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Care! – Ein Tagungsbericht

Von Cornelia Roth

„Was ist Care? Zwischen privater Liebestätigkeit und globaler Ausbeutung“: So hieß eine Tagung Mitte Juni in Tutzing an der Evangelischen Akademie. Cornelia Roth hat sie besucht.

Foto: blu-news.org/Flickr/cc by-sa

Foto: blu-news.org/Flickr/cc by-sa

„Care“ – hinter diesem Wort verbirgt sich der riesige Bereich der Sorge für andere Menschen – meist von Frauen ausgeübt, oft weder als Arbeit anerkannt, noch bezahlt; in der offiziellen gesellschaftlichen Wertschätzung rangiert Care-Tätigkeit ganz unten. Seit ein paar Jahrzehnten vollzieht sich in den westlichen Nationen eine Veränderung, von manchen als „Krise“ bezeichnet: immer weniger Frauen engagieren sich privat in Care-Tätigkeit und aufgrund der schlechten Arbeitsbedingungen sind Arbeitskräfte in diesem Bereich knapp. Gleichzeitig wächst der Bedarf schon aufgrund der steigenden Lebensalter. In den letzten Jahren hat sich in den deutschsprachigen Ländern eine „Care-Bewegung“ entwickelt, die an Breite immer mehr zunimmt. Vom Bayrischen Forschungsministerium wurde Ende des letzten Jahres ein Forschungsverbund zum Thema „Gender und Care“ mit zwölf verschiedenen Teilprojekten bewilligt .

„Krise ist das falsche Wort“, sagten zu Beginn der Tagung, die vom Netzwerk Genderforschung und Gleichstellungspraxis in Bayern ausgerichtet wurde, die beiden Professorinnen Barbara Thiessen (Hochschule Landshut) und Paula-Irene Villa (LMU München). Für sie birgt die jetzige Situation im Sorgebereich Verunsicherung, aber auch Freiheit, ein Ende von Ausgrenzung, aber auch weitere Verarmung. Sie forderten auf, die Chancen der Situation in den Blick zu nehmen: Der Kapitalismus, dessen Befürworter behaupten, der Markt könne und müsse buchstäblich alles regeln, hat das ironischerweise nicht für die Fürsorge- und Pflegearbeit gelten lassen, sondern diese wurde als „privat“ kostenlos mitgenommen. Damit ist es vorbei, viele Frauen machen diese Arbeit nicht mehr. Sie erledigt sich nicht „von selbst“, der Schwindel fliegt auf. Sorgetätigkeit wird in ihrer Bedeutung als notwendige und wertvolle Arbeit (vielleicht als der Kern allen Wirtschaftens!) sichtbar. Als Übersetzung für „Care“ schlugen die beiden Wissenschaftlerinnen das Wort „Lebenssorge“ vor.

Die Philosophin Cornelia Klinger erzählte, wie in einer alten griechischen Fabel die Menschen von einem unbekannten weiblichen Wesen auf dem Weg zum Fluss ganz nebenbei aus gegriffenem Lehm erschaffen wurden – ein Bild von der Zufälligkeit, Bedingtheit, Flüchtigkeit des menschlichen Lebens. Zusammengehalten werde es in dieser Bedingtheit durch Care-Arbeit, durch die Sorge füreinander. Interessanterweise betonte sie die Sorglosigkeit, die zur Sorge dazugehöre.

Eine Teilnehmerin betonte in der Diskussion die Selbstsorge. Hier hatte ich ein interessantes Pausengespräch: Meine Gesprächspartnerin meinte, der Individualismus, die immer noch weiter um sich greifende Beziehungslosigkeit, bezeichnet sich auch als „Selbstsorge“. Die Beziehung müsse in den Mittelpunkt rücken. Mein Beitrag dazu war die „Freiheit in Bezogenheit“, wie sie im „ABC des guten Lebens“ formuliert ist. In einem anderen Gespräch kam hinzu hinzu: kollektiv lernen, für sich sorgen zu lassen – also eigene Bedürftigkeit anzuerkennen und auszuhalten.

