beziehungsweise – weiterdenken

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Rubrik denken, studieren

Sich vom Denken einladen lassen

Von Andrea Günter, Claudia Conrady

Für Schreiner und Schuster ist eine Werkstatt selbstverständlich, doch sie bietet sich auch für das Denken an.

Werkstätten können sehr  Unterschiedliches hervorbringen.

Eine Denkwerkstatt ist eine Praxis: ein Raum der Praxis des Sprechens und Denkens. Diesem Zusammenhang unserer Initiative wollten wir mit einer besonderen Dialogkontur gerecht werden. Haben wir im ersten Text „Warum eine Denkwerkstatt“ die Entstehungsgeschichte der Inhalte unserer Textreihe beschrieben, so soll in diesem zweiten Text in den Vordergrund rücken, was es bedeuten könnte, mit dem Projekt „Denkwerkstatt“ die Eigenarten eines öffentlichen Diskurses zu beleuchten.

Die zweite Denkwerkstatt sollte nicht nur das Projekt „Denkwerkstatt“ als Hochschulprojekt fortsetzen. Es ging uns nicht einfach darum, dem neuen denkfeindlichen Hochschulalltag etwas entgegenzusetzen. Im Gegenteil, unsere Rekonstruktion des Gerechtigkeitskonzepts, die wir nicht von der des Theorie-Praxis-Dualismus trennen können, ging bei uns Initiatorinnen mit dem Wunsch einher, einen neuen öffentlichen Diskurs zu eröffnen.

Wir versuchten eine neue Form zu etablieren, einen Dialog zwischen einer Gruppe von Frauen, die ohne formale Zwänge intensiv zusammenarbeitete, und einer interessierten Öffentlichkeit in abwechselnden Veranstaltungen zu inszenieren. Leider ist uns dies nur zum Teil geglückt. Die „interessierte Öffentlichkeit“ belief sich auf eine engagierte Diskussionsrunde in einer Veranstaltung, in der wir das Projekt „Denkwerkstatt“ vorstellten. Hier fand eine intensive Diskussion über grundsätzliches Frauenpolitisches statt. Bekannte Themen, neue Akzente kamen auf den Tisch, interessante Konstellationen ließen sich bilden: Geschlechterrollenbilder, Arbeitsverhältnisse, ökonomische Strukturen; Selbstbewusstsein, Frauenquote, HeForShe-Kampagne; Allgemeingüter, Umgang mit hierarchischen Entscheidungen, Täter-Opfer-Beziehungen; wie lassen sich „Ehe“, die aktuelle gesellschaftliche Stellung von homosexuellen und heterosexuellen Paaren und die Gleichheit der Geschlechter vor dem Recht (Art. 3 III GG) in Form eines Mobiles rekonstruieren?

Jedoch nicht nur Themen wurden virulent. Durch die Einführung der gerechtigkeitsorientierten Weise, mit Gleichheit und Differenz konzeptionell umzugehen, kamen auch ganz neue konzeptionelle Überlegungen zur Sprache. Wenn es etwa einen wesentlichen theoretischen Unterschied macht, ob auf Gleichheits- und Differenz-Vorstellungen zurückgegriffen wird, um Gerechtigkeit zu denken, oder ob von dem Begehren nach Gerechtigkeit auf das Zusammenwirken von Gleichheit und Differenz geschaut wird, dann zeigt die zweite Perspektive, dass Gleichheit und Differenz nicht normierbar, sondern sie „grenzenlos“ sind, hielten Teilnehmerinnen fest. Wenn Gerechtigkeit – und damit Gleichheit und Differenz – relational gedacht werden muss, muss es dann nicht als grenzenlos gedacht werden? Jedoch, wenn etwas nicht eingegrenzt werden kann, kann dies dann auch nicht geschützt werden?

