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„Sich verständlich machen?“

Von Juliane Brumberg

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Eindrücke von der bzw-Tagung in Frankfurt

Dass das Thema „unter den Nägeln brennt“ zeigten der mit 40 Frauen voll besetzte Tagungsraum mitten in Frankfurt im Evangelischen Frauenbegegnungszentrum und eine Warteliste. Dass es für viele das Fragezeichen hinter dem Titel war, dem sie Bedeutung gaben, war nicht unbedingt vorherzusehen.

Schon die Vorstellungsrunde, in der die Teilnehmerinnen sich nicht scheuten, sich den Raum zu nehmen, den sie brauchten, um ihren ganz persönlichen Zugang zu dem Tagungsthema darzulegen, füllte den Raum mit Expertinnenwissen und legte den Grundstock für eine gleichermaßen inhaltsreiche, dichte und auch gut gestimmte Tagung.

Ein erster Höhepunkt war der Vortrag von Dorothee Markert mit dem Titel „Was ist Vermittlung?“  „Wenn wir etwas ohne Machtmittel politisch verändern wollen“, so ihr Einstieg ins Thema, „dann müssen wir uns verständlich machen“. Aber auch bei ihr spielte das Fragezeichen eine Rolle: „Sind Vermittlungsbemühungen immer sinnvoll? Sollen wir in Bereiche hineinwirken, die gar nicht offen sind?“
Wohlwollen beim Zuhören ist nötig, wenn Menschen ihre Überzeugung ändern, führte sie weiter aus. Umgekehrt müssen wir uns bei der Vermittlung auf den Hintergrund unseres Gegenübers einlassen. Dabei bestehe aber das Risiko, sich selbst zu verändern oder das eigene Anliegen aus dem Auge zu verlieren.
Mehrfach aufgegriffen wurde im Laufe der Tagung auch ihr Hinweis auf die Gefahr, dass das Denken der Zuhörer_in an bestimmten „Reizworten“ hängenbleibt und dadurch auf eine falsche Spur gerät. Nicht zuletzt wies Dorothee noch auf das Problem der Zustimmung von der falschen Seite hin.

Fishbowl-Runde

Weitere interessante Aspekte wurden in der anschließenden Fishbowl-Runde eingebracht:

  • Gerade innerhalb guter Beziehungen geht es nicht darum, zu überzeugen oder zu missionieren, sondern darum, das zu teilen, wovon eine selbst so begeistert ist – und es gelingt trotzdem nicht unbedingt.
  • Wenn eine bei der Vermittlung zu vorsichtig ist, geht auch der Charme verloren.
  • Das Wichtigste, um sich verständlich zu machen, ist das Zuhören.
  • Wie gewagt ist es, im Rahmen von Vermittlung unsere Verletzungen oder Verletzlichkeit zu zeigen?
  • Lästerrunden: Wenn in liebevollen familiären Runden über abwesende Familienmitglieder gelästert wird, trägt dass zur „Verdauung“, zum besseren Verständnis – aber auch zum Stressabbau bei.
  • Die Bedeutung von Pausen oder des „Dazwischen“; Räume, in denen das Nicht-Verstandene sich zum Verständlichen wandeln kann.

Rollenspiel

Fotos: Juliane Brumberg

Fotos: Juliane Brumberg

Der Nachmittag war dann einem Rollenspiel mit kollegialer Beratung vorbehalten. Dazu wurden in Kleingruppen Situationen erarbeitet, in denen es gelungen oder nicht gelungen war, sich verständlich zu machen. Schließlich blieben vier Beispiele übrig, die alle sehr spannend für ein Rollenspiel gewesen wären bzw. vielen Teilnehmerinnen aus ihrem Alltag bekannt waren:

1. Frauengerechte Sprache
2. Feministische Pornographie
3. Umgang mit Standardfloskeln bei der Ablehnung eines Grundeinkommens für alle
4. Hierarchischer Kommunikationsstil in Konferenzen.

Das Plenum entschied sich für Beispiel Nr. 4. Unter der einfühlsamen Moderation von Jutta Pivecka wurden die Rollen besetzt, um eine Ausschusssitzung in einem hochmodernen High-Tech-Tagungszentrum eines aufstrebenden Industriestandorts  mit großen, Distanz schaffenden Konferenztischen nachzustellen. Mitgespielt haben ein machtbewusster Oberbürgermeister, der die Sitzung leitete und jeden Wortbeitrag kommentierte, ein nach außen freundlicher Stadtrat, der im Vorfeld ein geplantes Ausstellungsprojekt gekippt  hatte, ein aufstrebender kunstinteressierter Experte, der die Chance für sein eigenen Interessen nutzen wollte und eine ehrenamtliche Künstlerin, die die Aussprache erbeten hatte. Sie war diejenige, die die Beispielsituation erlebt und eingebracht hatte. In diesem Fall wurde ihre Rolle aber von einer Tagungsteilnehmerin gespielt und sie selbst hatte die Aufgabe, als Regisseurin den Rollenspielerinnen die entsprechenden Informationen zu geben.

