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Rubrik denken

Die Wiederentdeckung des Selbstverständlichen

Von Ina Praetorius, Martha Beéry-Artho

Den im Auftrag der Heinrich Böll Stiftung erstellten Essay von Ina Praetorius „Wirtschaft ist Care“ haben wir in diesem Forum bereits rezensiert. Nun hat sich Martha Beéry-Artho mit der Autorin über das Büchlein und seine Grundthesen unterhalten.

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Martha Beéry: Der Titel dieses schmalen weiss-grünen Heftes macht mich „Careière Frau“ wirklich neugierig. Ich habe die 80 Seiten gleich mit grossem Interesse gelesen. Kannst du in wenigen Worten erklären, was sich hinter diesem Titel verbirgt? Was soll das heissen: „Wirtschaft ist Care“?

Ina Praetorius: Auf den ersten Seiten jedes Lehrbuchs der Ökonomie steht, das Kerngeschäft der Wirtschaft sei „die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse“. Zum Beispiel hört sich das so an: „Es ist Aufgabe der Wirtschaftslehre zu untersuchen, wie die Mittel zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse am sinnvollsten hergestellt, verteilt und ge- oder verbraucht werden.“ (Günter Ashauer, Grundwissen Wirtschaft, Stuttgart 1973, 5)  Dieses bis heute allgemein akzeptierte Verständnis von Ökonomie setze ich in meinem Text voraus, und ich frage: Wie kommt es dazu, dass ausgerechnet diejenigen Tätigkeiten, in denen es am offensichtlichsten um die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse geht – nämlich Kochen, Waschen, Gebären, Stillen, Putzen, Zuhören und so weiter – gewohnheitsmässig aus dem Gegenstandsbereich der Wirtschaftswissenschaft ausgeschlossen werden? Während Tätigkeiten und Produkte wie Waffen, Schönheitsoperationen, Talkshows, Finanzprodukte oder Rennautos selbstverständlich als „Befriedigung menschlicher Bedürfnisse“ gelten? Was ist da schief gelaufen? – Schief gelaufen ist, dass Tätigkeiten und Produkte heute – entgegen der allgemein akzeptierten Definition – nur dann als „Wirtschaft“ gelten, wenn sie in den Geldkreislauf einbezogen sind, oder anders ausgedrückt: nur was Geld einbringt, darf sich „Wirtschaft“ nennen. Das widerspricht aber nicht nur dem erklärten Selbstverständnis der Ökonomen und Ökonominnen. Es bringt uns auch in widersprüchliche, verzweifelte Situationen, zum Beispiel: Ein grosser Teil der Frauen, die Kinder erziehen, verarmen weltweit. Gleichzeitig „müssen“ wir Waffen produzieren, um „Arbeitsplätze“ zu erhalten. – In meinem Essay versuche ich, diesem Widerspruch im Kern unserer Wahrnehmung auf den Grund zu gehen. Ich nehme meine Leserinnen und Leser dafür mit auf eine Reise durch die Geschichte des Abendlandes: so ungefähr bei Sokrates fängt’s an, bei der Bankenkrise hört’s noch nicht auf…

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Marta Béery (links) und Ina Praetorius.

Martha Beéry: Was hat denn Sokrates damit zu tun?

Ina Praetorius: Der zum Tod verurteilte Sokrates hat, bevor er den berühmten Giftbecher ausgetrunken hat, seine Frau, die “viel geschmähte Xanthippe“, und sein Kind nach hause geschickt. Warum? Weil er die beiden im Kreise seiner Männerfreunde nicht haben wollte. Nur den Männern wollte er nämlich seine eigenartige Auffassung erklären, das wahre Leben beginne erst nach dem Tod, also „im Jenseits“. Genau da fängt sie an, die Spaltung zwischen Körper und Geist, Frau und Mann, Bedürftigkeit und (angeblicher) Freiheit, Haushalt und Markt, Liebe und Geld… Diese lebensfeindliche Spaltung setzt sich fort bis in unsere Gegenwart: Heute erzählt man uns, wir sollten nicht hier und jetzt füreinander sorgen, sondern unser Geld in Finanzprodukte anlegen, damit wir irgendwann später vielleicht einmal reich und glücklich werden… Der Denker schickt die Frau nach hause, eine geldfixierte Ökonomie schliesst die Care-Arbeit aus. Das ist derselbe Mechanismus.

