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Wie die Seele bindet – ein Modell systemischer Aufstellung nach Teresa von Avila

Von Andrea Günter, Gabriele Schmalz

Andrea Günter und Gabriele Schmalz haben in Teresa von Avila eine Vordenkerin der heutigen Aufstellungsarbeit entdeckt und ausgehend von ihrem Werk „Wohnungen der Inneren Burg“ ein Modell dafür entwickelt.

Dies ist ein Beitrag im Rahmen unserer Artikelserie zum 500. Geburtstag von Teresa von Avila. Hier geht’s zum Anfang der Reihe.

Teresa von Avila war eine erste Lehrerin der Aufstellungsarbeit. Systemaufstellungen bestehen darin, die wesentlichen Kräfte eines Systems (Familie, Organisation, Seele) im Raum anzuordnen, meistens indem Personen diese verkörpern. Damit werden die Beziehungen dieser Kräfte visualisiert, die stellvertretenden Personen können zudem äußern, wie sie sich fühlen und wohin sie sich bewegen könnten, um sich besser zu fühlen.

Systemisches Denken hat Geschichte

Teresa, die große Mystikerin des 16. Jahrhunderts, hat freilich nicht das unterrichtet, was wir heute „Aufstellung“ nennen. „Therapie“ war unmittelbar christlich formulierte und von Priestern verabreichte Seelsorge. Außerdem gab es zu ihren Zeiten kein systemisches Denken im heutigen Sinne. Aber die Vorstellung von einer göttlichen Ordnung der Dinge war im Mittelalter stark verwurzelt. Auch Vorstellungen von der Ordnung der Seele sind überliefert. Diese Vorstellungen wirken noch in heutigem Denken fort. Daher sind wir zunehmend davon überzeugt: Es gäbe kein systemisches Denken und keine Philosophie vom sinnstiftenden und handlungsbefähigenden Unterschied in westlichen Kontexten ohne die Geistesschätze der spirituellen Kulturen und ohne die Seelenlehre der mittelalterlichen Frauenmystik.

Teresa von Avila zu einer frühen Entdeckerin der Aufstellungsarbeit zu erklären, heißt, dieser Praxis ein historisches Fundament zu geben. Ein solches Fundament erlaubt, manche praktizierte oder projizierte Gurusozialität insbesondere der Aufstellungsbewegung zu relativieren. Bert Hellinger hatte Vorgängerinnen und Vorgänger. Dass er als Pfarrer in anderen Kulturen Anklänge fand, konnte nur geschehen, weil er sie mit dem, was er bereits kannte, verknüpfen konnte. Wenn es in der Vergangenheit unserer Kulturgeschichte gute SeelenheilerInnen gab, dann müssen auch sie Ähnliches entdeckt haben wie systemisch Arbeitende heute. Anknüpfungspunkte zu systemischem Denken sind in unserer westeuropäischen Geschichte zu entdecken.

Teresas Ordnung der Seele

Teresa von Avilas Seelenlehre beinhaltet eine Erläuterung der Ordnung der Seele und insbesondere der Ordnungskräfte, die das Seelenleben leiten. Wie es ein Ordnungsgedanke nahelegt, benutzt Teresa in ihrem Werk „Wohnungen der Inneren Burg“ ein räumliches Bild, um die Geschehnisse in der Seele zu beschreiben. Sie spricht von einer Burg oder Wohnung, in der es verschiedene Räume gibt. Folgt man ihren Beschreibungen, fällt auf, dass in allen Räumen in etwa dasselbe vorhanden sein muss.

