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Liliths Schatz

Von Christine Jung

Eine Geschichte über die Sexualität, die Lust und den Menstruationszyklus

portada_aleman_completaEin Schatz ist mit der Post gekommen: Liliths Schatz. Eine Geschichte über die Sexualität, die Lust und den Menstruationszyklus. Es sieht aus, wie ein Bilderbuch, und ich bin neugierig auf seinen Inhalt. Ich blättere. Als erstes fallen mir die ansprechenden Farben ins Auge, gelb, rot, und grün. Sie dominieren die Seiten. Ich sehe kurze Texte und einfache, harmonisch geschwungene Naturmotive.

Mir wird die Geschichte von einem kleinen Bäumchen erzählt, das einen Traum hat. Es will „tanzen, laufen, schwimmen und aufregende Abenteuer erleben“. Um Erfahrungen zu sammeln und die Welt zu entdecken. Die weise Großmutter (ein alter weiser Baum) ermöglicht ihr ein Mädchen zu werden, Lilith, und diesen Traum zu verwirklichen. Lilith entdeckt sich und ihren Körper, stellt Fragen, bekommt Antworten und entwickelt sich. Sie findet Verständnis für das Werden und Vergehen des zyklischen Geschehens und der tiefen Verbundenheit allen Seins, angelehnt an den Rhythmus der Natur. Sie findet die Blume des Lebens… Mehr von der Handlung will ich hier nicht verraten.

Ich lasse mich ein auf die träumerische, sehnsuchtsvolle Geschichte. Sie bringt mich in Kontakt zu mir, dem Mädchen, dem Teenager, der jungen Frau, der Mutter und der jetzigen Frau, die in den Wechseljahren steckt. In wunderbaren Metaphern gehe ich mit auf diese Reise, zur Lust, zum fröhlichen Leben.

Im zweiten Teil des Buches finde ich einen pädagogischen Leitfaden. Er richtet sich an Eltern, Pädagog*innen und Bezugspersonen von Mädchen. Ich freue mich zu lesen, dass Männer mit in diese Arbeit einbezogen sind. In einfachen, klaren Worten, mit viel Wärme und Engagement gibt es eine Anleitung, wie dieses Buch zu nutzen ist. Wie ein selbstverständlicher Umgang mit weiblichen Geschlechtsorganen,  dem Menstruationszyklus,  Sexualität und sexuellen Gefühlen gelebt werden kann. Um Mädchen darin zu unterstützen, sich und ihrer Wahrnehmung zu trauen, nötige Grenzen zu erkennen und zu setzen.

Ich bin beeindruckt von diesen 25 Seiten und dem gut durchdachten Konzept. Die schlichten klaren Worte, die stimmigen Bilder, die Erklärungen im zweiten Teil – es passt alles. Ich werde hineingezogen und lasse mich hineinziehen.

Da ich mich im Laufe meines Lebens viel mit Literatur rund um das Thema Menstruation, zyklischem Geschehen und Sexualität beschäftigt habe, fühle ich mich von diesem Buch bereichert. Ich kann mir vorstellen, wie das gemeinsame Lesen und miteinander Sprechen neue Räume schafft, um sich und anderen Frauen zu begegnen. Ein (Bilder-) Buch für Mädchen jeden Alters (so die Autorin), geeignet, damit sie sich und ihren Körper kennen, wertschätzen, schützen und vor allem lieben lernen.

Das Buch Liliths Schatz ist erstmals 2012 im Eigenverlag der Autorin Carla Trepat Casanovas erschienen. Der pädagogische Leitfaden stammt von Anna Salvia Ribera.

Stefanie Ettmann (2015) hat das Buch ins Deutsche übersetzt, und mit einem  Crowdfunding auf den deutschen Markt gebracht.

Für 15,00 € direkt zu bestellen bei Stefanie Ettmann

Autorin: Christine Jung
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 29.07.2015
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Beate Vinke sagt:

    Mit Freude habe ich zur Kenntnis genommen, dass es mit „Liliths Schatz“ ein neues Buch zum Thema Menstruation für Mädchen, Mütter und erwachsene Bezugspersonen gibt. Ich vermisse zum einen gutes Material für Mädchen wie auch fachliche Diskurse in der Mädchenarbeit zum Thema Menstruation. Gerade habe ich mir den Videoclip zum Buch im Internet angeschaut. Mir gefällt der Versuch, einen positiven Zugang zur Menstruation und zu weiblicher Lust zu schaffen. Leider erscheint mir dieses Material aber in der Hinsicht normativ, als dass es immer noch klare, wenn auch bildliche Vorgaben dazu macht, wie sich Menstruation anfühlt/anfühlen soll. Ich bin immer noch auf der Suche nach Material, welches Mädchen nicht vorschreibt, wie sich sich während „Ihrer Tage“ zu fühlen haben, sondern was Raum für die lustvollen, schmerzhaften und ambivalenten Gefühle gibt, die ja nicht nur Mädchen sondern auch viele Frauen im Erleben Menstruation haben. Seien wir ehrlich: manchmal ist Menstruation eben einfach nur lästig. Und das sollte genau so Raum haben, wie die lustvollen Seiten der Menstruation, die es zu entdecken gilt. Ich würde mir in feministischem, sexualpädagogischem Material mehr Ausdruck und Würdigung von Ambivalenzen oder auch Abwehr wünschen. Frei nach dem Motto: Mädchen leben Widersprüche – Frauen auch! Beate Vinke, LAG Mädchenarbeit in NRW

  • Liebe Beate Vinke,

    danke für Dein Interesse an Lilith und für Deinen Kommentar. Ich bin die Übersetzerin von „Liliths Schatz“, habe über Deine Rückmeldung nachgedacht und möchte Dir gerne darauf antworten.