Martha Beéry: Und jetzt forderst du also, dass alle Tätigkeiten, die menschliche Bedürfnisse befriedigen, (wieder) als Wirtschaft zählen sollen. Welche konkreten Folgen hätte das, wenn man Care auf diese Weise (wieder) ins Zentrum des wirtschaftlichen Denkens und Handelns stellen würde?

Ina Praetorius: Genau genommen „fordere“ ich das nicht, sondern ich stelle fest, dass wir uns längst auf den Weg gemacht haben: Die Frauenbewegung ist dabei, Care-Tätigkeiten in die öffentliche Wahrnehmung zurückzuholen. In Berlin wurde im März 2014 die „Care-Revolution“ausgerufen. Seither streiken allerorten KiTa-Erzieherinnen und Krankenhauspersonal. Am 14. Juni 2016 jährt sich der Schweizer Frauenstreik zum fünfundzwanzigsten Mal. Zu diesem Jubiläum sollten wir uns was Grosses einfallen lassen! Männer fordern mehr Teilzeitarbeit, Care-Migrantinnen aus Osteuropa führen erfolgreich Prozesse gegen ihre ausbeuterischen Arbeitgeber, und so weiter. Es ist viel unterwegs, auf ganz verschiedenen Ebenen. Im vierten Kapitel des Essays habe ich deshalb eine offene Liste von Initiativen begonnen, die alle in dieselbe richtige Richtung weisen. Der Paradigmenwechsel in der Ökonomie, den ich konstatiere, hat zwar die akademischen Machtzentren und die Schaltstellen der globalen Marktwirtschaft noch kaum erreicht. Aber in diesen Sphären jagt ganz offensichtlich eine Krise die nächste. Die Ökonomen sind nicht mehr so mächtig, wie sie immer noch behaupten, sondern in Wirklichkeit ziemlich ratlos. Es ist deshalb wichtig, im Kern der Ordnung, die all diese Krisen verursacht, neu zu denken und neuartige Lösungen zu finden.

Martha Beéry: Halt stopp! Bist du da nicht allzu optimistisch? Erinnerst du dich, wie wir uns kennengelernt haben? Das war im Jahr 2012: Ich hatte damals gegen die Arenasendung „Geld für alle – Vision oder Spinnerei“ zum bedingungslosen Grundeinkommen Einspruch erhoben. Warum? Weil in der ganzen Arenasendung nicht ein einziges Mal erwähnt wurde, dass es ausserhalb der Erwerbsarbeit noch eine andere Art von Arbeit gibt. Dies, obschon dieser Bereich, den wir „Care“ nennen, gerade bei der Idee des bedingungslosen Grundeinkommens eine wesentliche Rolle spielen sollte. Das zeigt doch, wie weit wir noch von einer angemessenen Wahrnehmung der Care-Arbeit entfernt sind!

Ina Praetorius: Einerseits hast du Recht. Andererseits hast du mit deiner Beschwerde bei der „Unabhängigen Beschwerdeinstanz Radio und Fernsehen“ doch Erfolg gehabt! Einstimmig hat sie am 19. Oktober 2012 entschieden, dass die von dir beanstandete Arenasendung tatsächlich nicht sachgerecht war. Dass dieser Beschluss später vom Bundesgericht wieder aufgehoben wurde mit der Begründung, an Diskussionssendungen müssten weniger hohe Sachgerechtigkeitsanforderungen gestellt werden als an redaktionell aufbereitete Informationssendungen, ist skandalös. Aber man sieht an dieser Geschichte doch auch: es ist viel in Bewegung in Sachen Care! Wichtig scheint mir im Moment vor allem, dass wir gemeinsame Ziele erkennen und formulieren, statt einsame Süppchen zu kochen. Auch darum geht es in meinem Essay. Es gibt schon viele Bewegungen und Gefässe, in und mit denen wir unsere Einsichten gemeinsam reflektieren und vernetzen können.

