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Mädchenbande in einer kaputten Gesellschaft

Von Antje Schrupp

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Marieme (2. v. rechts), gespielt von Karidja Touré, und ihre „Bande de filles“. Foto: Pyramide Distribution

Marieme hat wenig Optionen: Die Lehrerin sagt, ihre Noten seien zu schlecht, um weiter auf die Schule zu gehen. Die Mutter will sie in einem Job als Putzkraft unterbringen. Der ältere Bruder spielt sich als Familienpatriarch auf, die jüngere Schwester muss versorgt werden. Ein Vater ist gar nicht erst da. Und der Junge, der ihr gefällt, hat schon eine andere Freundin.

Kein Wunder, dass die 16-Jährige schlecht drauf ist, als sie in dem tristen Pariser Vorort, wo sie wohnt, auf eine Bande tougher Mädchen ihres Alters trifft: laut, aggressiv, exzentrisch, abgebrüht. Gemeinsam mit ihnen zieht sie eine Weile durch die Gegend. Die vier brezeln sich auf, behaupten sich gegen Jungs, prügeln sich mit anderen Mädchen, machen Abstecher nach Paris, wo sie die Nächte durchfeiern. Und entwickeln eine ermächtigende, wenn auch ambivalente und fragile Freundschaft zueinander.

Mit großer Sympathie für ihre Protagonistin erzählt Regisseurin Céline Sciamma die Geschichte einer jungen Frau, die in einer trostlosen und hoffnungslosen Umwelt aufwächst. In einem Umfeld, das nur eine sozial kaputte Gesellschaft ihren Jugendlichen zumuten kann, und in dem vor allem die Abwesenheit jeglicher erwachsenen weiblichen Autorität schmerzhaft bewusst wird: Die Frauen in Mariemes Umgebung – die Mutter und die Lehrerin – sind nur schemenhaft, von hinten zu sehen, was gut zu der Tatsache passt, dass sie der Protagonistin keine sinnvollen Wege für ihr Leben aufzeigen können.

Die Geschichte ist spannend, weil ihre Wendungen nicht vorhersehbar sind, weil immer wieder etwas Unvorhergesehenes geschieht. Dazu trägt auch Karidja Touré bei, die Marieme sehr eindrucksvoll spielt und in Ausdruck und Körperhaltung das Gemisch aus Unsicherheit und Entschlossenheit gleichzeitig zum Ausdruck bringt, das für die Figur charakteristisch ist.

Es gibt keine Zwangsläufigkeit, aber auch eigentlich keinen Ausweg. Damit ist der Film paradoxerweise hoffnungslos und aussichtslos zugleich. Es gibt kein Happy End, aber es gibt eine junge Frau, deren subjektive Stimme immer mehr Gewicht bekommt, die lernt, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, auch wenn das viel Mut braucht und die Aussichten nicht rosig sind. Der abgedroschene Satz, dass Marieme keine Chance hat, die aber nutzt, stimmt hier einmal wirklich.

Es gibt kein Happy End. Aber es wird auch kein Ende gezeigt, nur das Scheitern aller denkbaren Optionen. Es lohnt sich sehr, das anzuschauen.

(Der Film kommt am 26. Februar in Deutschland ins Kino. Als Titel war auch mal „Girlhood“ vorgesehen, aber dann offenbar wieder fallengelassen worden – wie auch immer, Ihr werdet ihn schon finden :))

Autorin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 19.02.2015

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