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Im Herzen des Gegenwärtigen

Von Dorothee Markert

Diotima: Das Fest ist hier

Diotima: Das Fest ist hier

Chiara Zamboni bezieht sich in ihrem Text auf ein Gedicht von Emily Dickinson (Nr. 17, 1858), das folgende Zeilen enthält:

„It’s all I have to bring today – / This, and my heart beside – / This, and my heart, and all the fields – / And all the meadows wide – / […]

Das Wesentliche eines Festes hat für Chiara Zamboni mit diesem „Dies/This“ zu tun: „Im Gegenwärtigen gibt es etwas, das aus seinem Inneren heraus erblüht. Wenn wir es wahrnehmen, ist es, als würden wir es erfinden. Ohne dass wir es herbeisehnen, wird es sich nicht zeigen. Wenn es in Erscheinung tritt, belebt sich das Gegenwärtige. Es ist nicht mehr das Grau in Grau, das nur von der Zukunft Gutes erwartet.

Ein Fest feiern heißt, dass wir ein solches Lebendig-Werden des Gegenwärtigen mit anderen zusammen erleben, das sich der linearen Bewegung der Geschichte entzieht. Wir teilen einen Moment der Freude mit anderen“ (S. 137). Dieser Moment verändert auch das Zeiterleben. Wird das Lebendige sichtbar, das aus dem Gegenwärtigen hervorgeht, und kommt zum Alltäglichen hinzu, bewirkt das, dass auch die Alltagsdinge Leuchtkraft und Klarheit bekommen. Nicht im Überfluss, sondern genau so, wie wir es heute brauchen können. Und wenn wir dieses Etwas in die Mitte legen und den anderen anbieten, dann ist das ein Fest.

Wie schon andere Autorinnen in „Das Fest ist hier“ stellt auch Chiara Zamboni die Frage, ob heute, angesichts der Tatsache, dass der „Mechanismus des stetigen Reicherwerdens“ in Italien und Europa seit Beginn dieses Jahrhunderts „ins Stolpern gekommen ist“, unter uns Feste möglich seien. Das sei ja nichts, worüber man sich freuen könne. Doch während der heftige Wind des Fortschritts still geworden ist, so Zamboni, sind sich die Menschen ihrer Bindungen untereinander plötzlich mehr bewusst geworden. Die konkreten Bindungen bekamen symbolische Kraft und wurden zu einem Gewebe, auf das wir bauen, um einen Maßstab im Leben zu haben. Frauen und Männer – ja, auch die Männer! – scheinen nun plötzlich mehr Zeit zu haben, um miteinander zu sprechen und einander zuzuhören, um zusammen zu sein und „Zeit zu verlieren“.

Und genau das ist die wichtigste Voraussetzung für ein Fest: Sich gegenseitig zu erlauben, einfach da zu sein, und die Zeit, sich auf die anderen einzulassen. Ohne das ist kein Fest möglich. Feste entstehen nicht von allein, man braucht Zeit, um zusammen zu sein, Zeit, die dem Tun entzogen wird.

Die Qualität eines Festes hängt von den Bindungen zwischen den Teilnehmenden ab. Chiara Zamboni nimmt heute spürbare Veränderungen der Beziehungen zwischen Frauen und Männern wahr:

Verändert hat sich der symbolische Geschlechtervertrag, und das hat bestimmte persönliche und kollektive Konsequenzen. Schon Virginia Woolf schrieb, während Frauen nun schon seit einiger Zeit nicht mehr bereit seien, dem männlichen Narzissmus als Spiegel zu dienen, würden sie nun auch noch ohne Beschönigungen öffentlich über männliche Sexualität sprechen. Junge Frauen suchen heute nach neuen, experimentellen Wegen in den Beziehungen zu ihren Partnern, allerdings mit viel Scham, solange sie damit allein bleiben. In den Seminaren an der Universität erlebt Chiara Zamboni, dass die Studentinnen immer noch von Texten wie Die klitoride und die vaginale Frau (Carla Lonzi,1974) fasziniert sind, in denen es um weibliche Lust und Feminismus geht. Sie finden darin eine politische Möglichkeit, die sexuelle Frage zu stellen, und vertiefen sich in sie. Sie brauchen vor allem einen politischen Austausch, um diese so wichtigen Aspekte ihrer Erfahrung anzuschauen, die im Allgemeinen in der Isolierung erlebt werden. Diese Studentinnen erzählten Chiara Zamboni, dass sie Lonzis Buch ihren Partnern zu lesen gegeben und mit ihnen darüber diskutiert hatten. Auf diese Weise nimmt also ein neues Verhandeln über den Geschlechtervertrag auf dem Weg über eine Praxis der Selbsterfahrung Gestalt an.

