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Ein feministisches Plädoyer für Pluralismus in Solidarität

Von Elfriede Harth

die_uhr_die_nicht_tickt-9783716027202Wenn ich Sarah Diehls Buch: Die Uhr, die nicht tickt. Kinderlos glücklich. Eine Streitschrift, mit nur einem Satz kommentieren sollte, würde ich sagen, es ist ein feministisches Plädoyer für Pluralismus in Solidarität. Ohne jemals den auf diesem Blog so grundlegenden Begriff des weiblichen Begehrens zu verwenden, schreibt sie eine flammende Verteidigung desselben.

Frauen sollen auf ihre innere Stimme hören, wenn sie Entscheidungen treffen in ihrem Leben. Auf die Stimme, die ihnen sagt, was ihr innerster Herzenswunsch für sich selbst ist. Sie sollen den Mut haben, auch gegen Druck aus dem näheren und weiteren Umfeld, also Familie, Tradition, Mode, Medien, Religion oder „Politik“ den Weg einzuschlagen, der diese Sehnsucht ernst nimmt und ihr Raum gibt.

Frau ist nicht gleich Mutter und Mutter ist nicht gleich Frau. Im Laufe eines Jahres führt Sarah Diehl zum Thema Lebensentwurf zahlreiche Interviews und Gespräche mit ganz unterschiedlichen Frauen (und einigen wenigen Männern). Dabei trifft sie immer auf ein gesellschaftliches Dogma, das für alle Beteiligten belastend ist: Zum „vollendeten Frausein“ gehöre die Mutterschaft und ohne (biologische) Mutter könne kein Kind gedeihen und zu einem Menschen werden, dessen Leben gelingt.

Zweifelsohne hat die Frauenbewegung vieles erreicht – besonders in unseren westlichen Gesellschaften. Frauen können Kontrolle ausüben über ihre Fruchtbarkeit und ihre Sexualität ziemlich frei ausleben. Es gibt wenige Berufe, zu denen sie (theoretisch) keinen Zugang haben. Gesetzgebung und Kultur ermöglichen es Frauen, selbstbestimmt wirtschaftlich autonom zu leben. Und doch: Nach wie vor gilt die (biologische) Mutterschaft als Krönung einer weiblichen Biographie. Kinderlos zu bleiben wird von der „Leitkultur“ als Defizit betrachtet und stigmatisiert. Gleichzeitig ist unsere Gesellschaft so organisiert, dass die Mutterschaft immer noch und immer mehr das weibliche Begehren verneint, verengt, kastriert. Die Care-Revolution spricht da von einer  „Krise der sozialen Reproduktion“.

In neun Kapiteln und auf 250 Seiten analysiert Sarah Diehl (Jahrgang 1978, Autorin, Publizistin und Filmemacherin) in sehr zugänglicher Sprache die historischen Rollen- und Familienkonzepte, die Instrumentalisierung des „Mutterinstinkts“, die symbolische Gewalt, der Frauen ausgesetzt sind (und nicht nur Frauen!). Sie zeichnet aber auch alternative Perspektiven, in denen Partnerschaft, Verantwortung füreinander und die Einsicht in die gegenseitige Abhängigkeit als befreiend gestaltet und gelebt werden könn(t)en. Und sie erzählt Geschichten von Menschen, denen diese alternativen Modelle bereits gelingen. Angefangen bei ihrer eigenen Geschichte, die einer jungen Frau, die „kinderfrei“ ein selbstbestimmtes Leben für eine bessere Welt leben will. Dabei unterstreicht sie, dass sie Kinder sehr mag, aber nicht selbst welche gebären will. Und ich komme dabei nicht umhin, an andere Frauen zu denken, die sich ebenfalls mit ihrem ganzen Elan und aus tiefster Menschenfreundlichkeit für die Verbesserung der Welt einsetzten – „kinderfrei“ – wie zum Beispiel Teresa von Avila, die vor 500 Jahren geboren wurde.

Es wird Zeit, für alle Mitglieder unserer Gesellschaft, aus der – wahrscheinlich durch den Monotheismus bedingten – Verengung der weiblichen Archetypen auf das Binom Mutter oder Hure auszubrechen. (Der griechische Polytheismus – um nur diesen zu nennen – kannte außer Demeter noch andere weibliche Archetypen, zum Beispiel Aphrodite, Artemis, Persephone, Athene, Vesta, Hera…. etc..)