Martha Beéry: Kannst du trotzdem meine Befürchtungen verstehen, dass gerade die Wirtschaftsfachleute, die heute einen grossen Teil des Denkens und Lenkens beherrschen, von deinen Überlegungen nicht begeistert sein werden?

Ina Praetorius: Ja klar, viele sind nicht so begeistert und geben sich gewohnheitsmässig arrogant. Schliesslich wird von ihnen verlangt, sich einen riesigen blinden Fleck in ihrem bisherigen Denken nicht nur anzuschauen, sondern gleich auch noch die ganze Ökonomie vom Kopf auf die Füsse zu stellen. Das tut weh. Schon die unbezahlte Care-Arbeit in Privathaushalten macht ja annähernd 50 Prozent des gesamtgesellschaftlichen Arbeitsvolumens aus. Dazu kommen noch die unterbezahlten Leistungen im Spital, in Heimen, im Erziehungswesen, in der Spitex und so weiter, und schliesslich die Leistungen der aussermenschlichen Natur – Luft, Wasser, natürliches Wachstum -, die man lange einfach als gratis gegeben angenommen hat. Care-Arbeit wird ja auf eine strukturell vergleichbare Art und Weise an den Rand gedrängt wie die menschliche und aussermenschliche Natur. Es geht hier ganz grundsätzlich auch um das Verhältnis von Ökonomie und Ökologie. Ein solches Umdenken geht nicht von heute auf morgen. Deshalb übe ich mich in Geduld. Es wird noch eine Weile dauern, bis der Paradigmenwechsel die konventionellen Machtzentren erreicht, zum Beispiel den St. Galler Rosenberg. Ich halte es da mit Conchita Wurst: letztlich sind wir „unstoppable“.

Martha Beéry: Ich bin von deiner These überzeugt, sie stimmt. Doch sie stellt unser ganzes bisheriges Denken neu ein. Welche konkreten Massnahmen müssten getroffen werden, damit der Gedanke in Wirklichkeit umgesetzt werden könnte? Waren nicht in der sozialen Marktwirtschaft schon Ansätze vorhanden, die nun einer nach dem anderen den „Sparmassnahmen“ der Länder zum Opfer fallen?

Ina Praetorius: Ja, es gibt Rückschritte. Besonders schmerzhaft sind sie vorerst nicht hier in der Schweiz, sondern vor allem in Südeuropa. Ganz zu schweigen von den ehemaligen Kolonien vor allem im subsaharischen Afrika, die wir immer noch hemmungslos ausbeuten. Andererseits: die klassische „soziale Marktwirtschaft“ war ein paternalistisches Projekt. Sie beruhte auf der klassischen Versorgerehe, die wir zum Glück hinter uns haben. Vieles hängt im Moment davon ab, ob die neuen Widerstandbewegungen, die zum Teil schon an der Macht sind – zum Beispiel in Griechenland – sich eine konsequente Care-Politik zu eigen machen und das auch selbstbewusst kommunizieren. Ansätze dazu sind vorhanden. Es ist zur Zeit sehr spannend, die täglichen Nachrichten mit dem Care-Blick zu verfolgen. Mein Essay stellt ein analytisches Werkzeug zur Verfügung, um diesen Blick zu schärfen und um immer wieder auf verschiedenen Ebenen – von Alltagsgesprächen über die persönliche Lebensgestaltung, die Medienkritik bis hin zur Nationalratswahl und darüber hinaus – selbstbewusst zu intervenieren. Dass wir damit Erfolg haben können, hast du ja mit deiner beharrlichen Medienkritik schon selbst mehrfach erlebt. Und bist du als Gedächtnistrainerin nicht daran, dir auszudenken, wie umdenken bewusst gemacht und trainiert werden kann? Ein Mosaikstein kommt zum anderen…