Auch die zunehmende Bedeutung von Konkurrenz – schon kultiviert bei den Jüngsten durch unsägliche Fernsehserien wie „Deutschland sucht den Superstar“ – war Thema in einem Seitengespräch, das – wieder woanders aufgegriffen – in der Frage mündete: Ist Konkurrenz nur die (kapitalistische) Ideologie des beziehungslosen Gegeneinanders? Auch wenn jetzt die „Spiegelneuronen“ entdeckt wurden, die Empathie und Miteinander ermöglichen: Welche Formen des Wettstreits sind denkbar, die das Miteinander stärken oder zumindest nicht schwächen, statt es zu unterminieren? (Anleihen beim Fußball?)

Die Soziologin Maria Rerrich (LMU München) sprach anschließend über „transnationale Care-Arbeit“ und die soziale Ungleichheit zwischen Frauen – also über die Situation von Migrantinnen, die hier in Deutschland Sorgearbeit übernehmen. Sie sagte, dass die Care-Arbeit durch die Delegation an Migrantinnen Gefahr läuft, noch mehr abgewertet zu werden. Seit dem Neoliberalismus der Neunziger Jahre gibt es in unserer Gesellschaft eine beispiellose Fokussierung auf die berufliche Karriere („Eineinhalb-Personen-Berufe“). Das erzeugt nicht nur ein großes Zeitproblem, sondern es entsteht eine „Alltagsvergessenheit“, die sich durch Delegation an Migrantinnen noch verstärkt. Stillschweigend entstehen ethnische Zuschreibungen für die Care-Arbeit, wie es zuvor geschlechtliche waren, ein „Othering“. Weil Migrantinnen in Deutschland oft nur halblegal oder illegal arbeiten können, gibt es eine eigene soziale Schicht für Care-Arbeit in der Schattenwelt. Die eigenen Care-Bedarfe der Migrantinnen in ihrer Heimat werden ignoriert, diese Länder tragen „Gestehungs- wie  Folgekosten“ der Care-Migration („care drain and brain drain“). Trotzdem könnte die Care-Arbeit von Migrantinnen hier auf individueller Ebene eine Win-Win-Situation werden, wenn sie nicht mehr unter den Bedingungen von Schwarzarbeit und niedrigen Löhnen stattfinden müsste und – da keine Arbeitsrechte bestehen – unter quasifeudalen Arbeitsbeziehungen und nicht vorhandenen demokratischen Mitwirkungsmöglichkeiten. Ein legaler Aufenthaltsstatus für diejenigen, die schon länger in Deutschland leben und durch ihre Arbeit für ihren Lebensunterhalt selbst aufkommen, sei dringend.

In den hiesigen Familien entstehen durch die Care-Migrantinnen oft auch neue Bindungen. Die Wertschätzung der Migrantinnen, die in Familien arbeiten und pflegen, ist elementar. Sie sollen sich in ganz Privates und Persönliches einlassen und erleben von Familienangehörigen öfters keine Gegenseitigkeit, sondern reines Interesse an ihrem Funktionieren. Zugleich müssten aber andere Modelle der Arbeit in unserem Land entstehen, zum Beispiel ein neues berufliches Zeitmodell, das Zeit für Care ermöglicht.

In der Diskussion forderte die Soziologin Paula-Irene Villa mit viel Verve ein neues Menschenbild der Bezogenheit aufeinander als Grundvoraussetzung für eine Verbesserung der gesamten Care-Situation. Eine interessante Frage am Rand blieb offen: Wie ging das eigentlich in der ehemaligen DDR mit doppelter Vollzeitberufstätigkeit und ohne Putzfrauen? (Meine Vermutung: kein neoliberaler Arbeitsstress wegen ineffektiver Planwirtschaft, die Care-Arbeit machten die Frauen zusätzlich, die Kinderbetreuung war staatlich reguliert).

In einem Pausengespräch zu der Arbeit der Migrantinnen im Care-Bereich dachten wir über Lösungen nach. Meine Gesprächspartnerin brachte plötzlich das Wort „Anstand” ins Gespräch: „Anständige WeltbürgerInnen” werden!

Die Professorin Eva Senghaas-Knobloch (Bremen) berichtete von Erfolgen der Internationalen Arbeitsorganisation in den letzten Jahren, Schutzrechte für Hausangestellte und informelle Arbeitskräfte zu erreichen. Dies gilt natürlich nur, solange ihr Status nicht illegal oder halblegal ist, wie bei vielen Care-Arbeiterinnen in Deutschland, deren Tätigkeit nur als „geduldet“ gilt, obwohl die Gesellschaft offensichtlich auf sie angewiesen ist.