Mit Lust am Spiel und einem Wasserglas als Mikro in der Hand leitete der Oberbürgermeister die Sitzung, ohne wirklich zuzuhören oder verstehen zu wollen; der Stadtrat, der im Vorfeld jedes Gespräch abgelehnt hatte, gab sich in seinem Diskussionsbeitrag scheinfreundlich; der aufstrebende Experte schlug ein Marketingprojekt im Internet vor und unsere Künstlerin, einzige Frau in der Männerrunde, wollte erst einmal klären, ob nach allem, was vorgefallen war, eine vertrauensvolle Zusammenarbeit überhaupt noch möglich wäre. Diese Frage verstand der Oberbürgermeister nicht und ging ohne weitere Verständigungsbemühungen zur Tagesordnung über. Die Künstlerin blieb genauso hilflos und alleingelassen zurück wie die Regisseurin des Beispiels seinerzeit im „echten“ Leben. Es war ihr nicht gelungen, sich verständlich zu machen.

Die erste Spielrunde verlief etwas holperig, trug aber dazu bei, dass die Regisseurin sich an weitere wichtige Details erinnerte, die dann in einer zweiten Spielrunde zu einer wesentlich realitätsnäheren Version führten. Im Plenum wurde nun diskutiert, was sie hätte besser machen können oder wie sie sich anders in diese Sitzung hätte einbringen können. Deutlich wurde dabei, dass die Ausgangssituation durch die demonstrativ zelebrierten Machtstrukturen so denkbar ungünstig war, dass es die Künstlerin auch bei eventuell geschickterem Verhalten vermutlich kaum geschafft hätte, sich verständlich zu machen. In solchen Konstellationen, so die Erfahrungen aus der Frauenrunde, ist es sinnvoll, sich nicht zu verkämpfen, sondern sich vorher genau zu überlegen, welche Botschaft  vermittelt werden soll, diese dann klar und deutlich zu formulieren – und anschließend loszulassen. Mit anderen Worten: souverän zu kapitulieren.

Der Versuch, die Situation so zu spielen, dass sie zu einem anderen Ausgang führt, wurde dann auch gar nicht mehr unternommen. Die Malerin, die das Beispiel eingebracht hatte, bekam viel Applaus für ihren Mut, sich mit ihrem Scheitern der Diskussion auszusetzen und verließ die Spielsituation gestärkt und in dem Gefühl, viel gelernt zu haben.

Das Wunder, verstanden zu werden

Trotz der leidvollen Problematik, die viele Frauen aus anderen Situationen nicht unbekannt war, trug das Rollenspiel zu einer heiteren Atmosphäre im Tagungsraum bei. In Einzelgesprächen während der Pausen und auch bei den ins Plenum eingebrachten Beispielen offenbarte sich, dass die Teilnehmerinnen noch lieber als über misslungene Versuche, sich verständlich zu machen, darüber erzählten, wie sie solche problematischen Situationen gelöst hatten:

  • Durch Erzählen von Beispiel-Geschichten, wenn es in einer Theorie-Diskussion über die Diotima-Philosophinnen nicht weiterging
  • Durch Bestärkung eines renitenten jugendlichen Sprayers, dass künstlerisches Schaffen ein Weg für ihn sein könnte
  • Durch geschickte Anträge, wenn mal wieder über geschlechtergerechte Sprache verhandelt wird
  • Mit dem gemeinsamen Singen eines Liedes für ein „Dazwischen“, für eine Pause sorgen.

Im Vergleich zu der sehr ausführlichen Anfangsrunde kamen im Schlussblitzlicht kurz und präzise noch einmal viele wertvolle Tipps, die dazu beitragen können, sich verständlich zu machen:

  • Begehren äußern
  • Mein Begehren mir selber verständlich machen, es in den Raum stellen, unabhängig davon, was dann damit geschieht
  • Es ist wichtig, überhaupt zu sprechen
  • Aushalten-können, wenn es mit dem Verständlich-machen nicht klappt
  • Einsamkeit aushalten
  • Vertrauen, dass Keime mit der Zeit aufgehen
  • Die Dinge müssen immer wieder gesagt werden
  • Man muss sich nicht immer verständlich machen
  • Zuhören
  • Kann oder will ich vielleicht meine Meinung ändern?
  • Singen bricht eingefahrene Strukturen auf.

Dass wir viel, aber doch nicht alles, dafür tun können, uns verständlich zu machen, brachte eine Tagungsteilnehmerin auf den Punkt, sie sprach von „dem Wunder, verstanden zu werden“.

Autorin: Juliane Brumberg
Redakteurin: Juliane Brumberg
Eingestellt am: 03.03.2015
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Ursula sagt:

    Nun habe ich auch noch einen Eindruck von dem lebendigen Prozeß der Tagung.
    Danke, liebe Juliane

  • Angelika sagt:

    Liebe Juliane,
    danke für diese wunderbare Zusammenfassung. Mit Genuss habe ich mich an die Beiträge erinnert.

  • marit rullmann sagt:

    Liebe Juliane,

    vielen Dank für die prägnnate und lesenswete Zusammenfassung – und dank an alle Frauen für die Vorbereitung der Tagung und an Dorothee Markert für den Impuls! Es war toll zu erleben, , wie die vielen Frauen aus den unterschiedlichsten Arbeitszusammenäuöngen und genenden Deutschlands, Österreichs und der Schweiz sich immer wieder eingebracht haben und sich den Raum genommen haben, den sie benötigten. Für alle eine Bereicherung – danke dem Vorbereitungsteam, dies auch so auszuhalten jenseits des „Zeitplans“, der ja trotzdem eingehalten wurde. Auch das Rollenspiel war wirklich klasse!
    Ich habe ja schon in Frankfurt gesagt, dass ich dieses Seminar als Austauschforum für wiederholenswert halte und werde versuchen, im nächsten Jahr ein solches für das Ruhrgebiet zu planen – mit einer Referentin aus dem Team.

    Lieben Gruß

    Marit Rullmann

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