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Rubrik heilen

Die blinden Flecken der heutigen Kita-Diskussion

Von Miriam Halstein

 „Wie lautet Deine kapitalistische Hymne aus Kindertagen?“
(Mark-Uwe Kling, Die Känguru-Chroniken)

Foto: Ryan McGuire/Gratisography.com

Foto: Ryan McGuire/Gratisography.com

Aktuell wird in den Nachrichten immer wieder unaufgeregt von Kitas berichtet. Eine wohltuende Verschnaufpause zwischen ertrinkenden Menschen im Mittelmeer und der Finanzkrise. Im Vergleich dazu hinterlässt die Kita-Berichterstattung zwar ein diffuses, aber stets dankbar erleichtertes Gefühl: Kitas sind was Gutes, da ist man sich einig, immerhin geht es da um die Kinder, also um die Zukunft und so.

Längst haben sich Kitas aus der Ossi-Ecke der arbeitenden Mutti ohne Wahlmöglichkeiten – wir hatten ja nichts – herausgeschafft. Wer Kinderbetreuung ab dem Alter von wenigen Monaten noch mit einer karrieregeilen Rabenmutter-Schlampe assoziiert, die ihre von der Nanny versorgten Kinder mit kostspieligen Geschenken ruhigstellt, ist mittlerweile schon so 2000, wählt bestimmt CSU und ist vermutlich auch dagegen, dass Frauen generell arbeiten, Auto fahren oder wählen gehen.

Es ist wohltuend, bei all den Schrecklichkeiten, die aktuell in der Welt und dann auch noch so unangenehm nah vor unseren Landesgrenzen geschehen, mal etwas tun zu können, das gut ist, wenigstens vor dem eigenen Gartenzaun: den lieben Frauen, die in Kitas unsere Kinder hüten, ein bisschen mehr Geld geben, sie haben es ja auch nicht leicht bei all den Zappel-Philippen und machen einen verantwortungsvollen Job – Zukunft und so. Und natürlich Kita-Plätze ausbauen, mehr und zwar für alle. Die armen Unterschichtskinder müssen schließlich auch gefördert werden. Wir müssen in Deutschland bei PISA aufholen, deshalb: breiter Zugang zu Bildung, für alle. Das ist was Gutes. Vor allem die Kinder mit Migrationshintergrund brauchen Unterstützung: Genau! tönt es da vom rechtskonservativen Flügel, am besten verpflichtend, die sollen schön Deutsch lernen statt in den Koran zu gucken. Sogar die Bildungs-Eliten (oder die, die das gerne sein wollen) werden in den Reportagen abgeholt: mit Elite-Kitas, in denen neben Chinesisch und Geige selbstverständlich auch der naturwissenschaftliche Forschergeist gefördert wird.

Die einfache Botschaft ist unhinterfragt in den Köpfen angekommen. Längst antworten meine Kommilitoninnen und Freundinnen mit Kind gesellschaftskonform, dass sie aber spätestens nach sechs Monaten wieder arbeiten oder weiter studieren möchten. Selbstbestimmt, zielstrebig, selbstbewusst. Gut, dass die Kitas ausgebaut werden, sonst könnte man das ja nicht organisieren. Es wird als die erwartete Antwort einer modernen Mutter abgenickt, vielleicht noch die Augenbraue hoch gezogen und etwas von „Respekt“, „Organisation“ und „kann ich aber gut verstehen“ gemurmelt, Zukunft und so.

Schnitt – 1940

Vor 75 Jahren begann John Bowlby, ein britischer Kinderarzt, Kinderpsychiater und Psychoanalytiker, über die damals so genannte ‚Mutterentbehrung’ zu forschen. Zu dieser Zeit herrschten aus unserer heutigen Perspektive extreme Bedingungen: Kinder wurden im Rahmen von Krankenhaus- oder Kuraufenthalten Wochen bis Monate vollständig von ihren Eltern getrennt, auch sehr kleine Kinder vor dem siebten oder sogar vor dem dritten Lebensjahr. In Kinderheimen wurden beispielsweise 15 Kinder unter drei Jahren von einer ungelernten Schwester betreut und zwecks Infektionsverhütung strikt getrennt in ihren Betten gehalten.

