich versuche ein Beispiel zu geben für die (Ver)Wandlung des Drinnen ins Draußen: Eine zutiefst labyrinthische Frage heißt: „Woher komme ich? – Wohin gehe ich?“ Sie bewegt uns alle in unserem persönlichen Leben. Wird die Frage nach dem Woher und Wohin aber öffentlich gestellt, bekommt sie eine politische Dimension. Wohin führt die Marktwirtschaft, die sich nur an Gewinnmaximierung orientiert und sich nicht um die materiellen und menschlichen Ressourcen kümmert?

Wohin führt eine Politik, die nicht auf dem Weg der demokratischen Meinungsbildung, des Überzeugens durch Argumente zu Lösungen kommt, sondern die Zustimmung der BürgerInnen sozusagen auf der Zielgeraden durch Werbung erkauft?

Wohin geht die Reise in der Forschung und in der Spitzentechnologie? Und welche Forschung oder Technologie führt wohin?

Die Frage nach dem „Woher“, die Frage nach der Herkunft. Auch sie eine Frage voll von politischem Zündstoff! Wir sind ZeugInnen von blutigen Bürgerkriegen, die sich an dieser Frage entzünden. Oder von Machtpolitikern, die mit dieser Frage ein gefährliches Spiel treiben: „ich komme von da – darum gehöre ich hierher – aber jene nicht, weg mit ihnen!“

Es gibt ein Menschenrecht auf ein Dach über dem Kopf, auf einen privaten geschützten Raum.

Es gibt aber auch, denke ich, ein Menschenrecht auf öffentlichen Wohnraum, darauf, irgendwo dazuzugehören – über den privaten und familialen Rahmen hinaus. Manche mögen es „Heimat“ nennen – ein leider missbrauchtes Wort. Ich bleibe lieber beim neutralen „ein öffentlicher Ort“. Das Labyrinth könnte ein solcher Ort sein. Und dieser könnte an Bedeutung gewinnen. Denn Menschen fallen aus sozialen Bezügen und Bindungen heraus. Arbeitsbeziehungen werden gewaltsam aufgelöst, im Osten heutzutage häufiger als im Westen, Sie erleben das augenblicklich hautnah. Jene, die (noch) Erwerbsarbeit haben, müssen sich unter dem Zwang zur Flexibilisierung davor hüten, am Arbeitsplatz tiefe Bindungen einzugehen. Schmerzhafte Verlusterfahrungen sind sonst vorprogrammiert.

Wo erlebe ich mich noch als gesellschaftliches Subjekt? Wo habe ich am öffentlichen Leben Anteil, ohne aufs KonsumentInnen-Dasein reduziert zu werden? Wo kann ich mitreden, mitdenken, mitgestalten?

Der öffentliche Labyrinth-Platz könnte ein Ort sein

  • wo Menschen erfahren, dass sie eine Chance sind
  • wo sie in ihrer Einzigartigkeit und in ihrer Einmaligkeit respektiert werden
  • wo sie sich mitteilen dürfen, wenn sie wollen – und gehört werden
  • wo sie sich zugehörig fühlen dürfen
  • wo sie lernen, für den öffentlichen Raum, also für das Politische, Verantwortung zu übernehmen und Sorge zu tragen für das Ganze

 

Nachtrag:

In Dresden sind unterdessen mehrere Labyrinthplätze entstanden.

2008 fand der Internationale Labyrinthkongress in Dresden statt.

2011 ist im Christel Göttert Verlag das Buch erschienen: „Erzähl mir Labyrinth. Frauenkultur im öffentlichen Raum – 20 Jahre Labyrinthplatz Zürich“ 

Ursula Knecht, www.labyrinthplatz.ch (hier findet sich auch die ungekürzte Version des Referates) 

Autorin: Ursula Knecht-Kaiser
Redakteurin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 11.01.2015
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Ute Plass sagt:

    „Es ist ja nach der Wende ein wirtschaftlicher und sozialpolitischer Kahlschlag erfolgt. Vielleicht – aber das ist jetzt eine gewagte Vermutung von mir – vielleicht ist der Kahlschlag darum erfolgt, um anschließend mit Recht auf die Leerstelle zeigen zu können und sie mit westlichen Gütern und Werten zu füllen.“

