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Warum Teresa? Zum 500. Geburtstag von Teresa von Avila

Von Diana Sartori

Vor 500 Jahren (am 28. März 1515) wurde Teresa von Avila geboren, eine spanische Theologin und Ordensgründerin, deren Denken nicht nur wegweisend für die Mystik war, sondern auch anregend für feministische Perspektiven. Wir nehmen ihren Geburtstag zum Anlass für eine Artikelserie und beginnen mit einer biografischen Einführung der italienischen Diotima-Philosophin Diana Sartori. Ihr Text „Warum Teresa?“ erschien auf Deutsch in dem Diotima-Sammelband „Die Welt zur Welt bringen“ (1999 im Ulrike Helmer Verlag), der leider inzwischen vergriffen ist. Sartori greift viele unterschiedliche Aspekte von Teresas Denken auf, weshalb wir ihn abschnittsweise veröffentlichen. Die Übersetzung stammt von Andrea Günter. Sie wird sich im zweiten Teil der Serie mit Teresas Suche nach der Freiheit des Geistes beschäftigen und einen kritischen Blick auf die heutige Rezeption ihrer Werke werfen.

teresa

Ein kurzer Abriss von Teresas Leben

Teresa Sanchez de Ahumada y de Cepeda (1515-82) wurde in Avila geboren, im unruhigen Spanien des „goldenen Saeculums“. Sie stammte aus einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie, die aber schnell zerfiel. Es handelte sich um eine Familie von „Konvertierten“, also von „neuen Christen“, die aus dem Judentum konvertiert waren. Teresas Mutter Beatriz hatte ein kurzes Leben. Sie starb mit dreiunddreißig Jahren und hinterließ viele Kinder, etwa zehn. Sie scheint eine sehr schöne Frau gewesen zu sein. Außerdem weiß man von ihr, dass sie leidenschaftlich gerne Ritterromane las, eine Leidenschaft, die sie vor ihrem Ehemann geheim hielt.

Die kleine Teresa unterlag dem Einfluss ihrer Mutter und deren Faszination für Ritterromane und für phantastische Erzählungen. Sie las viele dieser Romane, aber auch Erzählungen über das Leben von Heiligen, und sie träumte von großen Schicksalen und vom Märtyrertum. Das ging sogar so weit, dass sie als kleines Mädchen von zu Hause floh, um den Glauben in der Welt der Mauren zu verteidigen, in der Hoffnung, einen glorreichen Tod zu finden und sich somit das ewige Leben zu verdienen. Als ihre Mutter starb, war Teresa zwölf Jahre alt. Sie schien voller Angst die schwerwiegende Bedeutung dieses Verlusts zu verstehen. Am Sterbebett wandte sie sich spontan dem Bildnis der Jungfrau zu und brachte ihr Vertrauen entgegen, weil diese sie wie eine Mutter anblickte.

Besser Kloster als Ehe

Als sie älter wurde, war ihr bald klar, welche Alternativen die Welt ihr eröffnete: die Ehe oder das Kloster. Sie kam zu der Überzeugung, dass die Ehe für eine Frau unweigerlich Unterdrückung bedeutete. Viele Jahre später wandte sie sich an ihre Nonnen, weil es ihr manchmal schien, dass sie die Freiheit nicht verstanden, die das Kloster ihnen bot, und sagte:

„Ich befürchte, dieses Unheil liegt in zwei Momenten begründet: Entweder haben sie diesen Stand nicht allein um Gottes willen gewählt, oder sie haben, nachdem sie diesen Lebensweg aufgenommen haben, die große Gnade nicht verstanden, die der Herr ihnen zuteil werden ließ, indem er sie zu seinen Bräuten auserkor und sie davon befreite, einem Mann unterworfen zu sein, unter dem eine Frau oft den Tod findet, und der manchmal auch ihre Seele dem Ruin ausgesetzt, was Gott ebenso wenig will.“

Einem Mann unterworfen zu sein, schien Teresa eine tödliche Gefahr für das Leben und die Seele einer Frau: Also entschied sie, dass Nonne zu werden die größere Freiheit bot. Im Alter von zwanzig Jahren floh sie von zuhause ins Kloster: Diese Entscheidung hielt sie für die vielleicht schwierigste ihres Lebens.