Man braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass diese totale Deprivation weitreichende und schwerwiegende Folgen hatte. Manche Kinder verloren vollständig die Fähigkeit, Beziehungen aufzunehmen, Gefühle zu zeigen oder zu erwidern, fielen durch kriminelles Verhalten auf oder litten im Erwachsenenalter an schwerwiegenden psychischen Störungen. In der Schule zeigten sich diese Kinder unkonzentriert mit Aufmerksamkeitsstörungen, sie waren oft unfähig, das zu befolgen, was ihnen aufgetragen wurde. Aufgrund der deutlichen Leiden und Folgen, die diese Kinder davon trugen, begannen Bolby und andere Forscher_innen, sich wissenschaftlich mit dem kindlichen Bedürfnis nach Nähe auseinanderzusetzen und herauszuarbeiten, welche Trennung über welchen Zeitraum in welchem Alter zu welchem Maß an Schädigung führt.

„Erstens müssen wir anerkennen, dass es immer eine ernste Angelegenheit ist, ein Kind unter drei Jahren von seiner Mutter zu trennen“, so Bowlby, „nur aus ausreichend guten Gründen ist man dazu berechtigt, und wenn die Trennung unumgänglich ist, muss sie mit großer Sorgfalt geplant werden. Auf keinen Fall darf das Kind zu Menschen gebracht werden, die ihm unbekannt sind. Deshalb sollte man am besten Verwandte oder Nachbarn wählen. (…) Es scheint, dass alle Kinder im Alter von unter 7 Jahren in Gefahr sind, Schaden zu erleiden.“

Man mag sich in Zeiten der Gleichstellung darüber freuen, dass auch schon Bowlby in den 1940er Jahren zwar von der Mutter als der damals häufigsten Bezugsperson spricht, aber ergänzt: „Mutter (…) (oder einer gleich bleibenden Mutter-Ersatz-Person, von der es stetig ‚bemuttert’ wird)“ und somit selbstverständlich den Vater mit einschließt – oder eine andere Person, die das Kind gleichbleibend und stetig ‚bemuttert’.

Selbstverständlich weiß Bowbly, seinen Kritiker_innen vorgreifend, dass es auch Kinder gibt, die selbst nach mittlerer bis schwerer Deprivation keine Schäden davontragen: „Die Tatsache, dass einige Kinder dieser Schädigung nicht unterliegen, ist für unsere Betrachtung nicht wichtig. Auch Kinder, die Milch tuberkulöser Kühe trinken oder dem Virus der Kinderlähmung ausgesetzt sind, werden nicht alle krank. In beiden Fällen ist eine genügend große Zahl von Kindern so schwer geschädigt, dass es niemand einfallen würde, ein Kind freiwillig solchen Gefahren auszusetzen. Die Mutterentbehrung in der frühen Kindheit, ist eine ebensolche Gefahr.“

Seit 75 Jahren gelten Bowlby und seine amerikanische Kollegin Mary Ainsworth als die Eltern der Bindungstheorie, und bis heute werden ihre Theorien an den medizinischen und psychologischen Instituten als Grundlage des modernen Verständnisses der Psyche gelehrt. Führende Bindungsforscher_innen wie Karl Heinz Brisch, Anna Buchheim oder Gerhard Suess, um nur einige Beispiele zu nennen, gründen ihre Theorien darauf und bestätigen die Richtigkeit der damaligen Erkenntnisse in aktuellen Studien. Doch scheint das Wissen um die Wichtigkeit der Bindung aus den Köpfen der Gesellschaft und der Eltern zunehmend zu schwinden.

Schnitt

„Hah. I’m being stupid. Where’s the money?’
‚I beg your pardon, commander?’
‚That’s what my old sergeant used to say when he was puzzled.
Find out where the money is and you’ve got it half solved.’“
(Terry Prachett (mögererinfriedenruhen), The fifth Elefant, S. 27)

„Cui bono?“, „Wem nützt es?“, wie die Römer_innen fragten, und in diesem Falle heißt es: „Where’s the money?“, wo ist das Geld`? Es steckt Geld im Humankapital Mutter – oder in Zeiten der Gleichstellung, optimistisch, in den Erziehenden. Das Cui ist in diesem Fall eine Wirtschafts-Lobby, die Unmengen ungehobenes Humankapital wittert. Für alle ab dem 1. Januar 2007 Geborenen gilt die Elterngeld-Regelung, die Anreize schafft, früh wieder in die Berufstätigkeit einzusteigen, um der „Mütterfalle“ zu entkommen. Die Gleichstellung von Frau und Mann, Müttern und Vätern voranzutreiben ist unzweifelhaft eine wichtige und nötige Maßnahme. Nur auf den gewählten Weg lohnt es sich, einen Blick zu werfen. Und wie so oft ist die Debatte am interessantesten, die nicht geführt wird, das, was alles nicht gesagt, an- und ausgesprochen wird.

