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Rubrik unterwegs

Politisch Handeln ohne dabei auszubrennen

Von Elfriede Harth

Margot Kässmann beim Pausengespräch in Frankfurt. Foto: Rolf Oeser

Margot Kässmann beim Pausengespräch in Frankfurt. Foto: Rolf Oeser

Es war eine Ü60-Veranstaltung, auch wenn sie nicht als solche ausgeschrieben war. Bis auf drei Jugendliche unter 30 Jahren, von denen zwei als Sprecher kamen, würde ich das Durchschnittsalter auf dem 10. Hessischen Sozialforum am 11. Juli in Frankfurt auf 65 Jahre schätzen.

Haben Jugendliche und junge Erwachsene mit oder ohne Kinder keine Zeit?  Solche Formen des Engagements (wenn ich „Zeitvertreib“ sage, klingt es zu sehr nach Konsum), werden wohl mehr und mehr ein Privileg von Senioren und Seniorinnen.

Veranstaltungen wie das Sozialforum haben für mich immer etwas Kultisches an sich. Es treffen sich bestimmte Menschen, die sich mit bestimmten Ideen identifizieren, mit einer Gemeinschaft von überwiegend Gleichgesinnten. Man kommt sich vor, wie in einer kirchlichen Gemeinde am Sonntag. Das Treffen ist eine Gelegenheit der Vergewisserung, dass man dazu gehört. Dass es Gleichgesinnte gibt. Es wird eine „Liturgie“ abgespult, zu der Ansprachen gehören, die meistens Altbekanntes „gebetsmühlenartig“ wiederholen. Klagelieder über Missstände. Appelle an „Mächtige“ (die nicht im Raum sind), endlich einzugreifen und den Missständen ein Ende zu setzen…..

Vielleicht ziehen es der größere Teil der Angehörigen jüngerer Generationen vor, sich mit diesen Fragen lieber im stillen Kämmerlein zu befassen, Vorträge auf YouTube anzuhören, Schriften zu lesen, oder Talkshows im Fernsehen zu folgen… Daher sollte ein guter Vortrag heute auch gefilmt werden, damit mehr Menschen Zugang dazu erhalten. Nach Bedarf und Zeit.

So zum Beispiel auch der, den Margot Käßmann auf dem 10. Hessischen Sozialforum hielt. Sie war sicherlich aufs Programm gesetzt worden, um Leute anzuziehen – und ich gestehe, ich wäre nicht gekommen, wenn dieser Programmpunkt gefehlt hätte. Es hat sich gelohnt.

Es gefiel mir an ihrem Vortrag, dass sie es als Selbstverständlichkeit zu empfinden scheint, dass eine Gesellschaft einfach durch das Zusammenleben vieler Menschen mit vielen unterschiedlichen Meinungen und Interessen immer wieder Probleme produziert, die eine Lösung oder Überwindung brauchen.

Die Stärksten in der Gesellschaft setzen ihre Interessen durch und richten es so ein, dass sie nicht nur die besten Plätze am gemeinsamen Tisch einnehmen, sondern auch die größten Stücke des Kuchens bekommen. Immer mehr Tischgenossen und Tischgenossinnen werden an den Rand oder gar unter den Tisch abgedrängt und müssen sich mit den Brosamen begnügen, die vielleicht herunterfallen. Und da gibt es immer wieder welche, die an dieser Essensverteilung zweifeln und die Legitimität einer solchen Tischordnung anzweifeln. Martin Luther gehörte dazu, dessen Reformation im Jahr 2017 Jubiläum hat, wofür Käßmann Botschafterin ist.

Aber es gibt im Lauf der Geschichte immer wieder solche Menschen, die sich mit den Zuständen nicht zufriedengeben, und auch Margot Käßmann gehört zu ihnen. Ungerechte Zustände entwickeln zwar eine große Schwerkraft und lassen sich daher nicht leicht verändern, aber wenn man/frau erst einmal die Veränderung als eine Notwendigkeit erkennt, dann „steht man hier und kann nicht anders“. Und man/frau handelt. Ohne jedoch dabei zu verbittern oder auszubrennen, weil das Handeln als eine Notwendigkeit erkannt wird, die es auszuführen gilt. Und weil auch erkannt wird, dass es nicht um einen einmaligen Kraftakt geht, sondern um eine Tätigkeit, die sich wiederholen und immer wieder wiederholen wird.