 Eine Praxis für relationales Denken erfinden

Im Laufe des Gesprächs kamen dann immer mehr Beispiele zutage, die anzeigen, wir handeln  relationaler  als wir denken (hierüber wird Claudia Conrady einen Text schreiben).

In der Arbeitsgruppe begannen wir, diese Ambivalenzen auszuarbeiten. Wir haben derzeit noch nicht alle Themen aufgegriffen, die in unseren Diskussionen zur Sprache kamen. Aber wir hoffen, deutlich machen zu können, was es heißt, den falschen Theorie-Praxis-Dualismus für die Praxis – des Denkens – und für das Denken und Tun in der Praxis zu benennen. Denn uns hat das zunächst einmal dazu herausgefordert, die Kunst, relational, also in Beziehungsgefügen zu denken, sichtbar und stark zu machen: in ihrer Vielschichtigkeit und Ambivalenz, in ihren Brüchen und Traditionen, in ihrer Alltäglichkeit und Besonderheit.

Im Anschluss an die Einführung und die erste Arbeitssitzung der Denkwerkstatt erstellten wir einen Mailverteiler für Interessierte, um weiterhin diejenigen einzubinden, die zu den Arbeitssitzungen verhindert waren. Das positive Feedback zu unseren Protokollen erlaubte uns, unsere Themen weiterzuentwickeln und schriftlich festzuhalten. Um das Erarbeitete zu verbreiten, haben wir uns entschieden, die so entstandenen Texte auf bzw-weiterdenken.de zugänglich zu machen. Wir hoffen, dass wir so Beziehungen zwischen denen, die bereits mit dem Konzept „Denkwerkstatt“ vertraut sind, und denen erzeugen können, die Gerechtigkeit als Denkweise kennenlernen wollen.

Um die Kunst, relational zu denken zu fördern und damit den Theorie-Praxis-Dualismus zu überwinden, hierzu gibt es noch viel zu tun: Wissen zu sammeln und Kenntnisse zu ergänzen. Wir werden in den nächsten Monaten das vorstellen, was wir dazu ausgearbeitet haben. Aber unser Projekt muss damit nicht zu Ende sein. Wir wollen unsere Praxis „Denkwerkstatt“ nicht auf die derzeit existierende Textreihe beschränken. Stattdessen laden wir zum Beteiligen ein: schicken Sie uns Gedanken und Geschichten; Thesen, Textausschnitte oder sogar ganze Texte; stellen Sie uns Fragen, vor weitere intellektuelle Herausforderungen. Hierfür können Sie die Kommentarfunktion nutzen oder direkt an denkwerkstatt.gerechtigkeit [at] gemail.com mailen.

Abhängig davon, was wir zugemailt bekommen, werden wir dies in einem nächsten Schritt aufgreifen, indem wir versuchen, Beziehungen zu schon Entwickeltem und noch zu Entwickelndem sichtbar zu machen.

 Denken als Tätigkeit entwickeln

Damit zum Denken als Tätigkeit und nochmals zu Hannah Arendt Impuls, die Tätigkeit des Denken als Tätigkeit eigens zu reflektieren. In ihrem Aufsatz „Über den Zusammenhang von Denken und Moral“ macht Arendt darauf aufmerksam, dass dort, wo die Vernunft nicht mehr weiter weiß, nicht der Glaube anfängt. Für Arendt führt die Erfahrung der Grenzen der Vernunft im Gegenteil vom Glauben weg, sie führt stattdessen dazu, (selbst) zu denken. Mit dieser Äußerung verdeutlicht Arendt den Unterschied zwischen Vernunft und Denken sowie Denken und Vernunft.