Die symbolischen Beziehungen zwischen den Geschlechtern verändern sich auch deshalb gerade, weil die Frauen sich den Männern gegenüber viel weniger schuldig fühlen als noch vor einiger Zeit. Das Schuldgefühl war ein „ständig nagender Wurm“, der die Möglichkeiten der Frauen unterminierte. In der Blütezeit des Feminismus – 1973 – schrieb Mary Daly in Jenseits von Gottvater, Sohn und Co., (S. 39), von der „Selbstverminderung“ der Frauen in geschlechtsspezifischen Rollen, die es ihnen ermöglichten, „der Bedrohung des Nicht-Seins durch die Verleugnung des Selbst zu entgehen“, aber gleichzeitig die „Entfaltung existentiellen Mutes blockiert haben“. Um zu werden, was sie wirklich ist, muss eine Frau sich der Erfahrung des Nichts stellen, was „existentiellen Mut“ erfordert. Die Öffnung für Kreativität ist von der vorgegebenen Rolle aus nicht möglich, viele tüchtige Frauen erschöpfen sich im Kampf, aus dieser Begrenzung herauszukommen. Denn um eine volle Erfahrung des Seins zu erreichen, müssen wir uns dem Gefühl des Mangels stellen, der eine Folge davon ist, dass wir uns der sozialen Zustimmung entziehen. Vor allem aber muss das Schuldgefühl ausgehalten und besiegt werden, „wenn wir uns weigern zu tun, was die Gesellschaft von uns verlangt; Schuldgefühle, die noch lange, nachdem sie als falsch erkannt wurden, auf uns lasten“ (Daly, S. 38).

Heute ist es zwar nicht so, dass Frauen keine Schuldgefühle mehr haben, wenn sie sich den sozialen Rollen entziehen, aber sie begreifen den Mechanismus, können die Zeichen erkennen, sie aufmerksam betrachten und sich so vor ihren am stärksten zersetzenden und erstickenden Wirkungen schützen. Denn das Schuldgefühl arbeitet unterschwellig und höhlt die Seele aus, ohne dass uns das bewusst ist.

Ein Schuldgefühl taucht auch bei einer Frau auf, die in der Öffentlichkeit ungerechtfertigterweise von einem Mann angegriffen wird, das kann an ganz unterschiedlichen Orten geschehen, vom Arbeitsplatz bis zur Bürgerversammlung. Sie hat das Schuldgefühl, das eigentlich der Mann haben müsste, der unangemessen heftig ist. Das ist eine paradoxe Umkehrung, die in verschleierter Form mit Sexualität zu tun hat. Zamboni meint, Frauen hätten inzwischen gelernt, sich mit solchen Phänomenen auseinanderzusetzen und die Zeichen und Gefühle, die dabei auftauchen, zu klären. Davon gingen die Schuldgefühle zwar nicht weg, doch es erlaube uns, eine andere, freiere Haltung diesen Gefühlen gegenüber einzunehmen.

