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Rubrik Blitzlicht

Lauter Männer und Arendt

Von Antje Schrupp

Platon, Alkibiades, Hegel, Hegel, Kojève, Eric Voegelin, Karl Löwith, Hannah Arendt, Locke, Smith, Marx, Amartya Sen … wem würde bei dieser Aufzählung nicht sofort die Politikwissenschaft einfallen?

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Foto: Frank M. Rafik/Flickr.com – cc-by-nc-sa

Und tatsächlich: Es handelt sich hier um eine Liste von Namen, die in den Arbeitstiteln von Dissertationsprojekten im Fach Politologie genannt sind, die bei einer Tagung vorgestellt wurden, an der ich teilnahm.

Lauter Männer und Arendt – irgendwie erinnert mich das ja sehr an meine eigene Studienzeit, die aber nun schon zwanzig Jahre zurückliegt.

Es gibt wahrscheinlich nichts, nicht einmal Fußball oder Formel I oder die Wissenschaft vom Kriege, was so männlich dominiert ist wie die politische Ideengeschichte. Wir sind sozusagen umzingelt von Männerideen über Politik, und dass das immer noch so ist, finde ich durchaus ein bisschen schockierend. Nein, sehr schockierend.

Offensichtlich werden an den politikwissenschaftlichen Fakultäten nach wie vor die immerselben Ideen der immerselben Männer hin und her gewälzt – man könnte ja irgendwo noch ein i-Tüpfelchen übersehen haben.

Und das Traurigste an all dem: Zwei Drittel der Studierenden, deren Dissertationsprojekte diese Liste widerspiegelt, sind Frauen.

Was für eine Energieverschwendung.

Autorin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 04.02.2015
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Wie wahr..wie wahr…die geistige Oednis waltet überall,weil das Denkmonopol der Männer nicht hinterfragt,ja in keinem Fall kritisiert werden darf – wo kämen wir denn dahin…die Welt würde auseinanderfallen,wenn die Frauen das Denken übernähmen und den Herren der alleinigen Schöpfung ihre Krone weggenommen würde!

  • Der Kommentar von Frau Schmid ist schon richtig.Ich würde jedoch
    niemandem etwas wegnehmen, sondern „die Krone“ mit den Frauen teilen.

  • Guten Morgen,
    ja, es ist wirklich sehr schade und bedauerlich, dass wir Frauen da nicht vorkommen. Das schmerzt. Allerdings finde ich es zwischenzeitlich nicht mehr angemessen, diese Tatsache den Männern in die Schuhe zu schieben. Wenn wir Frauen etwas wollen, müssen wir es uns nehmen bzw. uns beteiligen, uns für unsere Ideen einsetzen. Jammern und Vorwürfe helfen da nicht. Eigenmächtigkeit von Frauen, Belebung des Durchsetzungs-vermögens, Streben nach Macht oder an deren Beteiligung ist da angebrachter. Allerdings auch heute noch für viele Frauen ein „no go“.

  • …und das Witzige ist ,dass alle dann immer sagen: „Aber es waren nun mal Männer, die das alles beeinflusst haben“. Als ob es nicht schon immer Frauen gegeben hätte, die sich auch Gedanken gemacht haben und genauso viele Frauen, die revolutionär waren und Geschichte gemacht hatten. Die verschwinden nur, weil eben immer noch alles männlich geprägt ist. Und das nennen wir dann „objektive Wissenschaft“.
    Als ob.

  • Franz Limacher würde ich aber zustimmen, es geht eher darum, gemeinsam ein ausgewogenes Verhältnis in den Wissenschaften zwischen Frauen und Männern und den Texten, die dort gelesen werden herzustellen. Und jetzt soll niemand sagen, das gehe nicht. Warum gibt es dann Bücher, die abertausende von Frauen vorstellen, die viel bewegt haben, genau die müssten auch gelesen werden und vor allem auch in das Bewusstsein der SchülerInnen gehoben werden. Dann kann frau und man sich ja immer noch entschließen, nur eine Seite zu betonen, der Punkt ist aber, dass es erst dann wirklich objektiv wäre, wenn beide Seiten vertreten sind und zwar auf beiden Seiten
    gleichberechtigt. Und das ist durchaus möglich, es bedeutet jetzt etwas Anstrengung, aber alles was wir wissen müssen
    ist eigentlich schon da.

