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Eine neue Freundin

Von Antje Schrupp

Nachdem es in seinem vorigen Film um Mutterschaft ging, widmet sich der französische Regisseur Francois Ozon jetzt dem Thema sexuelle Identitäten und Orientierungen.

(Anmerkung: Ich glaube, es verdirbt nicht die Sehfreude an dem Film, wenn ich den wesentlichen Plot der Handlung hier erzähle, denn das Interessante ist, auf welche Weise die Geschichte erzählt wird und nicht, was letzten Endes passiert. Aber trotzdem möchte vielleicht jemand den Film lieber unbeeinflusst anschauen: In dem Fall hier bitte das Lesen einstellen…).

Noch nicht ganz entschieden, was ihr Coming Out betrifft: Claire und David beim Tennisspielen. Foto: Weltkino Filmverleih

Noch nicht ganz entschieden, was ihr Coming Out betrifft: Claire und David beim Tennisspielen. Foto: Weltkino Filmverleih

Kurz nach der Geburt ihrer Tochter stirbt Laura. Sie hinterlässt ihren Ehemann, David, sowie ihre beste Freundin seit Kindertagen, Claire. Zwischen diesen beiden entspinnt sich nun, ausgelöst von der Trauer um Laura, eine Freundschaft. Und im Verlauf von einigen Wochen, in denen es „kompliziert“ ist, lernen David und Claire durch ihre Beziehung zueinander etwas Wichtiges über sich selbst: Claire, dass sie lesbisch ist, David, dass er – beziehungsweise sie – transsexuell ist, also eine Frau.

Das ist, wie für Ozon typisch, in schönen Bildern erzählt und bringt vor allem in Punkto Transsexualität ein vom filmischen Mainstream bisher wenig beachtetes Thema ins Bewusstsein. Aber das ist nicht der einzige Grund, warum ich den Film empfehle.

Während die deutsche Debatte über sexuelle Orientierungen und Identitäten sich stark an den US-amerikanischen Diskurs anschließt, wird in diesem Film eine vielleicht typisch „französische“ Herangehensweise deutlich, die sich in einigen Punkten, die mir sehr sympathisch sind, unterscheidet: das „Coming Out“ der beiden Protagonistinnen vollzieht sich nicht vor der simplen Folie einer Bewusstwerdung ihrer „wahren“, quasi von Natur aus fixierten Identität gegen die gewaltvollen Verformungen einer binären gesellschaftlichen Geschlechterordnung. Sondern geschildert wird ein durch und durch kultureller Prozess, dessen Verlauf ein komplexes Gewebe aus Unabänderlichkeiten, kulturellen Praxen und persönlichen Beziehungen widerspiegelt.

In den USA und in Deutschland hat sich die Debatte über sexuelle Orientierungen und Identitäten in den letzten Jahren stark biologisiert. Transsexualität wird zum Beispiel häufig mit Bezug auf ein „Gehirngeschlecht“ erklärt, das im Widerspruch zu den körperlichen Geschlechtsmerkmalen stehe, aber das „eigentliche“ Geschlecht der Person sei. Auch in Bezug auf Homosexualität wird nach biologischen Markern geforscht, also das Lesbischsein oder Schwulsein auf eine körperlich-materielle Gegebenheit zurückzuführen versucht, die unhintergehbar ist. Entsprechend ist der Diskurs hier stark auf Rechte fixiert, nämlich das Recht der betreffenden Personen, ihre „wahre“ Identität ohne Diskriminierung ausleben zu können.

Für Ozons Protagonistinnen ist die Angelegenheit komplizierter. Es wird deutlich, dass ihr „So-sein“ immer im Austausch mit der symbolischen Ordnung steht und beeinflusst wird durch Beziehungen und Lebenssituationen. Claire zum Beispiel war schon während ihrer Freundschaft zu Laura immer irgendwie ein bisschen in diese verliebt, kam aber gar nicht auf die Idee, dass das „mehr“ sein könnte als eine normale Freundschaft. Nachdem Laura David kennengelernt und dann geheiratet hat, verliebt sich Claire selbst, durchaus fröhlich und echt, in einen Mann, heiratet ihn und führt eine glückliche Ehe.

David wiederum hatte zwar zeitlebens eine Vorliebe dafür, Weiblichkeit zu „performen“, also zum Beispiel Frauenkleider zu tragen und sich zu schminken. Aber während seiner Ehe mit Laura, die er sehr liebte, war dieser Wunsch nicht so stark. Erst nach Lauras Tod und mit der Notwendigkeit, allein für die gemeinsame, erst wenige Monate alte Tochter zu sorgen, wurde dieses Bedürfnis wieder zwingend.