Und was hat sich bei den Männern verändert? Diese Frage ist wichtig, da an einem Fest ja alle teilnehmen. Wir wissen, dass der symbolische Vertrag zwischen Männern und Frauen von beiden Seiten geschlossen worden ist. Wenn eine Seite sich verändert, wandelt sich notwendigerweise auch die andere. Einige Männer verweigern sich der Veränderung, indem sie entweder gewalttätig werden oder sich in einer utopischen Vergangenheit einschließen. Doch Männer, die es lieben, am Fest mit den Frauen zusammen teilzunehmen, akzeptieren die Veränderung und suchen auf erfinderische Weise nach Wegen, um für sich einen Sinn in diesem symbolischen Erdbeben zu finden. So Stefano Ciccone in Essere maschi („Männlich sein“): Darin, dass die Frauen sich von der Aufgabe zurückgezogen haben, dem männlichen Körper gegenüber als Vermittlung zu dienen, sieht er ein Ungleichgewicht, das vielleicht den Weg bereitet, damit Männer lernen, den eigenen Körper zu lieben und sein unbekanntes Potential zu entdecken. Das kann zu einer neuen Form der Selbstbewusstheit führen, durch die es gelingen könnte, die Seele mit dem Körper zu verbinden. Was Ciccone hier unternimmt, ist der subjektive Versuch eines Einzelnen, ein vor allem persönliches Experimentieren zu eröffnen, als Antwort auf die von den Frauen in seinem Umfeld angestoßenen Veränderungen, die neue Wege in der Beziehung zwischen den Geschlechtern zum Ziel haben.

Paradoxerweise erleben wir die Freude am Fest dann, wenn uns bewusst ist, dass uns etwas fehlt. In den Evangelien sind es die Frauen, denen die körperliche Präsenz Jesu mehr bewusst ist. Und diese haben gleichzeitig auch eine Vorahnung, dass er von ihnen genommen werden wird. Bekanntermaßen weist ja auch der aus dem Alltag herausgehobene Festtag indirekt auf das Nicht-Festmäßige der Werktage hin. Es ist aber wichtig, dem Gefühl für Festliches auch im Alltag treu zu bleiben, er bekommt dadurch Würde und Schwung.

Auch Antonietta Potente erinnert in ihrem Text Cuándo? Ahora … Le anarchiche coordinate del tempo politico-esistenziale (im nächsten Kapitel von „Das Fest ist hier“) daran, dass wir das Fest deshalb konkret denken und seine Zeit genießen können, weil wir das Gefühl des Mangels kennen. Aus dem starken Gefühl heraus, dass etwas Wesentliches fehlt, entdecken Völker die Möglichkeit, hier und jetzt etwas Lebendiges hervorzubringen, um alternative Wege zu erfinden.

Mit Chiara Zamboni befreundete Nonnen erklärten ihr aus ihrer jahrelangen Erfahrung in Afrika heraus, nur arme Völker hätten Genuss an Festen, die reichen nicht. Die Feste der Reichen sind keine richtigen Feste, da ihnen das Gefühl des Mangels fehlt. Mit dieser Aussage möchte Chiara Zamboni darauf hinweisen, dass es gerade die jetzige Zeit sein könnte, in der es möglich werden könnte, Feste neu zu erleben und neu über sie nachzudenken, und zwar in dem Maß, wie wir erleben, dass die Realität zerfällt und zusammenbricht. In einer Zeit, in der es so aussieht, als habe sie uns wenig zu bieten. Denn gerade dieses Wenige wird zur Gelegenheit der Veränderung, indem es ein neues Gefühl für Fülle entstehen lässt.

