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Rubrik Blitzlicht

Verbrauchte Worte?

Von Juliane Brumberg

Foto: Bundesrergierung/Kugler

Foto: Bundesrergierung/Kugler

Gut leben in Deutschland – nun also auch mit der Bundesregierung. Im April 2015 hat sie unter diesem Motto eine PR-Kampagne gestartet, über die sie mit den Menschen in Deutschland einen Dialog über ihr Verständnis von Lebensqualität führen möchte.

Von dieser PR-Aktion hat die breite Öffentlichkeit zum ersten Mal Mitte Juli gehört. Die zweite Veranstaltung mit direkter Beteiligung der Kanzlerin in einer Rostocker Schule lief nämlich anders, als erwartet. Nachdem eine Rostocker Schülerin mit ungeklärtem Aufenthaltsstatus zu weinen angefangen hatte, diskutierten die Medien deutschlandweit darüber, ob die Kanzlerin danach herzlos reagiert oder sie angemessen getröstet hatte, nicht jedoch über ein gutes Leben in Deutschland.

Es war also eine „PR-Panne“, durch die für viele Bürgerinnen und Bürger zum ersten Mal ein Zusammenhang zwischen gutem Leben und Politik sichtbar wurde. In den Verfassungen von Ecuador (2008) und Bolivien (2009) wird die Herstellung der Bedingungen für ein gutes Leben ausdrücklich erwähnt. In der deutschen Verfassung findet sich dazu nichts und unter Politiker_innen gab es diesbezüglich bislang keine Denkanstrengungen.

Stattdessen werden von der Bundesregierung nun jene Worte PR-mäßig genutzt, die Denker_innen zum Beispiel im ABC des guten Lebens, nach intensivem Nachdenken mit viel Inhalt gefüllt haben. Sie sind der Bedeutung der Worte auf den Grund gegangen, haben neue Begriffe ins politische Spiel gebracht und versucht, politisches Denken in eine neue Richtung zu lenken mit Ziel eines guten Lebens für alle.

So lange den PR-Worten der Bundesregierung keine ernsthaften Anstrengungen folgen, ist die Gefahr ist groß, dass der Begriff „gutes Leben“ zu einem verbrauchten Wort wird – viel zu oft in banalen Zusammenhängen gehört, als dass daraus noch richtungsweisende Veränderungen erwachsen können.

Autorin: Juliane Brumberg
Redakteurin: Juliane Brumberg
Eingestellt am: 01.08.2015
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Ute Plass sagt:

    Ja, Juliane, du sagst es:
    Das „Gut Leben in Deutschland“ ist nicht mehr als eine
    Image-Kampagne für Angela Merkel u. die amtierende Bundesregierung, die damit von den real vorherrschenden schlechten Verhältnissen ablenken will z.B. mit dem Credo: „Der Wirtschaft in Deutschland geht es gut“.

    Wenn das Leben in Deutschland „für alle“ gut wäre, brauchte es sicherlich keine aufwändigen, teuren Kampagnen.
    „Gutes Leben für alle“ ist etwas anderes, nämlich
    eine grenzüberschreitende Vision, die darauf verweist, dass es gilt, nationale Egoismen zu überwinden und ‚das Wohl aller Menschen‘ im Blick zu haben.

  • Ju Baxter sagt:

    ich möchte mich dem Kommentar von Ute Plass anschließen und ergänzen: so lange Menschen ihre Heimat verlassen müssen auf Grund welcher Not auch immer, kann für uns der Slogan: ‚Gut Leben in Deutschland‘ nicht stimmig sein.

  • Hildegard sagt:

    tja und Mutti will auch noch ein paar Jahre weiter – regieren; welche/ wer wählt die bloß – ?? ich versteh’s nicht Hildegard

  • Monika sagt:

    Ute Plass sagt es genau. Es gibt eine Menge Literatur zum „Guten Leben für Alle“ besonders auf französisch z.B. von Paul Ariès, der ein ausgezeichneter Redner ist.
    a. Merkel weiss wohl nicht, was ein wirklich gutes Leben für alle ist.
    Leider kann auch ich sie nicht wählen, obwohl sie eine Frau ist.
    Diese Frage sollten wir Sarah Wagenknecht stellen! Ich hoffe, dass sie eine richtige Antwort hat.
    Ich wage einmal zu behaupten, dass sie eine gute Kanzlerin werden könnte. Was meint Ihr dazu?

  • Bari sagt:

    Ja Monika im Grunde kann ich mir das gut vorstellen. Aber ich befürchte, die Beharrungskräfte des politischen Systems würden es verhindern, selbst wenn sie gewählt würde. Oder habt ihr gedacht als Obama gewählt wurde, dass er so eine schlechte Politik machen würde als Präsident. Natürlich ist das politische System in den USA noch anders als bei uns, aber große Hoffnungen setze ich nicht mehr in Politiker oder Politikerinnen.
    LG Bari

  • Ute Plass sagt:

    @Monika – Sarah Wagenknecht könnte dann eine gute Kanzlerin werden, wenn sie mit dafür sorgte, dass KanzlerInnen überflüssig würden, so im Sinne von Goethes Frage u. Antwort: Welche Regierung die beste sei? Diejenige, die uns lehrt uns selbst zu regieren. 🙂

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