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Symbolisch. Heimlich. Auf ein Neues: Merkel, das Weibliche und die Politik

Von Andrea Günter

Verschleierte Wahrnehmung vor grandioser Kulisse.   Foto: 221926_original_R_K_by_Jürgen-Kolzem_pixelio.de

Verschleierte Wahrnehmung vor grandioser Kulisse. Foto: 221926_original_R_K_by_Jürgen-Kolzem_pixelio.de

Seltsam, so schnell können widersprüchliche Kommentare zu Merkel und ihrer Politik in ein- und demselben Sender in wenigen Minuten aufeinandertreffen. Während die Tagesschauredaktion Merkels Politikerfolg bei G-7 Gipfel auf Schloss Elmau im Juni 2015 auf Symbolisches reduziert und eine kritische Bestandsaufnahme im nachfolgenden Brennpunkt ankündigt, beginnt der bayrische, durchgängig affirmativ agierende Brennpunktmoderator Sigfried Gabriel seine Ansage der als kritisch angekündigten Analyse mit der Aussage, Angela Merkel hätte die anderen (ansonsten durchweg männlichen G-7-Teilnehmer) heimlich geführt. Als ich gleich am Montag und später nochmals den genauen Wortlaut des Frauenpolitikverkünders Gabriels nachrecherchieren wollte, war dieser Brennpunkt nicht online, stattdessen führt der Link auf der Sendungshomepage zum Blatter-Brennpunkt. Dominiert Merkel die übrigen sechs Männer des Gipfels so heimlich, dass das nicht öffentlich gemacht werden darf? Oder war der ARD Gabriels Analyse so peinlich? Stand sie dermaßen im Widerspruch zur Kritikambition der Tagesschau, dass die ARD-Redaktion lieber die Annahme einer technischen Fehlleistung in Kauf nimmt als diesen BR-Brennpunkt online zu stellen?

Was nach Gabriels Anmoderation nun gezeigt wurde, war kaum ein Beweis für eine Führung oder gar Dominanz von Seiten Merkels. Wenn eine Sequenz gezeigt wird, in der sie als Gastgeberin beim Spaziergang durchs bayrische Alpenidyll angeregt auf Obama einplaudert, hat sie damit ihre Führung bewiesen? Ihre Freundschaft? Oder ihren politischen Klientismus, der mit Merkel nun mal nicht heimlich auf Herrentoiletten stattfinden kann, sondern sichtbar auf dem Waldwiesenweg praktiziert werden muss? Berge als Ersatz für Toilettenwände. Allerdings, wie auf der Herrentoilette erfährt man nichts vom Gespräch, ein Bild ohne Szene wird gezeigt, ein Bild nämlich, zu dem die dabei gesprochenen Worte fehlen. Alles kann hier projiziert werden, sogar Merkels Dominanz. Wer weiß, vielleicht haben die beiden sich über ihre Erfahrungen mit ihren Schneidern unterhalten, was ihre Jacketts betrifft? Über den Unterschied von Weizen ohne und mit Alkohol? Oder musste Merkel so auf Obama einreden, weil sie wusste, wie wirkungslos die Worte einer deutschen Kanzlerin sind?

Dennoch, diese ambivalenten Ansagen bezüglich Merkels Gipfel laden dazu ein, das Weibliche und sein Verhältnis zur Politik wieder einmal genauer in Augenschein zu nehmen. Wenn einer wie ein Gabriel an einer solch prominenten Stelle wie einem ARD-Brennpunkt eine solche Ansage macht, was bewegt ihn dazu? Die „Frau“ herauszuschälen? Was kann er damit erreichen? Was thematisieren? Was verschweigen? Was könnte er thematisieren, das nicht sichtbar wird, um was zu verschweigen, was sichtbar ist?

Auffällig nun ist, dass sowohl in der Tagesschaupräsentation als auch in der Präsentation des BR-Brennpunkts eine Stellungnahme Merkels gleichermaßen ausführlich eingespielt wird. Aus Merkels Presseerklärung wird ihre Aussage dokumentiert, Deutschland und die USA hätten zwar Meinungsverschiedenheiten, sie seien trotzdem Freunde, trotzdem Partner.