Es wird Zeit, zu entdecken und zu akzeptieren, dass es eine Vielfalt von Möglichkeiten gibt, das eigene Frausein auszuleben und zu gestalten. Dass die (weibliche) Identität nicht nur von Sexualität oder Gebärfähigkeit bestimmt/begrenzt wird, sondern viel stärker von der Fähigkeit, mit anderen Menschen in Beziehung zu treten und diese Beziehungen respektvoll und solidarisch zu gestalten.

Sarah Diehl zeigt auf (ähnlich wie Ulrich Beck und Elisabeth Gernsheim-Beck in ihrem Buch Das ganz normale Chaos der Liebe) dass die moderne Kleinfamilie aus Vater, Mutter, Kind ein historisches Phänomen ist, das sich der Industrialisierung verdankt. Ein Phänomen, das sich –wie auch die Industrialisierung – inzwischen überlebt hat und überwunden werden muss, weil es das Leben vieler Menschen vergiftet.

Warum wird die biologische Mutterschaft innerhalb der Kleinfamilie mit so viel Dogmatismus verteidigt? Warum ist es so schwer, eine soziale Elternschaft in offeneren Strukturen zu denken und zu leben? Sie zu gestalten nach neuen Mustern, die wir erst entdecken müssen. So wenig wie eine Frau Kinder gebären oder in einer Kleinfamilie großziehen muss, um ein gelingendes Frausein zu erleben, so wenig muss ein Kind von der Frau, die es geboren hat, in einer einzig möglichen Beziehungskonstellation großgezogen werden, um die Fähigkeit zu entwickeln, selbst gelingende Beziehungen zu gestalten und ein erfülltes Leben zu leben.

Sarah Diehls Buch lädt ein, sich darauf einzulassen, die traditionellen Strukturen in Frage zu stellen, weil sie kastrieren und sterilisieren. Sie entwirft ein alternatives Modell, das zutiefst solidarisch ist und bestimmt durch gegenseitige Fürsorge. Auch Mütter müssen bemuttert werden. Und das Muttersein, das Elternsein, muss auf mehrere Schultern verteilt werden, damit eben Frauen nicht auf das Muttersein reduziert werden, sondern alle möglichen anderen Aspekte ihres Menschseins ausleben können. Und es ist notwendig, dass gerade Männer die Fähigkeit entwickeln, ihren Anteil an dieser grundlegenden Beziehungsarbeit und Fürsorglichkeit zu leisten.

In einem Kontext, in dem der technische Fortschritt so tiefgreifende Veränderungen unserer Welt bewirkt hat und sich vielfach eine Sehnsucht nach einer idealisierten („sicheren“) Vergangenheit breit macht, durchzieht Sarah Diehls Buch ein grundlegender Zukunftsoptimismus.  Bedenkenswert ist zum Beispiel ihre Position zu „social egg freezing“. Der Wandel, den wir erleben, birgt in ihren Augen große Chancen für die Verwirklichung von Freiheit, wenn wir nur gewillt sind, unser jeweiliges Begehren selbst und gegenseitig anzuerkennen und zu respektieren und verantwortlich und fürsorglich miteinander umzugehen.

Sarah Diehl bürstet auf eine erfrischende Weise gegen den Strich in dem „Kulturkampf“, in dem wir uns gerade befinden. Sie widersteht aber dabei der Versuchung, ihre Sichtweise der Dinge als „alleinseligmachende“ oder „bessere“ darzustellen, sondern einfach als eine Möglichkeit innerhalb einer Vielfalt von Möglichkeiten. Als eine Stimme in einer Polyphonie, die ihre Schönheit gerade durch die Gleichwertigkeit des Miteinanders der unterschiedlichen Stimmen gewinnt und sich wohltuend abhebt sowohl von langweiliger Monotonie wie auch von nervtötender Kakophonie.

Sarah Diehl: Die Uhr, die nicht tickt. Kinderlos glücklich. Eine Streitschrift. Arche Literatur Verlag, 2014.

Autorin: Elfriede Harth
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 10.04.2015
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Ute Plass sagt:

    Danke für diese informative Rezension, die mich neugierig macht auf den ganzen Inhalt von „Kinderlos glücklich“. 🙂

  • Julia Harth sagt:

    Hallo Frieda,
    schön von dir auf diese Weise mal was zu hören. Genau zur richtigen Zeit! Da ich auch keine Kinder habe und mir jetzt, mit 46 Jahren, manchmal Gedanken mache, ob das nicht ein Fehler war, machst du mich neugierig auf dieses Buch.
    Danke, schönen Gruß aus Fürth, auch an Susanne, Julia

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