Entsprechend der mittelalterlichen Vorstellung von der möglichen Vereinigung der Seele mit Gott folgt Teresa in ihrer Schrift einem Sieben-Stufen-Modell bzw. Sieben-Räume-Modell. Jeder Raum entspricht einer Stufe. In einem jeden der sieben Räume sind dabei die gleichen Faktoren vorhanden, die das Seelenleben ausmachen: der Körper, seine Bedürfnisse und Regungen; die Beziehungen zu anderen (Eltern, Umwelt); Erfahrungen; der Stand in der Welt; die Welt selbst mit ihren Bedingungen und Möglichkeiten; Gott; das Ich; die Vernunft; der Wille; die Einbildungskraft; das Bedürfnis nach Freiheit und nach einem befriedigenden geistigen, spirituellen Leben. Ferner, und das ist ein wichtiges Merkmal von Teresas Lehre, ist die Seele selbst in der Seele enthalten: mit ihren Eigenheiten, ihren Bindungskräften, ihren Bedürfnissen – mit all dem, was sie als Prinzip des menschlichen Seins ist und wie sie das individuelle Seelenleben organisiert. Auch das Seelische ist ein Teil dessen, was die Seele verarbeitet und verarbeiten muss. Die Seele findet sich also in sich selbst und kann sich mit sich selbst verbinden.

Die maßgeblichen Faktoren, auf die wir im Folgenden zurückgreifen werden, sind dabei: das Ich, die Welt und die Seele.

Dabei kann ein jeder dieser Faktoren die Ordnungskraft darstellen, die alles verbindet. In diesem Fall ist er doppelt vorhanden: als zu verarbeitender Faktor und als die Bindungskraft, die die Verarbeitung organisiert. In einer etwas differenzierteren Form, die dem Siebener-Schema von Teresa folgt, handelt es sich um folgende Stufen:

ICH
1. das erwachende Ich: eine Person lernt sich als einzigartig ICH wahrzunehmen, immer wieder aufs Neue
2. das begehrende Ich: eine Person positioniert sich mit Hilfe  ihres Wollens in Bezugs auf andere und die Welt

WELT
3. die gegebene Welt: alle äußeren Bedingungen, die im Spiel sind
4. die mögliche Welt: die Erwartungen weckt und Neues hervorzubringen erlaubt

SEELE
5. die Seele, die sich selbst als Ordnungskraft entdeckt – und darüber entzückt ist
6. die Seele, die das Ich als Ordnungskraft ehren lernt
7. die Seele, die zusätzlich zum Ich die Welt als Ordnungskraft ehren lernt und die eigene Bindungskraft mit der des Ich und der Welt ins Gleichgewicht bringt.

Die Bindungskräfte der Seele

Die sieben Bindungskräfte, die sich Teresas Seelenlehre zufolge fassen lassen, sind demnach

  • Das erwachende Ich
  • Das begehrende ich
  • Die gegebene Welt
  • Die mögliche Welt
  • Die sich entdeckende Seele
  • Die das Ich ehrende Seele
  • Die die Welt ehrende Seele

Die Faktoren Ich, Welt und Seele können also doppelt in der Seele vorhanden sein. Einmal sind sie immer alle zusammen als die Faktoren anwesend, die das Seelenleben bestimmen. Und dann kann einer dieser Faktoren gleichzeitig die Kraft sein, die alle Faktoren verbindet. Dabei kommt der Seele in der siebten Stufe die Fähigkeit zu, die Bindungskraft des Ichs und die der Welt miteinander zu verbinden. Während die Seele in der fünften sich selbst als eine eigenständige Kraft entdeckt, die dem Ich und der Welt gewachsen ist, kann die Seele in der Folge das Vermögen gewinnen, die Wirkkraft beider aufzugreifen und sie zudem mit der Kraft, die ihr selbst innewohnt, zu versöhnen.

Man kann dem Gang durch die sieben Räume so etwas wie eine spirituelle Entwicklungspsychologie entnehmen. Teresa fängt in der ersten Stufe mit der Kindheit an: Jede und jeder will wissen, was ihre/seine Herkunft ist, wer ihre/seine Eltern sind. Durch dieses Fragen, Antworten und Nachdenken über die eigene Herkunft gewinnen Menschen Selbsterkenntnisse. Drehpunkt hin zu bewusster Spiritualität ist hierbei die 5. Stufe: Die Entdeckung der Seele von sich selbst als eigenständige Bindungskraft. Üblicherweise gilt die 5. Stufe als unio mit Gott. Teresa kritisiert allerdings spirituelle Führer, Priester und Theologen, die von der 5. Stufe aus weiterschreiten wollen und hierzu die Nichtung des Ichs und der Welt behaupten. Dies habe eine Spaltung zwischen körperlich-weltlicher und spiritueller Existenz zur Folge. Auf diese Weise entsteht Unfrieden. Stattdessen will Teresa dem Ich und der Welt zu ihrem Recht als spirituelle Bindungsmodi verhelfen. Deshalb veranschlagt sie, dass die Seele sich, nachdem sie sich selbst als Bindungskraft entdeckt hat, mit den Bindungskräften von Ich und Welt austarieren muss, damit ein Mensch in Frieden mit sich und der Welt leben kann. In den theologischen Worten Teresas: „Wir müssen das Heilige Menschsein von Jesu ehren.“