Nun ja, ein Trotzdem für das Bekenntnis zu einer Freundschaft und Partnerschaft von Deutschland und USA ist durchweg akzeptabel. Allerdings bleibt die Klassifizierung der Differenz der beiden Staaten als „Meinungsverschiedenheit“ im Halse stecken. Das Verhältnis von BND und NSA als Meinungsverschiedenheit? Bei diesem Konflikt handelt es sich nicht um Meinungen, hier handelt es sich um einen massiven Interessensgegensatz von Staaten und Staatsverantwortlichen.

Das Weibliche als weibliche Rede der Meinungen, die Klassifikation „Meinungsverschiedenheit“ allenfalls vorstellbar als Rede eines Weibes, nämlich als Verharmlosung von Interessenskonflikten und Krisen. In den Kapitelüberschriften des Tagesschau-Redaktionstextes wird eine solche Diskrepanz auch deutlich polarisiert: schöne, nämlich „vollendete Form(en)“, zugleich „enttäuschender Inhalt“ – Stereotypisierungen des weiblich-männlich-Dualismus in Reinform.

Wie schön die bayrische Alpenkulisse zu glänzen vermag. Jedoch, genügt eine Natur- und Wetterkulisse als Symbol für politische Entwicklungen? Es sind die in der Tagesschau bemerkten „gefühlten 40˚ Grad“ in Elmau, die die Übertreibung der Form und des Schönen dieser politischen Szenerie verdeutlichen. Die Klassifikation „Meinungsverschiedenheit“ ist auch gefühlte 40˚ Grad, Erhöhung der Temperatur durch Inszenierungen, um die Temperatur der Unterkühlung wegen (nicht nur) eines massiven Interessenskonflikts anzuheben. Heraus kommt lauwarmes Gerede. Immerhin betrifft die bezeichnete Meinungsverschiedenheit die Grundlagen des deutschen Grundgesetzes und die Verantwortung der Kanzlerin gegenüber dem deutschen Staat. Bleibt die Staatskrise auf deutscher Seite so das Heimliche. Doppelte, sogar mehrfache Heimlichkeit, da es um Geheimdienstaffären geht. Worin besteht nun das weibliche Heimliche, worin seine heimliche Führungsqualität?

Zugleich, die derart inszenierten 40˚ Grad zu Anfang Juni im bayrischen Alpenklima eines Elmau mögen Merkel als Anlass dafür gedient haben, auf die reale Klimaveränderungen hinzuweisen, um von der politischen Unterkühlung abzulenken.

An dieser Stelle wird die kritische Analyse der Tagesschau dann auch deutlicher. Obama, Hollande und auch Merkel, gerade diese drei stehen bei ihren Wählerinnen und Wählern aus sehr unterschiedlichen Gründen unter Erfolgsdruck. Was nun das Thema Klimawandel betrifft, so kann man-frau sich zu diesem Thema derzeit schnell Ziele stecken. Jedoch, wie schnell wäre eine solche Vereinigung auf der Ebene des Politischen möglich, nämlich dahingehend, demokratische Praktiken zu schützen und neue zu ermöglichen?

Statt privatisierender Meinungsverschiedenheit wären offene und öffentlich benannte und ausgetragene Interessenskonflikte von Nöten, wie es sich für Demokratien gehört und gerade auch die Überwindung von Abhängigkeitsverhältnissen verlangt. Das Weibliche wird in Form von Merkel derzeit nun tatsächlich als Ironie des Staates praktiziert, indem diese Kanzlerin des deutschen Staates die Pluralität der Staatsinteressen als Meinungsfragen verharmlost.

Wie gesagt, aus dem Munde eines Mannes an dieser Stelle „Meinungsverschiedenheit“ statt dezidiert „Interessenkonflikt“ zu hören, einen solchen Politiker würde zu Recht keiner ernst nehmen. Das zeigen uns ganz aktuell die Linken, genauer gesagt, ein Politiker der Linken, und zwar Gregor Gysi, dessen Rücktritt symbolische, nämlich die politische Kultur betreffende Bedeutung hat. Integrität wahren, zum Konflikt passende Worte finden, das wäre eine Haltung, die die Urteile Merkels leiten könnten. Darauf hinzielen wollen, welches Risiko das mit sich bringen kann, zeigen seit Monaten wiederum die Vertreter der griechischen Regierung, die die Konflikte ihres Landes mit den weltweiten und europäischen ökonomiepolitischen Ausrichtungen nicht als Frage von Meinungen, sondern von menschheitlichen Interessen – sozialen Werten, der Menschenwürde – und politischen Kulturen in Zentrum zu rücken versuchen.