Verschiedene Bereiche des gegenwärtigen Niedergangs könnten nun analysiert werden. Besonders stark empfindet Chiara Zamboni die Zerstörung des symbolischen Werts der Arbeit, die Entwertung dessen, was wir mit Sorgfalt und Aufmerksamkeit tun und was Teil unseres Lebens ist. Dies geht so tief, dass es zu einer existenziellen Frage wird. Beschädigt wird sowohl die Vorstellung von einer Arbeit, die etwas Haltbares schafft, ein Werk, das die eigene Lebenszeit überdauern kann, als auch die Vorstellung von jener Sorgearbeit, die für das eigene tägliche Leben und das von anderen notwendig ist. Diese Arbeiten werden vom Finanzkapitalismus als ein Nichts betrachtet, der Geld aus Geld herstellt und den Kapitalismus, der reale Güter produziert, an den Rand drängt. Einer Arbeit Wert zu geben, die sich in etwas Sichtbarem und Tauschbarem sowie in den Beziehungen des Lebens konkretisiert, scheint zu einem Relikt der Vergangenheit geworden zu sein. Dieser Eindruck wird auch durch Aussagen in der Öffentlichkeit unterstrichen. So kommt es, dass Menschen, die nicht bereit sind, flexibel auf jede Forderung einzugehen, ein Schuldgefühl bekommen, weil sie nicht auf der Höhe dessen sind, was „die Härte unserer Zeitepoche“ verlangt, in diesem Fall beispielsweise die Auflösung der Beziehungen zwischen den Beteiligten. Dass hier Schuldgefühle entstehen, ist ein weiterer Hinweis, wie sehr die Anpassung der Gewissen der Einzelnen erforderlich wird, um solche Veränderungen durchzusetzen, und wie das von verschiedenen Schalthebeln der Macht aus genutzt wird.

Zamboni bezieht sich hier auf den Prozess der symbolischen Zerstörung der Arbeit, die jedoch die viel schwerwiegendere Auswirkung hat, das Gefühl für die Würde von Frauen und Männern zu unterminieren und zu schwächen, die schließlich nur noch als fluktuierende anonyme Masse betrachtet werden. Es zeigt sich hier eine tiefe Verachtung für die Menschen, für ihre Gefühle und für ihr konkretes materielles Leben.

Was also können wir angesichts dieser zunehmenden symbolischen Zerstörung des alltäglichen Lebens mit anderen zusammen feiern? Für Zamboni ist es die Fähigkeit, neue Arbeits- und Lebenssituationen zu schaffen, die nicht dem Staat und dem Markt unterworfen sind. Das geschieht schon seit geraumer Zeit, bekommt nun aber eine neue Bedeutung. Es geht darum, in diesem historischen Moment auf experimentelle Weise sowohl das Gefühl für das geschaffene Werk als auch für die Care-Arbeit zurückzugewinnen, die beide in wesentlichen Aspekten mit dem Leben zu tun haben. Das geschieht dann, wenn Frauen und Männer sich mit Intelligenz und Leidenschaft selbst organisieren, um Ressourcen für neue Projekte aufzutreiben und neue, von sich selbst ausgehende Organisationsformen zu entwickeln.

Aus diesem Grund findet Chiara Zamboni den Text von Elinor Ostrom, Die Verfassung der Allmende, so interessant. Durch ihn können wir besser verstehen, wie Einzelne sich auf autonome Weise organisiert haben. Zwar untersuchte sie hauptsächlich Zusammenschlüsse im Kontext von Wasserknappheit. Trotzdem können wir viel aus ihrer Untersuchung lernen, wenn wir sie auf andere Kontexte übertragen. Elinor Ostrom befasste sich nicht abstrakt mit dem Thema, sondern untersuchte genau, wie bestimmte begrenzte Gruppen die Frage des Wassermangels angingen und wie sie eine Einigung untereinander erzielten. Sie achtete nicht auf die Geschlechterdifferenz, sondern sprach im Allgemeinen nur von Männern – aber dass sie eine Frau ist, erkennt Chiara Zamboni an ihrem Forschungsstil.

Denn Ostroms Untersuchung begibt sich nicht in eine universalistische Position, dann würde sie sagen: Ich spreche darüber, welche Organisationsformen es hinsichtlich der Wasserknappheit gibt und schlage eine Lösung vor, die immer und überall erfolgreich ist. Andererseits nimmt sie auch keineswegs eine rein empirische Haltung ein, die sich jeweils nur auf den einzelnen Kontext beschränkt, als würde sie sagen: Ich kann nur örtliche Situationen beschreiben, ohne mich mit dem zu beschäftigen, was darüber hinausgeht. Sie stellt dagegen eine Situation neben eine andere und bewertet sie, um daraus eine mitteilbare Wahrheit zu gewinnen. Eine Universalität des Nebeneinanders, die Schritt für Schritt gewonnen wird, eine Erfahrungswahrheit. Und so gelingt es ihr, die Gründe für Erfolg und Scheitern zu verstehen, indem sie untersucht, wo die Selbstregulierung erfolgreich war und wo sie trotz wiederholter Versuche, zu einer Einigung zu kommen, gescheitert ist.