Martha Beéry: Eine letzte Frage: Welche Auswirkungen, denkst du, hätte der Wandel insbesondere auf Frauen und deren Lebensumstände, also auf die Menschen, die immer noch den grössten Teil der unbezahlten Care-Arbeit leisten?

Ina Praetorius: Wenn alles, was Frauen täglich gratis für die Welt tun, öffentlich als Ökonomie anerkannt würde, wenn andererseits Spekulanten und Waffenhändler erklären müssten, inwiefern ihr Tun Wirtschaft, also Bedürfnisbefriedigung ist, dann hätte das immense kulturelle Folgen. Wie sich der Paradigmenwechsel auf die konkreten Lebensumstände der Frauen auswirken würde, liegt auf der Hand: es würde ihnen besser gehen, sie müssten nicht mehr hinter verschlossenen Türen das so genannte „Vereinbarkeitsproblem“ in eigener Regie lösen, sie bekämen mehr Lohn, mehr Anerkennung, mehr Sicherheit… Es gibt unterschiedliche ökonomische und sozialpolitische Modelle, wie sich dieser Zustand schrittweise erreichen lässt. Eines davon ist das bedingungslose Grundeinkommen, über das wir nächstes Jahr abstimmen. Aber das ist wohl ein Thema für ein nächstes Gespräch…

Martha Beéry: Ina, herzlichen Dank für das Gespräch und dein beharrliches Engagement für eine Wirtschaft, in der nicht das Kosten-Nutzen Denken im Vordergrund steht, sondern die Bedürfnisse aller Menschen und wohl auch der Erde als unserer Heimat.    

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(Dieses Gespräch ist zuerst erschienen am 25. Juni 2015 im online-Magazin ostschweizerinnen.ch. Wir übernahmen ihn in der Fassung, die Ina Praetorius selbst in ihrem Blog veröffentlicht hat. Das Büchlein kann online in Deutsch oder Englisch gelesen oder als Heft in Berlin, Heinrich Böll Stiftung, Schumannstr. 8, D-10117 Berlin, bestellt werden.)

Autorin: Ina Praetorius, Martha Beéry-Artho
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 08.07.2015
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Eveline Ratzel sagt:

    Welche hätte vor einigen Jahren gedacht, dass bei uns rzieherinnen streiken, nicht „nur“ um mehr Geld, sondern mit der stürmischen Frage: Wieso ist die Arbeit derjenigen, die sich um Maschinen kümmern, um ein Vielfaches mehr wert als die Arbeit derjenigen, die sich um Menschen kümmern?
    Diese Frage, nur wenig ausgeweitet, führt zu dem, was Ina aufwirft: Waffenproduktion (= „nachhaltige“ Mordproduktion)ist inhärenter Bestandteil wirtschaftlichen Denkens, nicht aber das gebären, aufziehen und versorgen von Kindern oder die care-Leistungen für die Alten. Auch nicht die „Leistungen der außermenschlichen Natur“ (Luft, Wasser, natürliches Wachstum), wie Ina das nennt.
    Hier sticht doch ins Auge, wer was in einen Topf wirft, um es zu nichten – „Frau und Natur“ – wie gehabt.
    Angesichts der bedrohlichen Lage der Griechinnen und Griechen in Fragen der Versorgung mit dem Nötigsten sowie der schon seit langem katastrophalen Situation im Gesundheitswesen ist es herzerwärmend zu hören, dass gerade junge Leute in den europäischen Ländern mehr Unterstützung für die Menschen in Griechenland wollen.
    Ich meine, sie wissen um ein langes Leben, das sie vor sich haben, das ihnen in ihrer Mehrheit durch die neoliberalen Strauchdiebe ausgeraubt wird, sie wollen leben und nicht verkümmern. Eine schöne emotionale Intelligenz strahlt da aus, sie werden es schaffen, ja „unstoppable“. Wie die streikenden Erzieherinnen.
    Was die Frage betrifft, wie lange es noch dauern wird, bis der Care-Gedanke Eingang in die internationalen Machtzentren kapitalistischer Wirtschaftspolitik findet, habe ich zwei Antworten.
    1. Antwort (die unwichtigere): nie!
    2. Antwort: Diese Frage ganz weit hintanstellen, nicht dort hinschauen, das verätzt unsere schönen Augen. Unbeirrbar Mosaike zusammen fügen, wie Ina sagt. Wenn schon Leute wie Sandel (z.B. in seinem Bestseller: Was man für Geld nicht kaufen kann)Fragen der Würde aufwerfen und zu seiner Open air-Vorlesung in Seoul 15000 Studis kommen, ist auch das ein Mosaiksteinchen. Schauen wir doch lieber auf die unzählig vielen weichen, veränderlichen, beweglichen, elastischen Formen des Ja-Sagens statt auf die grauen Männer in „Momo“, die uns nur die Zeit stehlen.

  • Anne-Käthi Zweidler sagt:

    Danke für das erhellende Interview und vor allem danke für die herzerwärmende Aufforderung von Eveline Ratzel: uns an dem freuen was schon an Mosaiksteinchen da ist und uns nicht von den grauen Männern die Zeit stehlen lassen!

  • Marianne Huber sagt:

    Und es braucht Mut und Kraft, die eigene gedankenlos gelebte oder offiziell anerkannte Marschrichtung zu hinterfragen – die Reihe wenn nötig zu verlassen.
    Es ist doch im Grunde sowas von „wurscht“, welchen Lebensbereich wir betrachten: lebende Menschen haben alle einen nahezu identischen „Bauplan“ (grössere Abweichungen schränken die Lebensfähigkeit rasch mindestens drastisch ein). Menschen haben dieselben grundsätzlichen Fähigkeiten und Bedürfnisse. Persönliche Vorlieben, Abneigungen, Ausdrucksweisen und Erfahrungen/Prägungen stellen diese Grundlagen nicht als solches in Frage.
    Menschen sind bedürftige, verletzliche Lebewesen einerseits, andererseits die flexibelsten Lebewesen auf diesem Planeten – und zusätzlich zu bewusstem, planendem Handeln befähigt.
    Dieses Feld vom Punkt tiefster Ohnmacht, über den weiten Bereich grosser Anpassungsfähigkeit, hin zum Pol fast überirdischer Macht anzuerkennen, die Spannungen zu balancieren – das ist für mich DIE menschliche Herausforderung.

    Es mag auf den ersten Blick oft einfacher, bequemer scheinen, je nach Lebensbereich, je nach Situation den einen oder anderen Bereich als besonders wichtig und „richtiger“ als andere zu betrachten, die anderen als inexistent gar zu verleugnen. Aber das ist und bleibt eine „selbstgebastelte“ Vereinfachung, eine zweckmässige Illusion letzlich.

    Wie gehen wir Menschen mit dem Umstand gleichzeitig „bedürftige Wesen zu sein“ und im Besitz der Befähigung zur „Macht des bewussten, geplanten Handelns“ ausgestattet zu sein um?