In der Seele befinden sich also die verschiedenen Faktoren des Seelenlebens. Zugleich organisiert einer der Faktoren ihr Zusammenspiel. Was sich also von Seelenraum zu Seelenraum unterscheidet, ist, welcher der Bindungsfaktoren das Zusammenspiel jeweils prägt. Die Wohnungen unterscheiden sich entlang der Bindungsqualitäten Ich, Welt oder Seele. Der Unterschied der Stufen oder Reifegrade macht sich als ihre jeweilige Eigenart des Bindens und Verbundenseins fest.

Was eine Person nun jeweils bewegt, tritt ins Spiel der Seele und ihrer Bindungskräfte ein. Das Zusammenspiel zwischen der Seele, den Bindungskräften und dem Anliegen kann mittels einer Systemaufstellung ans Licht gebracht werden. Unterschiedlichste Anliegen können hierzu entlang des Ich-Welt-Seele-Modells aufgestellt, die Bewegung der Seele kann in ihrer Entfaltung beobachtet werden, die daraus entstehenden Impulse können das Tun leiten.

Als Thema für eine Aufstellung stellt sich beispielsweise: der Wunsch nach einer anderen beruflichen Herausforderung (ICH-Aspekt); die Auseinandersetzung mit einem Amtsträger oder Vorgesetzen (WELT-Aspekt); generelle Unzufriedenheit, Gefühl der Sinnlosigkeit, „Sinnfrage“ (SEELEN-Aspekt).

Dies ist eine gekürzte Fassung, die Information zum Gesamttext findet sich hier. Eine ausführliche Darstellung der sieben Wohnungen findet sich in: Andrea Günter: Vollkommen in der Welt. Gottesliebe, Weltliebe und der Sinn des Seins bei Teresa von Avila, in: Andrea Günter, Verena Wodtke-Werner (Hg.), Frauen – Mystik – Politik in Europa. Mit Beiträgen aus Spanien, Italien und Deutschland, Königstein/Ts. 2000, 119-146.

Autorin: Andrea Günter, Gabriele Schmalz
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 17.08.2015
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Anne-Käthi Zweidler sagt:

    sorry aber da bin ich definitiv überfordert. Könnt ihr das nicht so erklären, dass auch durchschnittlich gebildete Zeitgenossinnen begreifen, worum es geht? eigentlich würde es mich schon interessieren, was eine Mystikerin uns Heutigen zu sagen hat.

    schöne Grüsse

    Anne-Käthi Zweidler

  • Liebe Anne-Käthi Zweidler,

    vermutlich ist es einfacher, das Ganze zu verstehen, wenn Sie unsere Schaubilder dazu zur Verfügung haben. Deshalb gibt es den Hinweis auf unseren Gesamttext, in dem Sie auch Schaubilder finden:
    http://www.andreaguenter.de/files/teresa_aufstellung.pdf

    Hilfreich ist es auch, Aufstellungsarbeit zu kennen. Das interessante an Teresas Modell: Statt Vater-Mutter-Kind als Grundfiguren nimmt sie dasIch-dieWelt-dieSeele als Grundfiguration. Die sind miteinander in der Seele wie in einem Raum mehr oder weniger passend „aufgestellt“. Ihre Verbindung kann IN einem jeden Raum verbessert werden. Ferner können diese 3 Grundfiguren ausdifferenziert werden…

    Mit lieben Grüßen
    Andrea Günter

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