Sie arbeitet unter anderem heraus, dass die Fähigkeit, zu einer Einigung zu kommen, nicht nur vom gegenseitigen Vertrauen abhängt, sondern auch von der Fähigkeit, dafür zu sorgen, dass keine der beteiligten Personen ihre Würde verliert.

Dass Elinor Ostrom 2006 als erster Frau für ihre Arbeit der Nobelpreis für Wirtschaft zuerkannt wurde, bedeutete nicht nur das Eingeständnis, dass Selbstorganisation angesichts knapper Ressourcen, wie z.B. Wasser, im jetzigen historischen Moment etwas sehr Wichtiges ist. Es bedeutete auch Anerkennung für eine Frau, die sich zur Aufgabe gemacht hat, alternative Wege aufzuzeigen, wie Wirtschaft, Leben, wichtige und knappe Güter, Vertrauen, Entscheidungsfähigkeit, Würde sowie Autonomie gegenüber Staat und Markt zusammengebracht werden können, wobei ein kluger Umgang mit den Letzteren wichtig ist.

In Festen könnten wir heute also die Stärke feiern, die daraus entspringt, dass neue Beziehungen, Ausdrucksweisen und Formen der Politik geschaffen werden, durch die aus sich selbst heraus, ohne sich auf vorgegebene Organisationen zu stützen, etwas Wesentliches für das Leben und das Zusammenleben auf den Weg gebracht wird. Etwas, das dem wirtschaftlichen Mainstream kritisch gegenüber steht. Angesichts der gegenwärtigen Auflösung und Zerstörung könnte das als etwas Geringfügiges empfunden werden, doch es ist etwas, das bereits in Bewegung gesetzt wurde, das viele Menschen einbezieht und beschäftigt und das die Realität wieder lebendig macht.

Das Wörtchen „dies“/ „this“, ist linguistisch betrachtet ein Teil des Diskurses, der von sich aus keine Bedeutung hat und seine Bedeutung nur durch den Kontext bekommt. Es ist ein Demonstrativpronomen, das in der Linguistik „Index“ genannt wird. Die verschiedenen Index-Typen haben eines gemeinsam: Sie weisen auf etwas hin, wobei es an uns liegt, zu verstehen worauf. Als Emily Dickinson schreibt, dass sie „dies“ zusammen mit ihrem Herzen und den Feldern ringsum mitbringt, schreibt sie nicht, was sie damit meint. This bleibt unbestimmt, richtet aber ihr Gedicht von Grund auf aus. Dickinson spielt auf das an, was dem Fest Licht und Glanz gibt. Durch this bekommt die Geste, etwas zum Teilen anzubieten, Licht und Glanz. Es ist das wertvollste Element und es ist das, was eine Gabe wertvoll macht. Nicht die Gabe ist der wirkliche Reichtum, sondern das, auf das this anspielt und das uns das Gefühl gibt, dass es etwas anzubieten gibt, auch wenn es wenig ist. Etwas, das im Gegenwärtigen für uns erblüht, wenn wir ihm Aufmerksamkeit schenken.

Alles geschieht und bekommt sein Licht durch das Begehren nach dem this, dem Etwas, das uns offen für die anderen auf dem Fest macht. Das Begehren des Festes ist das Begehren nach etwas Nicht-Darstellbarem. In der christlichen Tradition spricht man vom Fest des „Herrn“. Der „Herr“ kann nicht benannt und definiert werden wie ein Objekt, er bleibt jenseits von jeglicher Definition. Jetzt, in einer Kultur, die nicht mehr christlich ist, haben wir Schwierigkeiten, diese Erfahrung zu benennen. Es ist notwendig, andere Worte dafür zu finden.