Sie trat in Avila in das Kloster de la Encarnacion ein. In diesem Kloster lebten etwa zweihundert Nonnen nach relativ gemäßigten Regeln, die intensive Kontakte mit der Außenwelt und deren Gewohnheiten zuließen. Auch wenn es Teresa leicht fiel, diese „mondänen“ Regeln anzuerkennen – sie war eine angenehme Gesellschafterin, liebenswürdig, auf natürliche Weise elegant und sehr gefragt, sie genoss durchaus eine gewisse Freiheit – so erkannte sie doch schnell die Grenzen der weiblichen klösterlichen Gemeinschaft: In dem, was das Kloster ihr eröffnete, lag kein bisschen Größe.

Teresa verbrachte etwa zwanzig Jahre im Kloster de la Encarnacion. Die ersten Jahre waren eine Zeit des inbrünstigen und lebendigen Klosterlebens. Doch dann ereilte sie eine schwere mysteriöse Krankheit, die sie an den Rand des Todes führte.

Als sie sich von ihrem schweren Leiden erholt hatte, nahm sie das Klosterleben wieder auf. Doch sie war nun zunehmend unzufrieden mit dem oberflächlichen Klima und damit, dass die spirituelle Beschäftigung, die sie jedes Mal aufatmen ließ und deren Bedeutung sie erkannte, dort eine so spärliche Rolle spielte.

Ein Weg der Vervollkommnung

Auch von einigen eindrucksvollen Schriften über spirituelle Themen beeinflusst, beschloss sie deshalb, sich auf einen Weg der Vervollkommnung zu machen, um eine Heilige zu werden. Dazu unterzog sie sich einer Prozedur von Anbetungsritualen, die eher einer Kasteiung glichen und eine innere Leere, die Konzentration auf die Passion Christi und die Liebe zu seinem Menschsein, zum Ziel hatten. Auf diesem mystischen Weg der Anbetung, der die Dimension der Erfahrung und die unmittelbare Beziehung mit dem Göttlichen in den Vordergrund stellte, vollzog Teresa eine beeindruckende Wandlung. Christus bewirkt, dass sie sich selbst fühlt, er spricht zu ihr, er entzückt sie, er ruft sie zu sich – immer häufiger hat sie ekstatische Erlebnisse.

Das war ein risikoreicher Weg. Indem Teresa für sich beanspruchte, in einer direkten Beziehung zu Gott zu stehen, lief sie Gefahr, zu den Alumbrados, „den Erleuchteten“, gezählt zu werden, die die Kirche verdammte. Außerdem lief sie Gefahr, bei der Inquisition denunziert und wie viele der spanischen „Beatas“ in dieser Zeit für eine Heuchlerin gehalten zu werden. In ihrem Fall führte die Praxis der Vervollkommnung, der Strenge und der Einsamkeit dazu, dass sie sich im Kloster isolierte und die Gewohnheiten dort implizit verurteilte.

Teresa wusste gut, dass sie dabei war, sich außerhalb des Normalen zu stellen und Neues hervorzubringen. Sie wandte sich an die Beichtväter und bekannte ihren Willen, dem zu gehorchen, was die Kirche für richtig hält. Doch gleichzeitig bekräftigte sie mit einer außergewöhnlichen Kraft vor allem in ihren Schriften, dass das, was sie kennenlernt und erlebt, wahr ist.