    Hochkomplexe Wirtschaftsprodukte wie Schönheitsoperationen, IT-Hardware und dergleichen sind eher dazu geeignet, von lenken eher von der menschlichen, grundlegenden Bedürftigkeit abzulenken, als dies Tätigkeiten, wie den schreienden Säugling zu stillen, Staub zu wischen aber auch Seelsorge, vermögen.
    Gedanken über „Care“ sind auf diese „Bedürftigkeit“ bezogen – „Wirtschaftstheorie“ sucht sich davon abzugrenzen.
    Bedürfnisse sind durch ihre Befriedigung nicht uberwunden – nur kurzzeitig befriedigt. Die Bedürftigkeit werden wir durch Ökonomie nicht los. Was für eine Kränkung!!!
    Absurderweise haben wir inzwischen einen „Bedürfnisbefriedigungs-Überhang“ – wirtschaftlich gesehen sind wir für den „Markt“ also sogar zuwenig „bedürftig“.

  • Marianne Huber sagt:

    Welchen Lebensbereich wir auch betrachten: menschliche Lebewesen haben einen nahezu identischen Bauplan. Grössere Abweichungen verunmöglichen oder schränken die Lebensfähigkeit mindestens stark ein. Menschen verfügen als grundsätzliche Anlagen über vergleichbare Fähigkeiten und Bedürfnisse. Im Verlauf des Lebens erworbene und geprägte persönliche Vorlieben, Abneigungen, Ausdrucksweisen stellen diese Grundlagen nicht als solches in Frage.
    Menschen sind bedürftig, verletzlich wie alle anderen Lebewesen auch, sie sind aber auch die flexibelsten Lebewesen auf diesem Planeten – und einzigartigerweise zu bewusstem, planendem Handeln befähigt.
    Dieses Feld menschlicher Eigenarten vom Punkt tiefster, ohnmächtigster Bedürftigkeit, über den weiten Bereich grosser Anpassungsfähigkeit, hin zum anderen Pol fast überirdischer Macht anzuerkennen, die Spannungen zu balancieren – das ist für mich DIE menschliche Herausforderung schlechthin. Manchmal ja wirklich fast nicht zum Aushalten.

    Darum scheint es auf den ersten Blick oft einfacher, bequemer, den einen oder anderen Pol oder Bereich als besonders wichtig und „richtiger“ als die anderen zu betrachten. Je nach Situation oder auch Lebensbereich. Teils wird sogar die eine Eigenart zu Gunsten einer anderen komplett ignoriert respektive zu verleugnet. Das bleibt trotz der unbestrittenen, situativen Nützlichkeit eine selbstgebastelte Vereinfachung, letztlich eine zweckmässige Illusion. Ich anerkenne dieses Vorgehen durchaus, betreibe es selbst. Nur möchte ich mich deswegen nicht sinnloserweise mit aller Kraft gegen die Komplexität dieses unauflösbaren Kontinuums stellen.

    Wie gehen wir Menschen mit dem Umstand gleichzeitig „ohnmächtig bedürftige Wesen zu sein“ und im Besitz der Befähigung zur „Macht des bewussten, geplanten Handelns“ zu sein um?

    Hochkomplexe Wirtschaftsprodukte wie Schönheitsoperationen, IT-Hardware und dergleichen sind wohl so gesehen bestens dazu geeignet, von der menschlichen, grundlegenden Bedürftigkeit abzulenken, was Tätigkeiten, wie den schreienden Säugling zu stillen, Staub zu wischen aber auch Seelsorge, ganz und gar nicht vermögen.
    Gedanken über „Care“ sind auf diese „Bedürftigkeit“ bezogen – „Wirtschaftstheorie“ sucht sich davon abzugrenzen, sich darüber zu erheben.
    Bedürfnisse sind durch ihre Befriedigung nicht zu überwinden – nur kurzzeitig nicht durch unangenehme bis alarmierende Gefühle wahrnehmbar. Die Bedürftigkeit werden wir durch Ökonomie nicht los. Was für eine Kränkung!!!
    Absurderweise haben wir inzwischen einen „Bedürfnisbefriedigungs-Überhang“ – wirtschaftlich gesehen sind wir für den „Markt“ also sogar zuwenig „bedürftig“.

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