    Ich halte die „gewagte Vermutung“ angesichts von Pegida-Bewegten für plausibel. Leerstellen, die durch den Wende-Kahlschlag entstanden, wurden zwar mit ‘westlichen Gütern und Werten’ gefüllt, haben aber gleichzeitig neue Leerstellen geschaffen, mit denen sich nicht wenige Menschen überfordert fühl(t)en: Arbeitsplatzverlust, Konkurrenzkampf, Biografie-Ent- wertung und Abwertung, aber auch die Erfahrung, dass die politische Elite eher am eigenen Machterhalt, denn am guten Leben aller interessiert ist. All diese Leerstellen sind natürlich
    kein ostdeutsches Phänomen, erhalten aber durch die Erfahrungen mit einem DDR-Regime nochmal eine zusätzliche Komponente an Ent-täuschung.
    Zu hoffen ist, dass sich diejenigen, die meinen unter einem Pegida-Banner mitlaufen zu sollen, beginnen ihre Projektionen auf “das sog. Fremde” zurück zu nehmen und sich mit ihren Frustrations- u. Bedrohungsbefindlichkeiten auseinander zu setzen.
    Die Erkenntnis, dass Emanzipation ein andauernder Entwicklungsprozess ist, der einen auffordert eigene Standpunkte einzunehmen um sich auch in andere Standpunkte hineinversetzen zu können, sowie da stand zu halten wo es um das Wohl und Wehe aller geht, kann durch das Begehen eines Labyrinths mit ermöglicht werden.

  • Gudrun Nositschka sagt:

    Hallo Ursula,nach dem Mauerbau, den ich mit Erschütterung als 19 jährige hautnah am Brandenburger Tor miterlebte, folgte ich dem Aufruf der evgl. Kirche und studierte ab 1962 in West-Berlin, um Kontakt zu halten, stellvertretend für die Frauen und Männer in West-Berlin, die ihre Verwandten und FreundInnen nicht mehr sehen durften. So entstanden viele Freundschaften auch in Leipzig und Dresden und viele, viele Gespräche in der DDR, gut 1000 Briefe erhielt ich, gut 1000 schrieb ich bis zum Mauerfall. So erlebte ich den Alltag in der DDR mit, ihre Trauer und auch Wut, eingesperrt zu sein, sich anpassen zu müssen, um studieren zu dürfen, nie zu wissen, welchen Menschen sie trauen konnten und sich immer stundenlang anstellen zu müssen. Fünf Jahre nach der Öffnung veröffentlichte meine Eindrücke aus Bewunderung für diese Menschen, die in der Diktatur immer mutiger wurden. (Auf Wiedersehen in Leipzig) Hallo Uta, ich denke nicht, dass ein wirschaftlicher und sozialpoiltischer Kahlschlag erfolgte (auch wenn es gräßliche westliche kapitalistische Raubritter gab, vor allen Dingen die Versicherungen), da die DDR pleite war, die Bausubstanz marode. Ich stimme zu, dass es viele Enttäuschungen gab und besonders bei Älteren immer noch gibt. Doch ich sehe auch, was die Menschen in den neuen Bundesländern seit 25 Jahren (auch politisch) geleistet haben und bin zuversichtlich, dass sie sich von Pegida-Einpeitschern nicht verdummen lassen.

  • Danke euch, liebe Ute, liebe Gudrun, für eure Kommentare, die weiter zum Nachdenken anregen. Ich meine schon, dass die Raubritter Manches kahl geschlagen haben, was hätte (incl. der Arbeitsplätze)erhalten werden können. Die BRD brauchte dringend Absatzmärkte für überschüssige Produkte, der neu gewonnene Osten war dankbarer Abnehmer. Ein Freund aus Pirna, der damals sehr aktiv war in der Bügerrechtsbewegung, u.a.bei der Besetzung der örtlichen Stasibüros dabei, um zu verhindern, dass Akten vernichtet wurden, sagte ein paar Jahre nach der Wende: „Wir hätten nicht die Stasi Räume besetzen sollen, sondern die Produktionsstätten (Fabriken, LPGs etc), um zu versuchen, Arbeitsplätze zu erhalten.“