Am Abend der Konferenz zeigte die Fotografin Andrea Diefenbach eine Fotodokumentation aus zwei Dörfern in Moldawien, die unter die Haut ging: Die Eltern sind wegen der abgeschotteten EU-Grenze illegal zur Arbeit in Italien, manche Kinder leben über Jahre bei den Großeltern, ohne die Eltern zu sehen. In zwei Familien lebten die Kinder alleine im kleinbäuerlichen Betrieb. Die Zwölfjährige bringt die jüngeren Geschwister zur Schule, kocht, die Ziege wird gemolken, manchmal kommt ein Onkel zum Nachschauen aus dem Nachbardorf. Einzige Verbindung zu den Eltern sind die teuren Handytelefonate…

Am nächsten Morgen gab Katharina Mader (Wirtschaftsuniversität Wien) eine Übersicht über Theorien der Sorgetätigkeit. Diese wurden im feministischen Kontext der letzten vierzig Jahre universitär und außeruniversitär erforscht und entwickelt. Fakt ist: In der offiziellen Wirtschaftswissenschaft existiert der Bereich der Care-Tätigkeit oder Sorgeökonomie nicht beziehungsweise nur da, wo er durch gewinnbringende Privatisierung zum „Wirtschaftsfaktor“ wurde. Gelderwerb dient hier als Definition für Wirtschaft(en), und nicht die Befriedigung von Bedürfnissen, die als „privat“ gelten. Eine zentrale Veränderung gilt also erst einmal der Einsicht, dass alle Care-Tätigkeit – egal ob privat oder nicht, bezahlt oder nicht – Wirtschaftstätigkeit ist und als Teil der „Wirtschaft“ betrachtet werden muss. Mehrere feministische Ökonominnen forschen dazu seit Jahrzehnten und beziffern den Teil der Care-Arbeit als die Hälfte der Wirtschaftstätigkeit in den westlichen Nationen. Neue Maßstäbe des Wirtschaftens müssen angelegt werden, die vom menschlichen Handeln und den zwischenmenschlichen Beziehungen ausgehen, zum Beispiel vom Begriff des „well-being“ (Amartya Sen und Martha Nussbaum). Da auch Arbeit immer wieder mit Gelderwerb in Eins gesetzt wird, gilt es, einen neuen Begriff der Arbeit zu entwickeln, der sich am Umgang mit Mensch und Zeit orientiert anstatt an Produktion. Mehr und schneller, effektiver und profitabler – im Bereich der unmittelbaren Sorgetätigkeit wird besonders deutlich, dass das nicht nur an der Sache vorbeigeht, sondern auch keinen eigenen Sinn enthält.

In der anschließenden Diskussion habe ich auf einen Gedanken von Ina Praetorius hingewiesen: Die Sichtweise umzudrehen und die ganze „Wirtschaft“ als Care-Tätigkeit zu definieren, also den Maßstab des Wirtschaftens auszurichten an der Sorge um die Bedürfnisse aller (hier mehr zu dem Buch).

Interessant ist die Verwirrung, die in der Diskussion auch hier immer wieder dadurch entstand, dass Arbeit mit Gelderwerb gleichgesetzt wurde und Bezahlung so zum alleinigen Maßstab aufpoppte. In einem Pausengespräch ergaben sich dafür drei Gründe und mehrere Ideen:

Erstens die Notwendigkeit, zu leben und zu überleben (beantwortbar zum Beispiel und unter anderem durch ein bedingungsloses Grundeinkommen).

Zweitens die Notwendigkeit der Sichtbarkeit, Würdigung und Anerkennung von Arbeit – unter anderem, aber nicht nur durch Geld. In Frage kämen zum Beispiel auch Gutscheine, Tauschangebote, sinnliche Symbole, Vertrauen.

Drittens die Angst, dass sich die kapitalistische Wirtschaftsweise alles, was auf Geldbezahlung verzichtet, kostenlos zu eigen macht und es entweder unsichtbar macht oder vernichtet. Hierauf fällt die Antwort nicht so leicht – sie benötigt eine gewisse Unabhängigkeit in der Sichtweise. Es gibt jetzt schon eigenständiges, unabhängiges Wirtschaften, eben in der „privaten“ Sorgetätigkeit, die sich noch nie von kapitalistischen Erwägungen abhängig gemacht hat. Es gibt auch allerhand alternative Ansätze wie zum Beispiel regionale Währungen, die mehr unter der Hand, halb sichtbar, manchmal korrumpierbar, wirken – vielleicht nicht eine entscheidende Wende herbeiführen, aber zu einer „kritischen Masse“ beitragen?