Dieses Etwas hat nach Chiara Zambonis Vermutung auch etwas mit der Kluft zu tun, mit der Leere und dem Nichts, die einem perfekten Einklang mit der Realität im Wege stehen. Wir leiden daran und werden durch sie gleichzeitig auf den Weg gebracht, in die Vorwärtsbewegung des Begehrens hinein. Hier besteht eine Analogie zu der Kluft, die wir gegenüber dem mütterlichen Körper erlebt haben, als wir auf die Welt kamen. Eine Kluft, die der Beginn des Lebens war, von der aus wir die ersten Schritte unternommen, uns in Bewegung gesetzt haben. Und während wir sprechen lernten, eröffnete sich wiederum ein unüberbrückbarer Abgrund zwischen uns und der Realität. Es stimmt, dass durch diesen Abgrund viel Leiden entsteht, doch er lässt auch das Begehren nach einem Fest entstehen, nach dem Etwas, das wir gemeinsam in Präsenz genießen können und das uns für das Werden öffnet. Es ist das Begehren nach Worten, die uns wieder mit der Realität zusammenführen und die uns in einen realen Austausch mit anderen bringen. Trotz der Kluft ­­– und doch ohne diese mit Hilfe der Phantasie zum Verschwinden zu bringen.

Dennoch wird diese Kluft in vielen Erfahrungsberichten unter Frauen eher als Verletzung erlebt, als schwarzes Loch, in das alle Energie hinein- und aus ihnen herausgesaugt wird. Der Traum, in einer Liebes-Umarmung eine perfekte Harmonie mit der Realität zu erreichen, ist bei Frauen viel stärker als bei Männern, wegen der, auch im Konflikt, tieferen Bindung an die Mutter. Dies ist der Grund, warum Frauen als Ausdruck jener Verletzung manchmal unaufhörlich klagen.

Wir kennen das gut, dass wir uns über alles beklagen, über unser körperliches Befinden, über die Arbeit und über die Stadt, in der wir leben. Das Klagen ist tief in unserem Leben verankert, besonders auch die Klage über das, was uns einmal begeistert hat und uns nicht das bietet, was wir uns erhofft hatten. Sich zu beklagen ist etwas ganz anderes, als die Wahrheit aus dem herauslesen zu können, was wir erleben. Es ist auch etwas anderes, als Kritik an der Realität zu äußern. Ein dünner Faden trennt die Kritik vom Sich-Beklagen. Denn sich zu beklagen lässt uns um das schwarze Loch kreisen, um die Verletzung durch die Kluft, wie ein Esel, der dazu verdammt ist, um den Brunnen zu kreisen. Dabei ist es nicht möglich, gemeinsam anzuschauen, was eigentlich geschieht. Wer sich beklagt, hält sich an einer konkreten Tatsache fest und lässt diese aus der Bitterkeit über die Kluft heraus riesig werden. Wir haben es hier jedoch nicht mit einer Depression zu tun, die die Beziehungen leer und öde werden lässt, sondern mit einem Gefühl, in das wir die anderen mit hineinziehen wollen, denn wir brauchen sie, damit wir uns gegenseitig ineinander spiegeln können.

Sowohl beim Fest als auch beim Klagen wollen wir etwas mit anderen teilen, doch mit unterschiedlichen Auswirkungen. Beim Fest bringen wir den anderen jenes Etwas und bekommen es von ihnen, jenes Etwas, das die Realität lebendig macht, ohne uns dabei vorzumachen, die Kluft zwischen uns und der Realität könne dadurch verschwinden. Lebendige und gemeinschaftliche Momente erleben wir dann, wenn sich ein Weg zeigt, wie wir ein Netz weben können, das uns in die Realität einbindet. Dieser Weg weist auf eine Arbeit hin, die zu tun ist, und eröffnet damit eine neue Zeit. Wir wissen, dass unser Gewebe die Kluft nicht zum Verschwinden bringen, aber Brücken bauen wird, so dass wir sie im Alltag immer wieder überschreiten können.