In ihrem Coming-out sind die beiden Frauen aufeinander bezogen und voneinander abhängig: Es ist Claire, die den Namen „Virginia“ findet, und es ist erst ihr Wunsch, Virginia als Freundin zu haben, die eben jene Virginia dann auch tatsächlich „hervorbringt“. Andersherum ist es Virginia, die Claires sexuelles Begehren weckt, beziehungsweise ihr die Erkenntnis verschafft, dass sie eben Virginia begehrt – und nicht David.

Gleichzeitig aber wird ganz deutlich, dass es sich bei den Coming-Outs nicht einfach um eine Beliebigkeit handelt nach dem Motto: Er will lieber eine Frau sein, sie will lieber lesbisch sein. Das Wort, das Virginia in diesem Zusammenhang häufig wählt ist, „evidence“ (ich weiß nicht, wie diese Stellen in der deutschen Übersetzung lauten, da ich den Film im französischen Original gesehen habe. Ich hoffe, dass der Film nicht durch eine mittelmäßige Synchronisation verhunzt wird…)

Dass Virginia eine Frau ist, ist also keine schlichte Tatsache, sondern es ist „offenkundig, evident“. Es wird also zwar durchaus auf eine Notwendigkeit verwiesen, das Coming-Out als Frau ist keine beliebige Entscheidung, die Virginia aufgrund von Geschmack oder individuellen Vorlieben trifft. Sie folgt aber auch nicht einfach nur ihrem vorherbestimmten Schicksal im Sinne eines platten Ursache-Wirkung-Zusammenhangs von „Mein Gehirngeschlecht ist weiblich, also bin ich Trans.“

Der Knackpunkt der Filmhandlung ist vielmehr das „Erkennen des Offensichtlichen“ und die Dynamik, aus der heraus die Protagonistinnen dazu befähigt werden: Claire und Virginia sind, nach einem komplizierten Prozess, in der Lage, das „Evidente“ zu sehen, und das wiederum ist die Voraussetzung dafür, dass sie es auch öffentlich zeigen können, womit es dann auch für alle anderen sichtbar und evident wird. Diese Erkenntnis, zeigt der Film, ist nicht zwangsläufig, nicht unausweichlich, sondern sie ist eher politisch, jedenfalls ist sie frei.

Es hätte nämlich auch anders kommen können. Wäre Laura zum Beispiel nicht gestorben, dann hätten die beiden vermutlich glücklich als Lauras Ehemann bzw. beste Freundin ihr Leben verbracht. Die Konstellation war stabil und alle waren darin glücklich. Erst die Tragödie des Verlustes brachte jene Dynamik in Gang, an deren Ende die „Erkenntnis des Offensichtlichen“ stand.

Und diese Erkenntnis vollzieht sich langsam, nach und nach. Eine ganze Weile etwa scheint David ein Transvestit zu sein bzw. zu denken, dass er einer sei. Auch Claire fühlt sich nicht unbedingt als Lesbe, sie hat zum Beispiel guten Sex mit ihrem Mann. Den ganzen Film über spielen die beiden eher mit ihren Geschlechtsidentitäten, es ist nicht fix, wer sie sind. Erst ganz am Schluss – als sich die Filmhandlung dramatisch zuspitzt – wird Virgina klar, dass sie eine Frau ist, und Claire, dass sie lesbisch ist.

Und dann gibt es auch noch ein Happy End!

Der Film „Eine neue Freundin“ kommt am 26. März in Deutschland ins Kino.

Autorin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 24.03.2015
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Kim Schicklang sagt:

    Wer eine Frau als „Mann“ darstellt, der erzählt nicht die Geschichte einer Frau, die mit vermännlichten Körpermerkmalen geboren ist (transsexuell), sondern eines Mannes, der „als Frau“ leben will (transident/transgender).

