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Feminismus als Männerstreit und die Lehren von He-Yin Zhen

Von Antje Schrupp

Passend zu meinem derzeitigen Aufenthaltsort China habe ich die Texte von He-Yin Zhen gelesen, einer Anarchistin und Feministin, die in den Jahren 1907 und 1908 Mitherausgeberin einer Zeitung war und deren Texte es seit kurzem auf Englisch gibt. Ich glaube, ich bin vor Ewigkeiten durch einen Tweet von Helga Hansen auf sie aufmerksam geworden, aber erst jetzt dazu gekommen, das Buch zu lesen.

Ehe+zhens handelt sich um längere Zeitungsartikel bzw. Essays zur „Lage der Frau“ im damaligen China, also am Ende des Kaisertums. Zhen entwirft eine Alternative zum liberalen Feminismus des westlichen emanzipatorischen Weges mit Frauenwahlrecht etc. Ihr Hauptargument: Die Emanzipation der Frauen verbessert die Lage der Armen nicht, sondern allerhöchstens die einiger privilegierter Frauen. Materielle Not ist aber die wesentliche Ursache dafür, warum Frauen unterdrückt und sexuell ausgebeutet werden. Diese Unterdrückung lässt sich deshalb auch nicht durch Gesetze oder formale Gleichstellung abschaffen, sondern nur durch die Abschaffung von Armut und materieller Not. He-Yin Zhen stellt sich das als Abschaffung des Privateigentums zugunsten einer auf Commons, also Gemeingütern basierenden Wirtschaft vor.

Mir kam beim Lesen der Gedanke, dass vielleicht der gesamte seit dem 19. Jahrhundert geführte „Feminismus-Streit“, der gerade in letzter Zeit wieder als medialer Hype durch die Zeitungen schwappt, samt und sonders als Streit unter Männern betrachtet werden könnte, bei dem wir* (die Frauen und alle, die wirklich an weiblicher Freiheit interessiert sind) eigentlich nur Randfiguren oder sogar Figuren auf dem Spielbrett sind.

Instrumentalisierung der „Frauenfrage“

Zur Zeit von He-Yin Zhen, also vor gut hundert Jahren, wurde die „Frauenfrage“ in China vor allem von „linken“ chinesischen Männern (und auch einigen Frauen) ins Feld geführt. Sie wollten politische Reformen und verwiesen dabei unter anderem auf die „Rückständigkeit“ Chinas in Frauenangelegenheiten im Vergleich zum „fortschrittlichen“ Europa. Feminismus wurde also instrumentalisiert, um eine linke Opposition gegenüber dem Kaiser und dem „alten“ China generell zu rechtfertigen – ein bekanntes Muster, das bis heute besteht, denken wir nur an die Begründungsmuster für den Angriff der USA auf Afghanistan nach dem 11. September, oder auch an die in Wahlkämpfen oft zu beobachtende Konkurrenz darüber, welche Partei „besser“ für die Frauen ist.

Feminismus als politischer Aktivismus für mehr weibliche Freiheit ist so alt wie die Geschlechterdifferenz selbst, das ist mir beim Schreiben des Comics zur „Kleinen Geschichte des Feminismus“ nochmal deutlich geworden. Feminismus als politisches Programm hingegen entstand erst im 19. Jahrhundert. Feminismus im ersten Sinn ist ein weltweites Phänomen, es existiert in jeder Kultur, die eine Geschlechterdifferenz kennt. Feminismus im zweiten Sinn ist eine westliche Erfindung, und zwar eine, die auch zur Kolonisierung anderer Kulturen missbraucht wurde, teilweise wohl mit guten Absichten, teilweise aber auch mit bösen.

