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Rubrik dichten

Was ist Stärke?

Von Sabrina Bowitz

Gewalt ist immer einfach,
in deinen Augen nichts.
Nur Hass.
Ist das Größe?
Ist das Stärke?
Nein.
Und doch zeigt jedes
Videospiel, jeder Film
und jedes Theaterstück
genau das.
Stärke ist Verletzlichkeit
und Ehrlichkeit.

Wo siehst du das?

Gewalt ist immer einfach.
Wo ist die Größe darin,
jemanden abzuschießen?
Ist das Mut?
Ist das Talent?
Nein.
Und doch zeigt jede
Nachricht, jeder Kommentar
und jeder Artikel
genau das.
Stärke ist weinen können
und Zartheit.

Wo hörst du das?

Gewalt ist immer einfach,
alle Gefühle abtöten
und los geht’s.
Ist das dein eigener Ausdruck?
Fühlst du dich jetzt besser?
Nein.
Und doch zeigt jedes
Klischee, jede Häme
und jede Ironie
genau das.
Stärke ist, nein zu sagen
und weggehen zu können.

Wo findest du das?

Gewalt ist immer einfach,
jemandem die Luft abdrücken
und sagen, das ist Liebe.
Ist das deine Wahrheit?
Ist das wirklich dein Gefühl?
Nein.
Und doch zeigt jeder verdammte
Liebesroman, jeder Porno
und jede Straßenbegegnung
genau das.
Stärke ist, selbst zu wissen
und zu fühlen.

Kannst du das?

Gewalt ist immer einfach,
jemanden zu quälen und
zu sagen: Wollten sie so.
Ist das deine wahre Meinung?
Ist das das, was du wirklich denkst?
Nein.
Und doch zeigt jedes Gespräch,
jedes Lachen, jede Grausamkeit
genau das.
Stärke ist, selbst zu entscheiden
und es lassen zu können.

Willst du das?

Gewalt ist immer einfach,
zu schweigen und alle
niederzuschlagen, die reden.
Ist das besser?
Ist das das, was du sagen willst?
Nein.
Und doch zeigt jedes Zerschlagen,
jede Härte, jedes Niedermachen
genau das.
Stärke ist, eigene Worte zu benutzen
und zur Gewalt zu sagen:

NEIN!

Für das Leben, das sich zu leben lohnt,
für das eigene Leben.
Für Zartheit und Gefühle und Stärke, die aus
Verletzlichkeit bestehen, für ehrliches Weinen,
Lachen und:

eben all dieser wahre Mut!

Autorin: Sabrina Bowitz
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 01.08.2015
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Ute Plass sagt:

    „Geliebt wirst du einzig, wo du schwach dich zeigen darfst, ohne Stärke zu provozieren.“

    (Theodor W. Adorno, „Minima Moralia“)

  • Monika sagt:

    Wunderbar, dieses Gedicht. Ich hoffe, ich darf es weitersenden.
    vielen Dank, Monika

  • Vielen Dank, damit hab ich gar nicht gerechnet. Natürlich, dafür hab ich es doch veröffentlicht, weitersenden ist sogar gewünscht:).
    Liebe Ute Plass, danke für das tolle Zitat. Das beschäftigt mich auch die ganze Zeit und es ist so wahr!
    Und an Monika, das hat mich sehr bewegt, dein Kommentar. Es ist nie so leicht, Gedichte zu veröffentlichen, weil es einen doch irgendwo verletzlich macht, aber gleichzeitig ist es auch das einzige, aus meiner Sicht, was wirklich bewegen und etwas verändern kann. Eben dann wenn wir ehrlich und verletzlich sind.
    Da fallen mir zwei Zitate ein von Christa Wolf:
    “Between killing and dying there’s a third way: live”
    ― Christa Wolf, Kassandra
    “Aber alles, was wir aussprechen, muss wahr sein, weil wir es empfinden. Da haben Sie mein poetisches Geständnis”
    ― Christa Wolf
    Sie hatte auch in einem ihrer Bücher, ich konnte es leider nicht mehr finden auf die Schnelle, aber es war so wichtig für mich, gesagt, dass, bei all der Gewalt die wir sehen und offenbar hinnehmen, wir auch den Mut haben sollten, unsere wahre Meinung zu sagen.
    Und das Gedicht ist mein Beitrag dazu. Weil ich es nicht mehr hören kann, wenn Menschen sich stark fühlen, wenn sie so verrätlich und gewalttätig sind und auch noch solche Filme gucken und das dann stark finden. Das ist im Grunde sowas von absurd.
    Sabrina