  • Gabriele Menzendorf sagt:

    Liebe Ursula, liebe Gudrun, ich meine schon, wir können vom „Kahlschlag sprechen. Sicher war die DDR im Prinzip pleite, was mich seinerzeit traurig stimmte, als Eine, die in die DDR 1950 geboren worden war und sie 1980 verlassen hat, war, die Geschwindigkeit, die du Ursula sehr treffend beschreibst. Viele gewachsene Strukturen, insbesondere im sozialen Bereich wurden, ohne einmal zu schauen, was da warum wie gemacht wurde, zerschlagen. Und – ich stimme dem Freund aus Pirna insofern zu, als die Produktionsstätten auch hätten besetzt werden sollen, um die Arbeitsplätze zu erhalten, aber es war auch wichtig, die Stasi-Räume zu besetzen.
    Dein Beitrag, Ursula, fühlt sich für mich sehr gut an und gibt mir Anregung Neues zu denken, zum Beispiel, du und ich mit unseren je ganz verschiedenen Biografien im Labyrinth, Raum für viele gute Vorstellungen. DANKE.

  • Gudrun Nositschka sagt:

    Liebe Ursula, was hätte es geholfen, Produkte und Produktionsstätten künstlich zu erhalten, wenn dafür die Absatzmärkte in der Ostblockländern weggebrochen waren? Die DDR hatte schon jahrelang eine verschleierte hohe Arbeitslosigkeit. Die Menschen gingen oft zur Arbeit, ohne arbeiten zu können, da tage- und wochenlang kein Material vorhanden war. Wenn sie Glück hatten, konnten sie zwei Stunden arbeiten, haben dann geputzt und Karten gespielt. Ich war erstaunt, wie wenig das politische Bonn vorbereitet war, dass wir wieder zusammenkämen, dabei war es für mein Empfinden seit 1988 ganz deutlich zu spüren. Ich habe sogar darauf einen Kasten Sekt gewettet, dass bis spätestens 1991 die Mauer fällt und die Einheit möglich ist. mit dem Sekt haben wir dann gemeinsam am 3. Okt. 1990 angestoßen und uns gemeinsam gutes Gelingen gewünscht.

  • Stimmt, in den meisten volkseigenen, oft maroden Betrieben gab es nicht allzu viel Stress, vielleicht höchstens, wenn der Besuch von Parteibonzen bevorstand. Verständlich, dass die Ostdeutschen nach der Wende vor allem als KonsumentInnen willkommen und geschätzt waren für Junkfood, Autos, Mode, Möbel Reisen…. Ihrer Arbeitserfahrung und -willigkeit war nicht so ganz zu trauen… Nein, ich will die DDR nicht schön reden! Es ist gut, dass die Mauer gefallen ist und deine Sektkorken, liebe Gudrun, haben zu Recht geknallt. Ich weiss auch, dass Westdeutschland für den „Aufbau Ost“ sehr viel investiert hat und bin dankbar dafür.
    Ich denke aber an die
    sogenannt „kleinen“ „einfachen“, „gewöhnlichen“ Menschen, die nach der Wende den Arbeitsplatz verloren, den Zugang zu Kitas, zu unentgeltlicher Gesundheitsversorgung, günstigen Konzert- und Theatereintritten… manchmal auch die Wohnung, weil sich ehemalige Besitzer aus dem Westen meldeten.
    Einige dieser Wende-Looser werden vermutlich bei PEGIDA mitmarschieren und in der Menge das Gefühl, wieder mal ein „Kollektiv“ zu sein, erleben – und dabei schrecklich instrumentalisiert und missbraucht werden.
    Der gesellschaftliche Zusammenhalt ist immer wieder gefährdet, es braucht viel und immer wieder neue Anstrengung, ihn herzustellen und zu erhalten. Zu rufen „Wir sind EIN Volk“, hüben wie drüben, reicht nicht. Allerdings bin ich da ziemlich ratlos, leider.