Ganz sicher jedenfalls mit negativen Folgen: Erstens wurden damit auch die wertvollen und vielfältigen Impulse des weiblichen Denkens im Westen diskreditiert. Und zweitens nimmt das „Frauenthema“ seither als symbolisch umkämpftes Feld einen zentralen Platz in der Ideologie anti-westlicher Bewegungen ein. Die brutale Frauenverachtung islamistischer Terrorgruppen wie IS oder Boko Haram ist dafür nur das augenfälligste Beispiel, denn die Tendenz besteht weltweit und auch in moderaterer Form. Meiner Ansicht nach besteht da ein kausaler Zusammenhang: Weil vor hundert Jahren Kolonisatoren und „Fortschrittliche“ die Frauenfrage als Rechtfertigung für westliche Herrschaftsansprüche ins Feld führten, ist heute demonstrative Frauenfeindlichkeit ein geeignetes Mittel für politische Gruppierungen, um die eigene Gegnerschaft zum „Westen“ trotzig zu bekräftigen.

Kritik am westlichen Emanzipations-Modell

He-Yin Zhen bestreitet bereits 1907 die Erzählung von der Überlegenheit des westlichen Modells als Weg zur weiblichen Freiheit. Vom Frauenwahlrecht etwa, das damals außer in Finnland noch überhaupt nirgendwo eingeführt war, über das aber viel diskutiert wurde, verspricht sie sich nichts, sondern prophezeit, dass Politikerinnen auch nur die Interessen ihrer eigenen sozialen Klasse vertreten würden und nicht die armer Frauen.

Ihre Ablehnung des westlichen Emanzipationsmodells verführt sie aber keineswegs dazu, die eigene Kultur schönzureden, ganz im Gegenteil. Ausführlich analysiert Zhen die Mechanismen der Abwertung von Weiblichkeit in China, angefangen bei der Sprache. So setzt sie sich ausführlich mit der Verwendung des Schriftzeichens für „Frau“ und den symbolischen Bedeutungen von kombinierten Schriftzeichen auseinander, in denen es verwendet wird. Sie analysiert die frauenfeindlichen Denkmuster der relevanten philosophischen Traditionen – Konfuzianismus, Buch der Wandlungen, Taoismus und Buddhismus – sowie Alltagspraxen, etwa Trauer- oder Eheschließungsrituale.

He-Yin Zhen nimmt also genau die unabhängige Haltung ein, die ich auch heute noch vorbildlich finde: Eine Kultur ist so schlecht wie die andere, und wir* sind keiner dieser Männerfraktionen auch nur das Geringste schuldig. Wir stehen außerhalb ihres symbolischen Streits.

Ideologie der getrennten Sphären

Etwas anderes, das mich in Zhens Analyse frappiert hat, war, wie zentral eine Ideologie der getrennten Sphären und der Ausschluss der Frauen aus der Öffentlichkeit für die chinesischen Geschlechterverhältnisse offenbar schon seit vielen Jahrhunderten war. In Europa hat sich die Ideologie der getrennten Sphären nämlich eigentlich erst so richtig im 18. und 19. Jahrhundert herausgebildet – vielleicht nicht zufällig genau zu der Zeit, als die „Kolonialwaren“ so langsam in den europäischen Alltag vordrangen? Inwiefern hat „der Westen“ sich hier von den kolonialisierten Kulturen beeinflussen lassen? Vielleicht mehr, als wir glauben. Mir fiel wieder das Beispiel des britischen Generalkonsuls in Ägypten ein, Lord Cromer, der dort im 19. Jahrhundert vehement die Entschleierung der ägyptischen Frauen betrieb (das war ja eine „rückständige“, unemanzipierte Kleiderordnung), während er gleichzeitig in England die „Männerliga gegen die Einführung des Frauenstimmrechtes“ gründete.

Ein anderer Punkt, der mich zum Nachdenken brachte, war der breite Raum, den in Zhens Texten die sexuelle Ausbeutung einnimmt. Anders als die Frauen, über die sie schreibt, muss ich nämlich nicht jeden Tag und in jeder Situation mit einer Vergewaltigung rechnen, zum Beispiel sobald ich zur Arbeit komme oder männliche Gäste unser Haus betreten. Ich wurde nicht zwangsverheiratet, und meine Familie hat mich nie prostituiert oder mir nahegelegt, eine Konkubine zu werden, damit die Familie über die Runden kommt. Und ähnlich wie mir geht es ja den meisten Frauen hierzulande, vor allem denjenigen, die eine Stimme im öffentlichen Diskurs haben. Dass wir Brüste und eine Vagina haben, dass wir vergewaltigt oder schwanger werden können, spielt in unserem Alltag nicht permanent eine Rolle. Deshalb beschäftigen wir uns eher mit den symbolischen Aspekten oder theoretischen Konzepten der Geschlechterdifferenz. Für viele Frauen aber ist die Geschlechterdifferenz eine Erfahrung von radikalem körperlichem und sexuellem Ausgeliefertsein. Jedenfalls war das für die allermeisten Frauen im damaligen China offenbar so, und ich glaube, auch im damaligen Europa. Und für viele Frauen auf dieser Welt ist es leider heute noch so.