  • Antje Schrupp sagt:

    @Kim Schicklang – Naja, wenn man die Geschichte einer Person erzählt, dann enthält diese Geschichte ja immer auch den subjektiven Blick dieser Person auf sich selbst. In diesem Fall ist diese Unterscheidung zwischen transident/transgender und transsexuell eben uneindeutig. David/Virginia sieht sich am Anfang der Geschichte als Mann, am Ende der Geschichte als Frau – und zwar, wie ich schrieb, im Zuge eines Prozesses des „Sehens_Erkennens des Evidenten“. Also eben weder naturnotwendig_zwangsläufig, noch eine subjektive Wahl à la „ich will als Frau leben“. Natürlich könnte man Francois Ozon diese Uneindeutigkeit vorwerfen und sagen, er hätte sich entscheiden müssen, ob er die Geschichte einer transsexuellen Frau oder einer Transgender-Person erzählen will. Ich fand aber gerade spannend, dass er sich nicht an diese Kategorien hält, die ja genauso problematisch sind wie alle fixen Genderkategorien.

  • Maria Mayer sagt:

    Antje – Daumen hoch! Man muss nicht immer passende Bezeichnungen (Schubladen) finden, außerdem weiß ich aus eigener Erfahrung, dass es mitunter lang andauernde Erkenntnisprozesse gibt, bevor man endlich „ankommt“. Ich habe diese Filmkritik mit großem Interesse gelesen und freue mich schon sehr, mir den Film anzuschauen.

  • Tina sagt:

    Ich verstehe die biolog(ist)ische Sichtweise auf Geschlecht und Sexualität als eine politische Strategie. Und als solche kann sie auch ganz gut funktionieren – eben weil die Gesellschaft größtenteils auch so denkt. Außerdem ist es eben schwer, etwas zu kriminalisieren, für was die Betroffenen (entsprechend der essentialistischen Sichtweise) nichts können. Mit der Pathologisierung wird es dann etwas schwieriger, aber auch hier kommt 1 dann aus dem „Du bist gestört“ raus, wenn es eine „biologische Wahrheit“ ist, dass 1 z.B. ein bestimmtes Hirngeschlecht hat, oder auf bestimmte Pheromone reagiert. Deswegen finde ich es sehr nachvollziehbar, wenn homo- oder trans-Aktivist_innen diese Sichtweise („ich bin so geboren“) verwenden, damit ist evtl. tatsächlich bessere eine gesellschaftliche Akzeptanz zu erreichen.

    Und leider funktionieren solche politischen Strategien auch nur dann wirklich, wenn sie als Selbstkonzepte internalisiert werden. Leute sagen also nicht, „ich sage jetzt eben mal, dass ich das Hirngeschlecht Frau habe, damit meine Partnerin bei mir bleibt und mich nicht für verrückt hält.“, sondern es wird dann auch selbst geglaubt.

    Deswegen wird wahrscheinlich aus den Communities solange nicht viel anderes kommen, solange die gesellschaftliche Diskriminierung stark ist. Bei Homosexualität ist das ja schon nicht mehr ganz so, und da werden ja auch die Selbstkonzepte schon fluider – obwohl ich immer noch darauf warte, dass die Homoheiler die Queer Theory als Begründung für ihre Arbeit verwenden – sie behauptet ja schließlich auch, dass Sexualität veränderbar ist :-).

    Insofern gefällt mir die Sichtweise des Films sehr, da er sich eben nicht auf „ich bin so geboren“ oder „alles kann frei gewählt werden“ festlegt, sondern das komplizierte Wechselspiel zwischen Selbsterleben, Identitätsangeboten und Selbstkonzepten darstellen will – jedenfalls, wenn er so ist, wie ich den Artikel hier verstehe.

    Ich habe mir den Trailer angeschaut und fand ihn gruselig. Hier werden wieder die üblichen Klischees aufgerollt (Transfrau beim Schminken) und die übliche Panik von Cismenschen vor Transmenschen (insbesondere vor transweiblichen Menschen) ausgebreitet. Das muss ich mir wirklich nicht anschauen. Es ist eben ein weiteres Beispiel dafür, dass es sehr schwierig ist, aus cis, hetero (?), weißer Perspektive für marginalisierte Perspektiven eine angemessene Darstellung zu finden.

  • Kim Schicklang sagt:

    Biologistisch ist es, wenn die Selbstaussage eines Menschen über sein Geschlecht einer angeblichen „Biologie“ gegenübergestellt wird und dann gesagt wird, das eine sei „echt“ (die Biologie, die Genitalien oder was auch immer) und das andere dann „ein Gefühl“ bzw. eine soziale Identität sein soll. Wenn die Aussage „ich bin eine Frau“ als wahr anerkannt werden soll, dann ist genau DAS eine Aussage, die biologische Vielfalt beschreibt. Eine „Identität“ als Gegenüber zu seiner „Biologie“ definiert Trennlinien – und genau diese sind Mittel und Tools um geschlechtliche Gewalt ausüben zu können.

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