    Es geht Carla, Liliths Autorin, in keinster Weise darum, irgendwelche Vorgaben zu machen, wie sich Menstruation anfühlt oder anfühlen soll oder dieses Empfinden auf irgendeine bestimmte Ästhetik oder Sprache festzulegen – wenn dieser Eindruck bei Dir durch das Video entstanden ist, tut mir das leid. Es soll um das Hinspüren auf die echten, eigenen, authentischen Empfindungen und Bedürfnisse gehen.

    Sowohl Carla als auch ich wünschen uns, dass „Liliths Schatz“ einfach das erste in einer langen Reihe von (Kinder-)Büchern ist, die Sexualität, Lust und Menstruation auf liebe- und würdevolle thematisieren – genau so, in der Sprache und den Bildern, die deren Autor*innen in die Welt bringen möchten.

    Bei „Seien wir ehrlich: manchmal ist Menstruation eben einfach nur lästig“ kann ich Dir, als seit immerhin über 15 Jahren menstruierende Frau, nicht zustimmen. Ich habe meine Regel in all dieser Zeit noch kein einziges Mal, in welcher Form auch immer, als Belästigung meiner selbst oder anderer oder Abweichung meines Seins von der gewünschten Norm erlebt, weder im Kopf noch im Herzen noch im Bauch, und auch nicht auf praktischer Ebene. Und ich kenne viele Frauen, denen es genauso geht, genauso wie Frauen, denen es (noch) nicht so geht.

    Ich denken, „lästig“ ist Menstruation in einer patriarchal-linear funktionierenden Gesellschaft dann, wenn sie keinen Raum hat – symbolisch, praktisch, emotional, spirituell; auch und gerade bei den Frauen und Mädchen, bei denen sie mit Schmerzen verbunden sein kann. Ich bin froh und dankbar darüber, dass ich niemals eine „lästige“ Menstruation erlebt habe und und wünsche mir aus ganzem Herzen und ganzer Gebärmutter, dass die kleinen Mädchen von heute niemals eine erleben werden. Auch deshalb habe ich Lilith ins Deutsche gebracht.

    Wenn wir als Frauen bereits junge Mädchen darauf einschwören, dass das Bluten, wenn wir „ehrlich sind“, am Ende eben doch „lästig“ ist, dass Frausein in letzter Konsequenz eben doch weh tut – weh tun muss, eine Abweichung vom erwünschten Normzustand darstellt – darstellen muss, werden diese Schmerzen sicher nicht leichter und sicher nicht vergehen. Die Darstellung und das Narrativ von Sich-gegen-das-Bluten-Wehren kommt in Publikationen à la Bravo oder auch anderen Menstruationen ja ohnedies nicht zu kurz.

    Ambivalenzen dürfen natürlich sein, Widersprüche auch! Dass das „Ehrliche“ aber letzlich das Negative ist, ist für mich nicht so, und auch für Lilith nicht.

    Habt Ihr schon eine Ausgabe des Buches? Wenn nicht, schicke ich Euch gerne eine zu. Alles Gute für Eure Arbeit + nur das Beste aus Wien!

  • Beate Vinke sagt:

    Liebe Stefanie Ettmann, vielen Dank für Deine lange und auführliche Antwort! Es freut mich, dass Du und hoffentlich auch viele andere Frauen und Mädchen Menstruation als lustvoll erleben. Das bedeutet aber nicht, dass es ALLEN Mädchen und Frauen so geht.Ich halte es in der Arbeit mit Mädchen für schwierig, von meinen eigenen Erfahrungen auf die Erfahrungen der Mädchen zu schließen. Mädchen sollen schließlich nicht MEINE sondern EIGENE Erfahrungen machen. Mir fällt auf, dass es bei den wenigen Publikationen oder Materialen zur Menstruation entweder vorrangig um Information und die negativen Seiten oder wie bei „Liliths Schatz“ vorrangig um die positiven Seiten der Menstruation geht. Das halte ich für einen Teil patriarchal-dualistischer Spaltungen und deshalb vermisse ich Materialien und Publikationen in denen vielfältige, ambivalente und gemischte Gefühle und Deutungen von Menstruation einen Raum haben. Dass „das Ehrliche“ letztlich „das Negative“ sein soll kann ich meinen Ausführungen nicht entnehmen. Mein Anliegen ist es, Normierungen in Frage zu stellen sei es nun die Norm einer „schmerzhaften“ oder auch die Norm einer „lustvollen“ Menstruation. In diesem Sinne wäre „das Ehrliche“ für mich ein breites Spektrum an Erfahrungen, das Widersprüchliche, das Schräge, das Schmerzhafte, das Schöne und das, was offen bleibt…Herzliche Grüße nach Wien und Danke für diesen Diskurs! Beate Vinke PS: Wir haben keine Ausgabe des Buches und würden uns darüber freuen!

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