  • Ute Plass sagt:

    „…..was hätte es geholfen, Produkte und Produktionsstätten künstlich zu erhalten, wenn dafür die Absatzmärkte in der Ostblockländern weggebrochen waren? Die DDR hatte schon jahrelang eine verschleierte hohe Arbeitslosigkeit. Die Menschen gingen oft zur Arbeit, ohne arbeiten zu können, da tage- und wochenlang kein Material vorhanden war. Wenn sie Glück hatten, konnten sie zwei Stunden arbeiten, haben dann geputzt und Karten gespielt“

    Wer sich den Film „Frohes Schaffen“ anschaut, kann sehen, dass der Kapitalismus, der ja angeblich gegenüber dem Sozialismus gesiegt hat, ebenso marode, stumpfsinnige wie sinnlose Arbeitsverhältnisse zeitigt wie die im o.a. Beitrag geschilderten.
    Die Konsumwünsche der ehemaligen DDR-Bürgerinnen konnten durch die Produktions-Überkapazitäten des Westens gleich und sofort befriedigt werden, was zeigt, dass der Mauerfall eine Art Belebungsspritze für den hiesigen Krisen- Kapitalismus war, deren Wirkung nicht lange anhalten konnte.
    Eine desillusionierende Beitragsreihe zur vorherrschenden parlamentarischen Parteien- Demokratie: „Demokratie am Abgrund“:
    http://www.heise.de/tp/special/demo/default.html

  • Liebe Kommentatorinnen, ich kann euch gar nicht sagen, wie dankbar ich für eure Beiträge bin. Diese Diskussion ist so wichtig für mich. Ob wir uns bei der bzw-weiterdenken Tagung in Frankfurt sehen am 28. Februar? http://www.bzw-weiterdenken.de/2014/12/sich-verstaendlich-machen-2/ Ich denke, das sich verständlich machen und vermitteln zwischen den unterschiedlichen Erfahrungen in Ost und West ist (immer noch) eine Aufgabe und Herausforderung.

  • Ute Plass sagt:

    Hallo Ursula, habe mich für die Tagung „Sich verständlich machen“ angemeldet. 🙂

  • Katja sagt:

    Liebe Ursula Knecht, die „Umweg-Biografien“ oder auch „gebrochenen Biografien“ wie die Erziehungswissenschaftler sagen, sind ein ständiges Thema in meiner Generation der von etwa 1960 bis 1970 Geborenen. Vielen Dank für die eindrückliche Interpretation mit der Eile und dem Schwung…
    Den Gedanken vom mutmasslichen Kahlschlag kann ich allerdings nicht nachvollziehen. Die DDR stand aufgrund von Ineffizienz und Planungsdogmatik lange vor 1989 vor dem wirtschaftlichern Ruin (vgl. Wehler/V/2008). Hätte Franz Josef Strauss 1983 nicht den Milliardenkredit an die DDR vermittelt, wäre es schon früher zu Protesten in der DDR gekommen. Es brauchte folglich nach 1989 gar keinen Kahlschlag mehr. Auch der beliebte Verweis auf die angeblich hehren, weil umfassenden sozialpolitischen Strukturen der DDR (Kindergärten, geringe Mietpreise u.ä.) hält bei näherem Betrachten nicht stand. So wurden etwa Dank umfassender Kinderbetreuung bereits die Kleinsten mit den Zielen der SED vertraut gemacht und die Betriebe mussten nicht auf ihre weiblichen Fachkräfte verzichten. Solche Massnahmen hatten eigentlich nur ein Ziel, die sozialistische Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung zu manifestieren. Wem das nicht passte, dem wurde die Bildung verweigert, er wurde eingesperrt oder beim Fluchtversuch erschossen. Dieses „Nicht alles war schlecht“ beweist eigentlich nur, wie sehr die Leute der DDR-Propaganda immer noch Glauben schenken (wollen). Ich gebe eher Roland Jahn (Jenaer Oppositioneller) recht, der sagte: „Wir haben ein schönes Leben in der DDR gehabt. Nicht wegen des Staates, sondern trotz des Staates.“

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