Wie kann das gemeint sein? Betrachtet man das Verständnis von „denken“ in den Sprachen, die die westliche Kultur maßgeblich geprägt haben, dann trifft man auf ein gemeinsames Verständnis des Hebräischen „barah“, des Griechischen „theorein“ und des Lateinischen „cogitare“. „theorein“ haben wir schon vorgestellt, es sieht in der Tätigkeit des Denkens die Kunst des „Zusammenschauens“; „cogitare“, zusammengesetzt aus „co-agitare“, wiederum sieht im Denken einen zukunftsgerichteten Akt, der mit Erfinden und Ersinnen zu tun hat; Augustinus gibt diesem eine besondere Bedeutung, indem er darin das co-agere des Geistes, nämlich das geistige Zusammenbringen als ein aus der Zerstreuung Sammeln findet. Worin diese Tätigkeit genau bestehen kann, macht das hebräische „barah“ als Inbegriff der Schöpfungstätigkeit in Genesis 1 deutlich. Nachdem durch das Einfügen von Licht der Unterschied zwischen Finsternis/Nacht und Finsternis plus Licht/Tag und ein einmaliger Wechsel zwischen diesen beiden Zuständen als Einheit „Tag“ erkennbar wird, führen außerdem unterschiedliche Lichtverhältnisse dazu, dass Tage unterschieden, Jahre als Einheiten gebündelt und Festtage als Besonderheiten markiert werden.

Mit diesen Aktivitäten ist genauestens beschrieben, worin die Tätigkeit des Denkens besteht. Es will aus der Zerstreuung sammeln, indem das Denken unterscheidet, bündelt, markiert und dafür schon vorhandene Lichtquellen heranzieht oder neue erschließt.

Was also tun wir, wenn wir denken? Normalerweise gehen wir nicht von einem Nullzustand aus. Im Gegenteil, oftmals haben wir eher zu viel im Kopf. Das, was wir äußern, ist meistens das, was sich im Kopf angesammelt hat. Gedacht ist es damit noch nicht. Das Denken beginnt damit, dass das, was jemand im Kopf hat, gesichtet wird: Unterscheidungen müssen getroffen, Gemeinsames gebündelt und verdichtet werden; es muss bewerten werden, was besonders, aber auch was gut ist; und es muss bemerkt werden, was noch entwickelt und erfunden werden muss.

Denken ist nicht abschließbar. Ein immer wieder neues Durcharbeiten ist nötig, so dass gerade auch das, was schon bekannt zu sein scheint, heller, origineller, bedeutender, stringenter wird. Was jeweils dadurch verständlich wird, muss nicht unbedingt neu sein. Aber seine Bedeutung kann sich verändern.

Für den Zusammenhang von Denken und Sprechen bedeutet dies, im Gesprochenen weniger das Wissen aufzusuchen. Vielmehr kann es als Gelegenheit des Hörens praktiziert werden. Mit Heinrich von Kleist wollen wir festhalten, dass beim Sprechen und Denken Gedanken allmählich entstehen. Eine Denkwerkstatt kann ein Ort hierfür sein.

Lasst uns deshalb zusammen schauen, sprechen, denken und Gedanken entwickeln. Lasst uns Beziehungsgefüge aufbauen zwischen Menschen und Gedanken. Lasst uns gemeinsam versuchen Gerechtigkeit als eine Denkweise zu verstehen und zu praktizieren.

 

 

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Karin Spangler sagt:

    Liebe Frau Günter und liebe Frau Conrady,
    ich bin Religionspädagogin und lese ihre Beiträge mit großer Freude und Neugier. Ich empfinde z.B. die religionspädagogischen Angebote – ich unterrichte an einer Fachakademie für ErzieherInnen – genau in dem Duktus, den Sie beschreiben. Es gibt ein religionspädagogisches Modell nach Franz Kett, das Kinder sammelt, sie in Begegnung mit Geschichten, Symbolen und anderen Inhalten bringt, sie dazu gestalten lässt und nachher in freier Entscheidung (z.B. beim Betrachten von entstandenen Bodenbilder) Beziehung aufnehmen lässt – zur „Sache“ und zur eigenen Person. Das ging mir gerade durch den Kopf und damit grüße ich Sie herzlich.
    Karin Spangler

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