  • Dagmar Gruß sagt:

    Jesus:
    Lass dir an meiner Gnade genügen;
    denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.
    Paulus:
    Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, demit die Kraft Christi bei mir wohne. Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten, um Christi willen, denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.
    (2 Kor 12,9f. Luther)

    Gott:
    Lass dir meine Zuneigung genug sein. Gerade in den Schwachen lebt meine volle Kraft.
    Paulus:
    Am allerliebsten will ich mich also in meiner Hinfälligkeit loben, so dass die Kraft des Messias bei mir wohne. Deshalb sage ich Ja zu den Krankheiten, den Misshandlungen, den Notlagen, den Verfolgungen und Ängsten, da es für den Messias geschieht. Denn wenn ich schwach bin, habe ich Kraft.
    (2 Kor 12,9f. Marlene Crüsemann in der BigS)

    Eine meiner biblischen Lieblingsstellen zum Gedicht. Nach Luther immer noch gut. Marlene Crüsemann sehr brauchbar, mir gefällt die Ersetzung der „Gnade“ durch „Zuneigung“. Die Basisbibel ist an dieser Stelle völlig unbrauchbar, wie ich gerade überrascht feststelle, weil sie das Thema durch die Wortwahl banalisiert.

    Der berühmte Adorno-Satz ist im persönlichen Leben eine Erleuchtung. Im politischen Kontext können Ungeliebte leider nur Stärke zeigen.
    Oh, wie viel wäre über diesen Satz in der aktuellen politischen Lage doch zu diskutieren …
    Die Liebe ist das wichtigste Globalisierungsgut, aber in der Politik wird von Interessen und nicht von Liebe geredet. Trotzdem muss es doch möglich sein, mit der Bergpredigt Politik zu machen und Helmut Schmidt zu widersprechen.

  • Christine Jung sagt:

    Liebe Sabrina,

    ein wunderbares Gedicht. Ich teile es auf meiner Seite.

  • Anne Büscher sagt:

    Liebe Sabrina;

    danke für dieses schöne, ermutigende Gedicht.

    Ich werde es gern in meinen Kursen weitergeben!

    Herzliche Grüße an Dich!

    Anne Büscher

  • Hallo Christine und Anne, danke für eure Kommentare! Und gerne, wenn es anderen hilft oder etwas bewegt, bzw. Gutes anregt, umso besser!
    Es tut gut, diese Kommentare zu lesen, das bedeutet mir wirklich etwas,
    Sabrina

  • Hallo, mir ist noch etwas eingefallen zu dem Zitat:
    „Geliebt wirst du einzig, wo du schwach dich zeigen darfst, ohne Stärke zu provozieren.“
    Für mich gehts in dem Gedicht auch darum, dass Stärke bei uns falsch belegt ist, deshalb wollte ich es ja mal selbst durchgehen, was es für mich bedeutet. Für mich ist es keine Stärke, wenn sich jemand über wen anderes stellt, nur weil sich diejenige/derjenige offenbart, worüber auch immer. Das sind für mich die schwachen Menschen, die sich dann über diesen Menschen stellen und so tun, als ob sie natürlich nie Probleme hätten. „Stärke“ nach außen, im Sinne von nicht weinen, nicht verletzlich sein ist für mich keine Stärke, das ist Feigheit.
    Vor allem Feigheit vor sich selbst.
    Und „schwach“ sein bedeutet für mich eben auch nicht zu weinen oder verletzlich zu sein, das ist ja gerade stark, sondern eben dieses sich über alle stellen und so tun als ob es im eigenen Leben nichts Verletzliches geben würde. Das ist die größte Schwäche, die ein Mensch haben kann, weil das so verlogen ist.

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