Einen „Zwischenruf“-Beitrag zum Betreuungsgeld gab es von Karin Jurczyk (Deutsches Jugendinstitut). Sie mokierte sich über die Heftigkeit der Diskussion um das Betreuungsgeld, die sich auch noch für die unsägliche Debatte um „gute Mütter  und schlechte Mütter“ verwenden lässt. Sie sieht das Betreuungsgeld als Sparmodell für die öffentlichen Haushalte, denn prämiert wird nicht das Zuhausebleiben (wie die polemische, auch von Feministinnen oft herangezogene Bezeichnung „Herdprämie“ suggeriert), sondern die Nichtinanspruchnahme öffentlicher Einrichtungen. Es gebe einen großen Mitnahmeeffekt beim Betreuungsgeld, und es werde vor allem von ärmeren Familien, oft MigrantInnen genutzt. Vor Jahrzehnten habe es schon den Slogan gegeben: „Auch Berufstätigkeit macht Frauen nicht frei!“, und er habe sich insofern bewahrheitet, als Frauen heute unter einem großen Optimierungsdruck stünden, der von einer weltweiten neoliberalen Bewegung zur Verwertung aller Arbeitskräfte ausgeht. Frauen sollten nicht aus Angst vor traditionellen Rollenmustern die Sorgearbeit abwerten und einem neoliberalen Trend folgen, der zwei Vollbeschäftigte in der Familie fordert (was sich gesellschaftlich auch als Lohnsenkung auswirkt). Stattdessen müsse für Frauen und Männer wie für Familien ein Modell gefunden werden, das klärt, wie Erwerbsverläufe und Karrierepfade so gestaltet werden können, dass Zeit genug bleibt für Sorgetätigkeit und zugleich davon gelebt werden kann (zum Beispiel „atmende“ Lebensverläufe, also gesellschaftlich abgesicherte unterschiedliche Arbeitszeitlängen je nach Lebenssituation).

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Gré Stocker-Boon sagt:

    Danke für diesen Bericht.

  • Monika Hengartner sagt:

    „atmende“ Lebensverläufe
    Ds ist mir ein spannender, neuer Begriff, dem ich gerne nach gehen werde!
    Auch von mir herzlichen Dank für diesen Bericht, gerade auch für die sehr erweiternden Gedanken aus den Pausenzeiten… die ja eigentlich für die ‚persönliche Care‘ zu verstehen sind – und vielleicht gerade deswegen so treffend zu Neuem führen.

  • Herzlichen Dank Cornelia für deinen eindrücklichen Tagungsbericht.
    Zur Fotodokumentation ist mir eine „Erzählung“ eingefallen:
    Beim bzw-Treffen in Frankfurt sass ich beim Mittagessen neben einer jungen Pfarrerin aus Mecklenburg Vorpommern, die ein paar kleine Kirchgemeinden betreut. Sie erzählte, dass kürzlich in ihren Kirchgemeinden eine Kollekte aufgenommen wurde für „EURO-WAISEN“ in Litauen. Das ist eine Initiative für Kinder, die bei den Grosseltern/Verwandten/Nachbarn „parkiert“ werden, während die Eltern im westlichen Ausland Euros verdienen (müssen). Die Betreuungspersonen sind oft überfordert, die Kinder verbringen den ganzen Tag vor dem Fernseher. Die Initiative ermöglicht den Kindern Ausflüge, Spiel/Bastelnachmittage, kulturelle Impulse.
    EURO-WAISEN, dieses neue Wort begleitet mich seither und ich habe es in meinen Sprachschatz aufgenommen.

  • und noch dies:
    der Link zur Sternstunde Philosophie am vergangen Sonntag im CH TV. http://www.srf.ch/sendungen/sternstunde-philosophie/matthieu-ricard-vom-wissenschaftler-zum-buddhistischen-moench
    Der ehemalige Molekularbiologe Matthieu Ricard und mittlerweile seit vielen Jahren buddhistischer Mönch ortet das einzige „Ziel“ buddhistischer Meditation und Aktion, Mitgefühl und Altruismus zu lernen und zu praktizieren. Buddhismus hin oder her, diese Haltung und Praxis brauchen wir, damit CARE gelingen kann.

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