Ökonomisch fundierte Prostitutionskritik

Die zentrale Ursache dieser von ihr beschriebenen allgegenwärtigen sexuellen, körperlichen Ausbeutung von Frauen sieht He-Yin Zhen in materieller Ungleichheit. Frauen wählen aus purer Armut die Prostitution, Familien „verkaufen“ ihre Töchter aus materieller Not heraus. Die Reichen hingegen konsumieren Frauen als Sexobjekte oder „halten“ sich Ehefrauen oder Konkubinen, weil das ihren Status aufwertet, weil sie ihre soziale und männliche Überlegenheit hier demonstrativ ausleben – weil sie es können halt.

Zhen macht dabei keinen Unterschied zwischen Prostituierten, Konkubinen und Ehefrauen, denn sie alle tauschen Sex gegen materielle Lebensgrundlagen. Ihrer Ansicht nach ist auch die westliche Ehepraxis damals, bei der ja ebenfalls ökonomische Erwägungen eine zentrale Rolle spielten, schlichtweg Prostitution – hier gibt deutliche Parallelen zwischen ihr und Victoria Woodhull.

In einer (solcherart weit gefassten) Prostitution sieht Zhen den Angelpunkt gesellschaftlicher Ausbeutung von Frauen. Gleichzeitig lehnt sie aber gesetzliche Maßnahmen zum Verbot der Prostitution ab, da diese das Phänomen nicht aus der Welt schaffen, sondern nur verschleiern würden. Denn solange es extreme Armut und extremen Reichtum gibt, wird es auch sexuelle Ausbeutung in Form von Prostitution geben, ist sie überzeugt. Auch das ist frappierend aktuell, wenn man sich anschaut, wie losgelöst von ökonomischen Lösungsansätzen ein großer Teil der heutigen „Prostitutionskritik“ argumentiert – Hauptsache verbieten, scheint das Motto, aber was machen die Frauen, die sich prostituieren, denn dann?

Beim Lesen von Zhens Texten wird jedenfalls deutlich, warum linke Ökonomiekritik und weibliche Freiheit zwei Themen sind, die ihren Sinn völlig verlieren, wenn man sie voneinander trennt.

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Ihr Artikel ist sehr interessant und aufschlussreich zu lesen,insbesonderr weil er ein weiteres Mal bestätigt,was wir ja alle schon längst wissen: dass die patriarchal geprägte Gesellschaft und Oekonomie die Frauen nur als Ausbeutungs- Objekte sieht,aus- und benutzt und in letzter Konsequenz ersetzen will,so wie es Claudia von Werlhof in ihren Aufklärungsarbeiten beschreibt,und dass diese männerdominierte Gesellschaft für jede Frau ausserordentlich gefährlich,ja tödlich sein kann,wenn sie sich nicht vorsieht (schreibe von eigenen Erfahrungen)Frau sollte sich keine Illusionen bezüglich des sogenannt „Zivilen“Charakters unserer westeuropäischen Gesellschaften machen,der exisitert höchstens auf dem Papier!

  • Szenon sagt:

    Der französische Philosoph Louis Cattiaux (1904–1953), “Die Wiedergefundene Botschaft” (Herder, 2010, S.361), schreibt: «Ein Zeichen des Zeiten-Endes wird der erneuerte Ungehorsam, die erneuerte Emanzipation und Rebellion der Frau sein, was das Wort Gottes betrifft und den Mann, der darüber die Obhut hat».

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