Statt einer falschen Anpassung Leerstellen sichtbar werden lassen, Konflikte offenlegen, darin unterscheidet sich auch weiblicher Mut von Vermeinungsdiffusionen und dem Abbau von Unterschieden.

 

 

Autorin: Andrea Günter
Redakteurin: Juliane Brumberg
Eingestellt am: 05.07.2015
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Eveline Ratzel sagt:

    Danke Andrea, für Deinen Artikel. Klar hört sich Meinungsverschiedenheit besser und heimlicher an als Interessenkonflikt. Letzterer muss ja nicht heimlich sein, wir wissen ja spätestens seit Aristoteles, dass die von Männern verhandelten Dinge – warm, trocken, geruchslos und offen(-sichtlich, -sichtbar)in völliger Selbstverständlichkeit in den öffentlichen Raum gehören. Während das Geschlecht, das Merkel unverkennbar verkörpert, da in der Öffentlichkeit „eigentlich“ nichts verloren hat. Der wesentliche Drehpunkt meiner Argumentation ist das so unscheinbare Wörtchen „eigentlich“ „Manchmal frag ich mich, was ist das eigentlich…um vielleicht, wie Ikarus, der Gefangenschaft entfliehn“, singt der Barde Reinhard Mey. Wir Frauen, die sich für eine Politik der Öffnung in einer Öffentlichkeit interessieren, werden der Gefangenschaft trüber/träger Hoffnungen nicht entfliehen, wenn wir angesichts einer Merkelpolitik die Alternative weiblichen Mutes ins Spiel bringen. Das sind Parallelwelten, die sich selbst in der Ewigkeit nicht berühren. Helmut Qualtinger hat das schön demonstriert. Gefragt nach seinen Erkenntnissen in der sibirischen Wüste: Wos hom`s gsehn? Seine Antwort:“Stöppn“ „Und was noch?“ „Wor ma bsoffn“. Wenn wir besoffen mit dem übersetzen, was Qualtinger so an gewissen Österreichern geliebt hat, diese unübertroffene, ewig währende Ignoranz dem Leben, der tätig werdenden, sich auch kümmernden Lust gegenüber, dann sind wir, meine ich, nah dran an der Ewigkeit suggerierenden Muttiträgheit. Die ALLES mit halbem Augenaufschlag klandestin regelt. Wir alle müssen uns doch um Politik, um Öffentlichkeit, nicht mehr kümmern – Muddi machts. Deshalb toleriert das Patriarchat – oder das old boy´s world wide network, wenn einer das Wort Patriarchat nicht mehr zeitgemäß erscheint- Mutti-Politik à la Merkel. Sie macht uns Frauen hohl, nicht mehr eigentlich, nicht mehr lustig und nicht mehr bereit, unser kostbares Leben für gute und sich multiplizierende Ziele einzusetzen.
    Noch eine Bemerkung zu Griechenlands ökonomischem Taktiker, den Herrn VAROUFAKIS(richtig geschrieben?). Er ist bekanntlich Spieletheoretiker, und deshalb geht auch der Vergleich David-Goliath, der ja suggeriert, es sei unerhört, aussichtslos und frech, was er da macht, völlig an der Sache vorbei. Der Player handelt während des Spielens quasi ohne Tradition, ohne Geschichte im Nacken, er spielt im JETZT, wo alles möglich ist. Ist nicht das wichtig (so ein bisschen Henri Bergson schaut da auch erwägend zu,)empfinde ich.
    Wir sollten uns gut überlegen, an welche Adresse wir unsere Gedanken und Vorschläge hin tragen, weil Aphasie und Apraxie wir uns weder leisten wollen noch können.
    Forget Merkel – the show must go on!
    P.S. Der Beitrag ist Elisabeth gewidmet, die Merkel wählen würde.
    Grüßevon Eveline

  • Bruni K sagt:

    „Sie macht uns Frauen hohl.“ – Besser kann man es nicht sagen. DANKE!