Es ist so wie wenn eine Hausfrau einen Stall voller Kinder zu versorgen hat und jedes Mal nach dem Kochen und Essen der Abwasch ansteht. Es hat keinen Sinn, darüber zu verbittern, der muss gemacht werden. Und um ihn nicht immer selbst machen zu „müssen“, ist es möglich, die Kinder dazu anzuhalten, dass sie sich an dieser notwendigen Arbeit beteiligen. (Das kann noch größere Schwerarbeit sein, als der Aufwasch selbst!) Und so beschließt man/frau dann, diese Arbeit – da sie grundnotwendig ist – eben mit Gelassenheit und vielleicht sogar mit einem frohen Mut zu erledigen.

Um zu so einer Haltung zu gelangen bedarf es des Selbstdenkens, einem Grundanliegen Luthers. Käßmann unterstrich die Bedeutung des Zugangs zu emanzipatorischer Bildung, die die Menschen dazu befähigt, den Verführungen von Markt und Ideologie zu widerstehen. Verführungen, die sie nämlich irgendwann unter den Tisch drängen, wo sie sich mit den herunterfallenden Brosamen begnügen müssen.

Ohne sich darüber zu ent-rüsten, dass ihr Pazifismus als Naivität einer unverbesserlichen Minderheit belächelt wird, prangerte Käßmann wieder die deutsche Waffenproduktion und ihren Export an, sowie die Beteiligung der Bundeswehr an Kriegshandlungen an mehreren Fronten. Kriegshandlungen, die gepaart mit der Gier nach Rohstoffen vielen Menschen in anderen Ländern die Lebensgrundlage nimmt und sie zur Migration zwingt. Warum ist es so schwer, diese Menschen offen aufzunehmen?

Doch Käßmann legte nicht nur den Finger in die diversen Wunden unseres Systems, sondern bot auch Lösungsvorschläge an, zum Beispiel die Einführung eines Bedingungslosen Grundeinkommens, das die Menschen vor Existenzangst befreit und ihnen gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht, aber auch eine befreiende Genügsamkeit, als Befreiung vom herrschenden Konsumzwang.

Vor allem aber kam für mich als Grundtenor diese für uns Frauen seit Jahrtausenden gemachte Erfahrung rüber, dass wir als Menschen eine unendliche Geschichte erleben und mitgestalten: Unser Körper braucht täglich etwas zu Essen und muss täglich alles Überflüssige ausscheiden. Wir müssen ihn versorgen. Und alle sonstigen Abenteuer, jedes Heldenepos, jede geschichtliche Sternstunde wäre undenkbar und nie geschehen, wenn nicht vorher dieser Notwendigkeit Rechnung getragen worden wäre. Daher muss bei allem unserem gesellschaftlichen und politischem Engagement diese elementare Tatsache nicht vergessen werden. Sie bildet die Grundlage für Gelassenheit, Humor und Durchhaltevermögen.

Autorin: Elfriede Harth
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 20.07.2015
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Habe mich schon des öfteren gefragt,wie man wohl jahrelang z.B. in der Politik tätig sein kann.Dieser Beitrag von Frau Harth weist mir einen Weg zu einer entsprechenden Verhaltensweise! Herzlichen Dank.
    Franz Limacher

  • Martin Mair sagt:

    Wenn die Altlinken zur Kirchengemeinschaft verkommen sind, die sich nur noch hinter verschlossenen Türen auf Konferenzen trifft, ist es kein Wunder, wenn keine Jugendlichen kommen.

    Die Protestbewegung in Spanien hat ganz bewusst die öffentlichen Plätze rückangeeignet und Politik wieder in den öffentlichen Raum gebracht. Seien wir ehrlich: Weder in Deutschland und schon gar nicht im Katholischen Österreich hat sich die alteingesessene „Linke“/“Alternativsitzung“ mit den neuen Protestbewegungen auseianndergesetzt oder solidarisiert.

    Die Protestbewegungen in Griechenland, Spanien, USA, Türkei usw. haben zudem das Internet massiv genutzt (nicht nur facebook auch Telefonkonferenzen via mumble usw.) und sich jener Orgnaisationsformen bedient, die von den Jugendlichen verwendete werden.

    Die Mayday-Bewegung war auch stark von den Jungen getragen, wurde aber von den saturierten Altlinken großteils ignoriert …

    In Frankreich ist es zum Beispiel die Alternatiba Bewegung, die Festivals der Alternativen organisieren: https://alternatiba.eu/

    Augen auf, dann sieht mensch, es tut sich doch einiges ….

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