Außerdem wurde ihr Wunsch, der Kirche zu dienen und auch selbst am Kampf gegen die lutherische Reform teilzunehmen, durch das Verbot für Frauen vereitelt, das Apostelamt auszuüben. Ihr großer Wunsch, wie ein Soldat des Herrn zu kämpfen, war Teresa aufgrund ihres Geschlechts versagt. Für eine Nonne ziemte sich der Kampf nicht, so schwer dieses Schicksal auch zu ertragen war. Das heißt aber nicht, so wendet sie ein, dass man Gott nur kämpfend, mit Waffen in den Händen, dienen könnte: „Denn obgleich der Fahnenträger im Treffen nicht mitkämpft, so ist er doch in großer Gefahr.“ Er kann sich nicht gegen die Feinde verteidigen, weil er die Fahne hält, ebenso wenig kann er sie sinken lassen, weil die Schlacht verloren ist, wenn die Fahne sinkt.

Es ist Teresas Wunsch, dass „bei der großen Anzahl der Feinde Gottes wenigstens seine wenigen Freunde wahrhaft gut sein möchten. Ich entschloss mich daher, das Wenige zu tun, was an mir lag.“

Gründerin der „unbeschuhten Karmeliter“

Sie beschloss also, dem eigenen Willen zu folgen, soweit es ihr möglich war. Einige Gefährtinnen solidarisierten sich mit ihr, und sie entwickelte die Idee, ein Kloster zu gründen, wo sie ein spirituelles Leben führen konnte, das sie persönlich bereits ausprobiert hatte und von dem sie wusste, dass es schon vor ihr die Nonnen, die der Lehre der Heiligen Klara folgten, geführt hatten. Das war eine große Herausforderung. Mit Hilfe einer Freundin (es handelte sich um Guiomar de Ulloa, die seit ihrem 25. Lebensjahr Witwe war und die nicht mehr heiraten, sondern sich der Spiritualität zuwenden wollte. Sie stellt Teresa einen Großteil ihres Vermögens zur Verfügung) kaufte sie nämlich insgeheim ein Haus, das dann zum ersten Kloster wurde, in dem die ursprünglichen Regeln des Karmel befolgt wurden: wenige, kontemplativ lebende Nonnen, zwölf und die Priorin, die in Armut lebten und in totaler Klausur Anbetung übten.

So begann Teresa Klostergründungen vorzunehmen und den Orden zu reformieren, ein Unterfangen, das fünfzehn Jahre dauerte, und bei dem teilweise mit der Härte eines richtigen Krieges gegen die nicht reformierten karmelitischen Orden vorgegangen wurde (Unbeschuhte gegen Beschuhte Karmeliter). Diese Auseinandersetzung endete mit der Aufspaltung in zwei Orden und der Gründung des Ordens der Unbeschuhten Karmeliter.

In dieser Lebensphase war Teresa auf ständiger Wanderschaft, gründete weitere Klöster des neuen Ordens, dessen Regel sie verfasste; sie war oft krank, zudem mit unzähligen Briefwechseln belastet. Später leitete sie das große Kloster de la Encarnacion. Dabei war sie ständig auch in Sorge um den Leib und das Leben derer, die sie unterstützten, sowie um das Schicksal der eigenen Schrift (der „Vita“), die sich in den Händen der Inquisition befand.

Dennoch vollendete sie in dieser Zeit die wichtigsten ihrer Schriften: Die innere Burg, Weg der Vollkommenheit, Gedanken über die Liebe zu Gott, Rufe der Seele zu Gott, Gedichte und Lieder sowie Das Buch der Klosterstiftungen. Der Tod ereilte sie 1582 auf einer Reise, mitten in ihren Aktivitäten, im Alter von 67 Jahren.

Schon 1622 wurde sie heiliggesprochen.

 

Weiter zu Teil 2 dieses Textes: Weiblicher Realismus, am Beispiel von Teresa

Weiter zu Teil 2 unserer Serie zu Teresa von Avila: „Menschliche Schwäche und seelenorientierte Spiritualität“ – von Andrea Günter

Autorin: Diana Sartori
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 07.03.2015
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