Beim Klagen brauchen wir dagegen die anderen, damit sie uns bestätigen, dass es unmöglich ist, einen Faden zwischen uns und der Realität aufzuspannen. Wir fühlen uns getröstet, wenn andere auf ihre Weise beweisen, dass das unmöglich ist. Wenn es kein this gibt, das uns unabhängig von unserem Willen anzieht und das Begehren in Gang setzt, dann sieht es so aus, als könnten wir den anderen nichts geben. Ein Fest ist nicht möglich, eine neue Zeit undenkbar. Dann haben wir einfach kapituliert vor der Kluft zwischen uns und der Realität, als einer Tatsache, die alle Lebendigkeit in unserer Seele auslöscht. Christina Faccincani beschreibt das in L’ecclisi del desiderio, da ihr bei hochangepassten, „zu normalen“ Frauen und Männern aufgefallen ist, dass sie sich die Realität der Fakten zum Maßstab gemacht haben, die schon vollständig interpretiert sind. Sie sehen auch keine Kluft, weil sie sich mit der Realität identifiziert haben, über die der öffentliche Mainstream spricht. Diese Art von Realität hat sie innerlich in Besitz genommen.

Auf andere Weise blockiert und unfähig zum Begehren sind diejenigen, die das Vertrauen der anderen instrumentalisieren. Im Grunde wissen sie nicht, was Vertrauen ist. Denn es ist ja gerade das Vertrauen, das es möglich macht, sich in eine Situation des Gleichgewichtsverlustes zu bringen, um im Rahmen der Beziehungen zu anderen Brücken zwischen uns und der Realität zu bauen, während wir gleichzeitig wissen, dass die Kluft unvermeidlich und tief ist.

Chiara Zamboni empfindet es als Mangel, dass bisher eine eigenständige Wissenschaft des Begehrens fehlt. Denn das Begehren, das von der Politik der Frauen als Ausgangspunkt für politisches Handeln betrachtet wird, ist ja ein zentrales Thema. Weil es keine Wissenschaft des Begehrens gibt, stellen viele es sich auf naive Weise vor, als sei es einfach eine spontane, plötzlich auftretende Kraft, ein vitaler Schwung, der sich auf ganz zufällige Weise zeigen oder auch wieder verschwinden kann.

Nachgedacht werden müsste über einige Wege zum Begehren, um das Wissen darüber zu erweitern. Einer dieser Wege ist es, die Wahrheit über das sagen zu können, was zwischen uns und der Realität geschieht. Wenn wir uns das bewusst machen, lockern sich die zu geschlossenen und repetitiven Gewohnheiten auf, diese Art Panzerung, die es verhindert, dass wir durch irgendetwas beunruhigt werden. Der innere Raum öffnet sich, so dass wir unerwarteten, diskontinuierlichen Ereignissen Aufmerksamkeit entgegenbringen können, die das Begehren entzünden.

Wir leben nämlich in einem Paradox. Wir werden angezogen von etwas, das wir nicht kennen, das aber unser Leben tiefgehend in Bewegung setzt. Es geschieht in einer Situation der Passivität, wo der Wille sich notgedrungen heraushalten und gehorchen muss, weil er uns dabei nicht zur Verfügung steht. Gleichzeitig ist es notwendig, von uns aus all jene Schritte zu gehen, um jener Anziehung Raum und Resonanz zu geben. Daraus folgt: Passivität im Sich-Hineinziehen-Lassen in eine Bewegung, deren Ziel wir nicht kennen, ausgehend von einem Ereignis, das uns fesselt und beunruhigt. Und gleichzeitig eine Haltung wachsamer und aktiver Aufmerksamkeit einnehmen, um der Anziehungsbewegung Raum zu geben, so sehr uns das irgend möglich ist.