  • Elisabeth Lisa jankowski sagt:

    Wie wir immer wieder sehen, sind diese Denkmodelle allerdings nicht realitaetstauglich. Waere Grund genug, eigene zu entwickeln. Tun wir ja auch, aber man sollte doch etwas mehr Propaganda dafuer machen und …weiterdenken. Lisa

  • Antje Schrupp sagt:

    @sabrina – tatsächlich habe ich einige Studentinnen darauf angesprochen, und ihre Antwort war: Wenn wir über diese bekannten Männer aus dem Kanon schreiben, wissen wir, dass es genug für eine Diss hergibt. Wenn wir uns jemand unbekannteres aussuchen, besteht die Gefahr, dass wir hinterher merken, dass es doch nicht genug Substanz hat. Das Interessante an dieser Antwort ist, dass sie eine strukturelle Dynamik beschreiben, die bewirkt, dass es praktisch unmöglich ist (oder wenn, dann nur als „Ausnahme“), dass an Universitäten wirklich einmal etwas Neues produziert wird. Denn das „Neue“ ist sozusagen per Definition ein unmögliches Thema.

    Das ist übrigens insgesamt eine Parallele auch zum Verlagswesen und auch zum Buchmarkt. Mir wurde zum Beispiel im Bezug auf meine Biografie über Victoria Woodhull immer wieder gesagt: Ja, die xtrillionste Biografie über Frida Kahlo würde sich verkaufen, aber Victoria Woodhull kennt doch niemand, dann verkauft sich das Buch auch nicht. Das Neue hat es halt institutionell gesehen immer sehr schwer….

  • Hallo Antje, stimmt, das hab ich auch schon gehört, dass es eher wichtig ist, über Bekanntes zu schreiben. Wo soll da eigentlich etwas Neues entstehen?
    Es ist doch wichtig, dass gerade über Menschen, die nicht so in der Öffentlichkeit stehen, auch Biografien geschrieben werden und dass andere wieder eingeblendet werden, die vorher ausgeblendet waren.
    Das Problem liegt auch darin, dass viele Menschen dieses männlich geprägte Wissenschaftsbild verinnerlicht haben und alles was außerhalb stattfindet als unwissenschaftlich abweisen, als ob ihres dann wissenschaftlicher wäre.
    Wie es mal ein sehr guter wissenschaftlicher Mitarbeiter an einem Wirtschaftslehrstuhl gesagt hat: „Da sagen mir Leute, ich würde eine Idiologie vertreten, die selbst aus ihrer Ideologie nicht herauskommen und seit Jahren nur diese unterrichten“.

  • Idiologie…passend zu Idiotie, passt also doch, trotz Schreibfehler;)

  • Monika Hengartner sagt:

    Ist es an Universitäten (immer noch) nicht möglich, eine Diss zu zweit oder dritt in Teamarbeit zu schreiben, die einerseits für jede Teilnehmende gültig angenommen wird und andererseits einen gehaltvollen erweiterten Blickwinkel (neu) eröffnet?!
    Vielleicht müssen wir alle noch vermehrt lernen, dem Eigenen mehr zu trauen und dem Bekannten/Vorgegebenen/Be-stehenden eher zu misstrauen, weil es eben aus der nach Egoismus, Macht, Dominanz, Bevormundung und Abwertung des Weiblichen hin orientierten, vergangenen Zeit halt noch immr da ist…
    Vielen Dank für die guten Impulse und die Anregungen, da weiter zu denken!

  • Robert Minder sagt:

    Weiterdenken muss einhergehen mit „Loslassen“- loslassen von dem was ich weiss, hin zu dem, was ungewiss ist. In diesem mutigen Schritt verbirgt sich Intelligenz und nicht im tradierten Wissen. Wenn Schulsystem und Pädagogik hier zur Einsicht kämen, könnte Intelligenz das tradierte, statische „tote“ Wissen, das eingleisig uns die Zukunft weisen will, in das untere Regal verbannen.
    Ich meine, dass nur so das Patriarchat des Wissens durchbrochen werden kann! Erst jetzt, mit dem Loslassen alter, fast nur männlich absolutistischer Werte, wie wir sie auch in den Religionen finden, könnte endlich der weibliche Lebensentwurf, der mir in seinem Wesen freier von Kampf, Konkurrenz und Hierarchie erscheint, uns aus der Sackgasse von Gewalt und Zerstörung führen.