  • Danke Andrea für deine Analyse!
    Gestern bin ich auf eine Ansprache von Gregor Gysi gestossen, die er 1998 anlässlich der Einführung des EURO vor dem Bundestag gehalten hat. Er benennt Leerstellen, die klaffen und die jetzt angesichts der Geschehnisse in Griechenland von allen, denen Europa (und die Welt)am Herzen liegt, öffentlich benannt und verhandelt werden sollten. Ich weiss nicht, ob ich es „prophetisch“ nennen würde. Es ist ganz einfach die Wahrheit, und die gehört laut ausgesprochen!
    http://le-bohemien.net/2015/07/03/gregor-gysi-der-prophet/

  • Ute Plass sagt:

    „Die ALLES mit halbem Augenaufschlag klandestin regelt“,
    finde ich eine zutreffende Beobachtung.
    Ist das nicht eine Verhaltenstechnik von unfreien Frauen
    in unfreien Verhältnissen um „heimlich“ mit Macht ausüben zu ‚dürfen‘?
    Ich vermute, dass dies das ‚Erfolgsgeheimnis‘ von Angela Merkel mit ausmacht, denn sie stellt mit ihrer Einhegung ins Bestehende keine Bedrohung für die
    vorherrschenden Verhältnisse dar. Im Gegenteil !

  • Ute Plass sagt:

    Folgende Äußerung des ehemaligen griech.Finanzministers Varoufakis über Angela Merkel finde ich interessant.

    „Und Angela Merkel?
    Sie müssen verstehen, dass ich nie etwas mit Merkel zu tun hatte, Finanzminister sprechen mit Finanzministern, Premierminister sprechen mit Kanzlerinnen. Meinem Verständnis nach war sie wirklich anders. Sie versuchte, den Premierminister (Alexis Tsipras) zu beruhigen – Sie sagte: »Wir finden eine Lösung, machen Sie sich keine Sorgen, ich werde nicht zulassen, dass etwas Schlimmes passiert. Machen Sie einfach Ihre Hausaufgaben und arbeiten Sie mit den Institutionen, mit der Troika, zusammen; das hier darf keine Sackgasse sein.« Das ist nicht das, was ich von meinen Gegenüber gehört habe – weder vom Vorsitzenden der Eurogruppe (Jeroen Dijsselbloem) noch von Dr. Schäuble, das war eindeutig. An einer bestimmten Stelle wurde ich sehr geschlossen damit konfrontiert: »Das ist ein Pferd, entweder Sie steigen auf oder es ist tot.«“

    Diese spiegelt das Bemühen von Angela Merkel, Gutes im schlecht Bestehenden zu tun. Vielleicht wird sie deshalb oft auch als „Mutti“ betitelt?!

  • Ute Plass sagt:

    Das u.a. verlinkte Interview verdeutlicht das Merkel-Mutti-Phänomen. Sie versteht es, von den Ängsten/Befürchtungen/Kritiken der Menschen im Lande so zu sprechen, dass der Eindruck entsteht, dass sie alles bestens versteht, (und sie bringt das sehr medienkompetent rüber) und sich eigentlich keineR so richtig sorgen braucht,
    weil sie ja dafür sorgt, dass die Lebens/Wirtschafts- standards (siehe Freihandelsabkommen)auf gar keinen Fall hinter die gut bestehenden zurückfallen werden.

    Ein Kommentar auf das Interview mit Angela Merkel fasst das so zusammen:

    „ICH möchte kein kritisches Interview mit Frau Merkel führen. Ich habe sie einmal live gesehen und war geschockt, wie sympathisch sie rüberkam, obwohl sie über die Aufhebung der Netzneutralität in Deutschland sprach. Hinterher hätte ich mir gerne das Hirn mit Kernseife ausgewaschen und mich drei Mal geohrfeigt, aber die Frau ist ein Medienprofi.“

    http://dasnuf.de/muddi-sagt-was-zum-muddi-interview/

  • Ute Plass sagt:

    Wer die Politik des „Finanzprinzen“ von Angela Merkel
    ablehnt, kann das hier zum Ausdruck bringen:

    https://www.change.org/p/wolfgang-schäuble-bundesregierung-treten-sie-zurück-sie-verspielen-die-zukunft-europas

  • Ute Plass sagt:

    Bin noch am Überlegen, warum mich die Gesetzestreue von
    Angela Merkel mehr als unangenehm berührt?!

    http://www.welt.de/politik/deutschland/article144067863/Merkel-trifft-auf-weinendes-Palaestinensermaedchen.html

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