Wir kennen das Begehren, das uns die Richtung weist, nicht im Voraus. Wir können nicht objektiv von ihm erzählen oder es genau angeben. Wir entdecken es beim Handeln und Sprechen. Und zwar dann, wenn wir spüren, dass ein bestimmtes Handeln und ein bestimmtes Sprechen von uns oder von anderen „richtig“ ist, das heißt, im Einklang mit einem Entwurf, den wir nicht besitzen und der uns an irgendeinen Ort bringt, von dem wir nicht erwartet hatten, dass wir dort landen würden. So lebt das Begehren und verändert sich damit, dass wir bestimmte Dinge statt anderer Dinge tun und sagen. Wir werden davon verändert und überrascht. Auf diese Weise sind wir unserem einzigartigen Leben treu, das wir entdeckend leben.

Ein weiterer Punkt: Wer über die eigene Begegnung mit dem Begehren spricht, erzählt kleine Begebenheiten, die große Resonanz hatten, wie eine unvorhergesehene Anziehung in eine ganz andere Richtung als die der bequemen Gleise des Bekannten.

Doch der Vektorstrahl des Begehrens kann leicht abhanden kommen. Wanda Tommasi spricht davon in Il desiderio minacciato. Sie erzählt, wie sie ihr persönliches Begehren nach einer lebendigen Arbeit an der Universität wiederfinden konnte, das durch den zunehmend gigantischen Organisationsaufwand von Grund auf bedroht war. Sie ließ sich von einem ähnlichen Begehren von Studierenden der Bewegung „Langsam studieren“ berühren. Chiara Zamboni sieht darin die Möglichkeit, dass Spuren des eigenen verlorengegangenen Begehrens in begehrenden Bewegungen „in der Nähe“ wiedergefunden werden können, wenn wir uns von ihnen berühren lassen. Sie bringen uns wieder in Kontakt mit uns selbst. Dabei geht es nicht um Nachahmung, sondern um ein Zurückverwiesensein auf eine Wurzel unseres eigenen, einzigartigen Begehrens – durch Ansteckung.

Kommen wir nochmals zu Emily Dickinsons Gedicht zurück, dann fällt noch eine weitere wichtige Besonderheit auf, die oft vernachlässigt wird. Sie hat mit der Ausstattung dessen zu tun, von dem wir wollen, dass daraus eine Wissenschaft vom Begehren werden soll. Dickinson lädt zur Genauigkeit ein. Wir sollen mit Exaktheit all das präsent haben, was wir zum Fest mitbringen, wir sollen nichts auslassen und auf alles achten. Sie lädt uns ein zu Dingen, Worten, konkreten, begrenzten Handlungen und dazu, all das gut präsent zu haben.

Lesen wir unter diesem neuen Blickwinkel nun das ganze Gedicht:

„It’s all I have to bring today – / This, and my heart beside – / This, and my heart, and all the fields – / And all the meadows wide – / Be sure you count – sh’d I forget – / Some one the sum could tell – / This, and my heart, and all the Bees – / Which in the Clover dwell“.

Die Transzendenz des Begehrens braucht umfassende Konkretheit und genaue Zeichen von einer Person, die auf Dinge, Menschen und Ideen achtet. Sie braucht ganz begrenzte und klar definierte Schritte und Worte, gerade weil wir durch ein Etwas in eine bestimmte Richtung gelenkt werden, das wir nicht kennen und auf dem wir in unseren materiellen Handlungen entdeckend voranschreiten. Vagheit und Undeutlichkeit würde nämlich dazu führen, dass wir uns im Unbestimmten und Undefinierten verlieren würden.

Das Fest im Herzen des Gegenwärtigen verlangt also genaues Aufzählen, poetische Exaktheit und die Liebe zum Konkreten.

Diotima, La festa è qui, Napoli 2012, 175 S., € 16,99

Link zum Beginn der Serie „Das Fest ist hier“

Link zum nächsten und letzten Kapitel der Serie

 

Autorin: Dorothee Markert
Redakteurin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 21.05.2015
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