Vielleicht sollte in einem Land, in dem jedes Jahr statistisch 33,3 Prozent der Bevölkerung von mindestens einer psychischen Störung betroffen sind und bereits 20 bis 25 Prozent der Kindergartenkinder als verhaltensauffällig oder psychisch gestört eingestuft werden, der Präventionsgedanke noch einmal belebt werden. Ist doch mittlerweile die Kosten-Nutzen Kurve von Präventionsmaßnahmen allgemein bekannt: Je früher investiert wird, desto billiger und effektiver ist es.

Flexible Teilzeit-Angebote (und bitte, im Jahre 2015 für beide Elternteile), die Option auf längere Elternzeit, eine bessere Einbindung der Väter sowie der Ausbau der Kleinkind-Betreuung durch gleichbleibende und stetige Bezugspersonen (Eltern, bzw. Tages-Eltern, anders strukturierte Kitas mit 1:3 oder 1:2 Betreuung) kosten die Solidargemeinschaft sicherlich weniger als die vielen Integrationshelfer_innen für verhaltensauffällige Kinder, spätere Langzeittherapien und Wiedereingliederungsmaßnahmen für straffällige Jugendliche, Langzeitarbeitslosenhilfe und Umschulungen für schwer Beschäftigbare. Von dem nicht in Geldsummen ausdrückbaren Schaden, den das jeweilige leidtragende Individuum erfährt, ganz zu schweigen.

Bowlby betont: Nur weil nicht ausnahmslos alle Kinder krank werden, heißt das nicht, dass eine frühe Trennung keine bedeutende Gefährdung, also einen relevanten so genannten Stressor für die Kleinkinder darstellt. Watamura und Kolleg_innen zeigen in ihrer Studie einen deutlichen Cortison-Anstieg bei unter Einjährigen und unter Dreijährigen in Kitas. Zuhause zeigen dieselben Kinder zur gleichen Tageszeit einen Abfall des Cortison-Levels. Die Forschungsgruppe sieht darin einen deutlichen Hinweis auf eine kontextabhängige, frühkindliche Stress-Achsenaktivierung. Cortison ist das wichtigste Stresshormon des Körpers. Die Stress-Achse ist das Stress-Regulationssystem des Körpers und steuert die Ausschüttung verschiedener Stress-Hormone. Von einer Aktivierung spricht man, wenn dauerhaft und über die stressauslösende Situation hinaus zu viele Stresshormone ausgeschüttet werden. Das kann man medizinisch messen – für alle, denen das Urteil von qualifizierten Psycholog_innen oder Psychiatern_innen zu schwammig ist. Wer sich unglücklich machen will, kann die körperlichen Folgen von dauerhaft erhöhten Cortisonspiegeln, wie bei der Stress-Achsenaktivierung, auch googlen.

Interessanter Weise sind genau diejenigen Kinder am meisten gefährdet, denen die Kita angeblich nutzen soll: Kinder, die es aus verschiedenen Gründen eh schon nicht so leicht haben, die in der Gefahr sind, im deutschen Bildungssystem durch die Lücken zu fallen. Für diese vulnerablen Kinder stellt die Kita vielleicht den ausschlaggebenden Stressor dar, den das Kleinkind dann nicht mehr kompensieren kann, und sie werden dann nicht selten als ‚Zappel-Phillipp’ oder ‚Kevin’ vom Tisch gefegt – von ihnen scheint es in den letzten Jahren, in Zeiten der Kitas, offenen Kindergärten und Ganztagsschulen, auch immer mehr zu geben. Die anderen, grenzkompensiert gestressten und bis zum Zerreißen gespannten Kleinkinder, deren Stressbelastung oftmals nicht wahrgenommen wird, werden vielleicht sogar noch als Bestätigung angesehen, dass Kitas dem Kind ja doch nur Gutes tun: Förderung und so.

Dass all die möglichen Folgen einer verfrühten Trennung der Kinder von ihren Eltern komplex und multifaktoriell bedingt sind, ist geschenkt. Wer jedoch die zentrale Rolle, die die Bindung bei der Entwicklung der beschriebenen psychischen Folgeprobleme gänzlich außer Acht lässt, ist schlichtweg ignorant. Sicher ist der Erwerb der Landessprache wichtig, um ein unter kapitalistischen Aspekten annehmbar erfolgreiches Leben zu führen. Aber in den ersten Lebensjahren hat die Grundlage für ein „erfolgreiches“ Leben ein anderes Gesicht. „Bindung ist nicht alles, aber ohne Bindung ist alles nichts“ heißt es in der Psychologie. Das ist seit über 75 Jahren wahr. Darüber gibt es Studien, Bücher, ganze Bibliotheken.