  • Marit Rullmann sagt:

    Liebe Antje,

    mit deinem Blitzlicht sprichst du ein wichtiges Thema an – wie können wir die „herr“schenden Verhältnisse ändern? Aus meinem bzw-Blitzlicht (Jan 2013) zur Frage einer Quotierung für Philosophieschulbücher ist inzwischen ein längerer Artikel für ein Philosophiejahrbuch geworden. In der Philosophie wie in der Politik bewegen wir uns nach wie vor in einer extrem männlich geprägten Denkwelt – uneingeschränkt bis heute. Beide Disziplinen dominieren – vielfach unbekannt und eher unterschwellig, dafür umso massiver – unsere Lebensentwürfe, Normen und Moralvorstellungen. Und deshalb denke ich, ohne eine Quotierung von zunächst 30% analog zur Quote in der Wirtschaft – für Frauen in Wissenschaftspositionen, also mindestens 30% Professorinnen der Philosophie und Politk und einer Quotierung der Texte und Bildern in entsprechenden Schulbüchern, wird es nicht gehen. Denn in einer liberalen Demokratie dürfte es ein solches Problem schon längst nicht mehr geben. Unumstritten hat diese Diskriminierung der Philosoph Thomas Nagel dargelegt: „Wenn in einer Gesellschaft, in der formale Chancengleichheit verwirklicht ist, eine auffällige Korrelation besteht zwischen Inhabern gut und besser dotierter Stellen, Ämter und Funktionen auf der einen Seite und einer für diese Stellen, Ämter und Funktionen irrelevanter Eigenschaft, nämlich der des Geschlechts, auf der anderen Seite, dann muss man annehmen, dass die Strukturen dieser Gesellschaft die Diskrimierung einer gesellschaftlichen Gruppe fördern und unterstützen.“ (z.n. Beate Rössler. 2012., Heft 5, S. 373.)
    Ebenfalls wichtig wären Mentoringprojekte – Mädchen brauchen Vorbilder, Frauen die sie ermutigen und unterstützen.
    Dazu möchte ich hier aufrufen: gründen wir ein Mentoring Netzwerk, stärken wir alle Philosophie- und Politklehrerinnen, publizieren wir gemeinsam eigene „Schulbücher“ im Netz als Gegenentwurf, setzen wir die hegemoniale Männlichkeit der Philosophen und Politikwissenschaftler medial unter Druck. Gerade in der Ausbildung von angehenden Politik- und Philosophielehrern und -lehrerinnen muss ein Gender-Curricula berücksichtigt werden. Wenn es in der Wirtschaft und Politik möglich ist, eine Qoutierung durchzusetzen, dann sollte wir in der Politik und der Philosophie endlich damit beginnen.

    All dies hat viel mit Kommunikation zu tun – ich freue mich schon jetzt auf unseren Austausch am 28. Februar in Frankfurt.

  • Robert Minder, ich stimme dir da zu, es hat etwas mit Loslassen zu tun. Ich bin mir nicht sicher, ob die „weibliche“ Sicht, die ja eh nicht genau definiert werden kann, genauso wie die „männliche“ besser ist, aber ich denke, dass es immer wichtig ist, alle Seiten und Perspektiven zu kennen. Es ist so ein Verlust(!) für alle Länder und alle Menschen, dass Frauen nie so viel haben schreiben und tun dürfen wie Männer und dass ihnen oft nicht der Respekt gezeigt wurde, den sie verdient gehabt hätten.
    Denn wir wissen jetzt so viel nicht, was sie gewusst haben,
    aber nie schreiben durften. Ich frage mich oft, wie die
    Welt ausgesehen hätte, wenn Frauen schon immer hätten schreiben und tun dürfen, was sie wollten.
    Wo ist all das Wissen und ihr Empfinden nur hingegangen
    und was hat das mit uns gemacht?
    Es wird so oft darüber gesprochen, dass die Frauen darunter
    leiden, aber es leiden ja auch die Männer darunter, weil sie
    oft keine andere Sicht kennen, außer diese eine, die wir
    alle als „Wahrheit“ ansehen sollen.
    Was für eine Wahrheit ist das, wenn immer eine Hälfte fehlt? Was ist daran „wissenschaftlich“?

  • In anderen Disziplinen ist es auch nicht besser; z.Bsp. der Theologie: Da wird frau immer noch genötigt, sich mit überholten Konzepten von antiquierten Gelehrten, wie z.Bsp. Thomas von Aquin herum zuschlagen. Welche Zeitverschwendung!
    Und auch an Tagungen ist es nicht besser: Da zitiert eine moderierende Philosophin munter 10 Männer und gerade mal eine Frau. Welch‘ ein Jammer für mich als Zuhörerin!

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