Es geht mir nicht darum, eine zweite Herdprämie zu fordern oder generell arbeitende Eltern zu verteufeln, den Shit-Storm bitte nicht dafür. Betreuungsmöglichkeiten für Familien sind wichtig, und diese müssen, da die Mehr-Generationen-Großfamilie ein seltenes Relikt vergangener Tage darstellt, institutionalisiert werden. Doch auch hier wird, wenn überhaupt, nur das „Ob“ diskutiert und nie das „Wie“. Dabei gibt es Möglichkeiten. Bowlby rät zum Beispiel, kleine Kinder nicht unbegrenzt lange von der Mutter bzw. der zentralen Bezugsperson zu trennen, gut zu planen und eine gleich bleibende Mutter-Ersatz-Person zu wählen, von der das Kind stetig „bemuttert“ wird.

Karl Heinz Brisch, einer der führenden heutigen Bindungsforscher_innen, bringt es auf den Punkt: Kitas sind nicht per se schädlich, sie müssen halt nur sehr gut sein. Zum Beispiel mit einem Betreuungsschlüssel von 1:3 oder besser 1:2 statt den in Deutschland üblichen 1:12 bis 1:6, sowie einer einzigen und gleichbleibenden Bezugsperson pro Kind. Wechsel der Betreuenden innerhalb eines Tages oder auch von Tag zu Tag sind zu vermeiden, damit sie eine stabile Bindung zu dem Kind aufbauen können und so dem Kind als Ressource dienen. Neben einer spezialisierten, auf die Bedürfnisse dieser Altersklasse zugeschnittenen Ausbildung sollte auch Supervision regelmäßig angeboten werden. Ein anständiger Lohn ist für Brisch selbstverständlich.

Ich finde es problematisch, dass eine Debatte darüber fehlt, dass Kleinkinder systematisch gestresst und damit gefährdet werden. Es geht mir darum, dass eine gierige, an kurzfristigen Gewinnen interessierte Hand des Marktes auf die Politik Einfluss zu nehmen scheint. Es geht mir darum, dass das Wohl von politisch nicht repräsentierten Kleinkindern und das gesellschaftlich nicht mehr akzeptierte Unbehagen einiger, seltener werdender Eltern einer millionenschweren Lobby entgegensteht, die kurzfristig verdient und den Sozialstaat und die Solidargemeinschaft die Kosten für den kindlichen Kollateralschaden auffangen lässt – Zukunft und so.

Ich habe mit einem Zitat eines Kängurus begonnen, damit möchte ich auch schließen:
„Ich arbeite gern für meinen Konzern! Ich schwimm bis nach Birma für meine Firma!“

Ebenfalls zum Thema: Andrea Günter über „Bindungspsychologie als Elterntheologiekritik“

Autorin: Miriam Halstein
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 26.09.2015
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Ute Plass sagt:

    „Längst antworten meine Kommilitoninnen und Freundinnen mit Kind gesellschaftskonform, dass sie aber spätestens nach sechs Monaten wieder arbeiten oder weiter studieren möchten.“
    Dann stammt das Plakat beim letzten Kita-Streik mit der Aufschrift: „Auch als Kind finde ich den Kapitalismus Scheiße“, vermutlich nicht von diesen jungen Eltern?! 😉

    „Die blinden Flecken der heutigen Kita-Diskussion“
    sollten unbedingt auch hier zur Sprache gebracht werden.

    http://www.fruehe-chancen.de/themen/kinderbetreuung-in-deutschland/interaktive-landkarte/

  • Elfriede Harth sagt:

    KiTas sind eine Erfindung der indurśtriellen Gesellschaft. Als die Fabrik die räumliche Trennung von Wohnen und (Erwerbs-)Arbeitssttätte zur Norm machte, und Kinder nicht mitgenommen werden durften, kamen in der Regel sozial denkende Frauen aus der Oberschicht auf die Idee, die sich selbst überlassenen Kleinkinder von proletarischen Frauen tagsüber aufzusammeln und zu betreuen. Sobald diese Kinder sechs bis sieben Jahre alt wurden, konnten sie ja ebenfalls als billigste Arbeitskraft eingesetzt werden und bestimmte Tätigkeiten ausüben.
    Erst ganz langsam setze sich die Idee durch, daß der Besuch einer kollektiven Einrichtung für ein junges Kind (aus der Mittelschicht oder gar der Oberschicht) eine Vorbereitung auf die Schule (deren Besuch staatlich vorgeschrieben ist!) sein könnte. Für Kinder aus der Arbeiterklasse, die in einer Kleinfamilie lebten, war also der Kindergarten schon sehr lange eine unhinterfragte Wirklichkeit. Erst mit der Nutzung dieser Einrichtungen durch „bildungssnahe“ Bevölkerungsschichten wird überhaupt über den Nutzen oder Schaden für das Kind nachgedacht. Und das läuft parallel zum Verbot der Kinderarbeit. (Kindererwerbsarbeit). Mutterbindung? – Auch das ist erst Thema seit die Kindersterblichkeit signifikant zurückging. – Also seit etwa 100 Jahren. Davor konnten sich die armen Frauen, die schwere körperliche Arbeit verrichten mußten – auf dem Land oder in der Fabrik – nicht sehr viele Gedanken darüber machen. Das lässt sich immer noch in wenig industrialisierten Gesellschaften beobachten. Und in der Oberschicht war Mutterbindung auch kein großes Thema. Dafür gab es Ammen und Kindermädchen. Simone de Beauvoir schreibt, wie sie und überhaupt die Kinder der Großbourgeoisie von Hausangestellten großgezogen werden. Und im deutschsprachigen Raum ist wahrscheinlich vielen noch die Geschichte von „Pünktchen und Anton“ von Erich Kästner in Erinnerung.
    Und dann gibt es Beispiele wie Maria Montessori. Sie arbeitete mit Kindern aus ganz armen Verhältnissen, die außerdem als etwas geistig zurückgeblieben galten und erzielte beeindruckende Ergebnisse.
    Jede Gesellschaft entwickelt die Sozialisationsformen, die für sie funktional sind.

  • Liebe Bindungspsychologie-Interessierte,

    ich halte es auch für wichtig, historisch, dann aber auch interkulturell zu denken, wenn es um Bindungsverständnisse, -praktien und Lebensituationen von kleinen Kindern geht. So habe ich zufällig vor ein paar Jahren einen Text über Befreiungspsychologie entdeckt. Die Autorinnen halten eine solche für nötig, weil in anderen Gesellschaften das Kleinfamilienmodell nicht gelebt wird und deshalb die westlichen Psychologiemodell nicht verallgemeinert werden dürfen. In den Philippinen beispielsweise wachsen Kinder im Haus der Großeltern und damit in einer Großfamilie auf. Das verändert sehr, wie das Innen und das Außen erlebt, symbolisiert und seelisch strukturiert wird. Mir hat das sehr eingeleuchtet.
    Interkulturelles Wissen könnte Anregungen für neue Lebensformen bei uns geben, zumindest uns auf unsere festgefahrenen Vorstellungen aufmerksam machen. So kenne ich beispielsweise ein Kind, von dem würde ich aus verschiedenen Grüngen sagen, dass sich seine Eltern und seine Klassenlehrerin über lange Jahre hinweg die Elternschaft teilten (womit nicht gemeint ist, dass dieses Kind außerhalb der Schule Zeit bei der Lehrerin verbracht hat…)

    Herzliche Grüße
    Andrea Günter

  • Nicole Schmidt sagt:

    Ich habe zwei Kinder im Abstand von neun Jahren bekommen. Bei beiden Kindern hatte ich gerade ein Studium/eine Ausbildung begonnen. Beim ersten Kind – Ende des vergangenen Jahrtausends – hörte ich noch von allen Seiten: „Wirklich, bist Du Dir sicher, dass Du schon wieder weiter machen willst, obwohl das Kind doch erst ein Jahr alt ist? Auch wenn die Kita noch so gut ist – meinst Du nicht, dass es für das Kind doch besser wäre, den ganzen Tag bei Dir zu sein? Diese drei ersten Jahre kannst Du später nicht mehr nachholen!“
    Beim zweiten Kind – erstes Jahrzehnt in diesem Jahrtausend – hörte ich von allen Seiten: „Wirklich, bist Du Dir sicher, dass Du noch nicht wieder weiter arbeiten willst, obwohl das Kind doch schon sechs Monate alt ist? Willst Du wirklich warten, bis es ein Jahr alt ist? Die Kitas sind doch so gut, und man kann doch gar nicht früh genug damit anfangen, Kinder mit Gleichaltrigen zusammen aufwachsen zu lassen!“
    In diesen neun Jahren hat sich das gesellschaftliche Klima in Deutschland enorm verändert, ist noch viel rationaler, ökonomischer, leistungsbezogener geworden. Das darf bei der ganzen Diskussion nicht vergessen werden. Where’s the money?

  • Antje Schrupp sagt:

    @Nicole – Das ist sehr interessant, was du da schildert. Manchmal ist es atemberaubend, wie schnell gesellschaftliche „Trends“ die Richtung wechseln können.

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